Der Alltag als Horror und Barbarei

Gisela Elsners Roman »Das Berührungsverbot« wurde nun 50 Jahre nach seinem Ersterscheinen neu aufgelegt. Robin Becker bespricht ihn für uns und zieht thematische Verbindungen zu anderen Veröffentlichungen der Autorin.

Man mag das literarische Bild, das Gisela Elsner in ihren ersten beiden Romanen »Die Riesenzwerge« (1964) und »Der Nachwuchs« (1968) entworfen hat, als Triptychon des reaktionären Kleinbürgertums in der postnazistischen Gesellschaft im Nachkriegsdeutschland auffassen, in dessen Mitte die bürgerliche Kleinfamilie steht, flankiert von deren Ökonomie in Form von Arbeit und Eigentum. Was in diesen Romanen an Sexualität vorkam, war wenig mehr als Ausdruck animalischer Triebe, bei denen selbst die Befriedigung ausblieb, welche ohnehin zumeist ausschließlich die des Mannes meinte. Elsner hat das in »Die Riesenzwerge« im Kapitel »Die Schafe« paradigmatisch in Szene gesetzt. Der sechsjährige Ich-Erzähler Lothar Leinlein erblickt dort auf einem Waldspaziergang mit seinen Eltern ein Paar beim Geschlechtsakt, der in der Beschreibung Lothars kaum von der Begattung von Tieren zu unterscheiden wäre, wüsste man nicht, dass es sich um Menschen handelte. Mehr als der Akt selbst steht aber die Reaktion auf ihn im Vordergrund, sowohl des Paares, für das sich der Akt im Nachhinein bloß als lustlose Betriebsamkeit darstellt, als auch die von Lothars Eltern, deren rigide Sexualmoral es verbietet, ihren Sohn über das Gesehene aufzuklären. Dem Kleinbürgertum stellt sich die fremde und auch eigene Sexualität gewissermaßen als beinahe mythologische Erscheinung dar, die Elsner als eine solche nicht eindrücklicher als durch einen Sechsjährigen zum Ausdruck hätte bringen können. Denn gerade in ihrer Darstellung einer Sexualität im Freien, die sich vermeintlich der herrschenden Sexualmoral zu widersetzen scheint, markiert Elsner einen lustfeindlichen Rückfall in animalisch-rohe, mythologische Sexualität. Nicht nur darin ist die Szene für das Frühwerk Elsners paradigmatisch, sondern auch, weil sie diese in ihrem dritten Roman »Das Berührungsverbot« in abgewandelten Formen wiederholt. Die Dialektik der Befreiung, die in repressive Sexualität umschlägt, wie es in »Die Riesenzwerge« nur angedeutet wird, ebenso, wie jener Zusammenhang von bürgerlicher Kleinfamilie, Arbeit und Eigentum sich gerade in der Sexualität niederschlägt und sich in ihr reproduziert, hat Elsner 1970 im Roman »Das Berührungsverbot« konsequent zur Darstellung gebracht. Dieser ist nun, 50 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, in der von Christine Künzel herausgegebenen Werkausgabe im Verbrecher-Verlag wieder aufgelegt worden, ergänzt durch ein Nachwort von Veronika Kracher.

Im Roman beschließen die Spießbürger Keitel, Dittchen, Hinrich, Stößel und Stief ihre abendlichen Zusammenkünfte von der Kneipe in ihre Eigenheime, nun auch mit ihren Ehefrauen, zu verlegen. Nach einem, auch in sexueller Hinsicht, ausschweifenden Abend bei den gerade erst verheirateten Stiefs, und wohl auch animiert von der Liberalisierung der Sexualität in der Öffentlichkeit sowie den Errungenschaften der Studentinnen- und 68er-Bewegung – was Elsner jedoch nicht expliziert –, verabreden sich die Paare zum Gruppensex. Was sie vordergründig als sexuelle Befreiung empfinden, eher jedoch ein Kokettieren mit von ihnen empfundenen Unanständigkeiten und Frivolitäten ist und bloß dem Verlangen patriarchaler Herrschaft nach mehr weiblichen Sexualobjek-ten entspringt, stellt sich im Roman grotesk als ›Treibjagd‹ auf die Frauen dar, die in den gänzlich verdunkelten Räumen dem Zugriff ihrer Ehemänner anfangs noch widerwillig zu entfliehen versuchen, ihn später aber mehr oder weniger gefügig über sich ergehen lassen. Legitimiert ist das Unterfangen nicht zuletzt durch die scheinheilige Doppelmoral der Ehemänner, die Prostitution zwar verteufeln, sie aber letztlich als Prinzip in der Ehe predigen und sie dort verwirklicht sehen wollen. Die tabuierte Prostitution hebt sich in »Das Berührungsverbot« mehr oder weniger auf im bürgerlichen Eheverhältnis als vertragliches Recht auf den Erwerb der Körper der Frauen auf Lebenszeit, und die Freiheit der männlich-rohen Sexualität wird nur erkauft durch die Unterdrückung der weiblichen.

