Die Nummern der toten Kommunarden

Zu den grauenerregendsten Bilddokumenten der konterrevolutionären Gewalt, mittels derer die Pariser Kommune von 1871 niedergeschlagen wurde, zählt eine Fotografie, welche die Leichen von zwölf Männern zeigt: Die Toten werden der Kamera frontal in offenen Särgen präsentiert und sind in zwei Reihen angeordnet; die untere Bildhälfte nehmen sechs Särge ein, die auf den restlichen sechs aufliegen, gerade so, dass die hintere Reihe an Körpern zur Hälfte verdeckt wird, die Gesichter aller Toten aber kenntlich bleiben, genauso wie die auf der Brust der Leichen angebrachten Zettel. Letztere sind jeweils mit einer handgeschriebenen Zahl versehen, die Folge dieser Zahlen lautet für die obere Reihe von links nach rechts 6 – 4 – 5 – 7 – 8 – 4; für die untere Reihe: 10 – 9 – 11 – 2 – 3 – 1.
Werden die Toten auf diesem Foto als Trophäen zur Schau gestellt, stolz präsentiert von der siegreichen Partei derer von Versailles, wie erlegtes Wild? Dass sich die Bürgerlichen an den proletarischen Toten delektierten, dies berichtete einer der ersten Historiographen der Commune de Paris, Prosper Lissagaray, der selbst an den Kämpfen auf Seite der Kommune teilgenommen hatte. Nicht nur, dass gemäß seiner Darstellung der »behandschuhte, in Seide gehüllte Pöbel« sich rühmte, Gefangene erschossen zu haben, machten »ausgelassene, elegante ‹Damen› (…) sich ein Vergnügen daraus, die Leichen zu betrachten, und hoben mit ihren Sonnenschirmen die letzte Bekleidung der tapferen Toten auf, um sich daran zu ergötzen.«

Warum dann aber die handgeschriebenen Zettel mit den Zahlen auf den Toten? Dienten sie dem Abzählen der Toten, so wie von adeligen Jagdgesellschaften gerne die Anzahl der zur Strecke gebrachten Fasane, Hasen und Rebhühner kolportiert wurde? Die Zeitungen der Habsburgermonarchie etwa verzeichneten penibel, wieviel Rehe oder Flamingos der Thronfolger Franz Ferdinand in der Heimat sowie auf seinen Weltreisen erlegte, bis er von Gavrilo Princip im Sommer 1914 an derlei Tiermord gestoppt wurde. Wäre das Foto demnach das erste einer Serie, mittels derer ein brutalisiertes Bürgertum sich seines Siegs vergewissern wollte? Dann stellte sich aber die Frage, warum die Reihenfolge der Zahlen durcheinander geriet, ganz zu schweigen von dem Umstand, dass die Zahl 4 doppelt vorkommt.

Obendrein hatten die neuen alten Herren gar kein Interesse daran, die exakte Zahl der getöteten Kommunardinnen und Kommunarden zu eruieren; sehr schnell war – zum Beispiel im Figaro – die Parole ausgegeben worden, dass diese nie genau bekannt sein würde. Die Folge war eine bis in unsere Gegenwart andauernde Auseinandersetzung um den body count der »Blutigen Woche«, der semaine sanglante vom 21. bis 28. Mai 1871, in der die Kommune ihr gewaltsames Ende fand. Lissagaray ging von mindestens 20.000 Toten aus, es sollten noch höhere Zahlen kursieren. Demgegenüber stehen die Bemühungen britischer Historiker wie Robert Tombs und Howard G. Brown, die Zahl der Toten herunterzurechnen: Circa 7.000 Opfer, so der erstere, 8.500, so korrigierte ihn der zweitere. Zuletzt stellte Michèle Audin – keine Fachhistorikerin, sondern eine pensionierte Professorin für Mathematik der Universität Strasbourg – auf eigene Faust Recherchen an, wobei sie nicht zuletzt die Zeit des coronabedingten Lockdowns nützte, um die nunmehr digitalisiert vorliegenden Register der Pariser Friedhöfe durchzuforsten: Ihren Berechnungen zufolge sind darin zumindest 10.000 Tote der semaine sanglante dokumentiert, zu denen allerdings noch einige tausend weitere in den Friedhöfen der Vororte Begrabene, die Toten der dem blutigen Ende der Kommune vorangegangenen Kämpfe, sowie die danach Hingerichteten und schließlich die undokumentiert Verscharrten zu addieren seien. Unter dem Pariser Pflaster lag nicht nur der Strand; im Zuge der Straßenbauarbeiten der Belle Époque wurden immer wieder Skelette gefunden.

