Wie Michel Serres lesen, ohne zu verzweifeln?

Fragen an Gerhard Fröhlich.

Der Wissenschaftshistoriker und Philosoph Michel Serres ist am 1. Juni 2019 verstorben. Im Gespräch mit Gerhard Fröhlich sind weniger Serres konventionell geschriebene wissenschaftshistorischen Texte von Interesse, sondern eher die experimentellen Bücher (»Der Parasit«, die fünf Bände des »Hermes« oder »Die fünf Sinne«). Es ging auch nicht um einen biographischen Nachruf, sondern im Kern um die Fragen: Warum soll man diese Bücher lesen? Wie soll man sie lesen? Und: Wer soll sie lesen?

Versorgerin: Warum Serres?

Gerhard Fröhlich: Ich kann nur über »meinen« Serres sprechen und wie ich mich mit ihm arrangiert habe. Alexander Kluge (Filmregisseur und Partner von Oskar Negt bei zahlreichen dicken Bänden) sagte einmal, dass ein Film im Gehirn der ZuschauerInnen entsteht und er als Regisseur nur ein bisschen Reize liefern könne. Selbstverständlich entsteht ein Buch (oder sagen wir besser: entstehen signifikante, wichtige Botschaften) in unseren Gehirnen – ich würde sogar sagen in unseren Körpern – und die jeweiligen Schreibenden sind nur die StimulantInnen, die uns in schriftlicher Form irgendwie erregen – oder auch nicht erregen. Ich habe an der Uni Linz versucht, Michel Serres-Seminare zu veranstalten und bin gescheitert. Die Leute haben sich lieber operieren lassen, als ein Referat zu halten – wir hatten noch nie so extreme Ausfälle.

Warum hatten die Studierenden so große Schwierigkeiten mit Michel Serres?

