Ohne Utopie bleibt die Apokalypse

Ein kritisch-psychologischer Blick auf die Coronakrise von Daniel Sanin.

Ist Corona ein Einschnitt? Eine Krise? Eine Zäsur? Viele Bezeichnungen werden bemüht, um die Wucht und Tragweise dessen zu benennen, was uns hier widerfährt. Ich plädiere für eine andere Perspektive: Vielmehr als dass uns Corona etwas »gibt« – Krankheit, Krise usw. –, nimmt es uns etwas weg: Illusionen. Es ist wie in der Parabel »Des Kaisers neue Kleider« und es ist höchste Zeit, dass alle anerkennten, dass der Kaiser nackt ist, dass also Corona auf gesellschaftlicher und sozialer – natürlich nicht auf individuell-gesundheitlicher – Ebene nichts »verursacht«, »hervorbringt«, »produziert« oder sonst wie aktiv hinzufügt, sondern wie eine Sehhilfe klarer zeigt, was Sache ist. Es ist wie in John Carpenters Film »Sie leben!«, wo der Hauptdarsteller zufällig eine Brille findet, die ihn die gesellschaftliche Wahrheit erkennen lässt, nämlich, dass sich das ganze bunte Treiben nur um Ausbeutung und schnödes Funktionieren dreht.

Psychologie

Gesellschaftlich haben wir es nicht mit solidarischen und kooperativen Strukturen zu tun, sondern mit spaltenden und instrumentellen. Dergestalt sind also die Bedingungen, in den wir alle unser Leben führen müssen. Was macht das mit uns? Die herrschende Ideologie will uns ja glauben machen, dass Konkurrenz und Egoismus die »Natur« des Menschen seien und so konsequenterweise eben auch die Gesellschaft gestaltet ist. Viele Wissenschafter_innen haben gegen diesen Unsinn angeschrieben und -geredet. Gerade die Psychologie ist hier jedoch ein unrühmliches Beispiel, da sie auf Individualisierung, Psychologisierung und Pathologisierung spezialisiert ist. Das klassische Bild der Psychologie kann mit Margaret Thatcher auf den Punkt gebracht werden: Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen und Familien.

Dieses verzerrte Weltbild kann und konnte natürlich nicht unwidersprochen bleiben und so gibt und gab es viele kritische und alternative Ansätze kritischer Psychologien, die jedoch mehr oder weniger marginalisiert wurden und werden. Ich möchte hier auf die Kritische Psychologie nach Holzkamp und Osterkamp eingehen, da sie den umfassendsten Ansatz liefert und damit unser Coronathema analysieren.

In der Kritischen Psychologie ist der Mensch nicht ohne Gesellschaft denkbar. In der Entwicklung zum Menschen hin kam es zu einer Phase des Dominanzwechsels vom genetischen Prinzip zum gesellschaftlichen. Die Gesellschaftlichkeit hat das Biologisch-Genetische als Entwicklungsmotor abgelöst. Die »neue Natur« des Menschen ist also seine Gesellschaft. In diesem Sinne hat der Mensch auch keine Umwelt, sondern immer nur Welt. Die Bedingungen, in denen Menschen ihr Leben führen, zeigen sich ihnen als Bedeutungen. Diese sind somit die den Individuen zugewandten Aspekte der Bedingungen und solcherart individuell und kollektiv veränderbar (und dadurch potentiell auch die Bedingungen). Überhaupt hat der Mensch gegenüber seinen Bedingungen eine doppelte Möglichkeit, nämlich sie zu akzeptieren und in ihnen zu handeln oder sie zu verändern. Wie schon eingangs geschildert, leben wir unter Herrschaftsbedingungen, die nicht den Menschen und seine Bedürfnisse als Maßstab haben, sondern unter kapitalistischen, die menschliche Bedürfnisse nur soweit tolerieren und formen, wie es für die Profitmaximierung notwendig bzw. sogar förderlich ist. Insofern gilt das oft geäußerte Bonmot, man arbeite schließlich, um zu leben, aus Systemperspektive genau umgekehrt: Wir leben, um zu arbeiten. Die Prinzipien unserer Gesellschaft sind somit Funktionalität und Instrumentalität. Ich bin nur was wert, wenn ich was nütze bin. Dieses Prinzip verinnerlichen wir seit Kinderbeinen in unterschiedlichem Grade und handeln danach. Insofern spricht die Kritische Psychologie hier auch nicht einfach von »Motivation«, eine allfällige Handlung zu planen oder durchzuführen, sondern von »innerem Zwang«. Die neutrale Rede der Mainstream-Psychologie von Motivation verschleiert die Umstände. Unter diesen Bedingungen ist anderen gegenüber erst mal Misstrauen angebracht: Genauso, wie ich ein instrumentelles Verhältnis zu ihnen habe, haben sie eines zu mir.

