Geistesgegenwart als Prinzip

Über den Philosophen Klaus Heinrich und die Herausgabe seines Gesamtwerks schreibt Klaus Thörner.

Am 23. November 2020 verstarb der Berliner Philosoph, Psychologe, Religions- und Literaturwissenschaftler Klaus Heinrich im Alter von 93 Jahren. Ein Jahr zuvor hatte sich der bei seinen Studierenden an der Freien Universität Berlin äußerst beliebte Professor mit dem Freiburger ça-ira-Verlag auf die Herausgabe seines Gesamtwerks verständigt. Lieferbar sind nun u. a. die berühmten Dahlemer Vorlesungen, die er stets völlig frei und in Bewegung hielt. Immer waren sie unterhaltsam und gleichzeitig von höchstem Anspruch.[1] Er denkwandelte und hielt Vorlesungen über alles, was ihn interessierte. Er ging nie schnurstracks auf eine Antwort los. Vielmehr brachte er immer neue Beispiele, um die Ausgangsfrage zu präzisieren, andere Blickwinkel zu erproben und weitere Kontexte zu erschließen. Er verfügte über ein eidetisches Gedächtnis und konnte seitenweise Passagen gelesener Literatur zitieren. Unvergesslich die helle, körperhafte Stimme des kleinen, alterslosen Mannes, eines wirklichen philosophischen Lehrers, unvergesslich der mäandernde Diskurs, der die Begriffe für das Begreifen öffnete, der den Triebgrund in jeder Abstraktion sichtbar zu machen verstand, der den Mythos reden ließ. Was er über Sokrates sagte, gilt ebenso für ihn: »Er trug keine Lehre in sich, er verkörperte sie.«[2] Er war unübertroffen als philosophischer Redner, der mit klugen und jederzeit inspirierenden Deutungen zu Betrachtungen der entlegensten Materialien einlud.[3] Seine frei gesprochenen Vorträge erscheinen jetzt, reich versehen mit Kommentaren und Erläuterungen, auf der Basis von Mitschriften.

Die bleibende Aktualität seines Denkens entspringt einer Aura der Präsenz, die Geistesgegenwart zum Prinzip erhob. Wer seine Texte liest, gerät in den Sog einer Gelehrsamkeit, die in der heutigen Universität kaum noch erfahrbar ist. Seine besondere Art materialistischer Kritik schließt Kunst und Architektur ebenso ein, wie Philosophie und Psychoanalyse, deren Weiterentwicklung dem Gelehrten ein großes Anliegen war. Es war Freuds Theorie von der Wiederkehr des Verdrängten im Verdrängendem, die ihn zu der Einsicht brachte, dass die Religion als das eigentlich Verdrängte der Philosophie anzusehen sei. Durch die Freilegung verdrängter Gehalte versuchte er logische, theologische und ästhetische Formen noch in ihrer abstraktesten Gestalt als sedimentierte geschichtliche Inhalte zu lesen; prekäre Versuche, die Angst vor äußerer Bedrohung und innerer Zerrissenheit durch Verschiebung und Stillstellung abzuwehren und zu bewältigen. Als Leitmotiv galt ihm die Überzeugung: »Nichts, woran sie sich erinnern können, ist vorbei.« Wenn Klaus Heinrich sich erinnerte, erzählte, assoziierte, entfaltete und verdichtete, wurden einige Stationen seines Lebens erkennbar. Geboren 1927 in Berlin, wurde er im Alter von 15 Jahren als Luftwaffenhelfer eingezogen. 1943 überlebte er ein Verfahren wegen Wehrkraftzersetzung und Defätismus. Ab dem Wintersemester 1945/46 studierte er an der heutigen Humboldt-Universität in Ostberlin Jura, Philosophie, Psychologie, Theologie, Kunst- und Literaturgeschichte. Doch nach einem improvisierten Vortrag zur Verteidigung Sartres gegen stalinistische Kritik wurde er denunziert. Dies veranlasste ihn, 1948 in Westberlin an der Gründung der Freien Universität mitzuwirken. Auf die Promotion in Philosophie 1952 folgte 1964 die Habilitation über die Schwierigkeit, nein zu sagen. 1968 wurde Klaus Heinrich Direktor des Religionswissenschaftlichen Instituts der FU. Nach seiner Emeritierung im Jahr 1995 ernannte ihn die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung zum Ehrenmitglied. 2002 erhielt er den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Prosa. Es ist unverständlich, warum sein Werk bis heute kaum rezipiert wurde. Seine Vorlesungen zum Transzendentalen und dem diesen widerstreitenden und widerstehenden Subjekt berühren wesentliche Fragen zeitgemäßer Philosophie. Sein darin manifestierter Materialis-mus orientiert sich sowohl an der Kritik der politischen Ökonomie als an der Kritischen Theorie und gibt diesen wichtige Impulse. Klaus Heinrich verhandelte immer auch die politischen und sozialen Konflikte der BRD, in denen er das wiederkehrende Verdrängte des Nationalsozialismus erkannte. In klassischen Konstellationen der Philosophie ging er den Operationen der Verdrängung und den Spuren des Wiederauftauchens des Verdrängten nach. Ihm gelangen Assoziationen, die bis ins Unbewusste reichen. »Seine Sprachmacht, seine Kraft des Zur-Sprache-Bringens folgt jenem Imperativ der Vernunft, die nicht ablässt, Widriges bewusst zu machen.«[4]