Tabuiert ist Sexualität im Roman aber eigentlich als solche, denn den Freunden und »Freundesfrauen«, wie Elsner die Ehepartnerinnen durchweg nennt, ist sie, wie Veronika Kracher in ihrem sehr erhellenden Nachwort »Sexuelle Libertinage als Farce« darlegt, »etwas Mystisches und Verbotenes, weshalb ihre ›Feste‹ nur in abgedunkelten Zimmern und mit verbundenen Augen abgehalten werden können.« Die Vorschriften, die sich die Paare geben, verdeutlichen nicht nur den selbst auferlegten Zwang, dem sie sich bezeichnenderweise zumindest annähernd lustvoll fügen, sondern auch, wie sehr das kleinbürgerliche Beamten- und Angestelltendasein der Ehemänner, aus dem sie zu fliehen gedenken, in eben jene Feste hineinragt: Bevor es überhaupt zu einer sexuellen Handlung kommt, werden Strafen bei Regelverstößen eingefordert. Wie im Roman die Ökonomie des Sexus zutiefst der bürgerlichen Ökonomie des Tausches verwandt ist, so sind in ihm Lust- und Realitätsprinzip eigentlich kaum voneinander zu unterscheiden. Der Zwang ihres völlig durchrationalisierten und verwalteten Alltags, dem die autoritären Charaktere ein wenig Freiheit abzutrotzen vorgeben, kehrt nur wieder als zwanghafte und mit Nachdruck betonte Freizügigkeit. Denn »trotz ihres heuchlerischen Pochens auf das vermeintlich lockere Lebemanndasein« sind die Männerfiguren Elsners, wie Veronika Kracher feststellt, »von Drill, Zucht, Ordnung und vor allem: einer konsequenten Ablehnung alles Weiblichen gekennzeichnete Charaktere«. Der Körper der Frau ist im Geschlechterverhältnis der Figuren dabei von vornherein völlig bestimmt für den Mann, wie es die Erziehung von Keitels späterer Frau durch ihre Eltern zeigt, die den Körper ihrer Tochter vor der Heirat streng ökonomisieren, damit sie ihn als Ware auf den Markt tragen kann. Und selbst das, was vielleicht als selbstbestimmte weibliche Sexualität erscheint, nämlich, wie Keitels spätere Frau alleine ihren Körper mit einem Spiegel untersucht, ist erfüllt von Scham und nur der vorweggenommene Blick des Mannes.[1]

Die Liberalisierung der Sexualität im Roman schlägt nicht nur um in eine völlige Desexualisierung alles Sexuellen, sondern mündet letztlich in eine Pervertierung der bürgerlichen Sexualnormen, die nur eine umso stärker verrohte sexualisierte Gewalt in der kleinbürgerlichen Idylle hervorbringt. Das geheime, selbst etwas mythische Zentrum des Romans ist eigentlich Frau Stief, die durch ihre äußerliche Attraktivität für die Ehemänner wohl der nicht ausgesprochene Grund der sogenannten Feste war. Die Emanzipation von ihrer sozialen Herkunft als Bäckerstochter, ihrem Dialekt, und auch die von ihrer Rolle als Ehefrau Stiefs, dessen Willen sie sich nicht blindlings unterwirft, kann von der kleinbürgerlichen Gesellschaft nicht toleriert werden; erst recht nicht, weil ihr, Frau Stief, die in ihrem Habitus etwas Bürgerliches verkörpert, das Kleinbürgerliche selbst nur ungenügend ist. Auch, weil auf sie die Sexualbefreiung wie deren Misslingen projiziert wird, wird sie nicht nur aus dem Kreis der Freunde und Freundesfrauen ausgeschlossen, sondern am Ende des Romans von Keitel, Dittchen, Hinrich und Stößel bei ihr zuhause sexuell genötigt. Die intendierte, aber ausbleibende Vergewaltigung ist bloß dem heimkommenden Stief geschuldet. Aber schon früh im Roman imaginiert sie Keitel an seiner zukünftigen Frau, wenn sie ihm sexuell nicht gibt, was er verlangt, und die Erniedrigung der Frauen ist dem sexuellen Akt im Roman gänzlich inhärent, er ist »nur als Akt der Gewalt denkbar«, wie Kracher schreibt. Was an Frau Stief exekutiert wird, ist der Hass auf eine sich emanzipierende Frau, dem auch ein Moment von antiintellektuellem und strukturell antisemitischem Ressentiment eigen ist, wie Kracher meint: »Es scheint, als könnte sich im gesellschaftlich legitimierten Wunsch, das Pervers-Weibliche zu vernichten, der verdrängte Wunsch nach Judenvernichtung artikulieren, vor allem unter dem Aspekt, dass eine ›perverse‹ Sexualität auch immer mit Judentum und Moderne assoziiert ist.« Ohnehin deutet einiges im Roman darauf hin, dass die Sexualität der Ehemänner auf eine Stufe der infantilen Sexualität regrediert, möglicherweise durch Verdrängung ihrer Partialtriebe, die abgespalten und insbesondere auf Frau Stief als verkörperte Perversion pathisch projiziert werden. Aber deren Nötigung – und auch das verweist auf den Postnazismus – wird kollektiv verdrängt, und von den Männern, worin der vielleicht satirische Höhepunkt des Romans liegt, lächerlich entschuldigt.

