Journalistischer Katechismus

Ein Seitenstück zur Übung der Vollkommenheit – nach J. Surin, A. Rodriguez und G. Schwab im Remix von Radio Eriwan.

Erstes Hauptstück: Von der journalistischen Vollkommenheit im Allgemeinen

Was nennst du vollkommenen Journalismus?

Journalismus ist eine personality show. Darum bedeutet vollkommener Journalismus, diesen möglichst authentisch zu verkörpern, indem du als kritischer Geist und unkorrumpierbare Anwältin der Fakten giltst – ohne jemals etwas ernsthaft in Frage gestellt, Anzeigenkundschaft vergrault oder das Zustandekommen von Fakten problematisiert zu haben. Papier ist geduldiger als der Weltverlauf und nichts älter als die Breaking News von gestern. Um am Ende deiner Laufbahn für journalistische Vollkommenheit zu stehen, genügt eine Auswahl salbungsvoller Sentenzen und nostradamischer Momente, die sich gewaltfrei zu einem coffee table book binden lassen.

Worauf gründet sich die journalistische Vollkommenheit?

Auf der Fähigkeit, die Adresseinträge von Celebrities und Entscheidungs-trägern zu infiltrieren. Anders formuliert: Sei wie eine Hydra, die mit ihren Köpfen in möglichst vielen Ärschen zugleich steckt.

Was ist der Weg zur journalistischen Vollkommenheit?

Der Weg zur journalistischen Vollkommenheit führt über zahllose Komplimente (gerne auch preziöse: Eitelkeit ist bei Galanterien nicht wählerisch) an Interviewpartnerinnen, Bacchanale mit Lokal- und Regionalpolitikern (auf Einladung oder Spesenrechnung) und verpasste Gelegenheiten, ein zufriedenstellendes Sozial- und Gefühlsleben zu führen.

Achtung: Anfängerinnen lassen sich von dieser schmeichelhaften Nachfrage ihrer Person zu leicht beeindrucken und nehmen diese Nützlichkeitserwägungen gerne als Ersatz für Freundschaften (die Zeit kosten, sich aber nicht zwingend als Sprossen in eine Karriereleiter einpassen lassen). Abgeklärte Profis dagegen, die sogar ihren Zynismus bereits als verbrannte Erde hinter sich gelassen haben, halten Freundschaft ohnehin für unmöglich, die nicht komplett in Nützlichkeit aufgeht. An irgendeiner Stelle dieser unvermeidlichen Entwicklung steht die Erkenntnis, dass sich Journalismus vielfach nur noch in der geringeren Gehaltshöhe von der Arbeit in PR-Agenturen unterscheidet.

Welche Gemüts-Gestaltungen sind dem, der vollkommen werden will, notwendig?

Du brauchst Gelassenheit, wenn dir User John_Dovanni123 im Forum deinen Job erklären will (oder eine launige Kolumne in einer Vereinszeitung), aber auch ein biegsames Rückgrad, wenn die Blattlinie es verlangt. Unerlässlich ist auch die professionelle Charakterde-formation, nicht die Fragen zu stellen, die angemessen wären, sondern jene, die am meisten Aufmerksamkeit generieren. Wenn du den Aufstieg von der Kleintierschau zum Exklusiv-Interview mit Mitgliedern der Bundesregierung schaffen möchtest, ist ein hohes Maß an Geduld, Triebverzicht und Frustrationstoleranz unabdingbar!

Was für äußere Mittel gibt es, journalistische Vollkommenheit zu erlangen?

Es gibt diverse derlei Mittel – ein wohlhabendes Elternhaus, das ein Studium der Publizistik oder Kommunikationswissenschaften finanziert, an Medienunternehmen beteiligt ist oder zumindest über genügend soziales Kapital verfügt, um die Hürden von Assessment-Centern zu senken oder gar zu umgehen. Auch die Rolle professioneller Institutionen sollte nicht unterschätzt werden – strenge eine Mitgliedschaft in Interessensvertre-tungen (wie Presseclubs) an, sobald sich dir die Möglichkeit dazu bietet. Damit bist du offiziell Teil einer In-Group, die zwar nicht so mächtig ist, wie die britischen Gentlemen‘s Clubs, aber dennoch genügend Gelegenheit zu Networking bietet und Förderpreise ausgelobt, um die Beitragsgebühren zu rechtfertigen. Auch Ehrbezeugungen von Seiten der Unterhaltungsindustrie helfen: Filme wie »Spotlight«, die dem Typus des unbeirrbaren und integren Journalisten huldigen, der gegen alle Widerstände eine Spur bis an ihr Ende (den Abgabetermin) verfolgt. Das Schöne ist: Auch, wenn du den herrschenden Mächten immer nach dem Mund geredet hast und die Panama Papers selbst nur aus den Medien kennst, kannst du dich so fühlen, als hättest du dich selbst in den Kampf für die richtige Sache geworfen, weil du Teil der journalistischen Gemeinschaft bist.

Wodurch erwirbt man sich diese Mittel?

Auf die gesellschaftliche Position deiner Eltern hast du keinen Einfluss – in Presseclubs kannst du aber Mitglied werden, sofern du den überwiegenden Teil deines Einkommens mit journalistischer Arbeit bestreitest. Das ist in Zeiten von Patchwork-Lohnarbeit und durchbrochenen Erwerbsbiographien zwar eher die Ausnahme, denn die Regel – irgendwie müssen die Interessensvertretungen aber auch verhindern, dass sie vom Plebs übernommen werden. Wenn du erst mal drin bist, solltest du dich nach Kräften am professionellen Abschluss beteiligen: Die Statuten enthalten schließlich keinen Missionsauftrag.

Das kommende zweite Hauptstück handelt vom journalistischen Gebet: Dem Kommentar in Presse, Funk & Fernsehen.

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