Der Rest ist Rauschen

Mit Florian Schneider (Kraftwerk) und Gabi Delgado-López (DAF) sind jüngst zwei Musiker verstorben, die beide auf ihre Art als Pioniere der Maschinenmusik gesehen werden, aber eher durch ästhetische Differenzen miteinander verbunden sind. Heinrich Anton Schule gibt einen Überblick über ihre Entwicklung.

Nein, das Coronavirus ist nicht schuld. Zumindest soweit bekannt. Florian Schneider-Esleben ist laut einer Mitteilung seines ehemaligen Bandkollegen Ralf Hütter am 7. April 2020 nach einer kurzen Krebserkrankung gestorben. Das Gründungsmitglied und geniale Gehirn von Kraftwerk, der wohl einflussreichsten deutschen Musikgruppe ever, wurde 73 Jahre alt. Zusammen mit Hütter, der das Unternehmen Kraftwerk seit Schneiders Ausstieg 2009 mit drei Edelkomparsen weiterbetreibt, gelang es ihm Anfang der 1970er Jahre, die deutsche Popmusik mit elektronischen Impulsen aus den improvisatorischen Hippiefängen einerseits und der miefigen Ecke des Schunkelschlagers andererseits zu befreien.

Anfangs selbst noch mit längerem Genickhaar, Querflöte und weiteren klassischen Instrumenten bewaffnet, hingen Schneider und seine Kollegen mit ihrem Vorläufer-Projekt Organisation auch eher der krautig rockenden, frei jazzenden Schule an. Doch mit der Gründung ihres sagenumwobenen Kling-Klang-Studios Anfang 1970 in Düsseldorf und der Umbenennung in Kraftwerk änderte sich die Stoßrichtung: hin zu einer elektroakustischen Zukunftsmusik, die mitunter auch Traditionen der deutschen Romantik (»Franz Schubert«) rückkoppelte.

Schon mit den ersten drei Alben, die später aus dem amtlichen Kanon weggeschwiegen wurden und nie offiziell als CD erschienen sind, und erst recht mit »Autobahn« (1974) und »Radio-Aktivität« (1975) schufen Kraftwerk eine zunehmend und schließlich rein elektronisch generierte Klangsprache. Sie hatte nur mehr sehr wenig mit der Musique concrète gemein, die dieses Feld mit ihrem doch sehr elitären Akademikerzugang zuvor noch mehr oder weniger exklusiv für sich beanspruchte. Das Echo von Kraftwerk prägt seitdem die Popwelt, wie sonst wohl nur jenes der Beatles. Keine Übertreibung.

Florian Schneider war bei Kraftwerk Meister der Studiotechnik. Er war Herr über Kompressoren, Oszillatoren, Modulatoren, Synthesizer und Equalizer. Er entwickelte auch die typischen Robovox-Stimmen, obwohl er keinerlei tontechnische Ausbildung besaß. Der Sohn eines Architekten lernte und praktizierte am offenen Leib der Mensch-Maschine, die er selbst erschaffen hatte. Mit einer Strenge und Akribie trieb er die Klangforschung in Richtung eines maximalen Minimalismus. Davon zeigte sich nicht nur David Bowie beeindruckt, der sich mit dem Stück »V-2 Schneider« vor ihm verneigte. Auch Pornodiscoking Giorgio Moroder, der New Yorker Electro- und HipHop-Pionier Africa Bambaataa, Detroit-Techno-Producer wie Kevin Saunderson oder Juan Atkins sowie sowieso jede Synthiepop-Band von London bis Tokio haben sich ihr Rüstzeug von Kraftwerk geholt.

In der Öffentlichkeit präsentierte sich Florian Schneider gerne als der stille, stets sanft lächelnde Onkel, der in Interviews selten das Wort ergriff. Das übernahm fast immer Ralf Hütter. Die Langzeitkraftwerker Wolfgang Flür und Karl Bartos hatten als Quasi-Angestellte ohnehin nicht viel zu melden. Seinem Musikarbeiter-Ethos zum Trotz verstand es Schneider aber auch, den enormen Erfolg zu genießen, der sich in Europa, Japan und nicht zuletzt auch in den USA schon mit »Autobahn« einstellte und in »Das Model«, der erfolgreichsten, gleich dreimal (1978, 1981, 1982) veröffentlichten Single, gipfelte. Er führte das Leben eines Popstars preussischer Prägung mit wohldosiertem Dandytum, hatte aber auch das kaufmännische Talent, gemeinsam mit Hütter Kraftwerk zum Wirtschaftswunder zu machen, wie schöne Gagen und nicht zuletzt auch saftige Strafandrohungen für unerlaubtes Sampling belegen.

