Triebräder im gesellschaftlichen Mechanismus

Tina Sanders fragt, ob »girl bosses« erstrebenswert sind oder ob es sich bei der Frauenquote vielmehr um Ideologie handelt.

Im Juni ließ der deutsche Bundesrat das Zweite Führungspositionen-Gesetz (FüPoG) mitsamt einer Frauenquote für Vorstände und Aufsichtsräte passieren. Die Einführung einer gesetzlich bindenden Quote wird europaweit stark diskutiert. In Österreich gilt seit 2018 die Vorgabe, wonach die Aufsichtsräte börsennotierter und großer Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern solange mit Frauen zu besetzen sind, bis ein Anteil von 30% erreicht ist. Eine analoge Regelung für Vorstände wird debattiert.

Bis vor Kurzem galt für die ca. 100 Unternehmen der deutschen Privatwirtschaft, die sowohl börsennotiert, als auch paritätisch mitbestimmt sind, eine gesetzliche Frauenquote von 30% für Aufsichtsräte. Nun gilt dasselbe auch für Betriebsvorstände: Bei mehr als drei Mitgliedern im Vorstand soll zukünftig mindestens eines weiblich sein. Diese Regelung ist für die Unternehmen bindend und muss im Zuge von Posten-Neubesetzungen implementiert werden, da diese ansonsten vakant bleiben müssen. Diejenigen Unternehmen, die entweder börsennotiert oder paritätisch mitbestimmt werden – ca. 3.500 sind es – müssen sich selbst eine Zielgröße für Frauen in der Führungsetage setzen. Ist diese Größe 0, wird dies im Gegensatz zu früher Konsequenzen für sie haben: Sollten sie dies nicht in Berichten begründen, drohen Bußgelder.

Doch auch in Frankreich kündigte Emmanuel Macron 2020 die Einführung einer Frauenquote für ökonomische Führungsriegen ab 2024 an. In Norwegen gilt sie seit 2003 als bindend, in Belgien wurde sie 2011 eingeführt, in Italien 2012; europaweit werden immer wieder Stimmen von Politikerinnen, Journalistinnen, Juristinnen, Wirtschaftswissen-schaftlerinnen und Unternehmerinnen laut, die ihre Einführung oder Verschärfung fordern. Von Arbeiterinnen, die dieser Elite nicht angehören, hört man hingegen solche Töne nicht – sie spielen jedoch für die Befürworterinnen der Frauenquote auch keine Rolle.

Zum Begriff der Ideologie

Im Falle von Ideologie werden laut dem Wissenssoziologen Reiner Keller die »tatsächlichen gesellschaftlichen Ausbeutungsverhältnisse verschleiert bzw. im Unerkannten« gehalten (Keller 2008: 28f.), da das Interesse der herrschenden Klasse aus Gründen der Legitimation als Allgemeininteresse dargestellt wird, so Marx und Engels (MEW 3: 47.) Sie schreiben zur Ideologie, dass diese die Gedanken der herrschenden Klasse verkörpere, da jene aufgrund ihrer materiellen Herrschaft auch ideell herrsche. Adorno entwickelt diesen Ansatz weiter, laut ihm dient Ideologie der Rechtfertigung eben jener Herrschaft und ihrer kapitalistischen Basis, wobei die Rechtfertigung auch die Vorstellung der Gerechtigkeit an sich erheischt. Ihm zufolge handelt es sich bei Ideologie um ein »objektiv notwendiges und zugleich falsches Bewußtsein, als Verschränkung des Wahren und Unwahren, die sich von der vollen Wahrheit ebenso scheidet wie von der bloßen Lüge« (Adorno 1979: 465.)

Auch die Soziologen und Autoren des Neuen Geist des Kapitalismus, Luc Boltanski und Eve Chiapello, schließen sich Adorno an und weisen darauf hin, dass es eine aus dem Allgemeinwohl entlehnte Ideologie kapitalistischen Akteuren ermöglicht, sich selbst aus immer wieder auftretenden Krisen zu befreien. Diese Mobilisierung von Arbeitern und Konsumenten zur Partizipation am Kapitalismus gelingt jedoch nur solange, wie seine Prämisse, die Vermehrung des Werts, nicht infrage gestellt wird.