Audins Recherchen ist auch noch eine weitere Entdeckung zu verdanken: Im Register des Friedhofs Père Lachaise befindet sich für den 11. April 1871 der Vermerk: »12 corps Photographiés« – 12 Leichen wurden demnach nach vorhergehender fotografischer Erfassung anonym bestattet. Handelt es sich um das vorliegende Foto? Endgültigen Beweis gibt es keinen und viele der zu dem Foto vorliegenden Bildbeschreibungen und Kommentare haben es den ein Monat später stattgefundenen Massakern der semaine sanglante zugeordnet, so auch noch die im August 2020 auf Arte ausgestrahlte Dokumentation »1870/71 Fotografien eines vergessenen Krieges«. Allerdings, eines der erhaltenen Exemplare des Fotos, jenes nämlich im Musée d‘art et d‘histoire de Saint-Denis, trägt die Bezeichnung »Victimes des 3, 4, et 5 avril 71«, womit es sich um Tote der Kämpfe von Anfang April 1871 handeln würde, als die Kommune mit einer Gegenoffensive gegen die in Versailles stationierten Regierungstruppen scheiterte.

Es ist belegt, dass der Kommune sehr daran gelegen war, die Identifizierung unbekannter Gefallener auch nach ihrer Beerdigung sicherzustellen: Wenige Tage nach der erwähnten Offensive – am 10. April – erließ sie ein Dekret, gemäß dem anonyme Tote fotografiert werden sollten und diese Fotos mit einer »Ordnungsnummer« (»numéro d’ordre«) versehen an das Rathaus zu schicken seien. Dort war eine zentrale Meldestelle eingerichtet worden, an die sich Angehörige bei der Suche nach Vermissten wenden konnten. Die Nummer sollte zum einen die Verbindung zum Sarg, in dem die Toten bestattet waren, herstellen, zum anderen wurde sie auch den bei den Leichen vorgefundenen Habseligkeiten zugewiesen. Tatsächlich existieren in Pariser Archiven und Sammlungen eine Menge von Fotos in Visitkartengröße, die Brustbilder von einzelnen gefallenen Kommunarden zeigen, auf deren Rand – zumeist dreistellige – Nummern aufgeschrieben wurden; auf manchen der Fotos ist zusätzlich ein »r« angebracht – »reconnu«, die Person konnte also nachträglich erkannt werden.

Eine umfassende Erforschung eines solchen Einsatzes von Nummern zur Ermöglichung der Identifizierung getöteter Aufständischer existiert bislang nicht; Materialien dafür lassen sich auch belletristischen Darstellungen entnehmen: Éric Vuillard etwa erwähnt in seiner Miniatur 14. Juli, dass den Toten des Réveillon-Aufstands (28. April 1789) »kleine Karten mit Nummern« angeheftet wurden und Kommissare minutiös die Körper beschrieben; Oskar Maria Grafs Wir sind Gefangene wiederum lässt sich entnehmen, dass nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik im Frühling 1919 an den im Ostfriedhof aufgebahrten, mehr als 100 Leichen »Paketadressen oder kleine Pappendeckel« angebracht waren, auf denen »der Name oder eine Nummer« stand.

Dass das makabre Gruppenfoto des Pariser Frühlings von 1871 im Zusammenhang mit den Bemühungen der Kommune steht, anonymen Toten ihre Namen auch nach erfolgter Beerdigung zurückzugeben, erscheint somit als äußerst wahrscheinlich, auch wenn damit nicht geklärt ist, warum eine Nummer doppelt auftaucht. Sicher ist, dass es sich nicht um das einzige Foto dieser Art des Jahrs 1871 handelt und dass sich die Praxis, getötete Kombattanten gruppenweise in offenen Särgen mit angehefteten Nummern zu fotografieren, schon in den Monaten vor der Installierung der Arbeiterregierung nachweisen lässt: Bereits nach der Schlacht von Buzenval (19. Jänner 1871) wurden 250 getötete französische Soldaten im Auftrag des Polizeikommissar Gustave Macé dermaßen fotografiert.