Gisela Elsner hat wohl wie keine andere sonst das Fortleben des Nationalsozialismus im (Klein-)Bürgertum dargestellt, und mit der Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Auschwitz ernst gemacht, die in ihren Romanen an der Kleinfamilie als ›Keimzelle des Faschismus‹ (Horkheimer) so drastisch hervortreten. Die Mittel ihrer Darstellung dessen aber wandelten sich schon im Frühwerk: Während sie in ihren ersten beiden Romanen die Rituale der kleinbürgerlichen Idylle ihrer Harmlosigkeit entkleidete, indem sie diese in die Sprache verlängerte – sodass nicht nur kafkaeske Gestalten entstanden, sondern aus ihnen auch der Alltag als Horror und Barbarei hervortrat –, hat sich Elsner in »Das Berührungsverbot« in größerem Maße der Satire bedient, die, wie sie einmal sagte, »wie Bordellbesuche ausschließlich als Männersache« galten.[2] Dies eventuell deshalb, weil der dargestellte Gegenstand einer Entschleierung nicht mehr bedurfte. Nicht zuletzt deshalb wurde das Werk von der Literaturkritik, die weiblichen Autorinnen mit Doppelstandards begegnete, zuweilen abgewertet sowie missachtet, und von der herrschenden Moral zensiert. Trifft seine Wiederveröffentlichung heute aber auf eine veränderte Wirklichkeit, so auch deshalb, weil die Liberalisierung von Sexualität sich erheblich gewandelt hat, vor der Elsners bürgerliche Kleinfamilien nahezu veraltet und die Kritik an ihnen obsolet erscheinen mag. Aber das Verhältnis von Sexualität und Ökonomie, wie es Elsner abzubilden wusste, ist darin nicht verschwunden. Denn die Sexualbefreiung im Spätkapitalismus zeitigt die Dialektik von Aufklärung und Mythologisierung von Sexualität, gerade in der pornographischen Kulturindustrie stets aufs Neue, und die Liberalisierung von Sexualität – auch außerhalb der Kleinfamilie – in der patriarchal-kapitalistischen Ordnung wird durch das Kapitalverhältnis stets auch wieder in diese integriert. In der Allianz von kommunistischer Kritik, satirischer Schärfe und literarischer Qualität hat Gisela Elsner das in ihrem Roman »Das Berührungsverbot« aufs Eindringlichste ins Bild gesetzt.

Das Buch

Gisela Elsner: Das Berührungsverbot. Hrsg. von Christine Künzel, mit einem Nachwort von Veronika Kracher. Verbrecher Verlag, Berlin 2020. 248 Seiten, 16 Euro.
 

[1] Vgl. Elisabeth Lenk, Die sich selbst verdoppelnde Frau, S. 87. In: Ästhetik & Kommunikation, Heft 25 (1976), S. 84-87.
[2] Gisela Elsner, Vereinfacher haben es nicht leicht, S. 34. In: Dies.: Im literarischen Ghetto. Kritische Schriften 2, hrsg. v. Christine Künzel, Berlin 2011, S. 33-40.

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