Feministische Selbstverwirklichung als Allgemeininteresse

Im Zuge des Diskurses vertreten Grünen-Politikerinnen wie die Frauensprecherin und stellvertretende Bundesvorsitzende Ricarda Lang oder Katharina Schulze vom bayrischen Landtag stets die These, dass die Quote und mit ihr Frauen als Chefs nicht nur im weiblichen Allgemeininteresse wären, sondern qua des vermeintlichen Ausbruchs aus Geschlechterrollen und ihrer Normalisierungs- und Vorbildwirkung auch insgesamt zur Emanzipation der Gesellschaft beitragen würden. Mit den Identifikationsfiguren der girl bosses sollen somit zwar alle Frauen über ihre ökonomischen Charaktermasken als Konsumentinnen und Arbeiterinnen, aber auch als Wählerinnen und in ihrer Selbstverortung als Feministinnen angesprochen werden, obwohl ihre unterschiedlichen Ausgangslagen unberücksichtigt bleiben – selbst von denen, die sich Intersektionalität auf die Fahne heften.1

Gemeinsam (re-)produzieren girl bosses so die »Vorstellung, dass die Verfolgung des eigenen Interesses dem Allgemeinwohl diene« (Boltanski/Chiapello 2006: 49.) bzw. fallen dieser selbst anheim. Via Quote sollen der nun verstärkt geschlechtergerechte Kapitalismus legitimiert und Frauen ökonomisch mobilisiert werden, da Profit dann als legitimer gilt, wenn die institutionellen Transformationsinstrumente des Kapitalismus (z.B. demografische Zusammensetzung der Arbeiterschaft), »den strengen Vorgaben der Chancengleichheit« entsprechen (ebd.: 43, 66.). Auch die deutsche Politologin Elisabeth Prügl merkt an, dass im Zeitalter des post- bzw. spätmodernen Kapitalismus »entsprechend der Strömung des Liberalismus [...] weibliche Emanzipation als förderlich für das Wohl der gesamten Gesellschaft angesehen« (Prügl 2011: 79.) wird. Diese Entlehnung des auf das Allgemeinwohl bezogenen Feminismus durch den Kapitalismus und seiner herrschenden Klasse bzw. das Hybrid von Feminismus und Kapitalinteresse – der Liberalfeminismus – rühren daher, dass »Institutionen [...] der symbolischen Rechtfertigung« bedürfen, wenn sie »über längere Phasen in der Zeit existieren und für (nachgeborene) Andere gelten« sollen (Keller 2008: 45.).
Im Rahmen solcher Legitimationstheorien besteht somit ein »Zusammenspiel von Wissen und Normativität« (ebd.). Marx und Engels schreiben des Weiteren zum Klasseninteresse als vermeintliches Allgemeinwohl: »Jede neue Klasse nämlich, die sich an die Stelle einer vor ihr herrschenden setzt, ist genötigt […] ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen (MEW 3: 47.)«.

Die nackte Wahrheit?

Und dennoch belegt ein Blick auf die Statistik, dass die von 2016 bis 2020 gültige Regelung zur Frauenquote keinen positiven Effekt auf die Mehrheit der Arbeiterinnen ausübt bzw. in seiner verschärften Version ausüben wird. Die meisten Frauen werden aufgrund von mangelhafter bzw. unpassender Qualifikation oder ihrer Reproduktionsfähigkeit, der Kindesgeburt und der zumeist einseitig aufgeteilten oder alleinigen Erziehungs- und Reproduktionsarbeit niemals eine derartige Führungsposition ausüben: Während 93,6% aller Väter minderjähriger Kinder Vollzeitstellen in der BRD besetzen, gingen 66,2% der Mütter einer Teilzeitstelle nach. Die Ausübung einer Tätigkeit im Vorstand oder Aufsichtsrat ist mit dem Umfang einer Teilzeitstelle nicht zu vereinbaren, die Kindesumsorgung und -erziehung gestaltet sich so für Mütter unmöglich. Auch Boltanski und Chiapello stellen fest, dass gerade Frauen diejenigen sind, die dem zunehmend gestellten Mobilitätsanspruch des post- bzw. spätmodernen Kapitalismus nicht entsprechen. Auch die Dauer der Elternzeit weist zwischen den Geschlechtern Diskrepanzen auf.

