Der letzte linke Kleingärtner, Teil 1

Asyl für den letzten linken Kleingärtner

Wenn das mal keine gute Nachricht ist. »Der letzte linke Kleingärtner« bekommt Asyl in der VERSORGERIN. Ab dieser Ausgabe schreibe ich meine Gartenkolumne in diesem Revolverblatt des freien Denkens. Der nahende Frühling ist die richtige Zeit, um diese große wie Mut machende Entscheidung zu verkünden. Verantwortungsvolle Medien sind dazu angehalten, den Menschen in den Zeiten der Pandemie, den Weg zum Horizont der Hoffnung aufzuzeigen. Die Gartenkolumne ist wie ein großer Komposthaufen. Da kommt viel wertloses Zeugs drauf und am Ende – meist nach etwas über einem Jahr – kommt viel wertvolles Zeugs heraus in Form von nährstoffreichem Kompost.

Die linke Berliner Metropolenzeitung Jungle World setzte mich in der kalten Weihnachtszeit Ende letzten Jahres mit der Gartenkolumne auf die Straße. Eigentlich ein unfassbarer Frevel im deutschen Literaturbetrieb, der in der Tat überwiegend Betrieb ist und nur leicht Verdaubares auf den Markt wirft. Zuvor gewährte sie mir fast fünf Jahre Unterschlupf. Das muss man ihr hoch anrechnen. In 70 Kolumnen habe ich alles, was sich irgendwie links nennt, durch den Kakao, ach was, durch den Schmutz gezogen. Ob langweilige Fleischesser, ob besserwisserische Vegetarier, ob penetrante Veganer, ob meckernde Verbraucher, ob dumme Bauern, ob nervende Kunden, ob einfühlsame Mitmenschen, ob beste Kumpels von nebenan – alle mussten sie leiden, alle bekamen sie ihr Fett weg. Ist ja auch klar. Außer mir weiß sowieso niemand Bescheid. Dabei stichele ich besonders gern gegen die weit verbreiteten Klischees über Landwirtschaft und Gartenbau, die heile Welt des Bioanbaus und die böse Agrarindustrie. Bei all dem gerate ich schon mal derart ins Straucheln, dass ich Gefahr laufe, meine Meinung ändern zu müssen, was ich mit allen Mitteln zu verhindern suche. Ich bin nämlich stinkkonservativ, mag keine Veränderung und ich bleibe meinen Idealen treu. Versprochen.

Und dazwischen wird es fortlaufend seriöse Anbautipps für allerhand leckeres Grünzeug geben. Zwischen all dem gackern und laufen meine fünf Hühner durchs Gehege und ab und an durch den 300 qm großen Gemüsegarten. Denn alles ist real. Nichts ist erfunden. Den Garten, die Hühner, das Grünzeug gibt es im analogen Leben. Keine App. Nichts Digitales. Nix Videokonferenz. In dieser Kolumne brummt das echte & das wahre Leben. Nur Handgemachtes kommt auf den Tisch. Keine böse Industrieware. Ach wie ist das schön.

Als erste Amtshandlung habe ich mir gleich mal die österreichische Nationalhymne angehört. Ich muss ja wissen, wie die Einheimischen ticken. Und siehe da, ich habe verstanden, warum die Redaktion der VERSORGERIN mir so bereitwillig Asyl bot. Kein normaler und mit dem Denken vertrauter Mensch aus Österreich wird sich diesen sinnentleerten Gefühlsbrei anhören. Deshalb habe ich diese Last auf mich genommen. Ich bin schließlich Gast hier und möchte etwas zurückzahlen. Beim Hören taumelt man vom Rand in den Abgrund der eigenen Bedeutungslosigkeit. Wenn, ja wenn da nicht etwas wäre, was mich elektrisiert hat und mich Österreich seitdem mit anderen Augen sehen lässt. Es durchbricht wie ein glockenheller Sonnenstrahl die heimattümelnde Tristesse, dieser wabernden und modrigen, musikalischen Gefühlsduselei : »Land der Äcker« heißt es schon prominent in der zweiten Zeile. Da schau her. Hier in Österreich hat man mich erwartet und gibt mir ein Zeichen. Hier werde ich gebraucht. Natürlich kann das kein Linker so direkt formulieren. Aber ich darf das.

Die Distanz, die Linke zu Nationalhymnen haben – außer zu denen, die sie in ihrer Bubble selber zelebrieren – ist die gleiche wie zur Landwirtschaft. Sie haben damit so viel zu tun wie der Veganer und die Veganerin mit dem Wiener Schnitzel. Nichts. Wenn Linke etwas von Agrar hören, dann flackern auf der Grundlage von Antipathie und Unwissen reflexhaft Bilder auf von dummen Bauern und bei manchen akademisch gestretchten Linken noch was von gutem Bioanbau. Letzteres ist Unfug, denn Biolandwirtschaft ist kein anderes Wirtschaftssystem, sondern eine andere Anbaumethode. Bauernhöfe kennen Linke entweder nur aus schlechten Kinderbüchern aus ihrer ebenso schlechten Kindheit oder wenn sie mit den eigenen Kindern dort auflaufen, um dem Nachwuchs zu zeigen, was chronologisch vor der Bratwurst, vor der Salami und vor dem Schnitzel noch in der Welt passiert. Folglich findet sich auch in den Archiven wenig dazu und in den universitären Abschlussarbeiten wird das Thema ebenfalls nicht aus linker Perspektive durch den Diskurswolf gedreht. Es herrscht viel Ödnis und Leere.

Und das Schöne an dieser Gartenkolumne: Sie ist politisch voll korrekt und kann unbeschwert genossen werden, da sie im Rahmen meiner Arbeit bei der Aktion 3.Welt Saar e.V. voll organisch in der Abteilung »Ackerbau & Viehzucht« das Licht der Welt erblickt. Was machen die? Nun, alles, was nötig ist, um die Welt zu retten. Jedenfalls wird die Kolumne dort geprüft, abgenommen und fair versiegelt. Sie ist halt »Made in Germany«.
 

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Kurz vor der Ernte: freilebender Grünkohl (Bild: Aktion 3.Welt Saar e.V)

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