Zu Tode geschwiegen

Überforderung des Systems, Freiheitseinschränkung und mangelnde Perspektiven. Über den Umgang der Gesellschaft mit Drogensucht am Beispiel Wels schreibt Marina Wetzlmaier.

September 2018 in Wels. Eine lokale Online-Zeitung berichtet von einem »unklaren Todesfall«. Eine »jüngere Person« sei leblos in ihrer Wohnung aufgefunden worden, die Polizei schließe Fremdverschulden aus, heißt es. Der Jugendliche war gerade einmal 17 Jahre alt. Ein Todesfall, über den sonst nirgendwo berichtet wurde. Ein Fall, der keine weiteren Debatten nach sich zog. Der Tod des 17-Jährigen ist nicht der einzige, über den in Wels öffentlich geschwiegen wird. Lediglich Menschen aus der »Szene« tauschen sich darüber aus. Für sie ist klar, dass er an den Folgen seines Drogenkonsums gestorben ist. Alleine 2018 hätte es mindestens 13 Drogentote gegeben, verlautet es aus informellen Kreisen. Offiziell geht die Stadt Wels aber von 2 bis 5 Todesfällen pro Jahr aus. Genaue, verlässliche Zahlen gibt es nicht.

Auskunft über sogenannte drogenbezogene Todesfälle in Österreich und in den Bundesländern gibt der jährliche »Bericht zur Drogensituation in Österreich«, der im Auftrag der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) und des Sozialministeriums erstellt wird. Laut dem aktuellen Bericht, der sich auf das Jahr 2017 bezieht, wurden österreichweit 154 drogenbezogene Todesfälle gemeldet. Zum Vergleich die Zahlen der vergangenen Jahre: 2016 waren es 165, 2015: 153, 2014: 122 und im Jahr 2008: 201. Die meisten Fälle gab es in Wien (64), danach kommt Oberösterreich (19). Die festgestellten Substanzen, die am häufigsten zugrunde lagen, waren Opioide und Psychopharmaka.

Persönliche Schicksale werden so in trockene Statistiken gegossen. Drogenbezogene Todesursachen seien ein wichtiger Indikator zur Beurteilung der Situation in Österreich, heißt es im Drogenbericht. Im FPÖ-regierten Wels wird das Thema jedoch gekonnt ignoriert. Um eine Einschätzung der Drogenproblematik in Wels gebeten, verweisen die zuständigen Referentinnen (Christa Raggl-Mühlberger von der FPÖ, zuständig für Soziales, und Silvia Huber von der SPÖ für Gesundheit) lediglich auf die Drogenberichte des Landes OÖ. Die Frage, wie zufrieden sie mit der derzeitigen Drogenpolitik in Wels seien, beantworten sie gar nicht. »Die Politik fürchte sich vor dem Thema«, schrieb Lukas Matzinger einst in einer FALTER-Reportage über die Drogensituation in Wels. »Keine Partei möchte mit dem Thema Drogen in Verbindung gebracht werden.« Zwar stammt die Reportage aus dem Jahr 2015, an der Aussage hat sich allerdings nichts geändert. Entstanden war sie im Vorfeld der Bürgermeister-Wahl und gab bereits einen Ausblick darauf, welche Richtung in der Drogenpolitik eingeschlagen werden sollte: »Wenn wir gewinnen, stellen wir überall Überwachungskameras auf«, wird ein FPÖ-Mitglied zitiert. Für die einen Wunsch, für die anderen Drohung. Jedenfalls wurde der Plan umgesetzt.
Ein Blick auf die Presseaussendungen, welche die Stadt Wels seit der blauen Regierungsübernahme ausgeschickt hat, veranschaulicht ihren Zugang zum Thema: »Videoüberwachung bewährt sich, aber starker Anstieg bei Drogendelikten«, so der Titel einer Aussendung, in der Sicherheitsreferent Gerhard Kroiß (FPÖ) eine »Drogen-Task-Force beim Stadtpolizeikommando« fordert. Auch andere Meldungen drehen sich um Drogenhandel, gefolgt von weiteren Forderungen nach spezialisierten Einsatztruppen. Als im März 2018 Fälle von Cannabiskonsum in einem SPÖ-nahen Jugendtreff aufflogen, rief die FPÖ nach der »vollen Härte des Gesetzes«. Somit ist klar: Für die Stadt Wels gehört das Thema in den Bereich Sicherheit. Auch Medienberichte konzentrieren sich lediglich auf Kriminalität, Suchtgifthandel, Gewalttaten und Verkehrsunfälle unter Drogeneinfluss.

