Mit Ernst und Ironie

Frederik Fuß über Max Franz Johann Schnetker: Transhumanistische Mythologie. Rechte Utopien einer technologischen Erlösung durch künstliche Intelligenz.

2006 beschrieb Gerhard Scheit in seiner Abhandlung über das Völkerrecht unter dem Titel »Der Wahn vom Weltsouverän«
die Unmöglichkeit eines Weltstaates, die – kurz gesagt – daraus hervorgeht, dass ein Staat für die innere Stabilität stets den äußeren Feind braucht – zumindest potenziell. Er merkte auch an, dass die Science Fiction das Motiv des Weltsouveräns massenhaft aufgriff und das Problem der fehlenden zwischenstaatlichen Konkurrenz dahingehend auflöste, dass in den entsprechenden Filmen die Konkurrenz als eine interplanetarische inszeniert wird – es also stets eine wie auch immer beschaffene außerirdische Bedrohung gibt. Interessant an dieser Verquickung aus Science Fiction und Ideologie ist, dass sich diese nun neuerlich mit einem ähnlichen Prinzip unter anderen Vorzeichen vollzieht – im Transhumanismus. Max Franz Johann Schnetker beschreibt in dem Buch »Transhumanistische Mythologie. Rechte Utopien einer technologischen Erlösung durch künstliche Intelligenz«, das im März im Unrast Verlag erschienen ist, wie sich die Motive des calvinistischen Protestantismus und des Utilitarismus in einer neuen Form präsentieren, welche die technologische Entwicklung vermeintlich reflektiert und dabei Szenarien beschwört, wie sie eher aus Filmen wie »Terminator« oder »I Robot« bekannt sind.
Diese werden zur düsteren oder je nach Gusto auch utopischen Zukunft erklärt. Einer der exponierteren Vertreter und Vordenker der transhumanistischen Ideologie ist Nick Bostron, der die Idee des »Singleton« bzw. der »Singularität« entwickelt hat. Dabei geht Bostron davon aus, dass die technische Entwicklung einer Teleologie folgt, die in einer Super-KI (der Singularität) mündet, die als totale Instanz die Erde kontrolliert – ein technisches Äquivalent zu Scheits Weltsouverän.
Eine sich derart rasant entwickelnde und totale Kontrolle ausübende Superintelligenz würde, so die Vorstellung, auch nicht bei der Erde halt machen und sich letztlich auf das Universum ausdehnen – so löst der Transhumanismus die Schwierigkeiten des Weltsouveräns ganz ähnlich wie Science Fiction Filme auf.
Aber welche Rolle schreiben Leute wie Bostron den Menschen in solch einem Szenario zu?
Transhumanisten erklären den Menschen aus den aktuellen Gegebenheiten der Maschinen – will heißen, sie denken Körper und Geist nur als Rechenprozesse, die analog zu denen in einem Computer funktionieren. Der einzige Unterschied zwischen Mensch und Computer bestehe demnach in der Hardware – also Körper und Metallteile. Die Komplexität menschlicher Persönlichkeiten, reflexives Denken, ethische und moralische Vorstellungen sind in diesem  Gedankenkonstrukt nichts weiter als mathematische Gleichungen. Auch wenn diese Gleichungen derzeit noch nicht vollends erkannt bzw. entschlüsselt werden können. Diesem Reduktionismus folgend, ist ein angestrebtes Ziel der Transhumanisten, den eigenen Geist – der ja nur ein  Konglomerat aus Datentransfers ist – in Maschinen übertragen zu können. Der sterbliche Körper soll verlassen werden, um in der unsterblichen Maschine aufzugehen. Dass man sich selbst damit der Superintelligenz oder der Singularität annähert, liegt auf der Hand. Entsprechend hat Schnetker in dem Band herausgearbeitet, dass der transhumanistischen Ideologie einige projektive Leistungen zu Grunde liegen – Werte die im Kapitalismus besonders hochgehalten werden und die Transhumanisten für sich selbst gerne in Anspruch nehmen, werden auf die noch zu schaffende Superintelligenz projiziert, worin sich der Wunsch ausdrückt, selbst zum göttlichen Wesen zu werden. Umgekehrt werden somit notwendigerweise die abgespaltenen und verdrängten Seiten des Menschseins abgewertet. Das betrifft den eigenen Körper – der nicht zuletzt wegen seiner Sterblichkeit als unzureichend empfunden wird – aber auch diejenigen, die der Logik des Kapitals nicht ausreichend genügen. Für Müßiggänger und Überflüssige gibt es in der transhumanistischen Vorstellung keine Daseinsberechtigung, der Platz der ihnen zugewiesen wird, verdeutlicht sich in einem Gleichnis von Bostron: Mit der Industrialisierung wären Pferde zunehmend überflüssig und in Schlachthäuser verfrachtet worden. Durch die rasante Technologisierung, die der Transhumanismus annimmt, wird aber der größte Teil der Menschheit überflüssig. So kommt die Vorstellung zustande, dass sich das Denken und Handeln im Hier und Jetzt darauf einzurichten hat, dass man die unvermeidliche Entstehung der Superintelligenz fördert und für sie somit relevant sei. Dann würde sie dies entsprechend honorieren und einen vor der Schlachtbank bewahren. Diese vollkommen irrsinnigen und menschenfeindlichen Annahmen, die das bestehende Konkurrenzsystem radikalisieren und im Namen des vermeintlichen Fortschritts Massenmorde legitimieren, hätten ihren verdienten Platz in einem dystopischen Science Fiction Film finden müssen. Stattdessen hat sich dieses Denkgebäude zu einer anerkannten Philosophie gemausert, die an vielen Stellen auf Grund ihrer Obskurität eher harmlos daherkommt, letztlich aber das Potenzial hat, das ideologische Rüstzeug für einen autoritären Umbruch zu liefern. Besonders bedenklich wird es, betrachtet man, wo sich diese Gedanken ausbreiten: unter den Eliten des Silicon Valley und unter den zugehörigen Tech-Arbeitern. Also unter jenen, die die Kontrolle über Daten haben, die die Entwicklung der nächsten Jahre massiv beeinflussen könnten und mit transnationalen Konzernen und dem zugehörigen Großkapital verflochten sind.
Noch mag der Transhumanismus als politische Ideologie in diesen Schichten noch nicht die dominante Strömung sein, aber angesichts des faschistischen Potenzials, das ihm inne wohnt, lohnt es sich, diese Bewegung und ihre Ideologie näher zu betrachten und auch langfristig im Blick zu behalten.
Schnetker hat mit seinem Buch den Grundstein dafür gelegt, indem er die Ideenwelt der Transhumanisten akkurat aufgeschlüsselt und auf ihre Ursprünge zurückgeführt hat. Dabei zeigt er ihre Widersprüche auf und wie diese in der transhumanistischen Vorstellung vermeintlich gelöst oder geleugnet werden. Mit Ernst und Ironie – also dem Gegenstand absolut angemessen – entblößt er die ach so rationale Weltanschauung als säkularen Mythos.

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Max Franz Johann Schnetker: Transhumanistische Mythologie. Rechte Utopien einer  technologischen Erlösung durch künstliche Intelligenz. ISBN 978-3-89771-264-5, Unrast Verlag Münster, März 2019, 136 Seiten, 12,80 EUR.
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