Wissensproduktion für die Anti-Zivilisation

Der dieses Jahr erschiene Sammelband »Das faschistische Jahrhundert. Neurechte Diskurse zu Abendland, Identität, Europa und Neoliberalismus« beschäftigt sich mit Bezügen der »Neuen Rechten«. Till Schmidt gibt einen Überblick über die einzelnen Beiträge.

1932 sagte Benito Mussolini ein neuartiges Jahrhundert voraus. Für die Rettung aus der Krise stünden Ideen bereit, die »in jeder Nation überall auf der Welt aktiv« seien. Da die faschistischen Ideen rechtzeitig zur Reife gelangen würden, wäre eine positive Zukunft der Menschheit gesichert. »Wir sind endgültig in eine Periode eingetreten, die man als Übergang von einer Zivilisation zu einer anderen bezeichnen kann«, schrieb Mussolini. Die »Ideologien des 19. Jahrhunderts« – gemeint sind Marxismus und Liberalismus – »stürzen zusammen und niemand findet sich zu ihrer Verteidigung«.

Da sich Faschismus und rechter Autoritarismus zu diesem Zeitpunkt tatsächlich auf einem Höhepunkt befanden, war Mussolinis Voraussage damals durchaus plausibel. Fast neunzig Jahre später ist allerdings klar, dass der italienische Duce falsch lag. Doch was, wenn wir Mussolini so verstehen, dass er gar nicht das 20. Jahrhundert meinte, sondern vielmehr das Jahrhundert nach der Gründung des Faschismus? Dann, so schreibt der britische Faschismusforscher Roger Griffin, »verändere sich die Geschichte, die wir uns selbst erzählen, radikal«.

Griffin plädiert für eine Perspektive auf den Faschismus, die diesen nicht als rein historisches Phänomen analysiert, sondern ihn vor allem in seinen aktuellen und zukünftigen Ausprägungen in ­
den Blick nimmt. Griffins Essay bildet den programmatischen Auftakt eines kürzlich im Verbrecher Verlag erschienenen Sammelbandes. »Das faschistische Jahrhundert« besteht aus sechs, teils über 50 Seiten langen Aufsätzen.

Die Autor*innen des Sammelbandes beleuchten einige der für die Neue Rechte zentralen Begriffe wie »Abendland«, »Europa«, »Liberalismus« oder »Identität«. In seinem Vorwort hält der Herausgeber Friedrich C. Burschel fest, dass das Denken der Neuen Rechten zwar gerne intellektuell tiefgründig daherzukommen versuche, es im Kern aber so »brutal, einfältig und letztlich auch banal« sei, dass es im eigentlichen Sinne gar nicht als »Theorie« gefasst werden könne. »Faschistische Wissensproduktion« sei Burschel zufolge ein viel passenderer Begriff.

Aufhänger für Roger Griffins Essay ist das von Mussolini konstatierte »faschistische Jahrhundert«. Bereits in den 1990ern seien »Umrisse neuer Erscheinungsformen des Faschismus sichtbar geworden, die erst später vollständig zu erkennen waren«. Als Beispiele nennt der Historiker den sich damals im Aufschwung befindlichen ethnischen und religiösen Hass, wie er sich etwa im Jugoslawien-Krieg brutal ausdrückte, die neonazistischen Anschläge durch Timothy McVeigh in Oklahoma City 1995 und durch David Copeland in London 1999 sowie die Gründung des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) 1998 in Deutschland.

Alle diese Akteure (und später zahlreiche weitere) versuchten, durch ihre gewalttätigen Handlungen ihre Träume von ethnischer Trennung, kultureller Reinigung, erzwungener Rücksiedlung und dem Armageddon des Rassekrieges in die Realität umzusetzen – letztlich, so interpretiert Griffin, als Alternative zum von Francis Fukuyama konstatierten »Ende der Geschichte«, dem Ende der Zusammenstöße zwischen fanatischen Ideologien. Angesichts des rasanten Voranschreitens, der enormen Wirkmacht und der immer häufigeren Umsetzung dieser Ideen fragt Griffin, ob wir uns aktuell in einer »Übergangsphase von einer Zivilisation zu einer technologisch bestimmten Anti-Zivilisation« befinden:

Einer Übergangsphase von einem Zeitalter der liberalen Demokratie, die niemals umfassend verwirklicht wurde, in eines von unzähligen kleinen und großen Auseinandersetzungen zwischen ethnischen, kulturellen und religiösen Identitäten, die bewaffnet und ausgerüstet worden sind, sich in eine neue Form der […] Politik der ‚gegenseitig sicheren Zerstörung‘ […] zu stürzen, so wie sie in dem Film ‚Dr Strangelove oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben‘ parodiert worden ist?

Griffin beendet seinen Essay appellativ damit, dass sich liberale Humanist*innen gleich welcher Herkunft und Religion überall auf der Welt »aktiv in den Kampf stürzen« sollten, um die grundlegenden Freiheitsrechte sowohl in den zahlenmäßig schwindenden Demokratien als auch unter autoritären Regimen zu verteidigen. Griffin selbst versteht sich als liberaler Bürgerlicher, dessen Faschismusbegriff auf einem konstituierenden Vorhandensein eines nationalen Erweckungsmythos oder eines Wiedergeburtsnarratives beruht. Dazu kommt das zentrale Moment von Gewalt und Gewaltanwendung.