Erstens einmal – und ich muss es leider so ordinär sagen – wirkt es so, als ob sich der Serres nix scheißt. Was ihm einfällt, schreibt er hin. Und wenn ihm gerade was zur griechischen Mythologie einfällt, weil er halt hyperassoziativ ist und sich sagt, dass das mit seinem Thema jetzt zu tun hat, dann schreibt er es hin. Und wenn ihm dann etwas zur Wissenschaftstheorie, zur Epistemologie einfällt, dann schreibt er es hin. Er kann natürlich auch nur der Anschein der Mühelosigkeit erwecken wollen (=Sprezzatura, Pierre Bourdieu hat versucht, diesen Begriff aus der Renaissance in die Sozialwissenschaften zu importieren).
Und er sagt: Es gibt ganz wenige originäre Bücher, weil die meisten Leute nur von anderen Büchern abschreiben – das heißt nicht unbedingt plagiieren, aber zitieren und reflektieren und wiederkäuen. Der Großteil der Philosophie und ein Großteil der Kultur- und Sozialwissenschaften ist eigentlich ein Kuhbetrieb, ein Wiederkäuerbetrieb. Ich habe mir zahllose Habilitationen im Fach Philosophie angesehen – 350 Seiten darüber, was bisher in der (westlichen, europäischen) Geistesgeschichte darüber geschrieben wurde und zum Schluß kommt der »eigene Ansatz« auf vier oder fünf Seiten. Sind Sie mir nicht böse, aber da hat Michel Serres sogar recht – wenn sogar die Philosophen nur mehr zitieren und nur mehr wiederkäuen, dann braucht man sie eigentlich nicht mehr. An Serres‘ eigenwillige Assoziationsketten müssen wir uns also gewöhnen.
Das Zweite ist: Wie sollen wir überhaupt Bücher lesen? Frei nach »Radio Eriwan« würde ich sagen: »Es kommt darauf an.« Bei einem Krimi würde ich sagen: Bitte lesen Sie nicht die letzten zehn Seiten als Erstes. Sie nehmen sich sehr sehr viel Genuss, wenn Sie beim ersten Mal die Spannung nicht aushalten. Hinterher können Sie ja noch immer, mit
dem Wissen whodunit, das Buch ein zweites Mal lesen, mit anderen Aha-Effekten (z.B. welche falsche Spuren gelegt wurden).
Ein wissenschaftliches Buch würde ich niemals von Anfang bis Ende lesen – das wäre absolute Zeitverschwendung. Ich schaue mir zuerst das Literaturverzeichnis an: Wen zitiert er oder sie und wen nicht? Und das ist dann schon fast die entscheidende Frage. Man kann bei Wissenschaftswerken oft auch noch im Sachregister nachschauen – leider ersparen sich heutige Verlage oft diese Arbeit, oder machen das nur mehr rein mechanisch per EDV (diese Register sind dann ziemlich dumm). Schon da kommt es oft zu Aha-Effekten, welche wichtigen Wörter – wir müssen da phantasievoll sein, es gibt zu vielen Begriffen zahlreiche Synonyme, also Wörter mit annähernd gleicher Bedeutung – im Register nicht auffindbar sind, obwohl sie aufgrund des Buchthemas vorkommen müssten. Das heißt – es klingt vielleicht a bissl großkotzig, aber die meisten Bücher habe ich nie (nicht einmal als Student) gelesen, um wirklich was daraus zu lernen wie ein Jünger, der die Erleuchtung sucht, sondern ich habe sie kritisch wie einen Bohrer oder Schraubenzieher überprüft, nach ihrer Tauglichkeit. Es klingt wieder sehr großkotzig, aber ich war zu Beginn meines Uni-Studium in Wien äußerst enttäuscht vom Dargebotenen. Ich bin dann ins Ausland gegangen, geographisch, und ich habe eine Odyssee durch die Geisteswelt betrieben, wobei ich bei Erich Fromm begonnen habe. Letztlich haben sich vier »Säulenheilige« der Kulturtheorien herausgestellt: Norbert Elias, Pierre Bourdieu, Vilém Flusser und Michel Serres.
Warum erwähne ich gleich eine Vierer-Bande (wie die in China damals)? Erstens bin ich als Jünger ungeeignet und schon gar nicht als Jünger einer einzigen Person. Zweitens kann ich das auch niemandem anraten. Sie können natürlich Karriere machen als Elias-, als Bourdieu-, als Serresjünger, -apologet, -statthalter und Tag und Nacht nichts anderes tun und völlig blind werden. Doch letztlich haben alle Theorien blinde Flecken. Für Niklas Luhmann ist eine Theorie die »Reduktion von Komplexität« – die Welt ist unendlich komplex und wir haben nur ein sehr bescheidenes Hirn. Eine Theorie ist so etwas wie ein Spotlight: Sie haben eine Bühne und da wurlt es herum von Tänzern und Tänzerinnen und eine Person wird angeleuchtet, drum herum wird es dunkler und dann wissen wir: Er/sie wird einen Solostep hinlegen oder singen oder was immer. Alle anderen Personen verblassen, werden grau. Wenn ich mich einem einzigen Denker hingebe, dann habe ich nur mehr dieses Grau im Hintergrund und eine gleißend beleuchtete Stelle im Vordergrund. Ich würde auch Michel Serres nicht als einzigen Denker zur Lektüre empfehlen, sondern nur im Rahmen einer Mischkost, – ich würde fast sagen als homöopathische Zusatznahrung.

Was schätzen Sie an Michel Serres?