In Österreich waren Kraftwerk immer wieder auf der Bühne zu erleben. In Linz etwa 1993 bei der Ars Electronica im Brucknerhaus – wo parallel dazu das Balanescu Quartett seine famosen Kraftwerk-Adaptionen für Streicher spielte. (Eine von vielen Aneignungen, von denen der deutsche, in Chile lebende Elektronik-Produzent Uwe Schmidt aka Atom Heart als Senor Coconut sicher eine der originellsten schuf. Schmidt brachte »El Baile Alemán« – »Der deutsche Tanz« – mit südamerikanischer Combo live bei der Ars Electronica 2001 zur Aufführung.)

1997 gastierten die schon etwas mehr in Richtung Techno programmierten Kraftwerk nochmals in Linz, diesmal im proppenvollen Posthof. Und im Wiener Burgtheater war 2014 an vier Abenden ihre Konzertreihe »Katalog - 1 2 3 4 5 6 7 8«, dessen digitales Update Schneider noch mitbetreute, zu sehen. Da waren Kraftwerk schon zur ihrer heutigen Erscheinungsform mutiert: nämlich der eines multimedialen Spektakels für Festivals und Museen, das mitunter schon ein wenig penetrant als markenstrategische Katalogbewirtschaftung daherkommt. Abgesehen von durchaus beeindruckenden visuellen und akustischen Technologieschüben reist im Grunde seit Jahren die ewig gleiche Kraftwerk-Retrospektive um den Globus. Muss man unbedingt gesehen haben, aber nicht unbedingt immer wieder. Vielleicht das ein Mitgrund, warum eine für Sommer 2019 geplante 3D-Show im Linzer Donaupark dann in die etwas beschaulichere Wiener Arena verlegt werden musste.

Ob Florian Schneider Hütters Nachlassverwaltung goutiert hat? Man weiß es nicht. Auch die Hintergründe seines Ausstiegs wurden nie wirklich bekannt. Er schwieg, wie er es immer schon vorgezogen hatte.

»Im Gegensatz zu Kraftwerk mussten Maschinen bei uns schwitzen.«*
Gabi Delgado-López

Um 1978, als gerade ihr Album »Die Mensch-Maschine« erschienen war, fanden sich Kraftwerk angeblich zu später Stunde, die Szene beobachtend, gerne an der Theke des Ratinger Hofs in Düsseldorf ein. Das war eine Künstlerkneipe mit Konzertbetrieb, die sich zur Ursuppe des deutschen Punk hochkochte. Kraftwerk und auch andere Düsseldorfer Bands wie Neu! waren hier ziemlich verpönt. Zu gekünstelt, zu erfolgreich, zu alt. Spielten doch im Ratinger Hof junge britische Helden wie 999, Wire oder XTC. Hier gründeten sich auch ZK, die sich später Die Toten Hosen nennen sollten, und die Band Mittagspause rund um den Maler Markus Oehlen, den späteren Fehlfarben-Sänger Peter Hein und Gabi Delgado-López, der 1979 mit Robert Görl die Deutsch-Amerikanische Freundschaft, kurz DAF, ins Leben rief.

»Ich war immer total gegen Kraftwerk«, sagt Gabi Delgado in »Verschwende Deine Jugend«, Jürgen Teipels nach einem DAF-Stück benannten Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave. »Das war so: Keine Energie! Diese laschen Säcke! Man kannte die ja auch. Die sind mit ihren schmalen Krawatten immer in Oberkassel (ein Nobelstadtteil Düsseldorfs, Anm.) in ihrer komischen Schnulli-Bar gesessen, zusammen mit so Bundfaltenhosen-Typen. Das war für mich eine scheußliche Form zu leben. Wir wollten doch hier echt Gewalt und extremen Sex. Wir wollten was erleben. Und die tranken in der teuersten Bar der Stadt ihre Milchcocktails. Das war genau die Welt, die wir angreifen wollten.«*

