Kurt Holzinger oder der Kampf gegen ein entfremdetes Leben

Ein Nachruf von Erwin Riess.

Der Julius schon lange fort, der Peter
auch schon drei Jahre und jetzt der Kurt. Drummer
werdens im Proberaum zum Jenseits
schon finden. Rock in Peace.

(»Der Nagerkönig«, 6. Juli 2019)[1]

Der Philosoph Rudolf Burger zitiert einmal aus einem Gespräch des alten Goethe mit einem Historiker: »Und wenn sie nun auch alle Quellen zu klären und zu durchforschen vermögen: was würden sie finden? Nichts anderes als eine große Wahrheit, die längst entdeckt ist und deren Bestätigung man nicht weit zu suchen braucht; die Wahrheit nämlich, daß es zu allen Zeiten und in allen Ländern miserabel gewesen ist. Die Menschen haben sich stets geängstigt und geplagt; sie haben sich untereinander gequält und gemartert; sie haben sich und den anderen das bißchen Leben sauer gemacht und die Schönheit der Welt und die Süßigkeit des Daseins, welche die schöne Welt ihnen darbietet, weder zu achten noch zu genießen vermocht. Nur wenigen ist es bequem und erfreulich geworden.«
Meinen ersten Groll-Text für die »Versorgerin« schrieb ich Anfang 2005. Es war ein Stück über die braunen Flecken der SPÖ. Damals war gerade ein Buch erschienen, in dem nachgewiesen wurde, daß 70% der steirischen und 58% der oberösterreichischen BSA-Mitglieder (Bund sozialdemokratischer AkademikerInnen) früher NSDAP und/oder Mitglieder von SS und SA waren. Besonders hoch war der Anteil der Ex-Nazis bei Juristen, Ärzten, Technikern und Journalisten. Bei den Ärzten waren die Fächer Psychiatrie, Psychologie und Neurologie fast vollständig braun (Rett, Sluga, Strotzka, Harrer, Birkmayer).
Die Anregung zu diesem Text kam von einem mir unbekannten Redakteur der »Versorgerin« namens Kurt Holzinger. Ich hatte keine Ahnung von der Vorgeschichte Kurts in der autonomen Linzer Musikszene, mir waren die Begriffe und Namen »Stahlstadtkinder« und »Willi Warma« unbekannt. Das sollte noch eine ganze Weile so bleiben, denn Kurt trug seine Vergangenheit als Linzer Punkstar nicht vor sich her. Konrad Kramar schrieb in der »Presse« in seinem Nachruf auf Kurt, er sei eine Mischung aus Iggy Pop und Mick Jagger gewesen, und er hat, wenn man die Musik von damals hört und die Bilder von der Band »Willi Warma« sieht, nicht Unrecht. Ich aber wußte von all dem nichts und erlebte Kurt als einen umsichtigen, neugierigen, höflichen und loyalen Redakteur, der immer wieder Themenvorschläge machte. Die meisten übernahm ich, bei einigen gingen den Texten gute Diskussionen voraus. Redakteure dieses Zuschnitts sind für einen Schreibenden ein Glücksfall. Immer wenn ich in Linz zu tun hatte, sahen wir uns. Manchmal in einer Gruppe, aber am besten und produktivsten waren die Gespräche unter vier Augen, meist in einem Lokal mit alten Gewölben in Bahnhofsnähe, der »Lokomotive«. Lange hielten wir uns mit Beziehungskatastrophen und gesundheitlichen Fragen nicht auf, rasch gingen wir zur Erörterung der politischen Situation in Linz und der Republik über und meist entstand auf diesem Weg die Idee zu einem neuen Beitrag. Über die grundlegenden Fakten herrschte zwischen uns von Anfang an ein stabiles Einverständnis, einzelne heftige Debatten bestätigten dieses nur. Die Fakten stammten aus der Geografie, der Ökonomie, der Geschichte, handelten vom kollektiven Bewusstsein und den Ideologien.
Kurt wußte, daß es nicht darum ging, ideologisch unterlegte Positionen zu vermeiden, das Ziel muß sein, der Lage adäquate Ideologien für Politik und Kunst fruchtbar und dadurch humane und vernünftige Entwicklungen wahrscheinlicher zu machen. Jegliche menschliche Äußerung findet innerhalb eines ideologischen Settings statt. Auch die Forderung nach dem Ende von Ideologien oder deren Ausschluß aus dem gesellschaftlichen Erkenntnis- und Handlungsprozeß ist Ideologie, und zwar eine besonders rückschrittliche, denn sie taugt nur zur Herrschaftssicherung der Elite und zur Vertiefung der gesellschaftlichen Ausbeutungs- und Unterordnungsprozesse. Das Gewäsch von einer ideologiefreien Welt ist eine Nebelgranate. Ideologien steuern hinter dem Rücken der Menschen soziale Bewertungen, es kann nur darum gehen, sich der Qualität der jeweiligen Ideologien bewusst zu werden, an ihnen und mit ihnen zu arbeiten. Wenn die Leute glauben, daß es ihnen gut geht, wenn es der »Wirtschaft« gut geht, also die Unternehmen, ihre Besitzer und Aktienteilhaber viel Profit aus der menschlichen Arbeit schlagen, ist das Ideologie, eine adäquate für die Unternehmenseigner und eine inadäquate für die Lohnabhängigen. Wenn die Menschen davon überzeugt sind, daß »Leistung« in einem Land, in dem Vermögen und Einfluß hauptsächlich vererbt werden, sich wieder lohnen muß, und wenn sie davon ausgehen, daß Flüchtlinge und nicht neoliberale Pflegekonzerne und ihre politischen Agenten in den Parlamenten und politischen Apparaten den Sozialstaat zerstören, reagieren sie mit Ideologemen des Neokonservatismus, Rassismus und Rechtsextremismus und geben