Vom Ressourcenparadies zur Flüchtlingshölle

Tomasz Konicz schreibt über die Pazifikinsel Nauru als Spiegelbild der Boom- und Krisenschübe des Spätkapitalismus.

Seit ihrer »Entdeckung« in der frühen Neuzeit sind die Europäer fasziniert von der pazifischen Südsee, deren Inselwelten oft als Symbole für paradiesische Zustände, für Ursprünglichkeit und Naturverbundenheit fungierten. Abgelegene Südseeinseln eignen sich seitdem hervorragend, um in Parabeln die in den jeweiligen Zeiträumen dominanten Vorstellungen vom grundlegenden Wesen von Mensch und Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen. Die berühmteste dieser literarischen Erzählungen, die mehr über die Gesellschaft verraten, in der sie entstanden, als über ihren fiktiven Handlungsort, Daniel Defoes zum Beginn des 18. Jahrhunderts erschienener Roman Robinson Crusoe, begründete nicht nur die literarische Gattung der Robinsonaden. Die Erzählung über den europäischen Schiffbrüchigen, der in Eigenregie eine Miniatur der europäischen Zivilisation aufbaut und dabei einen wilden Ureinwohner »zähmt«, brachte auch die Ideologie von der zivilisatorischen Sendung Europas, von der »Bürde des Weißen Mannes« (White Man‘s Burden) zum Ausdruck, die die europäische Expansionsbewegung des frühen Imperialismus begleitete.

Abseits solcher ideologischen Projektionsleistungen, die zumeist darauf abzielten, die heimischen Meinungsmärkte zu bedienen, haben Inselgeschichten aus dem pazifischen Raum auch bei der Formierung der Umweltbewegung eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Die wissenschaftliche Erforschung des Aufstiegs und Niedergangs der wegen ihrer Steinmonumente bekannten Kultur der Osterinseln diente oft als ambivalentes, warnendes Beispiel für die Endlichkeit ökologischer Ressourcen, deren übermäßige Ausbeutung den Menschen ihre Lebensgrundlage nehme. In der Interpretation der Kulturgeschichte der Osterinsel, wo die Produktion der kolossalen Steinstatuen, der sogenannten Moai, im Verlauf eines zivilisatorischen Zusammenbruchs plötzlich eingestellt wurde, konkurrierten kritische, auch antikapitalistische Töne mit reaktionärem Kulturpessimismus, der diesen Kollaps auf ein unabänderliches, raubtierhaftes Wesen Mensch zurückführt.

Die jüngste Geschichte eines weiteren pazifischen Eilands, der kleinen Inselrepublik Nauru, kann indes zweifelsfrei rekonstruiert werden – und sie eignet sich tatsächlich zur Analogiebildung zwischen dem pazifischen Mikrokosmos einer in die Weltwirtschaft integrierten Insel, und dem großen Ganzen des kapitalistischen Weltsystems in seinem uferlosen, weltverheerenden Expansionsdrang. Die Koralleninsel Nauru, ein gehobenes Atoll, dessen höchste Erhebung ein erloschener Vulkan von 60 Metern Höhe bildet, ist mit einer Fläche von nur 21 Quadratkilometern und knapp 11 000 Staatsbürgern die kleinste Republik der Welt, sowie – nach dem Vatikan und Monaco – das drittkleinste Staatsgebilde. Die offizielle Kolonialgeschichte der am Äquator gelegenen Insel begann mit ihrer Annexion durch das Deutsche Reich im Jahr 1888, nachdem die Inselbevölkerung schon im Verlauf des 19. Jahrhundert aufgrund europäischer Einwanderung und eingeschleppter Krankheiten stark dezimiert wurde. Es folgte nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges die kampflose Einnahme der Insel durch australische Truppen Ende 1914, die zur Verwaltung des Eilands durch Australien bis 1968 führte – unterbrochen von einer kurzen und brutalen Besatzungszeit durch japanische Truppen während des Zweiten Weltkrieges, als ein Großteil der Inselbevölkerung deportiert wurde.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden auf Nauru große Vorkommen an Phosphat entdeckt, das hauptsächlich bei der Herstellung von Düngemitteln Verwendung findet. Die Insel im Pazifik diente als Zwischenstopp und Brutstätte für viele Vögel, sodass deren meterhoher Kot in abertausenden von Jahren in einer chemischen Reaktion mit den Kalkböden des gehobenen Korallenatolls trat und sich – begünstigt vom tropischen Klima – in hochwertiges Calciumphosphat verwandelte, das einen weltweit kaum erreichten Reinheitsgrad aufwies. Während der deutschen Kolonialzeit wurde der 1907 beginnende Abbau des Phosphats durch die britische Pacific Phosphate Company betrieben, wobei das Deutsche Reich Dividenden kassierte – die Einwohner der Insel gingen bei dem Deal leer aus. Nach dem Ersten Weltkrieg teilten sich Australien, Großbritannien und Neuseeland die Profite aus dem Abbau des begehrten Rohstoffs auf.