Seine Rolle bei Mittagspause als zweiter Sänger und, weil er sich die Texte kaum merken konnte, vor allem als Tänzer wurde Gabi Delgado bald zu klein. »Und dann habe ich im Ratinger Hof Robert Görl kennen gelernt. Und im Rausch einer Nacht haben wir das ganze DAF-Konzept erschaffen.«*

DAF bestanden aber nicht immer nur aus dem Sänger/Tänzer Gabi Delgado und dem Schlagzeuger Robert Görl. Anfangs waren noch Musiker mit an Bord, die u.a. bei Fehlfarben und Der Plan wieder auftauchten. Doch in der Euphorie etwas Neues, Revolutionäres zu kreieren, schrumpfte die Band allmählich zum Duo. Kurzzeitig, während der Aufnahmen zum ersten, noch chaotisch lärmenden Album »Ein Produkt der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft«, verließ sogar Delgado selbst DAF. Beim Umzug der zu diesem Zeitpunkt vierköpfigen Band nach London 1979 war er aber wieder mit dabei.

Auf dem zweiten Album »Die Kleinen und die Bösen«, erschienen 1980 bei Mute, dem Label des späteren Depeche-Mode-Entdeckers Daniel Miller, war dann schon in roher Form, aber noch mit Schreddergitarre durchsetzt, der radikale Sequencer-Sound der folgenden Platten zu hören. Entwickelt wurde er von Robert Görl zusammen mit Chrislo Haas (u.a. auch bei Minus Delta T, später Liaisons Dangereuses), mit dem er in Graz zusammen Musik studiert hatte. Getriggert wurde er von Haas’ ultratief herumtuckernden Korg-MS-20-Synthesizer und Görls minimalistisch-effektiv geschlagenen Drums. Und vorne an der Front bellte Gabi Delgado, als perfektes Pendant zum musikalischen Sturmangriff, erstmals mit gutturalen Lauten seine kontroversen Parolen über Gewalt, Liebe und lustige Stiefel.

Gabi, den charismatischen, mit faschistischer Ästhetik kokettierenden Banddiktator mimend, drängte immer stärker darauf, das Projekt DAF bis zum Äußersten zu verdichten, sodass ab 1981 Delgado/Görl das alleinige Personal stellten. Mit dem Album »Alles ist gut« und der superprovokanten Dancefloor-Abrissbirne »Der Mussolini« kam auch der Erfolg. Mit ihm die teuersten Bars und selbst die Bundfaltenhosen, die Gabi bei Kraftwerk noch so leidenschaftlich verachtete. Er trug sie aber kombiniert mit schwarzem Leder, statt dem Robotisch-Beamtenhaften regierte bei DAF das Paramilitärisch-Aggressive, statt dem Asexuell-Sterilen das Exzessiv-Körperliche. Ein bisschen Krieg, sehr kurze Haare, viel homoerotischer Schweiß, diffuse Gefühle. Und vor allem ein muskulöser Maschinenrhythmus, dem zackig im Gleichschritt ein ganzes Genre – Electronic Body Music – folgen und der später den harten Clubtechno vom Berghain abwärts massiv prägen sollte.

Nach zwei weiteren Alben – »Gold und Liebe« und »Für immer« – war 1982 vorerst Schluss für DAF. Solo liefs für Görl, der danach immerhin ein paar beachtliche Technoplatten machte, künstlerisch ein bisschen runder als für Delgado. Aber nur zu zweit kam auch die Magie. Zwar weniger auf Platte, aber sehr wohl live. Nicht mehr mit einem Turm aus zwölf Tapedecks – für jedes Stück eine Kassette mit den jeweiligen Sequencer-Loops – auf der Bühne, aber immer noch mit unfassbarer Energie. Noch im März 2019 gaben DAF zum Beispiel ein famoses Konzert beim Elevate Festival in Graz, mit einem bestens disponierten Gabi Delgado, der sich schonungslos – als wär’s das letzte Mal – durch die Setlist tanzte und nach jedem Song mit einer Wasserdusche den Körper kühlte.

Am 22. März 2020 ist Gabi Delgado-López in seiner Wahlheimat Portugal 61-jährig einem Herzinfarkt erlegen. Robert Görl hat ihm dieser Tage ein berührendes Lied mit auf die Reise gegeben. Es heißt: »Ich denk an dich«.
 

*alle Zitate aus: Jürgen Teipel, Verschwende Deine Jugend, Suhrkamp, 2001

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