Der Mensch ist nur über den Weg der Kooperation und die emotionale und kognitive Möglichkeit der Verallgemeinerbarkeit des jeweils eigenen Standpunkts zum Menschen geworden. Die Mär vom Homo Oeconomicus ist eben das: eine Mär. Wir sind soziale Wesen, die in Gesellschaftlichkeit kooperativ ihr Leben führen. Der Kapitalismus über- oder verformt die menschlichen Potentiale und wendet sie gegen die Subjekte. Aus Motivation wird innerer Zwang, aus intersubjektiven Beziehungen werden instrumentelle, aus Emotion wird Innerlichkeit und aus Begreifen wird Deuten. Die zweiten Begriffe entsprechen den verstümmelten Varianten der psychologischen Dimensionen menschlicher Handlungsfähigkeit, eines zentralen Konzepts der Kritischen Psychologie. In diesem Fall sprechen wir analytisch von restriktiver Handlungsfähigkeit, da ich die Restriktionen unangetastet lasse und sie mittrage. Die ersten Begriffe bezeichnen die Potentiale menschlicher Handlungsfähigkeit, jene, die zum Tragen kommen, wenn mein Handeln den eigenen Standpunkt überschreitet, wenn das Ziel meines Handelns ein verallgemeinertes ist.

Bei der restriktiven Handlungsfähigkeit habe ich einen kurz- bis mittelfristigen Vorteil, da ich meine Interessen gegen jene von anderen durchsetze, also die unterdrückenden, entwürdigenden, ausschließenden etc. Verhältnisse stütze, die mir meine aktuelle Handlungsfähigkeit bedingt gestatten. Bei der verallgemeinerten Handlungsfähigkeit hingegen sind die Handlungsbedingungen das Ziel, die dergestalt verändert werden, dass sie verallgemeinerten – und nicht partikularen – Nutzen haben. Hier habe ich also keinen unmittelbaren Gewinn, aber ein sofortiges Risiko, da ich den mit vorher gewährten Handlungsspielraum verlieren kann. Längerfristig jedoch können – in Kooperation mit anderen – Bedingungen entstehen, die allen zum Vorteil gereichen und zu ihrer Freiheit, Entfaltung und Emanzipation beitragen. In diesem Spannungsfeld zwischen restriktiver und verallgemeinerter Handlungsfähigkeit bewegen wir uns ständig. Allerdings machen wir es uns in der Regel nicht klar und reflektieren die doppelte Möglichkeit nicht umfassend. Wir bleiben meist bei einer simplen Kosten-/Nutzen-Rechnung stehen. Es ist aber gerade wichtig, sich selbst und andere in der eigenen Gesellschaftlichkeit zu denken, breit, vernetzt, zusammenhängend, gegenseitig abhängig.

Corona

An diesem Punkt stehen wir in dieser Coronaphase auf gesellschaftlicher Ebene. Ich würde es sogar so formulieren, dass Gesellschaft gerade besonders spürbar ist: die Zusammenhänge, die Abhängigkeiten, die relevanten Bereiche, die Bullshit-Jobs (David Graeber) u. v. m. Die psychischen Belastungen, die wir – in unterschiedlich starkem Ausmaß – gerade spüren, zeigen uns, was falsch läuft: Überlastung, Einsamkeit, Sinnlosigkeit, Ausbeutung, Unterdrückung, Abhängigkeit, Überforderung, Orientierungslosigkeit usw. gab es schon, nun werden sie zunehmend unaushaltbar für die einen und überhaupt erst spürbar (oder nicht mehr verdrängbar?) für andere.