Die Kommune sollte mit ihrer Anordnung vom April diese Praxis systematisieren – und zugleich auch individualisieren, denn die Getöteten wurden zumeist in Einzelaufnahmen porträtiert; mag sein, dass das mit April datierte Foto eine Zwischenstufe in dieser Entwicklung darstellte. Die Namen der Fotografen, die diesen Dienst an den Toten leisteten, sind bekannt: Y. Bondy, Auguste Muriel, Dellaras et Grelet und vor allem Eugène Pirou; ob das Foto mit den 12 Leichen tatsächlich von Eugène Disdéri stammt – sein Nachname ist am Karton des Abzugs angebracht –, ist bis heute strittig. Disdéri war jener Fotograf, der in den Jahren zuvor die Visitkartenfotografie popularisiert und für Teile des Bürgertums erschwinglich gemacht hatte; nach der Niederschlagung der Kommune sollte er sich an der konterrevolutionären Bildpropaganda mit Fotos von Paris in Ruinen beteiligen.

In der semaine sanglante brachen die Bestrebungen um die Erhaltung der Identifizierbarkeit der Getöteten zusammen – ein weiteres Argument dafür, dass die betreffenden Fotos mit den Nummern in den Wochen davor angefertigt wurden.

Angesichts der Allmacht des »bürgerliche[n] Kontrollnetz« (Walter Benjamin), das im 19. Jahrhundert noch die entferntesten Lebensbereiche erfassen sollte, haben nicht nur HistorikerInnen eine besondere Aufmerksamkeit für Strategien des Entziehens entwickelt; zugleich sollte aber nicht vergessen werden, dass Identifizierungstechniken wie die fotografische Erfassung, Nummerierung, Fingerabdrücke und auch die DNA-Analyse nicht alleine zur Vermehrung staatlicher Macht dienen, sondern auch dem Zweck, anonyme Tote zu benennen und Angehörigen wenigstens die Gewissheit um deren Schicksal zu geben. Eine gleiche Stoßrichtung hat die bereits vor mehr als zehn Jahren von Esperance-François Ngayibata Bulayumi erhobene Forderung, die massenhaft dem europäischen Grenzregime zum Opfer fallenden Flüchtlinge aus deren anonymen Tod zu holen: Eine DNA-Analyse der Ertrunkenen soll seinem Vorschlag nach zumindest ermöglichen, dass die Hinterbliebenen um diese trauern können, statt sie lebenslang im Unklaren zu belassen.

Die Nummern der toten Kommunarden zeugen jedenfalls von den Bemühungen, den anonym Bestatteten zumindest potenziell ihre Namen wiederzugeben und können auch als Aufbäumen gegen die Vertuschungsbemühungen der Partei der Ordnung betrachtet werden.

Auswahl aus den verwendeten Materialien:

Audin, Michèle: La Semaine sanglante. Mai 1871. Légendes et comptes. Montreuil: Éditions Libertalia, 2021.
Audin, Michèle; 11 avril 1871 – inhumations « sans mandat » au Père-Lachaise, in: La Commune de Paris. Blog de Michèle Audin, 11.5.2020, https://macommunedeparis.com/2020/05/11/11-avril-1871-inhumations-sans-mandat-au-pere-lachaise/ (letzter Zugriff 9.11.2021)
Brown, Howard G.: Mass Violence and the Self. From the French Wars of Religion to the Paris Commune. Ithaca/London: Cornell University Press, 2018. (Zahl der Toten S.195f, zur Fotografie S. 203f.)
Cadavres d‘insurgés dans leurs cercueils, fr.wikipedia.org <https://fr.wikipedia.org/wiki/Cadavres_d‘insurg%C3%A9s_dans_leurs_cercueils> (letzter Zugriff 9.11.2021)
Bulayumi, Espérance-Francois Ngayibata: Requiem für Pescho. Eine Trauerarbeit der anderen Art. Wien: aa-Infohaus, 2008.
Lissagaray, Prosper: Geschichte der Commune von 1871 Frankfurt am Main: Suhrkamp es 577, 1971. (zur Schau gestellte Tote S.361f , Zahl 20.000: S. 371)
 

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Kommunarden in ihren Särgen (Fotografie vermutlich von André-Adolphe-Eugène Disdéri, Mai 1871)

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