Editorial

Eine Hölderlin-Lieblingszeile unseres verstorbenen Freundes und Kollegen Kurt Holzinger (sein Todestag jährt sich am 27. Juni zum ersten Mal) lautet: »Komm! ins Offene, Freund!« (»Gang aufs Land«).

Das mit dem Offenen ist aus bekannten Gründen physisch derzeit noch ein Problem, weshalb sich manches in die scheinbar unendlichen Weiten des Cyberspace verlagert hat. Dieser ist aber leider großteils keine zwanglose Ansammlung von Freund/innen, sondern von Myriaden Dumpfgummis (wiederum ein Lieblingsausdruck von Kurt) bevölkert. Die vollmundigen Prognosen einer emanzipatorischen Wirkungen des Internet haben sich blamiert – aus der Demokratisierungmaschine ist lückenlos überwachtes Feindesland geworden, in dem sich Dezentralität und Pluralismus auf Nähe / bzw. Ferne zu den jeweils stärkeren Machtzentren (Regierungen oder Konzerne) erschöpfen.

Zum derzeit oft zitierten »Paradoxon der Prävention« gesellt sich das des digitalen Raumes: Je weiter er wird (quantitativ), desto enger wird er (qualitativ): Alle Filterblasen schillern ähnlich und wenn eine platzt, ist sie bereits im Bauch der größeren gewesen und wird Teil ihres Fruchtwassers.
Dabei wäre es so schön angedacht (bzw. vermarktet) gewesen: Unbeschränkter Zugang zu allem, was Menschen global publizieren.

Tatsächlich ist das ganze schön bereitwillig produzierte und geteilte Wissen in Dateiform Trainingslager für Bots und dient dazu, dass Amazons »Alexa« auf Basis eines Wikipedia-Artikels über Randsportarten parlieren kann. Barbara Eder begibt sich somit für uns ins »KI-Wunderland« und Felix Riedel betrachtet das Nischenphänomen der »porn games« anhand psychoanalytischer Kategorien.

Die Rede von der Tendenz zur Virtualisierung ist dabei zugleich Ideologie und verschleiert ganz reale Vorgänge im »Life 1.0«, die durch die Pandemie (aber auch die Maßnahmen dagegen) noch verschärft werden: Mladen Savić beschreibt Korruption und Autoritarismus in Slowenien, Svenna Triebler die Abwehrhaltung gegenüber einer Zurückdrängung des Autoverkehrs und Paul Schuberth die systematische Drangsalierung von Obdachlosen.

Wenn dereinst von interessierten Robotern eine postume Geschichte der Menschheit verfasst wird, müsste die Abteilung »Leben im Kapitalismus« einen eigenen Band zum Thema »Prekarisierung« enthalten. In dieser Ausgabe der Versorgerin widmen sich dem Prekariat sowohl Terje Tüür-Fröhlich, als auch Aylin Aichberger für die Wissenschaft und Tanja Brandmayr für den Bereich von Kunst und Kultur.

Über schlechte Arbeits- und Produktionsbedingungen hinaus geht das, was Jakob Hayner als »Krise des Theaters« bezeichnet. Robin Becker hat mit ihm ein Gespräch über mögliche Aufgaben darstellender Kunst heute geführt. Ebenfalls in Form eines Interviews mit dem Autor stellt Till Schmidt einen Band zum Verhältnis der »postcolonial studies« zum Holocaust vor.

Ein großes Thema dieser akademischen Strömung ist Identitätspolitik – deren Verselbständigung kritisiert Alexander Keppel in seinem schwungvollen Kurzessay über das Verhältnis von Gehorsam und Ungehorsam. Selbiges berührt auch den Bereich schulischer Erziehung: Magnus Klaue stellt mit der Summerhill School ein schulisches Reformprojekt vor, das es seit fast hundert Jahren gibt. Nicht mehr existieren dagegen Florian Schneider (Kraftwerk) und Gabi Delgado-López (DAF), Heinrich Anton Schule erinnert an die beiden gegensätzlichen Maschinenmusiker.

Wenn Androiden nicht (wie bei Philip K. Dick) von elektrischen Schafen träumen, sondern tanzen gehen wollen, basiert der Algorithmus, wo sie mit müssen, vielleicht auf der imaginären Zahl »i«, die als Quadratwurzel aus minus eins gilt. Mit dieser beschäftigt sich Franz Xaver und überlegt, wie man sich darüber einem künstlerischen Verständnis von komplexen Informationen annähern kann.

Farblich ist der höchste Grad an Komplexität mit dem Zustand »Schwarz« erreicht, in dem sich der am 15. Juni erscheinende »Gibling« befindet – Anlass genug für ein Interview mit den künstlerischen Grafiker/innen, bzw. grafischen Künstler/innen von OrtnerSchinko, die ihn gestaltet haben.

Um den Bogen zu den STWST-assoziierten Veranstaltungen zu schließen: Das diesjährige Festival AMRO (Art Meets Radical Openness) von servus.at musste in den virtuellen Raum verlagert werden. Davide Bevilacqua zieht am Ende dieser Ausgabe der Versorgerin eine Bilanz über die Erfahrungen mit den erzwungenen neuen Arbeitsweisen.

Umbrüche in der Arbeitswelt sind auch Sub-Thema bei Paulette Gensler: Sie bespricht Marion Messinas Debütroman »Fehlstart«, in dem sich letztlich eine neue Angestelltenkultur artikuliert, die sich selbst aber in der Tradition der Arbeiter/innenbewegung sieht.

die Redaktion.

Zurück zur Ausgabe: 
#126
Editorial

& Drupal

Versorgerin 2011

rss