Editorial

Am 27. Juni 2019 ist der Chefredakteur der Versorgerin und unser Freund Kurt Holzinger gestorben.

Der Tod, diese »letztklassige Sache« (so Oliver Schürer bei der Verabschiedung) hat uns die ersten beiden Seiten dieser Ausgabe aufgeherrscht mit Zeilen, die wir weder lesen noch schreiben wollten. Viele Nachrufe auf Kurt beschäftigten sich mit seiner Zeit bei der Band Willi Warma – nun ist es an uns, Erinnerungen aus der Redaktion zusammenzutragen, die Kurts großes Herz, seinen kritischen Verstand, seinen scharfen (aber nicht verletzenden) Humor und die Hingabe verdeutlichen sollen, die auch hinter seiner Arbeit an der Versorgerin steckte. Er ist ein Redaktionsmitglied »im Streik«, wie es Erwin Riess als Reaktion formuliert hat. Und Kurts an einem launig-nachdenklichen, in jeden Fall aber beschwingten Abend geäußerten Wunsch, dass Erwin einst einen Nachruf auf ihn verfassen möge, sind wir nachgekommen. Es ist niemandem leichtgefallen.

Auf die Palme gebracht hätten Kurt sicherlich die Wünsche, die die ÖVP im Land ob der Enns der Industriellenvereinigung erfüllt – Thomas Rammerstorfer schreibt für uns darüber. Magnus Klaue widmet sich exemplarisch dem Handwerk der Hochstapelei und Richard Schuberth bringt seine dreiteilige Serie über die Genese moderner Männlichkeit zum Abschluss. Anselm Meyer hat die Memoiren Leon Poliakovs gelesen, Tina Füchslbauer rezensiert einen Band über die Verfolgung von Frauen als »Asoziale« im NS, Frederik Fuß ein Buch zur »Transhumanistischen Mythologie« und Mathias Beschorner eines zur Utopie des Roboterkommunismus. Die letzten beiden Besprechungen sind Teil eines kleinen Schwerpunkts zu den sozialen Folgen von Automatisierung, der durch Svenna Trieblers Bemerkungen zum Einsatz von (Schreib)Bots in Wissenschaft und Kunst ergänzt wird, sowie Gottfried Gaisbauers Erläuterungen zu den technischen Grundlagen. Gerhard Fröhlich haben wir zum Philosophen Michel Serres befragt, der am 1. Juni verstorben ist. Dessen Texte hatten – in der Philosophie ungewöhnlich – oft den Leib zum Gegenstand, sie treffen sich darin mit einer Studie zu Gabber und Breakcore, die Kristina Pia Hofer vorstellt. Mit Goa-Trash setzt dann Christian Höller fort, der sich HGich.T vorgenommen hat – die Entgleisungs-Spezialisten werden im Oktober in der STWST spielen. Sarah Held und Sylvia Sadzinski geben eine Vorschau auf eine Post-Porn-Filmreihe im November, ebenfalls im Haus. Und nochmals STWST: Der zweite Teil der Versorgerin beginnt mit einem gemeinsamen Text von Franz Xaver und Tanja Brandmayr über die Showcase-Extravaganza STWST48x5 STAY UNFINISHED. Sie wird Anfang September und zum 40. Jahr des Bestehens der STWST die expandierende Unabgeschlossenheit von Kunst und Produktion thematisieren. Den LeserInnen der Versorgerin wird nicht entgangen sein, dass der Verein servus dieses Mal nicht auf der angestammte Seite 2 zu finden ist – wir werden sehen, ob dies so bleiben wird. Über alternative Social-Media-Plattformen berichten für servus jedenfalls, last but not least, Davide Bevilacqua und Onur Olgaç.

Wir denken, dass sich Kurt auf und über die Texte gefreut hätte.

Luv
die Redaktion

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