Ich schätze (wie bei den anderen erwähnten Autoren), dass die Menschenkörper eine wichtige Rolle spielen. An Philosophie und Soziologie hat mich von Anfang an gestört, dass da von »Normen« die Rede war, von »Werten«, von »Geist« – es wurde so getan, als ob irgendwelche Geistwesen alles rational diskutieren, ohne Leidenschaften. Schon Norbert Elias sagt (er studierte Philosophie und gleichzeitig Medizin), dass der menschliche Körper durchaus sehr dafür gebaut ist, die Welt irgendwie zu erkennen – den Mesokosmos zumindest, den mittleren Kosmos unseres Alltags. Auch Michel Serres hat ein sehr schönes Buch geschrieben: »Die fünf Sinne«. Da sagt der Titel schon alles. Serres kritisiert: Philosophie bzw. Wissenschaften haben fast nur den Sehsinn in den Mittelpunkt gestellt – auch die Metaphern zum Thema sind visuelle (von »Erleuchtung« bis »Beleuchtung« usw.). Ein bisschen ist vielleicht der Hörsinn wichtig – z.B. wenn Max Weber von der Bürokratie als »Gehäuse der Hörigkeit« spricht. Aber die anderen Sinne spielen in den Wissenschaften und in der Philosophie kaum eine Rolle. Serres hat versucht, alle fünf Sinne zu reaktivieren und irgendwie zu koppeln – also auch z.B. den Tastsinn. Ob ihm das gelungen ist, ist eine andere Frage. Doch sein Versuch hat mir imponiert. Der deutsche Untertitel des Buches ist schon sublimiert: »Eine Philosophie der Gemenge und Gemische«, die französische Originalfassung spricht mehrdeutig von einer »Philosophie der vermischten Körper«. (Philosophie des corps mêlés).

Warum Gemenge und Gemische?

Die Reinheitsphantasien und die Reinheitssehnsüchte haben mich immer schon sehr befremdet. Sie haben geschichtlich zu schlimmsten Verbrechen geführt – und keineswegs nur die angestrebte »Reinrassigkeit« der Nationalsozialisten, sondern die »reine Lehre der Religion«, die »reine Lehre des Marxismus/Leninismus« usw. Michel Serres bezieht diese »Gemenge und Gemische« gar nicht unbedingt auf die Philosophie und Wissenschaft im engen Sinn, sondern will, dass wir auch die Grenzen zwischen den Wissenschaften und den Philosophien und den übrigen Sphären – z.B. der Kunst, der Mythologie usw. – durchlässiger machen. Das ist ein Anliegen von Michel Serres. Weil er die griechische Mythologie studiert hat, schöpft er aus diesem Fundus. Sie dürfen nicht vergessen: Fast jeder Planetenname, irgendein Name von einer (westlichen) Rakete oder Raumkapsel, zahlreiche Titel von Science Fiction-Filmen – sie alle beziehen sich auf die  griechische Mythologie, ob wir das wissen, oder nicht.

Wie Serres lesen?

