Wurzel aus minus 1

Franz Xaver betreibt das Infolab der Stadtwerkstatt. Aktuell erweitert er den Kunst- und Informations-Kontext um eine Auseinandersetzung mit der »Dritten Natur«. Die folgende Kompilation basiert auf zwei Texten, die sich auf i.stwst.at finden.

Die dritte Natur - Wir fordern eine neue Informationstechnologie

Natur steht im engen Verhältnis zur Information. Schon 2018 näherten wir uns der Information über das Thema Entropie. 2020 versuchen wir das Unbekannte in der Natur aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Um die Natur besser zu analysieren zu können, möchte ich sie in drei Evolutionsschritte einteilen.

Erste Natur: beinhaltet die physikalischen Gesetze rund um die Entstehung des Universums. Information ist synchron mit der Zeit.
Zweite Natur: Die chemische Evolution entwickelt Leben, dies ermöglicht die Speicherung von Information. Information wird asynchron.
Dritte Natur: Digitale Physik und Quantentheorien hinterfragen den Realitätsbegriff der ersten und zweiten Natur. Information existiert ohne Zeit.

Mit der dritten Natur könnte das Zeitalter der autonomen Information beginnen. Eine Information, die den Menschen als Rezipienten nicht mehr benötigt. Mit dem pysikalischen Begriff einer komplexen Information in der Informationstheorie könnten wir der Zeitraum der 2. Natur verlängern. Für die Überlegungen rund um eine dritte Natur ist der Kunstkontext notwendig. Er ermöglicht eine freiere Abstraktion des digitalen Zeitalters. Das STWST-Infolab versucht seit einigen Jahren mit verschiedensten Projekten, einen anderen Blick auf unsere Informationsgesellschaft aufzuzeigen.

Komplexe Information & Interferenzen des Unbekannten

Es ist immer eine naturwissenschaftliche Herausforderung, Unbekanntes in eine reelle, also »logisch richtige« Information überzuleiten. Als Beispiel nenne ich Interferenzmuster, die ich durch Zufall im Laufe von 30 Jahren immer wieder mathematisch-künstlerisch neu entdeckte und von denen ich immer noch nicht weiß, wodurch sie entstehen.

Begonnen hat alles 1986 mit einem Commodore VC20 mit einem 6502 Prozessor. Auf der Suche nach einer neuen kinetischen Kunst, die ich auch als Prozesskunst bezeichnen würde, habe ich mit kleinen Computerprogrammen experimentiert. Ich habe Möglichkeiten gesucht, Prozesse in Skulpturen mit einzubeziehen, zu steuern, und diese sogar selbstreferenziell arbeiten zu lassen. Im Fall »Annäherung von Eins gegen Null« (begonnen 1986) überlegte ich mir Formeln, die über endlose Interaktionen immer einen Wert subtrahieren, der sich mit jeder Iteration verkleinert. Ich bin Künstler und kein Mathematiker, aber ich glaube, man nennt dies eine logarithmische Funktion. Ich druckte endlose Papierreihen aus, weil sie für mich ein grafische Komponente hatten. Ich entdeckte über optische Analyse der Zahlenkolonnen Asymmetrien, die in unregelmäßigen Abständen leicht verändert auftraten. Ich war von meinem neuen virtuellen Arbeitsfeld fasziniert. Ich bin ein schlechter Mathematiker und ein ebenso schlechter Programmierer und vielleicht ist ja auch alles nur ein Fehler in meinen Überlegungen, aber es weckte all die Jahre immer wieder mein Interesse und es war so eine Quelle meiner Kunst. Es bot sich für mich erstmals eine neue Nutzung von Algorithmen im künstlerischen Kontext. In der Kunst muss nicht immer alles »logisch richtigen« Argumenten folgen, sie kann auch einfach nur Spaß machen. Aus diesem Grund gibt es etwa auch Kommunikation im Rahmen unseres Infolab-Stammtisches. In der Erforschung des Unbekannten habe ich in Folge mit besseren Computern die grafischen Ergebnisse zu analysieren versucht, bis ich 2020 bei den komplexen Zahlen angelangt bin. (x*x+1 = 0).

