Was nun? vs. Was tun!

Was nun?

Vor den Kulissen wurde wieder abgesagt und geschlossen, also hier Wenig bis Nichts, hinter den Kulissen wird auf Hochdruck gebrütet und gearbeitet. Der eine Bereich muss/kann arbeiten, der andere Teil braucht/darf nicht. Die Arbeits-Diskrepanz von Nichtstun bis High Voltage zeigt sich in Definitionen und Regulierung von Arbeit, in realen Einkommenssituationen bzw aktuell in der Versorgung und Nicht-Versorgung von Menschen, zieht sich in einer nochmals erhöhten Diskrepanz bis in die kleinsten Strukturen hinein: Es fallen Begriffe wie Systemrelevanz. Aber wer oder was soll plötzlich NICHT systemrelevant sein, wer oder was soll eigentlich überhaupt NICHT mehr relevant sein, nur weil eine kurze Außenwirkungspause eingelegt wird? So weit kommt‘s noch. Bildet Cluster, mikroorganisiert euch! Das hört sich nach der Kampfansage an, die wir gerade noch gebraucht haben. Die Aussagen sind vorgefunden und zusammenmontiert. Sie hebeln sich aus, arbeiten gegeneinander, sind Dynamik-Mimikry – und was das genau heißen soll: Wir wissen es nicht. Jedoch: Wir wollen das mal angedacht haben, zwischen Wirtschaftsclustern (ja, die gibt es auch noch) und diversen Biosphären-Rückzügen (Mikro-Unternehmer übrigens auch). In dieser unglaublichen Gemengelage an globalen Entwicklungen und Krisen kann es ja sein, dass wir nun zuguterletzt genau diejenigen systemrelevanten Banden zu bilden haben, die nun doch irgendwann mal für das richtige Leben im falschen Komposthaufen sorgen werden.

Auch wenn wir keine Ahnung haben, wie das gehen soll. Oder besser gesagt, wo das stattfinden soll: Auch der Komposthaufen mikroorgansiert und entkörpert schließlich auf die organischste  Weise. Riecht schon ein wenig nach dem ewigen Kreislauf des Lebens. Soll aber auch heißen: Viel Spaß bei der Pflege deines Insta-Gartens oder deines Was-auch-immer-Accounts. Im Netz wird auf unheimliche Weise freiwillig eingespeist und bis in die Blutbahnen und Rohstoffadern organisiert und kompostiert, das ist uns schon etwas entglitten. Wenn wir zwischen zwischen Posts, Streams, Video-Schalten, Bitcoin-Wetten (und was auch immer) schnell mal den Biomüll in den Garten tragen, bleibt ein ganzer zusätzlicher Bereich ohne irgendwelche Risikofolgenabschätzungen: Die Energieversorgung hinter Datengoldrush und dem Digitalisierungsschub. Jetzt ist‘s eh schon wurscht? Gibt’s da einen Plan? Momentane Covid-Maßnahmen hin oder her, geglückte Durchimmunisierung der neu-mikroorganisiert-geimpften Körper am Horizont, detto.

