Editorial

Nachdem Ende September in Oberösterreich und der Steiermark Landtags- und Gemeinderatswahlen stattfinden (und nebenbei auch die Bundestagswahlen in Deutschland), rauscht es diesen Herbst im sprichwörtlichen Blätterwald lauter als sonst: Was wird wohl alles Einfluss auf das Wahlergebnis haben? Da lässt sich journalistisch trefflich über klimabedingte Flächenbrände und Springfluten, sowie politische »Bewältigungen« der Pandemie salbadern und kommentieren (siehe auch nebenstehende Kolumne) – wer den Lebenszyklus des Homo Eigenheim kennt (Häusl bauen, Häusl umbauen, Häusl vererben), weiß aber, dass die »lebensweltlichen« Prioritäten anders gesetzt sind. Apropos Eigenheim: Nicht nur die Preise physisch existierender Immobilien steigen rasant an, da sie begehrte Investitions- und Spekulationsobjekte sind, sondern auch die immaterieller. Der Standard berichtete unlängst, dass der digitale Immobilienfonds Republic Realm innerhalb eines Online-Spiels ein virtuelles Grundstück für 900.000 Dollar erworben hat. Diese Entwicklung ist Teil des Hypes um NFTs (Non-Fungible-Tokens), der dieses Jahr den Kunstbetrieb erfasst hat. Zum einen ist der dem feeding frenzy von Kryptoinvestoren geschuldet, die neue Revenue-Quellen wittern, zum anderen aber auch der Versuch, unter digitalen Bedingungen Einzigartigkeit – etwa von Kunstwerken – wiederherzustellen. Sowohl Barbara Eder, als auch Michael Aschauer widmen sich in ihren Beiträgen mit unterschiedlichen Schwerpunkten NFTs, stellen aber beide fest, dass hinter den vollmundigen Versprechen der Krypto-Jünger wenig steckt. In der Tat weist diese Community sektenhafte Züge auf – nachdem El Salvador den Bitcoin zum staatlichen Zahlungsmittel erklärt hat, steht ein ganzes Land als Versuchslabor zur Verfügung, wie Max Grünberg in seinem Beitrag ausführt. Diese drei Texte stehen in Zusammenhang mit der diesjährigen 48-Stunden-Stadtwerkstatt-Extravaganza unter dem Titel STWST48x7 OUT OF MATTER (»48 Hours Absoultely OOM«, 10.-12. SEPT 2021): Das internationale Festival arbeitet an noch mehr De- und Rematerialisierung, beschäftigt sich mit grenzenlosem elektromagnetischem Raum, diffusen Sphären, aufgelösten Entitäten und entgrenzten Systemen mittels Licht, Antennen, Mikrobiomen und Untergrund. Julian Stadon schreibt über Interfacing TeleAgriCultures und Andreas Zingerle über Phytomining und Hyperakkumulatorpflanzen. Mehr zu STWST 48x7 und den Arbeiten ab S. 13 – abgeschlossen durch ein Interview von Maxence Grugier mit Shu Lea Cheang, welche die aktuelle Edition der Communitywährung Gibling gestaltet hat.

Die Eingangs erwähnten Landtagswahlen spielen auch in die Groll-Geschichte von Erwin Riess hinein: Diese handelt von der kaum zu rechtfertigenden Vormachtstellung der Bundesländer im österreichischen Föderalsystem, deren schä(n)dliche Folgen nicht zuletzt im unkoordinierten Umgang mit der Covid19-Pandemie spürbar wurden. Während alle von einer »Rückkehr zur Normalität« faseln, hat Thomas Ebermann ein Buch darüber geschrieben, was die Pandemie mit eben jenem »Normalzustand« im Kapitalismus zu tun hat und mit Paul Schuberth darüber gesprochen. Till Schmidt hat Nora Sternfeld zu ihrer Konzeption von »situiertem Universalismus« befragt und Tina Sanders beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Frauenquoten eine Form von Ideologie sind, die echter Emanzipation entgegen stehen. Magnus Klaue nimmt den 150. Geburtstag Marcel Prousts und den 200. von Gustave Flaubert zum Anlass, über deren Idee nachzudenken, ein einziges Buch zu schreiben, das wie ein Mikrokosmos alles enthält, was zu einem bestimmten historischen Augenblick erfahren und gesagt werden kann. Die globale Erfahrung von Jüdinnen und Juden in den 1940er Jahren war, mörderischer Verfolgung ausgesetzt zu sein, aber keinen eigenen Staat als Schutzmacht zu haben – Alexandra Bandl und Aron Weiss rezensieren Vladimir Ze’ev Jabotinskys gerade erstmals auf Deutsch erschienenes Buch »Die jüdische Kriegsfront« und Gerald Seiffert einen Sammelband über den israelischen Maler und Kunsthistoriker Moshe Barasch.

Es gibt genügend Anlässe, an einer Welt (siehe Roland Röders Kolumne) und ihren »Innovationen« (siehe Kim Neupert) zu verzweifeln, in der das Zögern einen Akt der Humanität darstellt, wie Sara Rukaj in ihrem Portrait des 2016 verstorbenen Romanciers Markus Werner heraushebt.

Während STWST48x7 können einige Übungen in der Dematerialisierung von big-bad-ugly zumindest kurzfristige Denkpausen verschaffen, zur anschließenden Rekalibrierung des Weltgeistes empfehlen wir dessen Abschaffung.

die De- und Redaktion

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