Unter dem Titel »wie eine religion der anderen die wahrheit wegnimmt« ist 2020 das erste Bändchen des Gesamtwerks bei ça ira mit drei erhellenden Essays aus den vergangenen vierzig Jahren erschienen. Im ersten geht Heinrich der verhängnisvollen Rezeptionsgeschichte des Johannes-Evangeliums nach, das er als antijüdischste Schrift des Neuen Testamentes bezeichnet. Dabei macht er darauf aufmerksam, dass bereits die Rede von Altem und Neuem Testament anstatt von Talmud und Thora einerseits und christlicher Bibel andererseits auf die Geburt des Antijudaismus an der Wiege des Christentums verweist. Das Mosaische Gesetz diffamiert das Johannes-Evangelium als »ohne Wahrheit und gnadenlos« – für Heinrich ein erster Aufruf zum Pogrom. Die nicht an Jesus Christus glauben und sich dennoch auf Abraham und den Vatergott berufen, das heißt: die Juden, gelten, wie besonders Martin Luther nicht müde wurde zu betonen, als Kinder des Teufels. In einer Projektion gilt dem Johannes-Evangelium nicht das Christentum als Abfall vom Judentum, sondern letzteres als Abfall vom Christentum, da es, wie Luther immer wieder insistierte, die angebliche Prophezeiung des christlichen Messias im Alten Testament nicht anerkennt. Klaus Heinrich resümiert treffend: »Keine Schrift des Neuen Testaments hat eine so haltlose Situation geschaffen, die bis heute die unsere ist.« Dem Johannes-Evangelium setzt er die aufklärerische Rolle von Thora und Talmud für den menschlichen Fortschritt der Neuzeit entgegen: Ohne die jüdischen Propheten keine Sozialkritik, ohne das jüdische Bündnisdenken keine Lehre vom Gesellschaftsvertrag und »ohne sie ein stoischer Geistbegriff mit gravierenden Folgen für Demokratie und Naturrecht.«

Im zweiten Essay setzt sich der Universalgelehrte mit aktuellen Formen fernöstlicher Meditation und Askese auseinander. Mit »aktuell« fasst er dabei nicht nur das Hier und Jetzt, sondern die Jahrzehnte nach dem Nationalsozialismus. Er weist darauf hin, dass viele Deutsche, aus Enttäuschung über ihre gescheiterten »Vernichtungsunternehmungen«, sich in Formen der fernöstlichen Meditation flüchteten und flüchten, ein ähnliches Phänomen und Syndrom wie die Identifikation der deutschen Linken mit den »Verdammten dieser Erde« in der Dritten Welt seit den sechziger Jahren. Den Beginn dieser psychischen deutschen Fluchtwege aus der Verantwortung setzt Heinrich noch früher an: »Schon im Krieg, so lehren uns Heideggers diesbezügliche Traktate, setzte das Entlastungsunternehmen ein, dem Meditieren-den versinkt die Gegend in der die Gasöfen stehen.« Seitdem suchen viele ihr Heil in Yoga, Tai Chi, Qi Gong, Zen-Buddhismus und anderen Spielarten der Esoterik, wie es nicht zuletzt die aktuelle Querdenker-Bewegung zeigt.