Mit der Ideengeschichte und Wiederkehr des assoziationsreichen Kampfbegriffes »Abendland« beschäftigt sich der Politikwissenschaftler und Journalist Felix Korsch in einem weiteren Beitrag des Sammelbandes. Nicht erst seit Pegida komme dem »Abendland« eine erhebliche Bedeutung im politischen Diskurs in Deutschland zu. Die Verwendung des Begriffes durch die »Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« zeichne sich zwar durch eine gewisse inhaltliche Leere aus. Dennoch verweise der Topos identitätsstiftend auf ein vermeintlich höheres Gut, um das es den Protestierenden gehe, die sich in einem übergeschichtlichen Standort wähnen und zudem, wenn auch nicht offen, durch ihre Bezugnahme auf ein der Bundesrepublik entgegengesetztes Ideal-Deutschland, eine politische Ordnungsfrage stellen.

Korsch zeigt, wie der Philosoph Oswald Spengler durch seine Schrift »Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte« (1918) einen entscheidenden Beitrag zur Etablierung des Begriffs des »Abendlandes« als stehende Wendung leistete. Mit »Untergang« meinte Spengler nicht ein Ende der Welt, sondern, so Korsch, das »Universal-Werden der abendländischen Kultur in einer Weltzivilisation«. Die »abendländische Kultur« würde dadurch ihren Status als »Kultureinheit« verlieren, sodass vom »Abendland« dann nicht mehr gesprochen werden könne. Einen Grund für diese angebliche Entwicklung gibt Spengler in seinem Buch allerdings nicht an; er fragt nicht einmal danach.

Auch wenn derartige düstere Gedanken seinerzeit nicht neuartig waren, prägte Spengler mit seiner geschichtsphilosophischen Schrift eine bestimmte Form des radikalen Nationalismus der Weimarer Republik stark. Ein Teil des rechtsradikalen Schrifttums jener Zeit könne, so Korsch, als Versuch gelesen werden, in die bei Spengler vorgezeichnete geschichtliche Entwicklung mit aller Macht und Gewalt einzugreifen. In dieses Horn stieß Spengler dann aber selbst mit seinem 1922, nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg erschienen zweiten Band von »Der Untergang des Abendlandes«. Am Ende des Buches ruft er – unerwartet und im Widerspruch zur vorangegangenen Darstellung – dazu auf, am Ringen um die Vormacht im zukünftigen Weltstaat mitzuwirken. Spengler vertrat dabei eine brachiale, autoritäre Heilserwartung.

Dem langen Schatten, den Spenglers Kulturkritik geworfen hat, spürt Korsch in seinem Beitrag bis in die Gegenwart nach. Dabei thematisiert er die Spengler-Rezeption in der Weimarer Republik genauso wie die Idee des »Reiches« als Bezugspunkt für deutsche Rechte vor, während und nach dem Nationalsozialismus. Korsch macht darüber hinaus deutlich, an wie vielen (und teils gegensätzlichen) inneren und äußeren Frontlinien die Vertreter der Abendland-Idee kämpften, um dieses vor Gegner*innen und Feind*innen zu retten. Insgesamt, so zeigt Korsch, eignet die »notorische Unterbestimmtheit« des Abendlandbegriffes diesen besonders gut zum exkludierenden Homogenitätskriterium.

Heutigen extremen Rechten gehe es bemerkenswerterweise weniger um einen Bezug auf die Vergangenheit, sondern vor allem um eine Krisen-deutung der Gegenwart. Diese werde verbunden mit einer »anschwellenden Bürgerkriegsrhetorik« und dem Stellen der politischen Ordnungsfrage. Auch im parteipolitischen Vorfeld klinge das an, wenn etwa Björn Höcke von der AfD als »letzte[r] evolutionäre[n] Chance« für Deutschland spricht oder der Parteiideologe Marc Jongen konstatiert, dass die als zerstörerisch imaginierte Moderne auf graduellem Weg nicht mehr aufzuhalten sei.

Die weiteren Beiträge aus »Das faschistische Jahrhundert« beschäftigen sich mit den Netzwerken der Identitären Bewegung und Neuen Rechten sowie mit dem Verhältnis von Neuen Rechten und Neoliberalismus. Der Historiker Volkmar Wölk beleuchtet in seinem Aufsatz »Alter Faschismus in neuen Schläuchen?« die Europa-Konzepte der Neuen Rechten, wie sie aktuell im Umfeld des »Jungeuropa-Verlages« ihre Wiederauflage finden. Insgesamt sind die »terminologischen Tiefenbohrungen« (Burschel) der einzelnen Beiträge ertragreich, allerdings auch sehr dicht und teils recht voraussetzungsreich. Der Band erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern greift einzelne zentrale Begriffe des neurechten Denkens heraus. Diesen Begriffen in ihrer Herkunft und Entwicklung nachzuspüren gelingt den einzelnen Beiträgen gut.

Das Buch

Friedrich Burschel (Hg.): Das faschistische Jahrhundert. Neurechte Diskurse zu Abendland, Identität, Europa und Neoliberalismus Verbrecher Verlag 2020, Broschur, 264 Seiten, Preis: EUR 19,00
 

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Zur Abwechslung neuer Wein in alten Schläuchten? Liktoren mit »fasces« bei einer Prozession in Katalonien (Bild: Xadaga (CC BY-SA 3.0))

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