Zum Kerngeschäft der Kultur gehören wohl viele Dinge. Nicht zuletzt ist es wesentlich, dass sich ein Kerngeschäft permanent neu zu definieren vermag. Nix ist fix, und hier sowieso. Das bedeutet im täglichen Geschäft der Initiativen und ProduzentInnen unter anderem sich zusammenzutun (oder auch nicht), Kunst zu produzieren (die sich auch entzieht), Entwicklungen voranzutreiben (und deren Gegenentwicklungen), kritische Überprüfungen anzustellen (die wild gedacht und gemacht sein können), ätzende Kommentare abzugeben (die Spaß machen können), Kulturveranstaltungen umzusetzen (oder derzeit eben nicht) und so weiter. Oftmals hat man sich in der Kultur darauf spezialisiert, zu unterhalten und/oder der Gesellschaft einen ästhetisierten Verhaltensspiegel vorzuhalten: manches Mal mit ironischem Augenzwinkern bis der Tick selbst zum Symptom wird. In der Stadtwerkstatt erkenne ich über die Jahre einen gewissen Ansatz, eine Kunst in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen vorzuführen: Nämlich, wie diejenigen Mittel und Matters, die sich eine Gesellschaft zu eigen gemacht hat, sich völlig unironisch gegen sie wendet – während die Projekte dies thematisieren und selbst durchaus ein aufklärerisches, selbstermächtigendes und körperliches Momentum vorantreiben. Diverse Projekte anzuführen, die diese Aussage untermauern – das böte durchaus Stoff genug für eine Dissertation, würde aber hier den Rahmen sprengen. Ich möchte das aber an dieser Stelle deshalb gesagt haben, weil sich existenzbedrohende globale Probleme durchaus mehr als deutlich abzeichnen: Dass sich nämlich unsere Systeme generell gegen uns wenden, in einem techno-ökologischen Großzusammenhang, der sich gewaschen hat. Insofern kann »Etwas tun« durchaus auch heißen, nichts zu tun, wenn alles vor Produktivität wütet – im Exploitation-Karussell. Beziehungsweise sollte das im Krisen-Modus vielmehr heißen, die Frage »Was nun?« in einem viel größeren Sinn zu reflektieren und sich den Luxus zu nehmen, ein Tun neu zu konzipieren in ein anderes »Was!«. Immer mit der bewährten Frage im Hintergrund: Ist das System, wie wir es kennen, eigentlich relevant?

 

Was tun!

Der diese Tage öfters bemühte Satz »Kunst und Kultur sind genauso Lebensmittel« ist sicherlich gut gemeint (und hat auch einen wahren Kern), ist in zweierlei Hinsicht aber problematisch (und letztlich kontraproduktiv):
Als Sachverhaltsdar-stellung ist er falsch: Das Stillen von Hunger und Durst sind für die menschliche Bedürfnisbe-friedigung unabdingbar (und das bedeutet »Lebensmittel«). Das Räsonieren über die Hektik modernen Lebens, ausgelöst vom Betrachten eines impressionistischen Bildes, dagegen nicht. Das mag erbsenzählerisch klingen und den Einwand provozieren, dass Lebensmittel »metaphorisch« zu verstehen sei. Gegen den Satz »Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral« (aus der Dreigroschenoper) kommt aber auch dieses Veto nicht an und setzt sich außerdem dem Verdacht aus, die materielle Not auf der Welt zu verharmlosen. Und nicht – wie intendiert – Kunst und Kultur aufzuwerten.
Eine gesamtgesellschaftliche Forderung, Kunst und Kultur in den Rang eines Lebensmittels (wie metaphorisch auch immer) zu heben, gerät in die Bredouille, an der bislang auch die meisten kommunistischen Ansätze gescheitert sind: Der Notwendigkeit einer Festlegung objektiver Bedürfnisse.
Zu bestimmen, was Menschen brauchen, bedeutet zugleich zu bestimmen, was Menschen nicht brauchen. Man begibt sich in die Position auf dem Feldherrenhügel, auf der auch die schönste Utopie in Dystopie, die beste Idee in Ideologie umschlägt, weil Herrschaft und Zwang in ihr angelegt sind.
Der wahre Kern der Formulierung vom Lebensmittel Kunst und Kultur zeigt sich, wenn man sie umdreht: Es geht nicht darum, dass die meisten Menschen Kunst konsumieren müssen, sondern dass manche Menschen sie machen wollen. Die gesellschaftliche Aufgabe besteht damit nicht primär darin, ein Publikum mit Kunstprodukten zu versorgen, sondern zu gewährleisten, dass Menschen, die Kunst machen wollen, auch die Möglichkeit dazu haben.
In dieser Betrachtungsweise existiert ein Bereich der Kunst also nicht deshalb, weil jemand (von oben herab) verfügt hat, dass »eine Gesellschaft« den braucht, sondern, weil Menschen (aus sich heraus) Kunst machen (z.b. auch mit Lebensmitteln). Wenn diese aber derzeit auf sich selbst und ihre Sphäre zurückgeworfen und isoliert sind, stellt sich zwar die Frage: Was nun? Die Antwort wäre einfach: Was tun!

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