Personeller Wechsel bei servus.at

Nach zwölf Jahren im Team von servus.at übergab Us(c)hi Reiter im Oktober 2017 ihre Aufgaben an Sabina Köfler. Um ihre Tätigkeit der letzten Jahre noch einmal näher zu beleuchten, hat Sabina Köfler Us(c)hi Reiter, eine der zentralen Personen hinter den vielen Projekten von servus.at, zum Gespräch gebeten.

Auch wenn du in der Vergangenheit deinen Namen nicht immer unter die Projekte von servus.at geschrieben hast, ist der künstlerische Part des Vereins schon sehr stark von deiner Person geprägt. Welche Themen haben dich am meisten beschäftigt?

Über die doch lange Zeit, die ich für den Verein operativ aktiv war, hat sich für mich schon eine Art roter Faden herauskristallisiert. Einerseits das Interesse und die Beschäftigung mit dem Internet, mit digitalen Werkzeugen und Alternativen und anderseits die gesellschaftlichen und politischen Implikationen unserer vernetzten Gesellschaft. Die starke Veränderung der Internetlandschaft zu einem mehr und mehr kontrollierten Raum hat meine inhaltliche Auseinandersetzung natürlich innerhalb unterschiedlicher Projekte begleitet – und die Frage nach der Rolle des Kunst- und Kulturschaffens in diesem Zusammenhang. Als Betreiberin eines alternativen Rechenzentrums für Kunst- und Kulturschaffende, NGOs und alternative Bildungseinrichtungen war es mir wichtig, über die Jahre diese Inhalte auf praktischer und auf künstlerischer Ebene zu vermitteln, was immer eine Herausforderung war und wo es mit Sicherheit Potenzial nach oben gibt.

Einen Teil meiner Arbeit würde ich sogar mit Übersetzungsarbeit vergleichen. Die Kommunikation mit meinen Kollegen war am Anfang nicht ganz einfach für mich. Ein vielleicht glücklicher Zufall war, dass ich lange Zeit mit Peter Wagenhuber, der sich, nebenbei erwähnt, selbst als Feminist bezeichnet, zusammenarbeiten konnte. Unser Team hat gut funktioniert – ohne Zweifel mit einem hohen Grad an Eigeninitiative und einem hinter der Sache stehen. Didi Kressnig ist mit seinem konstanten Selbstverständnis alles bestmöglich am Laufen zu halten mitverantwortlich dafür, dass es das Rechenzentrum in der Form heute noch gibt. Auch er macht es nicht wegen des guten Gehalts bei servus.at. Und es gibt viel Arbeit, die auch nicht sichtbar ist bei uns. Mit Gottfried Gaisbauer konnte der Verein ein neues Teammitglied mit hohem technischen Know-how und sozialer Kompetenz gewinnen.

Kürzlich hast du an zwei Projekten mitgearbeitet, Goodnight Sweetheart und Hades, die beide metaphysische Themen (Anm. »die ewige Ruhe« bzw. »die Seelen der Unterwelt«) bearbeiten. Ist das für dich ein wichtiger Kontrapunkt zum technischen Fortschritt?

Was mein Interesse und mein doch gespaltenes Verhältnis mit Kunst anbelangt war und bin ich vor allem an Grauzonen interessiert – oder besser ausgedrückt – an Akteuren, die sich in unterschiedlichen Spannungsfeldern bewegen und eben nicht nur im Feld der Kunst. Die Mischung aus Aktivismus, Journalismus, Bildung, Kunst und Kultur finde ich jedenfalls spannend.

Die Unterstützung und Produktion der genannten Projekte macht für mich Sinn, weil beide Projekte brandaktuelle Themen aufgreifen. Da hinkt der klassische Kunstbetrieb ja weit hinterher! Bei Good Night Sweetheart zum Beispiel geht es um die Frage, ob wir neue Rituale des Erinnerns und Vergessens brauchen, nachdem es eigentlich unmöglich ist, digitale Spuren löschen zu können. Die Objekte, die Audrey Samson geschaffen hat, sind eine Sache, die im Kunstkontext natürlich gut funktioniert. Es sind Objekte. Ihre Arbeit war Teil der Ausstellung »Behind the Smart World« 2016. Das Wesentliche für mich sind immer wieder Diskussionen und Workshops, die Teil dieser künstlerischen Arbeiten sind. HADES hat sich innerhalb eines Jahres entlang einer Diskussion zwischen Pamela Neuwirth und Markus Decker um das Thema künstliche Intelligenz entwickelt. Viele Abende, an denen über das Menschsein philosophiert wurde und was es heißt, wenn eine Maschine darüber entscheidet, was das Wesentliche im Leben ist. Mithilfe von Open Source Software war es möglich, ein einfaches neuronales Netz zu programmieren und so konnten erst Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie das alles grundsätzlich funktioniert. Ich finde, die Fragen, die Künstler_innen stellen, sind wichtig und relevant. Auch wie es um den Begriff der Freiheit steht, gilt es immer wieder neu zu verhandeln.

Du hast beispielsweise das Festival AMRO in Kooperation mit dem Institut für Timebased Media der Kunstuni Linz, als Plattform für kulturelle und soziopolitische Auseinandersetzung mit dem technologischen Einfluss auf unser Leben, entwickelt. Wie hat das Festival den Technologiediskurs in der Stadt beeinflusst?