Erstens: Serres dürfen wir nicht lesen wie KleinbürgerInnen – ganz genau von der ersten bis zur letzten Seite, jeder Satz muss verstanden worden sein. Wir sollten froh sein, wenn wir zu Beginn mit jedem zwanzigsten Satz etwas anfangen können. Nehmen wir ihn, und machen etwas draus. Ich habe in meinen Uni-Seminaren bei schweren AutorInnen und Texten öfters die Studierenden ersucht: Bringen Sie mir bitte zehn Sätze, die Ihnen gefallen haben, zehn Sätze, die Sie ganz schrecklich, falsch, scheußlich finden und zehn Sätze, die Ihnen völlig egal sind, mit denen Sie überhaupt nichts anfangen können.
Wobei ich sagen würde: Die »sinnlosen« Sätze, mit denen wir nichts anfangen können, sind vielleicht die wichtigsten, bei den anderen Satzarten sind wir schon involviert: Wir hassen etwas, also kennen wir es ein bisschen (oder glauben das zumindest), wir lieben etwas, daher kennen wir es schon. Wenn ich etwas von Oskar Negt und Alexander Kluge gelernt habe, dann dieses Zitat gegen »blinde Verständlichkeit« zu Pestalozzi: Er hatte als deutscher Pädagoge seinen deutschsprachigen Zöglingen französische Texte vorgelesen, um ihnen den verborgenen Reichtum der Welt, den sie sich noch erobern müssen, zu veranschaulichen. Diesen Mythos der sofortigen Verständlichkeit (leider in der heutigen Pädagogik fast eine Seuche) halte ich für ganz gefährlich. In meinem Leben habe ich mich oft auf etwas eingelassen, wo ich nur das Gefühl hatte: Da kann was dran sein, da muss was dran sein. Aber verstanden habe ich zu Beginn wenig bis nichts. Wenn wir froh sind, wenn uns jeder zwanzigste Satz etwas zu sagen scheint, könnte es bei erneutem Lesen irgendwann jeder zehnte werden – gute Texte können und sollen wir natürlich nicht nur einmal lesen – und auch große Zeitabstände dazwischen sind lehrreich: Ich erschrecke oft, wenn ich Jahre später dasselbe Buch in die Hand nehme und sehe, welche Sätze ich damals markiert habe und andere, die mir jetzt wichtig erscheinen, hatte ich damals übersehen.
Das Zweite ist: Es geht überhaupt nicht darum (außer, man ist Literaturwissenschaftler), zu erkennen, was Serres wirklich gemeint und gewollt hat. Erstens müssen wir davon ausgehen, dass Künstlerinnen und Künstler selbst überhaupt nicht die volle Tragweite ihrer Produkte verstehen können. Sie machen etwas, wozu sie fast gezwungen werden von ihrem wissenschaftlichen oder künstlerischen »Gewissen« – wie das Elias sagt (andere nennen diese Inspirationsquelle vielleicht etwas netter). Sie machen etwas, wozu es sie drängt. Und wir sind als die NachfolgerInnen dazu da, auszuloten, was in diesem Werk drinsteckt. Das heißt, für mich sind Bücher primär Anregungen für eigene Einfälle – zum Beispiel ärgere ich mich über die meisten Bücher, dann schreibe ich das auf und schon entsteht, Ping Pong, ein Aufsatz. Bücher als Kontrastfolie. Serres hat hier viel zu bieten, er ist z.T. recht widersprüchlich – wobei ich darin gerade seinen Reiz sehe.