Überlagert von der Rhetorik über Videokameras, Strafen und Sicherheit geht der Tod eines Jugendlichen in seiner Wohnung in der öffentlichen Wahrnehmung unter. Er scheint nicht in die offizielle Erzählung der Stadt zu passen, jene von Schmugglern und Kriminalität, den »großen« Themen, die Presseaussendungen füllen. Dabei wird ein wichtiger Aspekt übersehen: Todesfälle wie jene können passieren, weil vieles im Privaten stattfindet. »Es gibt die sichtbare und die unsichtbare Drogensucht«, sagt Mike[1], etwa vierzig Jahre alt und seit zwanzig Jahren mit dem Drogenmilieu in Wels vertraut. »Ich kenne viele, die in die Schmerztherapie gewechselt sind und auf diese Weise Morphin konsumieren.« Auch die »Szene« in Wels habe sich mehr ins Private zurückgezogen. Vor allem seitdem im Jahr 2016 jenen Lokalen in der Innenstadt die Gewerbeberechtigung entzogen wurde, die als Drogenumschlagplätze bekannt waren. »Die offene Szene ist weg bzw. kleiner geworden, daher hat man das Gefühl, das Problem sei beseitigt«, kommentiert Mike die heutige Situation.

»Vieles hängt von der Einstellung, der Haltung in der Gesellschaft ab«, weiß Wolf Dorner, der die Drogenberatungsstelle Circle in Wels aufgebaut hat. Ebenso die Niederschwellige Kontakt- und Anlaufstelle / Drogenstreetwork, NIKADO. Dorners Arbeit begann in den siebziger Jahren mit der »Drogenwelle« in Wels. Seither habe sich in Oberösterreich viel getan. Es gebe mehr Behandlungsmöglichkeiten und Beratungsstellen, sagt er. Eines sei aber schon immer ein Problem gewesen: »Ich hatte von Anfang an damit zu kämpfen, die Diskussion auf eine sachliche Ebene zu bringen.« Man müsse das Spannungsfeld verstehen, in dem sich die betroffene Person bewege, zwischen ihrer körperlichen und psychischen Gesundheit und der sozialen Ebene, der Einstellung in der Gesellschaft, der Definition dessen, was legal und was illegal sei. Dem restriktiven Sicherheitswahn der Welser Stadtregierung kann er nichts abgewinnen. »Legalisierung (von weichen Mitteln) unter Kontrolle ist für mich der bessere Weg«, sagt er und nennt die Substitutionsbehandlung als Beispiel.

Hierbei erhalten Menschen mit Opiatabhängigkeit (Heroin) unter ärztlicher Kontrolle Ersatzstoffe verschrieben, vorwiegend das Medikament Substitol. Die Dosis wird so eingestellt, dass keine Entzugserscheinungen auftreten, was bleibt ist jedoch die Abhängigkeit. Die Substitutionsbehandlung wird in Österreich seit 1987 durchgeführt und gilt als Antwort auf häufige Misserfolge bei Entzugstherapien. »Erhaltungstherapie statt Abstinenz«, lautet das Ziel. Österreichweit gibt es laut Drogenbericht 35.000 bis 38.000 Opiatabhängige, etwas mehr als die Hälfte befindet sich in Substitutionsbehandlung, davon 2100 in Oberösterreich. Die meisten Personen, die Opioide konsumieren, tun dies in Kombination mit anderen illegalisierten Drogen, Alkohol oder Benzodiazepinen (Beruhigungsmittel). Eine Herausforderung auch für die Behandlung: »Die Patienten werden zunehmend schwieriger, weil sie mehrere Suchterkrankungen gleichzeitig haben«, berichtet Kurosch Yazdi. Er leitet die Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin im Keplerklinikum Linz. Dort befindet sich die größte Drogenambulanz in OÖ, 500 bis 1000 Patienten werden pro Jahr behandelt, insgesamt finden etwa 4000 Kontakte statt. »Wir sind ein Massenbetrieb«, beschreibt Yazdi die Lage. Die Betreuung beschränkt sich daher nur auf das Notwendigste, d.h. die medizinische Abklärung. Zwar gibt es auch in der Ambulanz Sozialarbeiter/innen, für eine umfassende psychosoziale Unterstützung werden Patient/innen jedoch oft an Einrichtungen wie Pro Mente vermittelt.

