Der letzte linke Kleingärtner, Teil 3

Der Terror mit dem Wasser

»Five Feet High and Rising« heißt einer der gleichsam guten wie traurigen Songs von Johnny Cash. Damit beschreibt er ein Flutereignis in seiner Kindheit. Statistisch gesehen gibt es aktuell keine großen Probleme mit Regen. Die Flutkatastrophe vom 14. Juli in Deutschland und Belgien mit den hunderten von Toten war ein tabellarischer Ausrutscher. Denn wir haben – statistisch gesehen – in Frankreich, Belgien, Deutschland, Österreich - seit einigen Jahren tendenziell Trockenheit; jedenfalls im Jahresdurchschnitt kein Zuviel an Wasser sondern eher zu wenig. Statistisch gesehen gibt es ebenso wenig Armut in diesen Ländern und keine Menschen, die Pfandflaschen sammeln oder in Suppenküchen und Tafeln für Lebensmittel anstehen müssen. Die statistische Tatsache, dass es in diesem Jahr nicht zu viel geregnet hat, hilft den Flutopfern – den Toten wie den auf Jahre hin Geschädigten – nicht weiter. Im Frühjahr regnete es gar in der richtigen Dosierung, danach legte sich im Juni eine Hitzewelle wie Blei über uns und Mitte Juli kam eben DIE FLUT. Wie gut fürs eigene Gutfühlen, dass uns die Statistik den goldenen Mittelweg suggeriert und uns davon abhält, etwas zu verändern. Wieder Glück gehabt.

Der zweite Aufreger ist zurzeit die Impfdebatte. Hier tut kleingärtnerische Expertise Not. Denn mit dem Impfen verhält es sich wie mit den Schnecken und Hühnern. Ähnlich wie bei der Abwehr des Corona-Virus, kommen auch bei den Nacktschnecken ein paar durch, trotz aller Schutz- und Bekämpfungsmaßnahmen. Dann schlürfen sie über die feinen Salatpflanzen und verschlingen die butterweichen Zucchini- und Kürbisblüten. Aber die gärtnerische Gesamtsituation bleibt unter Kontrolle. Genauso verhält es sich beim Impfen gegen Corona. Da bin ich als Kleingärtner wieder in meinem Element. Denn Kontrolle ist wichtig und begründet sich aus sich selbst heraus. Ohne Kontrolle verliere ich den Überblick. Natürlich bin ich kein Kontrollfreak – das wäre schlecht für mein liberales Image – sondern nur ein einfacher bescheidener kleiner Kleingärtner mit dem Blick fürs große Ganze. Also eigentlich ein großer Kleingärtner. Einer mit Überblick und Expertise.

Umso mehr wurmt es mich, dass zuletzt wieder ein Habicht oder Bussard meinem Überblick entflohen ist, und eines meiner fünf Hühner gerissen hat. Damit wären wir beim dritten Aufreger. Ich hatte einen klitzekleinen Teil des neu gesteckten Hühnergeheges vergessen mit Stangen zu versehen, die den Landeanflug des Greifvogels erschweren und zwei Jahre lang solide verhindert haben. Jetzt muss ich mir nachsagen lassen, dass ich von einem Greifvogelgehirn ausgetrickst worden bin. Neben den Kleingärtnertränen der Anteilnahme wegen des qualvollen Todes meines Huhns, wurmt mich dies am meisten. Ich mag es nicht, wenn andere Lebewesen – egal welche - klüger sind als ich und im Ranking über mir stehen, und wenn es nur für ein paar Sekunden ist. Dann verliere ich den Überblick und die Kontrolle. Beides habe ich nur, wenn ausschließlich ich on the top bin.

Jede Menge Kontrollfanatiker schwingen auch in den engen Weiten des Islam und seiner Verbände den Taktstock. Damit liefern sie den vierten Aufreger. Weil einer der ihren ausgebüxt ist und nicht in der überaus engen islamischen Spur geht, soll er jetzt seine »verdiente« Strafe erhalten. Die Rede ist von Dr. Abdel Hakim Ourghi, einem Islamwissenschaftler algerischer Herkunft, der an der Pädagogischen Hochschule Freiburg im Schwarzwald lehrt und islamische Religionslehrer ausbildet. Und weil der gute Mann den islamischen Aufpassern von der staatlichen baden-württembergischen »Stiftung Sunnitischer Schulrat« zu liberal ist, also nicht sonderlich viel von Sühne, Leid und Strafe hält und damit seinen intellektuellen Schäfchen nicht die Freude am Leben vermiest, soll ihm die Lehrerlaubnis entzogen werden. Wie das? Immerhin ist doch ein Grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Hier setzte ich jetzt mal gleich meine nationale Brille auf. So was brauche ich mir von keinem Österreicher sagen zu lassen. Schließlich hat Euer grüner Alexander van der Dingsbums seinem Kumpel, dem neuen iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi recht herzlich gratuliert. Offenbar zieht es grüne Spitzenpolitiker dahin, wo jedwede Freiheit unter Verboten und Waffenterror verschwindet. Als waschechter Original-Öko will ich mit diesen Pseudoökos nichts zu tun haben.

Ich überlege mir gerade, ob ich eine Online-Lesung aus meinem Hühnerstall machen soll zwecks Solidarität mit Abdel Hakim Ourghi. Das wäre ein Marketing Gag. Aber es könnte auch blutig ausgehen, nämlich dann, wenn meine Hühner während der Lesung über den Islam lachen oder wenn sie durch ihr Vor-sich-hin-Gackern ein Desinteresse am Islam jedweder Art bekunden. Dann würden ihre Artgenossen in der islamischen Welt aus Rache postwendend abgeschlachtet; sozusagen als diskrete Verbündete von Charlie Hebdo. Lachen verträgt sich offensichtlich nicht mit dem Gros der islamischen Strömungen.

Bitte lesen Sie diesen Abspann: »Diese Kolumne wurde ihnen präsentiert von der Aktion 3.Welt Saar e.V. (www.a3wsaar.de), frisch geprüft und versiegelt in der Abteilung Ackerbau & Viehzucht. Die wissen, was gut ist.

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Zur Abwehr von Beutegreifern eher ungeeignet: Zerfallgurt mit Patronen für Maschinengewehre. (Bild: Aktion 3.Welt Saar e.V)

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