Tausende von Zuschauern verfolgten Anfang des Jahres gebannt den Dialog von »Vladimir« und »Estragon«. Nein, es handelte sich nicht um eine besonders gut besuchte Vorstellung von Becketts »Warten auf Godot«; die Unterhaltung wurde nicht von Schauspielern geführt, sondern von zwei sogenannten Chatbots, und live auf der Onlineplattform Twitch gezeigt, die sonst zumeist zum Übertragen von Videospielen dient.

Im Film Arrival1 stellt sich die Linguistin Amy Adams der Herausforderung, eine nicht menschliche Sprache zu lernen. Aliens sind überraschend auf der Erde gelandet, aber anders als erwartet, sind sie nicht an der Invasion der Erde interessiert, sondern an Wissensaustausch.

Beim Durchforsten der unendlichen Archive stellt man fest: (E-)Musik, abgesehen vom mehr oder weniger bekannten Kanon der großen Meister, ist selten wirklich gut. Eher ist sie kraftlos, abgeschmackt und stereotyp (wofür sich aber freilich stets irgendein Kommentator findet, der sie jeweils als »das Wunderbarste was sich auf ganz Youtube findet« etc. bezeichnet).

»gesine: wie haben sie die wahnsinnigen freß-szenen gedreht, waren die sehr teuer?
chytilova: ich sage ihnen was, sie fragen so ähnlich wie ein mensch, den es im staatsparlament gegeben hat.«
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Eine Konvention ist laut Wikipedia »eine (nicht notwendig festgeschriebene) Regel, die von einer Gruppe von Menschen aufgrund eines beschlossenen Konsenses eingehalten wird.« Und das Adjektiv konventionell hat (neben der Bedeutung, den gesellschaftlichen Konventionen zu entsprechen) auch die von »herkömmlich« oder »hergebracht«. Konventionell kann die Kriegsführung sein, ebenso wie Medizin oder die Landwirtschaft, aber auch die Mode.

Jeder will heute kritischer sein als der Andere. Eine unkritische Haltung ist hingegen wie Mundgeruch: Man bemerkt sie nur am Gegenüber. Der chinesische Starkünstler Ai Wei Wei hat keinen Mundgeruch. Er stellte Anfang 2016 das Bild eines an den Strand gespülten, dreijährigen toten Kindes als Foto nach. Ai Wei Wei hatte sich in den letzten Jahren immer wieder mit humanitären Katastrophen beschäftigt.

Martin Roth, scheidender Direktor des Victoria & Albert Museums London, träumt vom intellektuellen Widerstand. Dies legt zumindest die Überschrift seines kürzlich in der ZEIT erschienenen Aufsatzes nahe (DIE ZEIT Nr. 42/2016, 6. Oktober 2016). Um aber immer weiter träumen zu können, und das lässt wiederum der Aufsatz selbst vermuten, setzt er alles daran, die Verwirklichung dieses Traums zu verhindern.

»Brecht, der der damaligen Lage gemäß noch mit Politik zu tun hatte, nicht mit ihrem Surrogat, sagte einmal, dem Sinn nach, ihn interessiere, wenn er ganz ehrlich mit sich sei, au fond das Theater mehr als die Veränderung der Welt.

Bei allem Respekt für die Kunstschaffenden aller Orte aller Zeiten, für deren wunderliche Werke und mannigfaltige Manifeste, für ihren häufigen Einsatz für Fortschritt und Freiheit! Dieser Text wird ihnen vielleicht Unrecht tun, denn er hat keinerlei Absicht, gefällig zu sein, oder schön im Kant’schen Sinne – nicht das, was »ohne alles Interesse gefalle«.

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