Worin zeigt sich Serres Widersprüchlichkeit?

Nur ein Beispiel: Michel Serres stammt (wie sein Vater) aus einer völlig atheistischen Familie. Sein Vater hat diese schrecklichen Giftgas-Grabenkämpfe des ersten Weltkriegs irgendwie überlebt, und wurde dort gläubiger Katholik – diesen Glauben übernahm auch Michel Serres. Wir können ruhig sagen: Serres ist ein strammer Katholik. Aber zugleich liest man im »Parasiten«, dass der Priester ein Parasit ist: Er zwängt sich in die Beziehungskante zwischen Gläubigen und Gott. Anderswo schreibt er sogar von der »Grausamkeit des Monotheismus«. Kein katholischer Kirchenfunktionär kann also mit Serres Freude haben. Und da sehen wir schon wieder: Serres glaubt zwar an was, gibt aber nie sein kritisches, hoch assoziatives, eben »gemischtes« Denken auf.
Ein weiterer der vielen Widersprüche (Bourdieu würde von einem zerrissenen Habitus sprechen) bei Michel Serres ist seine Kritik an Kritikern. Auch sie zählt er zu den Parasiten: Es gibt (äußerst selten) Originale, und dann kommen sie in Scharen und kritisieren daran herum. Zugleich ist er selbst Kritiker – was soll er denn als Philosoph anderes sein, als jemand, der staunt, zweifelt, kritisiert und daraus Konsequenzen ableitet?
Ich habe von Thomas von Aquin einiges gelernt – wenn ihm etwas nicht gefallen hat, z.B. bei den damaligen Autoritäten, dann hat er
so lange differenziert, bis auf einmal das Gegenteil dastand – wir können Begriffe zerteilen und die in ihnen immer enthaltenen Widersprüche herausschälen.
Also differenziere ich jetzt: Es gibt einmal diese Kritik, die wirklich ziemlich wertlos ist, das, was Bourdieu das »rituelle Gekläffe« nennt (man ist in einer Gruppe und haut auf die Gegengruppe ein, die überhaupt nicht da ist, die es oft nicht einmal wahrnimmt, aber man hat in der eigenen Gruppe wieder Punkte gemacht), das ist völlig wertlos. Wenn ich aber die Gründungsmythen, die Hintergrundannahmen, die Illusionen, die blinden Flecken meiner eigenen Gruppe in Frage stelle, dann wird es sehr viel Ärger geben und dann habe ich aber Großartiges geleistet. Auch Serres kritisiert laufend, entweder explizit oder implizit: Indem ich sage, »das ist besser, als das«, kritisiere ich doch und sage, »das andere ist schlechter«. Hat ein Philosoph, der nicht kritisieren kann und kritisieren will, überhaupt eine Existenzberechtigung?
Wenn Sie Sicherheit wollen, dann kann ich Ihnen nur empfehlen: Treten Sie einer Sekte bei und schalten Sie das Denken ab. Sie können keinem Denker, keiner Denkerin völlig vertrauen – das gilt ganz besonders dann, wenn diese Denkerin, dieser Denker aus einem anderen Sprachraum, einer anderen Kultur kommt, wie eben Michel Serres. Die französische Kultur ist mit der österreichischen Kultur zwar ein bisserl verwandt – im Sinne von Katholizismus, Üppigkeit, Essen – aber trotzdem es ist eine andere Welt, hat ein ganz anderes Schulsystem usw. Wir können nur einen Bruchteil der Assoziationen, der subtilen Kritiken, der subtilen Frechheiten, die in einem Buch aus einem fremden Kulturkreis enthalten sind, überhaupt nachvollziehen (außer die ÜbersetzerInnen machen uns in einer Fußnote darauf aufmerksam). Da müssten wir das gesamte Feld kennen, alle Vorfahren, alle KonkurrentInnen. Daher sollten wir bescheiden sein mit unseren Ansprüchen. Wir können uns auf diese fremdsprachigen AutorInnen einlassen, wir können ihre Texte mit Freundinnen und Freunden diskutieren, wir können auch Sekundärliteratur lesen – ich empfehle das nicht, ich sage allen: »bitte traut euch, lest die Leute im Original«. Die Sekundärliteratur, jemand, der über jemanden schreibt, ist in der Regel komplizierter, außerdem dichtet er dieser Person furchtbar viel Eigenes hinein. Über die Nachrufe zu Serres, die ich gelesen habe, habe ich mich überhaupt nur geärgert.
Haben Sie den Mut, sich jemandem im Original (notfalls in der Übersetzung) auszusetzen, haben Sie den Mut, etwas nicht sofort zu verstehen, haben Sie die Freude, dann auf einmal etwas zu finden, womit Sie was anfangen können, aber stürzen Sie sich dann vor allem auch
auf Sätze, mit denen Sie nichts anfangen können. Hier könnten die neuen verborgenen Welten sein, mit denen Sie bisher noch nie Kontakt gehabt hatten.

