Raus aus dem main-stream

Seit April diesen Jahres finden monatlich auf dem Messschiff Eleonore die ELEONORE ‚STILL ST(D)REAMING‘ DAWN CONCERTS statt. Ganz im Zeichen der Zeit natürlich ohne lokal anwesendes Publikum und per Stream übertragen.

Wie viele andere Organisationen auch, flüchteten wir aufgrund der pandemischen Umstände mit dem Programm ins Digitale. In der Medienstadt Linz ein Leichtes, üben wir doch schon seit mehr als 40 Jahren mindestens einmal jährlich den digitalen Ausnahmefall.

Doch der Aufbruch in die »erste Ferngesellschaft der Menschheitsgeschichte« (Peter Weibel) fühlt sich nicht so richtig freiwillig an.

»Im Augenblick werden wir durch das Corona-Virus, das Monster der Nahgesellschaft, gezwungen, die schon lange vorhandenen digitalen Technologien zu nutzen, den Widerstand gegen sie, vor allem im Kulturbetrieb, aufzugeben, und entschieden radikaler und schneller als je zuvor gedacht gezwungen, unsere analoge Gesellschaft in eine digitale auszubauen.« (Peter Weibel 2021 – https://zkm.de/de/virus-viralitaet-virtualitaet)

Während Weibel durch das Zuhausebleiben ein Ende der Massenmobilität voraussieht und durch die vermehrte Digitalisierung eine »Steigerung der Abstraktions- und Symbolisierungskraft des Menschen« – und dadurch Evolution erhofft, bleibt die Frage, ob der Stream wirklich alles übertragen kann, was die Kultur bietet – und ob er das eigentlich überhaupt muss.

Denn fraglos verkommt gerade in letzter Zeit der Stream in einer Vielzahl seiner Anwendungen zum reinen Ersatzmedium. Die Konzertsäle und Ausstellungen sehen wir jetzt durch eine Kamera, die Formate bleiben aber gleich, geändert hat sich nur die Art unserer Anwesenheit, die sich vom Lokalen ins Digitale verschiebt. Das Werk wird gestreamt, doch der Raum bleibt dort, wo er ist. Doch wird das dem Stream überhaupt gerecht? Könnte der Stream nicht viel mehr? Als einseitige Kommunikation stellt sich der Stream in die Reihe der klassischen Massenmedien, es wird ein »Reden ohne Antwort«, wie Jean Baudrillard sagen würde. Eine Erweiterung des Videostreams durch einen Rückkanal in Form eines Chats könnte dabei vermeintlich Abhilfe schaffen. Doch verläuft dann die Kommunikation vor allem zwischen den Nutzer*innen und weniger mit dem Sender.

Massenmedien für alle

Sowohl auf der Sender- wie auch der Empfängerseite hat sich durch den technologischen Fortschritt der Zugang in den letzten Jahren stark vereinfacht – die Technik zum Senden als auch zum Empfangen wird von vielen sowieso schon täglich in Form eines Smartphones mitgetragen. Egal ob in Weissrussland, Frankreich oder Hong Kong – auch von jedem größeren Protest gibt es Livestreams. Weitergedacht, die Möglichkeit virtuell und ortsunabhängig durch ein Museum, Ausstellung oder Konzerte zu wandern und auf dem Display gleichzeitig weiterführende vertiefende Inhalte zu sehen, könnte ein wichtiges Werkzeug für die niederschwellige Zugänglichkeit zu Kunst und Kultur sein. Wie schlecht kann also ein Massenmedium sein, das der Masse zur Verfügung steht?

»Unser Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.« schrieb Friedrich Nietzsche schon 1882 und Marshall McLuhan postulierte knapp 80 Jahre später »The medium is the message«. Stand am Anfang der Telekommunikation der Traum des botenlosen, und somit mittellosen direkten Kommunizierens, war eigentlich immer schon klar, dass es so einfach nicht ist. Abgesehen vom Medium selbst sind wir bei der technischen Umsetzung jetzt immer öfters mit medialen Playern konfrontiert, die das Ganze zu einer ménage à trois mit gefährlichem Machtverhältnis werden lässt. Auf zahllosen Youtube-Channeln eifern Youtuber*innen um die Gunst der Follower – angetrieben durch einen finanziellen Anreiz eines Multimiliarden-Unternehmens der den Geldregen, die Bandbreite und Viralität durch undurchsichtige Algorithmen steuert. Selbstbestimmt geht anders.

Der Traum der telematischen Gesellschaft scheint ausgeträumt, ein weiterer Traum verschluckt vom Kapitalismus (2.0). Doch was bleiben uns abseits der Totalverweigerung für Optionen? Das Aufbauen von autonomen Strukturen ist mit Sicherheit zeitintensiv (die STWST kann davon ein Lied singen) und/aber nicht umsonst. Und um ein Medium zu verstehen, ist es notwendig, seine Grenzen und Konturen auszuloten. Dafür fehlt es derzeit noch an mehr experimentalen Versuchen (inkl. laggenden DIY-Übertragungen) und neuen Ideen. Der Stream muss nicht immer glänzen, und das Produkt muss nicht immer entertainen. Denn erst an den eigenen Grenzen wird das Medium selbst für uns sichtbar. Nicht die Kunst gehört gestreamt, der Stream ist die Kunst.

In diesem Sinne begeben wir uns derzeit monatlich auf die Eleonore und streamen über eigene Kanäle – als Gegenpunkt zum Mainstream, als Auseinandersetzung mit dem Medium. Zu Sonnenaufgang – nur live – und allen Öffnungsschritten zum Trotz. St(d)ream on.

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ELEONORE »STILL ST(D)REAMING« DAWN CONCERTS

Als Gegenkonzept zum Stream als Ersatzort finden auf dem Messschiff Eleonore, zwischen Umspannwerk und strömender Traun, Streaming-Konzerte im Morgengrauen statt. https://newcontext.stwst.at/projects/essdc

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(Bilder: taro)

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