Da aus Phosphat auch Sprengstoff hergestellt werden kann, war die kleine Insel im Zweiten Weltkrieg heftig umkämpft: Der Beschuss der Hafenanlagen von Nauru durch deutsche Kriegsschiffe, die Besetzung der Insel durch japanische Truppen, die Bombardierung des Eilands durch die US-Airforce – diese extensiven Kampfhandlungen haben starke Verwüstungen im empfindlichen Ökosystem Naurus hinterlassen. Nach dem Krieg wurde der ökologisch ruinöse Raubbau an den Phosphatvorkommen von Australien fortgesetzt und ausgeweitet. Als die Insel 1968 nach langwierigen Auseinandersetzungen mit Australien schließlich unter ihrem Gründungspräsidenten Hammer DeRoburt die Unabhängigkeit erlangt hatte, waren rund zwei Drittel der Phosphatvorkommen von den Kolonialmächten bereits abgebaut worden – und die daraus resultierenden ökologischen Schäden unübersehbar.

Die Inselbevölkerung konnte vom verbliebenen Ressourcenreichtum erst ab 1970 profitieren, als die junge Republik Nauru die British Phosphate Corporation verstaatlichte und in die Nauruische Phosphatgesellschaft überführte. In den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die kleine Pazifikinsel zu einem Extremfall eines auf Ressourcenextraktion beruhenden Rentierstaates, wie sie derzeit noch in der ölreichen Golfregion zu finden sind. Die Republik wies – neben Saudi Arabien – eines der weltweit höchsten Durchschnittseinkommen auf, wobei der Staat als der zentrale Akteur bei der Verteilung der – in Relation zur geringen Bevölkerungszahl astronomischen – Einnahmen aus dem Phosphatabbau agierte. Aus diesen zwei Dekaden stammen die Geschichten über den sagenhaften, Reichtum der Inselbewohner, über die obszöne Verschwendungssucht auf dem knapp 3000 Kilometer nordöstlich von Australien gelegenen Eiland.

Die Insel wurde mit luxuriösen Villen bebaut, nahezu alle Inselbewohner hatten mehrere Fahrzeuge, mit denen sie auf dem wenigen Dutzend Kilometern asphaltierter Straße die Insel binnen weniger Minuten umfahren konnten. Die Dauerparty in den ersten zwei Dekaden nach der Unabhängigkeit ließ die Diabetesrate unter den Insulanern auf einen der weltweit höchsten Werte ansteigen. Der Staat, der sich einen riesigen, ineffizienten Beamtenapparat hielt, dessen eigentliche ökonomische Funktion in der materiellen Versorgung der größtenteils funktionslosen Staatsdiener bestand, heuerte Heerscharen von Wanderarbeitern an, die nicht nur den konkreten Phosphatabbau durchführten, sondern auch als Haushaltshilfskräfte arbeiteten, um den neureichen Bürgern Naurus buchstäblich die Toiletten zu putzen. Alle öffentlichen Dienstleistungen, wie Strom, Wasser, Krankenversorgung waren kostenlos in diesem auf Raubbau errichteten, flüchtigen Inselparadies, in dem keine Steuern erhoben wurden.