Wer ist für Serres gebaut?

Ich habe zu Beginn gesagt, dass die Wahrnehmung, die wir von einem Film haben, eigentlich nicht die Wahrnehmung eines Filmes ist, sondern das, was wir aus dem Film gemacht haben. Wie wir den Film in unseren Köpfen, mit unseren Körpern, mit unseren Gefühlen etc. geschnitten und zusammengebaut haben. Ich gehe so weit – da gibt es ja die berühmte Habitustheorie von Bourdieu, dass wir alle (natürlich eher klassen- und schichtspezifisch, als individuell) Schemata der Bewertung, der Wahrnehmung eingebaut haben. Daher sind wir auch habitusgesteuert, welche Theorien uns gefallen und welche nicht. Als Asket kann einem eigentlich nur die Logik gefallen (in der Philosophie), die Mathematik und man kann nicht opulente Werke genießen – das Werk von Serres würde ich klar zum Opulenten zählen.
Ich bin natürlich dagegen – wir sind fast unbemerkt bei den Blasen, bei den Bots, bei den Social Media der Gegenwart angelangt – dass wir uns diesem unserem Habitus ergeben. Wenn wir sparsam erzogen wurden, daher »Energiesparen« zum Thema machen usw.? Wenn dabei ein ausfüllender Beruf und etwas Sinnvolles für die Menschheit herauskommt, wäre ich nicht unbedingt dagegen. Aber wir sollten uns schon ein bisserl Masochismus zumuten. Wenn uns eine Theorie gefällt und wir uns ständig von ihr bestätigt fühlen, würde ich – zur geistigen Hygiene möchte ich fast sagen – verlangen, dass wir uns auch mit Etwas auseinandersetzen, was dieser Theorie widerspricht. Kritiker haben oft wesentlich schärfere Augen für die Fehler, die Mängel, als die Anhänger. Daher würde ich mir nie die Lobhudeleien von Anhängern eines Denkers, einer Denkerin anschauen, sondern gerade die mitleidslose Kritik der Gegner (die natürlich nicht recht haben müssen).
Oskar Negt hat einmal in einer Vorlesung gefordert: Wir sollen in die Stärke der Argumente des Gegners eindringen – das heißt nicht so am Rand ein bisserl an irgendwelchen Lächerlichkeiten herummäkeln. Ich warne davor, dass wir uns nur wohlfühlen, weil wir etwas lesen, was uns gefällt. Dann sind wir schon in einer Blase, genauso wie die Facebookleute in Blasen drin sind, die ihnen vom Computer ausgerechnet und serviert wird. Es ist ein bekanntes Phänomen, kognitive Dissonanz zu vermeiden – aber das führt leider nicht zu einer Erweiterung des Horizonts. Wir müssen uns Widersprüchen aussetzen. Ich kann auch nur Paul Feyerabend empfehlen – er forderte, wir sollten immer kontraintuitiv sein. Das, was alle behaupten, umdrehen und schauen, ob man auch die gegenteilige Behauptung bzw. Forderung durchhalten und argumentieren kann; bzw. sogar mit empirischen Befunden belegen. Und da behaupte ich: Das ist sehr oft möglich!
Auch bei einem Denker wie Michel Serres können wir schauen: Können wir den Satz umdrehen und stimmt vielleicht das Gegenteil auch? Oder stimmt beides gleichzeitig, weil unsere Welt widersprüchlich ist? Dann sollten wir das versuchen zu ertragen, zu nutzen und als erregend, als fruchtbringend erleben. Letztlich ist die Frage: Wieviel Fremdheit ertragen wir? Wenn uns etwas nur gefällt, ist das schon fast verdächtig. Wenn wir etwas sofort verstehen, ist es verdächtig, es kann nichts Neues sein. Dort, wo das Unverständnis ist, da geht es lang, dort wo die Angst ist.
Zugleich sollten wir nicht die Schuld bei Verständnisschwierigkeiten nur bei uns selbst suchen. Gerade in der französischen Geisteswelt – da soll es laut Bourdieu ein ehernes Gesetz geben, Prestige durch Unverständlichkeit würde ich es nennen: Wenn man nicht 25% völlig Unverständliches in einem Buch schreibt, wird man nicht ernst genommen von der Intellektuellencommunity in Paris. Auch Michel Serres hat sich wohl an diesen Grundsatz gehalten.
Wenn ein Denker uns einige Ideen liefert, dann ist das schon großartig, ich bin bei vielen normalen Büchern aus der akademischen Welt schon froh, wenn ich eine einzige Idee finde und oft steht die schon im Buchtitel. Insofern kann ich Michel Serres in seiner Reichhaltigkeit, in seiner Widersprüchlichkeit nur empfehlen, aber wie gesagt: Nicht als Hauptmahlzeit, dreimal täglich.
Das heißt, wir sind nicht auf der Welt, um uns wieder in einen neuen Uterus zu flüchten namens »Serres«, der ja auch seine euro- und ethnozentristischen Beschränkungen (z.B.: Geschmack = Weingenuss, Monopol griechischer Mythologie, etc.) hat. Wir sind da, um zu staunen, zu zweifeln, zu kritisieren. Und dabei kommt oft von selbst etwas Neues, Sinnvolles heraus. Aber nicht immer.

Gerhard Fröhlich, bis WS 2018/19 Vorstand des Instituts für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Johannes Kepler Universität Linz, habilitiert in Kulturtheorie und Wissenschaftsforschung, leitet das Kulturinstitut an der JKU. Zusammen mit Boike Rehbein ist er Herausgeber des Bourdieu-Handbuchs, das 2014 in 2. Auflage im Verlag J.B. Metzler erschienen ist.

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Michel Serres auf dem 19. Internationalen Festival für Geographie, 2008 (Bild: Gemeinfrei)

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