Dazu kommt, dass fünfmal mehr Frauen als Männer ein alleiniges Sorgerecht über ihre Kinder ausüben. Aus finanziellen Gründen und der Befürchtung beruflicher Konsequenzen entscheiden sich viele Väter laut dem deutschen Frauen- und Familienministerium gegen Elternzeiten länger als zwei Monate – diese müssen nach wie vor zumeist Frauen auf sich nehmen. Eine der Konsequenzen für die berufliche Laufbahn könnte sein, dass die Zeit, die für Kindererziehung aufgebracht wird, später an Berufserfahrung fehlt und somit die Qualifikationen des jeweiligen Elternteils schmälert. Denn obwohl um 0,8% mehr Frauen als Männer einen Hochschulabschluss absolvieren, sind nicht nur offen zur Schau gestellte Misogynie der – in der absoluten Mehrheit männlich besetzten – Leitungsebene gegenüber einzelnen Frauen dafür verantwortlich, dass die Mehrheit der Frauen niemals eine Stelle in Aufsichtsräten oder Vorständen besetzen wird. Es ist die strukturelle Benachteiligung, die nicht durch eine Quote im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise aufgehoben werden kann, bzw. teils erst durch letztere hervorgebracht wurde. Hier verschränkt sich also nach Adorno Wahres mit Unwahrem.

Girl Bosses als Pionierinnen des gerechten Kapitalismus

Die Frauenquote wird in Talkshowrunden wie Maischberger oder durch Kampagnen wie ProQuote vom primär weiblichen Teil der herrschenden Klasse gefordert, die letztlich entscheidet, wie die Ausbeutung und Beherrschung von Arbeitern gestaltet werden soll. Denn selbstredend sind auch girl bosses wie Judith Williams, Make Up-Vertreiberin und Maischberger-Gast zum Thema Frauenquote, bloß »ein Triebrad« im gesellschaftlichen Mechanismus der steten Reproduktion von Kapital und ihr »Bereicherungstrieb« systematischer Ausdruck der kapitalistischen Logik und somit auch der Konkurrenz. Diese führt auch bei Kapitalistinnen zum Zwang, ihr Kapital ständig auszudehnen, so der Soziologe Manfred Stock, weshalb sie in ihrer Rolle die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte voranzutreiben haben, zu denen auch die Fertigkeiten der Arbeiterinnen zählen (Stock 2005: 125.). Es zeigt sich also, dass auch, wenn Judith Williams the best intentions at heart haben sollte, ihr qua ihrer ökonomischen Charaktermaske niemals an der Emanzipation von Frauen oder dem Rest der Gesellschaft gelegen sein wird, sondern im Gegenteil an deren Ausbeutung als doppelt freie Lohnarbeiterinnen.

Fakt ist nämlich, dass alle unsere Arbeitgeber uns qua ihrer Rolle auszubeuten und ihre Klasseninteressen sicherzustellen haben – selbst, wenn sie weiblich sind. Dies tun die Idole der girl bosses, indem sie als Vorbilder den weiblichen Nachwuchs dazu animieren, in die Professional Managerial Class aufzusteigen. Sie tun es auch, indem sie (wie ihnen Studien nachsagen), das Arbeitsklima und den finanziellen Erfolg des Unternehmens verbessern. Sie tun es aber auch, indem sie als Pionierinnen der Geschlechtergerechtigkeit vermeintlich Stereotypisierung entgegenwirken, indem sie vorgeblich gegenüber Männern Geschlechtergleichstellung normalisieren und bei weiblichen Angestellten Identifikation auslösen. Was hier jedoch normalisiert werden soll, ist die Unterwerfung unter den weiblichen Chef. Fakt ist nämlich außerdem, dass die dem Kapitalismus als Grundlage dienende Ungleichheit und Unfreiheit – nicht nur von Frauen – erst dann enden wird, wenn dieser nicht mehr die Produktionsweise darstellt, und nicht, wenn die bosses girls sind.

Literatur:

Adorno, T. W. (1979). Beitrag zur Ideologienlehre. In: Soziologische Schriften I., Frankfurt am Main: Suhrkamp. 457 – 477.
Boltanski, L./Chiapello, E. (2006). Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK.
Keller, R. (2008). Wissenssoziologische Diskursanalyse. Grundlegung eines Forschungsprogramms. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Marx, K./Engels, F. (1990). MEW 3. Berlin: Dietz.
Prügl, E. (2011). Diversity Management and Gender Mainstreaming as Technologies of Government. In: Politics & Gender. 7 (2011). S. 71 – 89.
Stock, M. (2005). Arbeiter, Unternehmer, Professioneller. Zur sozialen Konstruktion von Beschäftigung in der Moderne. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

[1] Intersektionalität meint die Berücksichtigung mehrerer Diskriminierungskategorien, die sich überschneiden – etwa Geschlecht, Ethnie, Klasse und sexuelle Orientierung.

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