Angeleitet von windigen Wirtschaftsberatern der ehemaligen Kolonialmächte, investierte Nauru die Einnahmen in Projekte, die sich größtenteils als finanzielle Desaster herausstellten. Das größte dieser Investitionsvorhaben, die Fluggesellschaft Air Nauru, die zur dominanten Linie im pazifischen Raum aufsteigen sollte, war hochdefizitär; sie wies eine durchschnittliche Auslastung von gerade mal 20 Prozent auf und verschlang aufgrund ausartender Defizite rund 600 Millionen Dollar. Der Staatsfonds Naurus, der »Nauru Phosphate Royalties Trust«, investiere in Immobilien und Tourismus-Projekte, vorwiegend in Australien, wo mitunter Stadtviertel und ein Wolkenkratzer in Melbourne, das Nauru House, aufgekauft wurden. Diese katastrophale Investitionsstrategie kulminierte 1992 in einem Musical am Londoner Strand Theatre, dass Nauru für etliche Millionen Pfund finanzierte – und das umgehend floppte und schon nach wenigen Wochen abgesetzt werden musste.

In den späten 90er Jahren und zur Jahrtausendwende folgte der ökonomische Absturz der einstigen Paradiesinsel. Während die desaströsen Investitionen Naurus in Immobilien, Musicals und Fluggesellschaften viele Millionen verschlangen, gingen die Einnahmen aus dem Phosphatabbau beständig zurück. Es folgten Unruhen, Regierungsstürze, sowie die faktische Staatspleite samt dem Zusammenbruch der Ökonomie. Das Eiland ist ökologisch verwüstet, da im Verlauf des dekadenlangen Raubbaus ein großer Teil der Inselfläche schlicht abgetragen worden ist. Das, was von Nauru übrig geblieben ist, besteht aus einem mit Palmen bewachsenen Küstenstreifen, hinter dem sich eine Mondlandschaft verbirgt. Der natürliche Reichtum, der sich während sehr langer, prähistorischer Zeiträume auf der Insel bildete – er wurde binnen weniger Dekaden rücksichtsloser kapitalistischer Extraktion vernichtet. Auf der ökologisch verwüsteten und ökonomisch ruinierten Insel setzte folglich eine verzweifelte Suche nach neuen Einnahmequellen ein.

Die Inselrepublik erfuhr einen Prozess rapider Verwilderung, bei dem Nauru zeitweise als eine Steueroase und Geldwaschanlage für das organisierte Verbrechen fungierte. Mitunter wurden schlicht Pässe an Interessierte für einen Preis von 15 000 Dollar verkauft – darunter sollen auch islamistische Terroristen gewesen sein. Die russische Mafia und lateinamerikanische Drogenkartelle sollen über Briefkastenfirmen auf dem Eiland mehr als 80 Milliarden US-Dollar geschleust haben. Um das Jahr 2000 herum stellten etliche US-Banken und die Deutsche Bank sämtliche Zahlungen an die Zentralbank von Nauru ein, während das US-Außenministerium die Inselrepublik in einem Bericht als ein wichtiges Zentrum für Geldwäsche bezeichnete. Zeitweise gab es keinerlei Aufsicht über die dunklen Finanzströme, die durch das Steuer- und Finanzparadies flossen, das nur von den britischen Kaimaninseln bei den Finanztransaktionen pro Einwohner übertroffen wurde. Fortan tauchte das klamme Eiland immer wieder an führender Stelle auf entsprechenden schwarzen Listen der USA, der G8 oder der OECD auf, bis zunehmender Druck Nauru zwang, ab 2005 das lukrative Geschäftsmodell einer mafiösen Steueroase und Geldwaschanlage aufzugeben und entsprechende Regelungen zu erlassen.

Es zeichneten sich überdies neue »Einnahmequellen« ab, die Nauru die Abkehr von der pazifischen Mafiawirtschaft erleichterten. Australien suchte Anfang des 21. Jahrhunderts einen möglichst unwirtlichen, abgelegenen Ort, an dem die Flüchtlinge untergebracht werden konnten, die an der Nordküste des Kontinents landeten. Das klamme Nauru, eine weit abgelegene Mondlandschaft mitten im Pazifik, schien wie gemacht dafür, unter möglichst harten Bedingungen all jene Menschen aus den Zusammenbruchs- und Elendsregionen Asiens zu verwahren, die eine Flucht nach Down Under wagten. Was als eine Ad-hoc-Maßnahme begann, als 2001 afghanische Flüchtlinge, die vom norwegischen Tanker Tampa aus Seenot gerettet wurden, in australischen Hoheitsgewässern auf Kriegsschiffe verladen und in Nauru interniert wurden, wandelte sich in den kommenden beiden Dekaden zur berüchtigten »pazifischen Lösung« der australischen Flüchtlingskrise: ein brutales, durch private Firmen betriebenes Lagersystems im Pazifik, das vor allem auf Abschreckung ausgerichtet war.