Die permanente (gouvernamentale) gesellschaftliche Reaktion darauf ist: Rückzug und Arbeiten! Der Appell lautet: Lasst alles weg, was Spaß und das Leben lebenswert macht und konzentriert euch auf eure Pflicht! Seid hart, seid diszipliniert – oder wie in »Sie leben!«: Kaufe, Arbeite, Schlafe, Gehorche. Der Widerstand, der sich gegen die sich verschärfenden staatlichen Maßnahmen richtet (vielleicht lesen Sie diese Zeilen ja schon im neuerlichen Lockdown), nimmt (wieder einmal) restriktive Formen an. Er richtet sich gegen bestimmte Gruppen (Eliten, Juden, Geheimzirkel) oder Personen (Bill Gates, George Soros) und verspottet Menschen mit erhöhtem Risiko, während man sich selbst – wie Trump – als stark und widerstandsfähig fühlen und inszenieren kann. Die Belastungen werden weiter steigen, es wird zu mehr Trennungen kommen, Gewalt in der Familie, Depressionen, schlechteren Krankheitsverläufen, Armut usw. Was das alles mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen machen wird, ist noch völlig offen. Gerade die emotionale Belastung wird oft eigenständig mit Substanzen behandelt oder von ärztlicher Seite mit einem Zufallscocktail von so gut wie wirkungslosen (bis auf die Nebenwirkungen!) Psychopharmaka. Das scheint überhaupt unser aller Haltung zu sein: Nützt nichts? Weiter so! Die Corona- wie auch die Klimakrise zeigen uns aber eigentlich das genaue Gegenteil: Revolution, jetzt! Das Lateinische »revolutio« bedeutet umdrehen oder zurückwälzen und darum geht es. Es soll aber nichts in eine imaginierte Idylle zurückgeführt werden (wann soll die gewesen sein?), sondern unser Weltverhältnis muss umgedeutet werden. Die männlich-westliche Subjektivitätsform, die Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung so schön herausgearbeitet haben, muss adressiert, kritisiert und demontiert werden. Die Beherrschung und Nutzbarmachung der Welt führt in dieser Form zu Zerstörung, Vergiftung, Beziehungslosigkeit. Dieser Tatsache müssen wir in die Augen sehen. Wir müssen anerkennen, dass der Kaiser nackt ist und auch, dass er ein weißer Mann ist.

Dass der Widerstand gegen die Coronamaßnahmen sich so restriktiv äußert, ist so traurig wie es erwartbar war. Solidarität ist das Gebot der Stunde. Das bedeutet aber nicht, dass ich alles gutheißen muss, was die Regierenden verfügen. Das hat einen schalen Beigeschmack und spaltet uns in folgsame Streber_innen und rücksichtslose Bullys, die sich gegenseitig verachten und bekämpfen. Beide Positionen erscheinen mir falsch. Wir müssen gesundheitspolitische Solidarität verknüpfen mit antikapitalistischen Forderungen. Es ist an der Zeit, unser Leben radikal zu überdenken, gemeinsam. Wir müssen unsere Ängste, Sorgen usw. teilen, unsere Handlungsgründe erforschen und uns intersubjektiv verständigen. Das gegenseitige Anschreien muss dem Zuhören weichen. (Leider sind die »sozialen Medien« hier gar nicht förderlich.) Die eigenen Handlungsgründe zu erforschen ist, so wie es hier gemeint ist, keine leichte Aufgabe, sondern impliziert, das Verdrängte in den Blick zu nehmen, das eigene Sich-Eingerichtet-Haben in der falschen Welt. Es bedeutet, sich verletzlich, ängstlich, unsicher, verwundbar, tastend, fragend, abhängig wahrzunehmen und zu zeigen. Das wäre gleichzeitig eine Absage an einen männlichen Habitus, an besserwisserische Setzungen, an selbstverständliche Inbesitznahmen, an egozentrisches Sich-Durchsetzen. Es würde einen Raum öffnen für eine Zukunft, in der der Mensch das Maß der Dinge ist, die uns den Mut gibt, für eine menschenwürdige Utopie zu kämpfen. Es wäre an der Zeit.

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