Im dritten Essay macht Klaus Heinrich darauf aufmerksam, dass die deutschen Fluchtwege aus der Verantwortung mit der Erzeugung eines heimeligen Wohlgefühls, in dem jederzeit das Ressentiment lauert, korrespondiert. Ausgedrückt findet er dieses unheimliche Gefühl in dem unübersetzbaren deutschen Wort Gemütlichkeit. Er sieht in ihm den Inbegriff »bequemen Spießbürgertums«, ein Resultat des vom Protestantismus ausgelösten Prozesses deutscher Verinnerlichung. Die Gemütlichkeit beinhaltet für ihn stets eine soziale Drohung, denn sie kann jederzeit in Gewalt umschlagen. Wenn es für die Deutschen »ungemütlich« wird, müssen sich ihre potentiellen Opfer immer auf einen Ausbruch ihrer Brutalität gefasst machen. Die Gemütlichkeit steht, so Heinrich, für »das Spießgesellige, das Sich fallen lassen auf Zeit der in gemeinsamen Aktionen Verstrickten.« Erklingt das deutsche Volkslied »Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit«, muss dies als Alarmsignal gewertet werden, als Aufruf zur öffentlichen Bandenbildung aus dem Schoß der Volksgemeinschaft. Das jederzeit mögliche Umschlagen von Gemütlichkeit in Brutalität korreliert laut Heinrich mit der Bandenfaszination, deren Ursprung er zurecht weit vor dem Nationalsozialismus datiert, in den bücherverbrennenden studentischen Banden auf dem Wartburgfest, den schlagenden Verbindungen des Wilhelminismus und den marodierenden Freikorps bei der Niederschlagung der Novemberrevolution. Gemütlichkeit und Brutalität sind die psychischen Determinanten des Bandenlebens. Gemütlich im Fernsehsessel beteiligt sich der Deutsche gerne an der Jagd auf Räuberbanden, sei es auf fiktive im Tatort oder auf reale bei Aktenzeichen XY oder Vorsicht Falle. Aus der Roten Armee Fraktion wurde vor diesem Hintergrund in den 70er Jahren im Volksmund die »Baader-Meinhof-Bande«. In seiner tiefgehenden Verbindung von Sprach- und Psychoanalyse führt uns Klaus Heinrich zu wichtigen Erkenntnissen. In Frage zu stellen ist allein seine Quintessenz am Ende des dritten Essays. Wenn er fordert, das kollektive psychische Bedürfnis der Bandenfaszination mit ihrer Implikation von Gemütlichkeit und Brutalität in nicht potentiell-mörderische Formen zu transformieren und dies »mit einer Neuformulierung von Arbeitsprozessen menschlicher Tätigkeit sans phrase Hand in Hand gehen« müsse, übersieht er, dass der deutsche Arbeitsbegriff eine mindestens ebenso verhängnisvolle Geschichte wie das Wort »Gemütlichkeit« hat und in die mörderische Parole »Arbeit macht frei« mündete.

Treffend charakterisierte der Berliner Philosoph dagegen das deutsche Dasein als »ewige, realitätsentleerte Frontkämpferhaltung«, die den philosophischen Ausdruck in Heideggers »Sein zum Tod« fand. 2021 wird Heinrichs Vorlesung zu Heidegger erscheinen, die neben dem »Jargon der Eigentlichkeit« von Theodor W. Adorno unverzichtbar für die Kritik an Heidegger und an der an Heidegger anknüpfenden Postmoderne ist. Für Heinrich zeichnete sich schon früh an den Begriffen von Heidegger dessen Kollaboration mit dem Nationalsozialismus ab. Die Tendenz der deutschen Philosophie nach 1945, Heideggers »Geschick des Seins« zum außerordentlichen Gegenstand des Interesses zu machen, nahm Klaus Heinrich zum Anlass, den Verdrängungsbemühungen deutscher Intellektueller entgegenzuwirken. Als sich die Gründer der FU 1967 in einer Erklärung gegen die Rebellion ihrer Nachfolger*innen wandten und sie dazu aufriefen, die Trennung zwischen dem Staats- und dem Universitätsbürger zu wahren, verweigerte Heinrich als einziger Ehemaliger seine Unterschrift und kritisierte seine früheren Weggefährten: »Das Unvermögen unserer Universität sich zu ändern, ist das gleiche Unvermögen, dass sie 1933 nicht widerstehen ließ.«[5]
Exemplarisch für weitere Schriften Klaus Heinrichs, auf die wir gespannt sein können, stehen die Titel »Anfangen mit Freud«, »Festhalten an Freud«, »Dämonen beschwören – Katastrophen auslachen« und »Der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst zu geben«. Es gibt noch vieles Spannendes und Erhellendes in seinem Gesamtwerk zu entdecken.
 

[1] Vgl. Caroline Neubauer, Gehend denken, Der Tagesspiegel, 23.9.2017.
[2] Klaus Hartung, Sokrates in Berlin. Die Zeit, 24.10.2002.
[3] Vgl. Ralf Kaesmann, Streut Blumen! Zeus ist zurückgekommen, FAZ, 9.6.2000.
[4] Klaus Hartung, Die Zeit, 24.10.2002.
[5] zit. n. Doris Akrap, Der Religionswissenschaftler Klaus Heinrich, Jungle World, 27.11.2002.

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