Wie ein komplexer Informationsbegriff helfen kann, Probleme zu lösen

Komplexe Information verhält sich ähnlich wie komplexe Zahlen in der Mathematik, bei denen es einen imaginären und einen reellen Anteil gibt. Beide zusammen beschreiben den IST-Zustand. Das Unbekannte ist dadurch auch in zwei Bereiche zu teilen, den imaginären und den reellen – und dadurch vielleicht leichter zuordenbar. Kunst und Kreativität kommen von Lernen und »Nicht Können« – aus diesem Grund arbeiten wir seit 30 Jahren in Laborsituationen (z.B. Kunstlabor). Das »Wissen wollen« ist dem Bereich der imaginären (emotionalen) Information eines Individuums zuzuordnen und ist mit der allgemein gültigen logischen Information der KI nicht kompatibel.

Dem Thema des Unbekannten näherte ich mich in diesem Fall über drei verschiedene Methoden, die das gleiche Interferenzmuster hervorbringen. Über diese drei unterschiedlichen Methoden sollte es möglich werden, den Grund der Interferenzmuster zu erkennen. Mit anderen Worten: Ziel ist es, den reellen Anteil der Information zu definieren.

Leben als Fuge von physikalischen Interferenzen

Die Realität unsres Alltags ist inzwischen zum Großteil von informationsverarbeitenden Maschinen geprägt. Diesen logisch richtigen Entscheidungshilfen kann das Individuum mit seinen Gefühlen und »Bauchentscheidungen« kaum Argumente entgegenstellen. Der allgemeine, logisch richtige Konsens gilt als »richtig und wahr«, aber diese Entscheidungen sind für das Individuum langweilig. Sie bringen uns keine neuen Entwicklungen, obwohl Information auf Basis unserer Gene als evolutionäre Datenbank Phantasie und Abstraktion ermöglicht. Das Individuum ist durch die logisch richtige Information bereits in Zugzwang gekommen, wir hinken den Maschinenentscheidungen hinterher und müssen uns rechtfertigen. Um Individuum und Kreativität weiter zu ermöglichen, liegt die Notwendigkeit auf der Hand, die Information unserer Gene in Entscheidungen mit einzubeziehen. Wichtige Bereiche zur Pflege individueller Information sind etwa der Schlaf und die Kunst, die beispielhaft genannt, jeder Mensch braucht, um sich von der »richtigen - wahren« Information zu erholen. Wir sollten der individuellen Information in unserem Alltag eine höhere Priorität einräumen. Wir kommen zum Begriff der komplexen Information.

Drei Beispiele einer komplexen Information – der imaginäre Anteil sagt nichts über die künstlerische Qualität der Darstellung aus

Bild 1 (siehe rechts): Darstellung der Eleonore mit einem hohen imaginären Informationsanteil. Der imaginäre Anteil der Information gibt nur Aufschluss über eine individuelle Sichtweise. Die imaginäre Information könnte ein mathematisches Hilfsmittel werden, um individuelle Sichtweisen in der Informationsgesellschaft zu erlauben. Die imaginäre Information hat nichts mit der künstlerischen Qualität einer Darstellung zu tun. Künstlerin: Marie Kovarikova

Bild 2 (siehe rechts): Darstellung der Eleonore mit einem hohen reellen Informationsanteil. Dieser reelle Anteil hängt mit einem hohen Wiedererkennungsfaktor zusammen und sagt auch nichts über die künstlerische Qualität der Darstel-lung aus. Die Differenzierung in eine komplexe Information sollte nicht nur bei Bildern sondern bei jeglicher Art von Information angewandt werden. Foto: Franz Xaver