So etwas ist schwer messbar und ich würde das nicht auf das Festival beschränken. Ich denke, die Arbeit von servus.at hat über die Jahre mit Sicherheit Spuren in der Szene hinterlassen. Ich stelle das jedenfalls immer wieder fest, in gewissen Grundhaltungen, wenn ich mich mit dem einen oder anderen servus-Mitglied unterhalte.

Mein Kollege, Davide Bevilacqua wird 2018 AMRO übernehmen. War es schwer diese Rolle abzutreten?

Nein nicht wirklich. Ich habe Davide ja auch selbst gefragt, ob ihn das interessieren würde. So ist es eher eine große Freude, dass es jemanden vor Ort gibt, der die Grundintention gut findet und weitermachen will. Was Besseres konnte ja gar nicht passieren.

Lass uns nochmal einen Sprung in die Vergangenheit machen. Kannst du dich erinnern, wie servus.at war, als du angefangen hast?

Ja, ich kann mich daran sehr gut erinnern. Ich war mehr als aufgeregt, und wenn Markus Panholzer und Gabi Kepplinger mich nicht darin bestärkt hätten, dass ich das kann, hätte ich mich nicht getraut, glaube ich? Es war gefühlt so ein bisschen ein Sprung ins kalte Wasser. Gut, ich hab mich zwar natürlich mit der ganzen neuen Entwicklung rund ums Internet im Kontext von Kunst und Kultur beschäftigt, hab zuvor bei der Ars Electronica gearbeitet und war dann bei THETHING in New York, aber von Linux und freier Software hatte ich so gut wie keine Ahnung. Da bin ich hineingewachsen und im Nachhinein betrachtet habe ich mir oft die Frage gestellt, warum ich damit nicht schon früher z.B. auf der Kunstuniversität in Berührung gekommen bin!

Das Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen im Bereich Netzkultur ist seit Langem sehr groß. Was hast du strategisch unternommen um Frauen mehr einzubinden?

Das beschäftigt mich bis heute. In den ersten beiden Jahren, wo ich erst in die Aufgabe reinwachsen musste, habe ich versucht, mir selbst Workshops zu organisieren, die mich im Umgang mit Linux und freier Software irgendwie weiterbringen. Dann gab es ein, zwei Frauen (Barbara Huber, Pam) in Linz aus dem servus-Umfeld, die mehr wussten als ich. So hab ich mal angefangen. 2007 habe ich mit einigen für mich wichtigen lokalen und internationalen Frauen dann bereits den ersten Eclectic Tech Carnival (https://eclectictechcarnival.org/) organisiert – das war großartig und werde ich nie vergessen. Bis heute gibt es immer wieder Treffen mit Beteiligten. Auch die Entwicklung von AMRO kann eine höhere Beteiligung von Frauen verzeichnen – im Vergleich mit den klassischen Linuxwochen.

Die drei Angestellten von servus.at kümmern sich auch um die Aufrechterhaltung der Infrastruktur, die zahlreiche Vereine der freien Szene für ihre tägliche Arbeit nutzen. Servus.at sieht sich selbst aber nicht als Provider. Ist der Brückenschlag ein schwieriger?

Wenn man in Zukunft bestehen will, muss man inhaltlich arbeiten. Stichwort Bildung. Hier ist es einen Versuch wert, Hand anzulegen – im Sinne von neuen Fördermöglichkeiten. Selbst seit den Erkenntnissen von Edward Snowden 2013 fand kein großes Umdenken statt. Es verschlüsseln weder mehr Menschen ihre E-Mails, noch hat es eine Massenflucht aus den sozialen Medien gegeben. Und es ist relativ unwahrscheinlich, dass sich das ändern wird. Es gibt so gut wie kein Entkommen. Dennoch gibt es aber vor allem Handlungsbedarf in der Vermittlung von Wissen in diesen Zusammenhängen. Aufrechterhalten ist meiner Meinung zu wenig. Es geht immer um Entwicklung.

Du gibst die Geschäftsführung ab und wechselst in den Vorstand. Welche Themen willst du in dieser neuen Rolle als nächstes bearbeiten/vorantreiben?

In der Rolle des Vorstands, in dem ich ja auch schon zuvor war, nehme ich mir vor, weiterhin so gut wie möglich unterstützend tätig zu sein. Bisher hatte ich eher zu viele Aufgaben zu bewältigen. Da bleibt auch etwas auf der Strecke. Die Veränderung, dass meine operative Tätigkeit bei servus.at jetzt in unterschiedliche Rollen aufgeteilt wurde, wird sich positiv auswirken, hoffe ich. Die Übergabe an ein neues Team ist ja erst mal gelungen, worüber ich mich freue. Generell muss der Vorstand in Zukunft aktiver werden. Das haben wir uns vorgenommen. Im nächsten Jahr werden wir mal eine Klausur planen, wo wir auch Mitglieder dazu einladen werden.

Schwarz-blau könnte uns bald wieder bevorstehen. Hast du einen guten Rat für mich?

Keine Angst haben.

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Us(c)hi Reiter (li.) (Bild: AMRO)

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