Ziel der Substitutionsbehandlung ist es, die Menschen zu stabilisieren, ihnen den Druck zu nehmen, sich über den Schwarzmarkt zu versorgen. Es soll eine gewisse Lebensqualität möglich sein, ein Leben mit der Sucht, aber unter Kontrolle. Gerade substituierte Menschen bewegen sich damit in einem Unterstützungsnetz, wo sie einerseits Hilfe und Chancen finden, andererseits auch Stigmatisierung und Einschränkungen ihrer Freiheit erleben. Um in das Substitutionsprogramm aufgenommen zu werden, müssen sie einen Behandlungsvertrag unterschreiben und regelmäßig zur ärztlichen Kontrolle gehen. Die Hausärzt/innen stellen in der Regel ein Dauerrezept aus, das von der Amtsärztin/vom Amtsarzt vidiert werden muss. Die Einnahme des Medikaments erfolgt »unter Sicht« in der Apotheke, und das täglich. In einer Kleinstadt wie Wels ist es fast unmöglich, dabei anonym zu bleiben. »Die Apotheken befinden sich teilweise im eigenen Wohngebiet«, berichtet ein Sozialarbeiter aus Wels. »Manche wollen sich nicht die Blöße geben und steigen gar nicht erst ins Programm ein«, weiß Anna[2] aus der Szene. Sie hat selbst eine Drogenvergangenheit und noch einige Kontakte. »Bei manchen wird zu stark kontrolliert, Menschen, die etwa berufstätig sind oder verlässlich wären. Bei anderen zu wenig«, kritisiert sie. Man sei dem »good will« der behandelnden Stellen ausgesetzt, meint auch Mike. »Einige steigen wieder aus, um sich von der Abhängigkeit vom Staat zu lösen.«

In Wels befinden sich 270 Menschen im Substitutionsprogramm, aufgeteilt auf 13 verschreibende Ärzt/innen. »Es ist sehr schwierig, neue Ärzt/innen zu finden«, heißt es von der Stadt Wels. Ein österreichweites Problem. Grund ist eine Verordnung von 2007, laut der Ärzt/innen eine Weiterbildung benötigen, um Substitutionspatient/innen behandeln zu dürfen. Auch sind viele nicht bereit, sich diese Arbeit anzutun. »Ich kann freie Stellen nicht besetzen, weil sich niemand bewirbt«, klagt Yazdi über den Mangel an Psychiater/innen in seiner Abteilung. »Die wenigsten wollen mit Drogenpatient/innen arbeiten. Da gibt es leichtere Aufgabenbereiche.« Dem Ressourcen- und Ärztemangel sei es geschuldet, dass es auch Lücken im System gebe. Lücken, durch die Substitutionsmedikamente etwa ihren Weg auf den Schwarzmarkt finden. Vor allem das am meisten verschriebene Substitol, das der Originalsubstanz in seiner Wirkung am nächsten kommt, ist auf dem Schwarzmarkt sehr gefragt. Eine Lösung sieht Yazdi allerdings nicht in einer stärkeren Kontrolle, sondern in einer stärkeren Auseinandersetzung mit den Menschen, um sie auf längere Sicht auf mildere Medikamente umstellen zu können. Wo wir wieder beim Ressourcenproblem wären.

Auch diesem liegt eine gewisse (negative) Haltung zugrunde. »Das Drogenproblem wirft grundsätzliche Fragen auf. Es geht um den generellen Umgang der Gesellschaft mit Sucht«, sagt der Welser Sozialarbeiter. Der Umgang und die Einstellung zeigen sich bereits in der Präventionsarbeit. »Junge Leute haben in Wels keine Perspektive«, klagt Anna. Ein Problem, dem die Politik auf ihre Art begegnet: In Wels gibt es nun weniger Personal und Gelder für Streetwork und Sozialarbeit, gleichzeitig wurde mehr in die städtische »Ordnungswache« investiert.

Dieser Text wurde – auch – als Teil einer größeren Auseinandersetzung im Rahmen des STWST-Projektes »Die STWST als öffentlicher Raum« beauftragt. http://stoer.stwst.at

 

[1] Name wurde von der Autorin geändert
[2] Name wurde von der Autorin geändert

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Alle Fotos: Thomas Rammerstorfer

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