Editorial

Dass das Cover der aktuellen Versorgerin aussieht wie die Schaumgeburt kicklscher Psychosexualität hat durchaus einen Grund: Wir haben uns gefragt, was das über die gesellschaftliche Triebstruktur aussagt, wenn auf einem Ball (in diesem Fall dem des Kaufmännischen Vereins unter dem 2019er-Motto »Cirque du Palais«) die Debütantinnen Hootehü-Helm tragen, ihre männlichen Pendants aber plain Clearasil-Chic. Darum haben wir zum 8. März diesmal auch Vorstellungen von Männlichkeit in den Fokus gerückt: Svenna Triebler wirft Schlaglichter auf die Debatte um »toxische Maskulinität« und Richard Schuberth zeichnet im ersten von drei Teilen zur Konstruktion moderner Männlichkeit deren Anfänge im 19. Jahrhundert nach.
Den Auftakt dieses Schwerpunkts macht aber Kristina Pia Hofer mit einigen Überlegungen dazu, wie denn feministische Utopien im Hier und Jetzt vorweggenommen werden können (als »The Boiler« ist die Autorin in dieser Ausgabe außerdem zusätzlich als Interviewte präsent).
Erwin Riess dagegen lässt Herrn Groll hinsichtlich gesellschaftlicher Verbesserungsvorschläge eher der Maxime von Karl Kraus folgen, wonach darin immer eine Versöhnung mit dem Bestehenden wirksam ist, die sich mit Kritik nicht verträgt. Vereine, die am Finanztropf der Politik hängen, würden so eher zum Teil des Problems, das sie lösen wollen. Im Falle rechter bis rechtsextremer Initiativen wird dieser Tropf zumindest in Oberösterreich aber bisweilen zum Einlauf mit dem Betriebsdruck eines Feuerwehrschlauchs: Thomas Rammerstorfer hat sich den aktuellen oberösterreichischen Landesförderbericht noch einmal genauer angesehen und einige Größenveränderungen in den Löchern der Geldgießkanne vermessen.
»Geld regiert die Welt« heißt‘s dummschlau im Sprichwort (und »die Wirtschaft schafft die Arbeitsplätze« neuerdings im Sozialministerium): Darin sind sich populistisch versierte Rechte und Linke einig, weshalb Gerhard Scheit eine gemeinsame Sehnsucht nach dem »geschlossenen Handelsstaat« attestiert. Beide politische Richtungen reden außerdem gerne über »den Islam«, warum das bei Linken meist schiefgeht, analysiert Sama Maani.
Adrian Jonas Haim rezensiert einen neuen Sammelband zu Religionskritik, Antisemitismus, Rassismus und Migration, Mathias Beschorner Samuel Salzborns neues Buch »Globaler Antisemitismus« und Tobias Gschwendtner den soeben bei Ça Ira erschienen Erzählband »Das Ideal des Kaputten« von Alfred Sohn-Rethel.
Paulette Gensler erteilt dem Feuilleton im Rahmen einer Besprechung des Romans »Serotonin« dringend nötige Nachhilfe in Sachen Houellebecq, Redaktionsneuzugang Paul Schuberth interviewt die Autorin Hanna Sukare zu ihrem Roman »Schwedenreiter« und Robert Zwarg widmet sich essayistisch der geschichtsphilosophischen Dimension von Barrikaden und Sit-Ins als Protestformen.
Vier Seiten zur Stadtwerkstatt beschließen diese Ausgabe der Versorgerin: »Stay Unfinished« lautet im Jahre MMXIX die Devise der STWST, die anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens zwar mit einer Menge Geschichte im Rücken, aber dennoch in die Gegenwart und nach vorne zu blicken gedenkt. Weshalb auf den kommenden Seiten – ganz jubiläumsfrei und unspektakulär – zwei bereits länger laufende Kunstschienen des Hauses mit ihren aktuellen Projekten besprochen werden: Wind und Entropie bei Quasikunst von Tanja Brandmayr und der Blockchain-betriebene XGiveCoin aus dem Infolab von Franz Xaver. Angekündigt sei auch noch die neue Reihe IOX aus dem STWST Club. Coquetta, eine der female artists der Show am 8. März hat – wie man auf Seite 23 nachsehen kann – mit ihrem Pressebild ganz wesentlich zum Cover dieser Ausgabe beigetragen. Zu den anderen Bestandteilen des Cover-Artworks kann man bei der KV-Ballberichterstattung gustieren.

Im April spielen im STWST Club übrigens auch die Mekons. Dann ist auch schon Frühling.

»The fresh meadow-grass of spring
Tempts me forth thus wandering
To my brothers on the mountains,
Who shall share the wine‘s sweet fountains.«

Percy Bysshe Shelley »The Cyclops«

Red.

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#121
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