Bild 3 (siehe rechts): Darstellung der Eleonore mit einer sehr hohen subjektiven Sichtweise, mit einem hohen Anteil an imaginärer Information. In einer neuen Informationstheorie könnte das Ziel die unterschiedliche Klassifizierung durch komplexe Information werden. Der erste Schritt wäre eine Übereinkunft, dass es nicht nur eine Art von Information gibt, die man unkontrolliert in die digitale Welt kippt. Zeichnung: Samson Igwe

Mathematische Argumentation

In der Mathematik sind es die komplexen Zahlen, die aus einem reellen und einem imaginären Anteil zusammengesetzt sind. Es ist die Wurzel aus minus 1, die unsere Entscheidungen aus dem eindimensionalen in ein zweidimensionales Feld bringen kann. Mit einem zweidimensionalen Feld könnten wir die Informationsgesellschaft in Richtung der Gefühlsentscheidungen von Individuen verändern. Wir wollen aber keine Bremser sein. Wer bremst, verliert. Wir wollen den Fortschritt und neue Entwicklungen. Aber wir müssen unsere bekannte Informationstheorie neu überdenken. Wir wollen nicht zurück zu konservativen Werten, wir wollen auf Basis des demokratisch erworbenen Wissens und bei voller Anerkennung der technologischen Entwicklungen eine neue Einbettung der evolutionärer Datenbank der Natur in unsere Entscheidungen.

Zu diesem Zweck suchen wir nach Anomalien in der »logischen wahren« Wirklichkeit. Neben den Anomalien des Wassers, mit denen wir seit 2005 experimentieren (Donautik und https://halfbit.org), erforsche ich auch Anomalien in mathematisch-physikalischen Zusammenhängen. Anomalien bieten immer Unbekanntes, über das unsere Phantasie angeregt wird, was Stoff für unsere künstlerischen Positionen bietet. Durch andere Positionen und Darstellungen des Unbekannten zeigen sich vielleicht dann Möglichkeiten, die »wirklich reale« Welt plötzlich aus einer neuen Perspektive zu betrachten.

Stammtisch:
Jeden Dienstag Abend, ca. 18.00 Uhr
Video-Chat-Treff: https://meet.jit.si/infolab. Dieser Videochat dient hauptsächlich der Imagination von Information. x*x+1=0 :)

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Interferenzen, Moiré-Effekte, Spiegelungen und Symmetrieabweichungen helfen uns, Unbekanntes zu erforschen. Interferenzen bzw. Moiré-Effekte können entstehen, wenn Bilder mit kleinsten Abweichungen übereinander gelegt werden. Sie sind eben nur fast gleich und zeugen von neuer Information. Neue Information kann auch durch gebrochene Symmetrien entdeckt werden z.B bei Spiegelbildern. Man spricht auch von der Chiralität. Man findet diese chirale Struktur auch in Aminosäuren, in der »das Leben« Information erstmals chemisch speicherte. Information entsteht durch kleinste Fehler einer Kopie, Abweichung vom Original, die zu Information führen. In meinem Fall sind es auffällige optische Symmetrien in endlosen Zahlenreihen. (Bild: laborundmore.com)

Endlose Iterationen, bei denen bestimmte Nachkommabereiche verschiedenen Farbwerten zugeordnet werden.

Zusammenspiel der komplexen Information mit der Aufarbeitung des »Unbekannten«. Hier eine mathematische Darstellung komplexer Zahlen: Die Mandelbrotmenge. Horizontal wird der reelle Anteil und vertikal der imaginäre Anteil einer Zahl aufgetragen. Das Neue, Unbekannte sind die Interferenzmuster, die dabei auftreten. Das Javascipt-Programm von ein paar Zeilen läuft problemlos auf deinem Rechner, beim Aufrufen der Seite: https://i.ung.at

Bild 1 (Künstlerin: Marie Kovarikova)

Bild 2 (Foto: Franz Xaver)

Bild 3 (Zeichnung: Samson Igwe)

Leben als Fuge von physikalischen Interferenzen

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