damit zu verstehen, daß sie ihre gesellschaftliche Orientierungsfähigkeit eingebüßt haben und Wachs in den Händen der Herrschenden sind. Max Horkheimer wies immer wieder darauf hin, daß die Niederlage des faschistischen Staats mitnichten eine Niederlage der faschistischen Strukturen in Denken und Handeln mit sich brachte. »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen«, sagte er am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Auch der späte Adorno bezog sich (kurz vor seinem Tod) in einem Vortrag im Juni 1967 vor dem Verband Sozialistischer Studenten in Wien auf Faschisierungsprozesse, die das Vorankommen kapitalistischer Strukturen nicht behindern, sondern naturwüchsig begleiten. Er war damit begrifflich näher an der Wirklichkeit als die Derivate aus postmodernen und dekonstruktivistischen Schulen, die die Machtkerne kapitalistischer Systeme in Ökonomie und staatlichen Apparaten aus den Augen verloren. Kurt hatte Adorno und Horkheimer und die »Dialektik der Aufklärung« und andere Schriften der »Frankfurter Schule« studiert und wußte daher, daß Ideologien das Feld sind, auf dem die Menschen wenn es gut läuft, sich der gesellschaftlichen Widersprüche bewusst werden oder, wenn sich wie gegenwärtig eine retrograde völkisch-nationale Gesellschaftserzählung ausbreitet, die gesellschaftlichen Widersprüche nicht oder grob falsch antizipieren.
Vor jeder Groll-Geschichte einigten wir uns auf Stoff, Länge und Abgabetermin, dann war es an mir, den Text zu verfertigen. Die zugrundeliegenden Fakten stellten wir außer Zweifel:
Österreich liegt nicht in der Sahelzone, sondern in Mitteleuropa und hat daher vieles mit anderen mitteleuropäischen Staaten und Gesellschaften gemein. Österreich ist wie seine Nachbarn ein kapitalistischer Staat, dessen Berechenbarkeit von der OECD, der EU und der UNO kontrolliert wird. Indes neigen das österreichische politische System und große Gruppen der Bevölkerung dazu, immer wieder aus der kapitalistischen Normalität auszubrechen, dies aber nicht aus emanzipatorischen Motiven, sondern unter der Verfolgung von Strategien der Unterwerfung und der Abkehr von zivilisatorischen Standards wie Rechtsstaatlichkeit, Minderheitenschutz und der Beachtung von sozialen wie wirtschaftlichen Menschenrechten. In der FPÖ hat sich aus einer traditionellen Honoratiorenpartei mit NS-Wurzeln eine autoritäre bis rechtsextreme Volkspartei zu einem kohärenten Block verdichtet und ist mit diesem Projekt bei Wahlen so erfolgreich, daß sie nur für kurze Zeit von den Schaltstellen der Macht ferngehalten werden kann.
Zu den Fakten zählte des Weiteren:
Österreich wurde vom Dritten Reich überrollt; gleichzeitig begrüßten viele den Einmarsch, wenn sie nicht längst für ihn gearbeitet hatten. Dollfuß war ein austrofaschistischer Diktator, der verwundete Gefangene hinrichten ließ und mordlustig am Telefon hing, bis Koloman Wallisch am Strang zu Tode gebracht wurde. Gleichzeitig war er als ermordeter österreichischer Bundeskanzler auch ein Opfer der Nazis (denen er aber mit seiner Politik den Boden bereitete). Österreicher waren Opfer und Täter im Nationalsozialismus. Mauthausen war das größte Konzentrations- und Vernichtungslager außerhalb des besetzten Polens, es ist nur wenige Kilometer von Linz entfernt. Die Voest wurde von KZ-Arbeitern aus Mauthausen errichtet. Mit dem Linz-Donawitz-Stahlverfahren, das für drei Dekaden eine weltweit nachgefragte Technologie darstellte, verfügte die junge Republik über einen schwerindustriellen Komplex, der sozialstaatliche Errungenschaften finanzierte, welche für viele Hunderttausende Menschen der unteren Arbeiterklasse ein halbwegs erträgliches Leben ermöglichten. Das Verfahren wurde von jungen Ingenieuren entwickelt, die vorher für die faschistische Kriegs- und Rüstungsindustrie gearbeitet hatten. Linz ist ohne Faschismus nicht denkbar, und in den meisten Städten und Regionen des Landes ist es ähnlich.
»Stahlstadtkinder« hieß der bekannteste Song von Kurts Band »Willi Warma«. Was er damals in die Chiffren des Punk kleidete, nahm er später in der »Versorgerin« als Programm auf, die Darstellung der ihn umgebenden Welt in einer Zeitschrift, die sich in beharrlicher Arbeit zu einem angesehenen linken kulturpolitischen Magazin entwickelte, welches, und das war in Österreich neu, keiner Partei und keiner Vorfeldorganisation verpflichtet ist. Aus dem Punker wurde ein organischer Intellektueller, und das war keine zufällige, sondern eine folgerichtige Weiterentwicklung eines Unkorrumpierten. Wenigen ist es durch Glück und Beharrlichkeit vergönnt, ein nicht entfremdetes Leben zu führen und zum Orientierungspunkt für andere zu werden. Unter diesen wenigen organischen Intellektuellen im Sinne Antonio Gramscis war Kurt einer der Besten. Ihn zum Freund zu haben, war eine Bereicherung. Ihn zum Redakteur zu haben, war eine Auszeichnung. Sein Leben war, mit Goethe zu sprechen, von großer Art.

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