Das drakonische Lagersystem auf den Pazifikinseln Nauru und Manus Island bedeutete im Endeffekt die psychische Vernichtung der dort internierten Menschen. Es produziere »tote Seele in lebenden Körpern«, alarmierte die Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch (HRW) in Anspielung auf Aussagen von Lagerinsassen. Die Menschen würden dort jahrelang in Unsicherheit, Isolation und Tatenlosigkeit festgehalten, während Misshandlungen, sexuelle Übergriffe und medizinische Vernachlässigung seitens des Wachpersonals weitverbreitet seien. Die Unfähigkeit der australischen Regierung, diese Praxis »schwerwiegender Misshandlungen« zu beenden, deute darauf hin, dass es sich um eine »absichtlich verfolgte Politik« handele, mit der Asylsuchende abgeschreckt werden sollen.

Der Traumaexperte Paul Stevenson, der auf den berüchtigten Pazifikinseln eigentlich die geistige Gesundheit der Wachmannschaften gewährleisten sollte, berichtete gegenüber dem britischen The Guardian darüber, was die Mischung aus »weißer« Isolationsfolter und offenem Missbrauch mit den Flüchtlingen macht. Die Gräueltaten seien das Schlimmste gewesen, was ihm in seiner 43-jährigen Karriere begegnet sei – jeder in Ödnis, Unsicherheit und Tatenlosigkeit verbrachte Tag sei eine Demoralisierung, so Stevenson. Während seiner Dienstzeit hätten sechs Kinder, die dort ohne Eltern festgehalten wurden, gemeinsam einen Selbstmordversuch unternommen. Eine Frau habe in fünf Wochen sieben Selbstmordversuche unternommen und damit gedroht, ihre Tochter umzubringen. Sie musste schließlich fixiert werden, nachdem sie nicht aufhören wollte, mit ihrem Kopf gegen den Boden zu schlagen. Eine Mutter berichtete von sexuellem Missbrauch ihres dreijährigen Kindes durch Wachmannschaften, den anzuzeigen sie sich lange Zeit fürchtete. Erst nach ihrer Ankunft in Australien sprach sie offen darüber. Eine Ehefrau, die getrennt von ihrem Mann auf Nauru festgehalten war, hat sich dessen Namen mit einer Rasierklinge auf die Brust geritzt. Ein Asylbewerber hat sich den Bauch selbst aufgeschlitzt, nachdem ihm verwehrt wurde, mit einem Verwandten zu sprechen, der gerade dabei war, vom Dach einer Baracke zu springen.

Das, was Australien auf dem durch Privatunternehmen betriebenen »Niemandsland« im Pazifik errichtete, kann getrost als Fortführung der Konzentrationslager im Kolonialismus bezeichnet werden, wo die psychische Vernichtung der internierten Menschen mit den »wissenschaftlichen« Erkenntnissen der Isolationsfolter betrieben wurde. Nach einem Aufstand im Juni 2013, bei dem ein Teil des Lagers zerstört wurde, und angesichts zunehmender weltweiter Empörung fand in den letzten Jahren ein gradueller Politikwechsel in Canberra statt. Im Rahmen eines 2016 abgeschlossenen Umsiedlungsabkommens mit Washington konnte bis 2019 ein Großteil der Lagerinsassen das Lager in Nauru verlassen. Die letzten Kinder verließen das ehemalige Inselparadies, das zu einer Flüchtlingshölle geworden war, im Februar 2019 Richtung Vereinigte Staaten. Im Mai 2020 befanden sich noch 211 Flüchtlinge im Lager auf Nauru, während 1220 ehemalige Lagerinsassen in Australien interniert wurden.

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Flüchtlingsunterkünfte auf Nauru (2012) (Bild: DIAC images (CC BY 2.0))

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