Das Haus gewinnt immer

Michael Aschauer überlegt, ob NFT für »Next Fucking Thing« oder »Noch Fiesere Technologie« steht.

Spätestens mit der Versteigerung eines JPEG-Bildes mit dem Titel »Everyday« um umgerechnet 63 Millionen Euro im März 2021 ist der - vormals unbekannte - Name Beeple alias Mike Winkelmann in aller Munde und die vormals kryptische Bezeichnung NFT springt einen in Zeitungen, Magazinen und social media feeds entgegen. Zahlreiche namhafte und namenlose Künstler werfen seither ihre Kreationen als NFTs auf den Markt. Das Francisco Carolinum Linz versucht, sich mit der Ausstellung »Proof of Art« an den Hype anzuhängen – oder diesen aufzuklären?[1] Der neueste Trend: reale Kunstwerke zu zerstören, und dann nur mehr mit dem virtuellen Besitz virtueller Tokens zu spekulieren.[2] Der Meister der Kommerzkunst, Damien Hirst, hat – etwas verspätet – diesen Braten gerochen und im Juli 10.000 NFTs aufgelegt[3] - die Nachfrage überstieg das Angebot bei weitem.[4]

Die Blockchain verspricht, so scheint es, Künstlern - und hier vor allem den digitalen Künstlern, die sich mit dem Verkauf ihrer Werke schon immer schwergetan haben - den Traum vom selbstbestimmten Handel ihrer Werke – mit automatischer Beteiligung an Wiederverkäufen, ohne gierige Mittelsmänner und mit neuem Verhältnis zu ihrem Publikum (woanders auch Kunden genannt). Der freie Markt der Kunst wird also noch freier - und er wird automatisiert. Die Blockchainwelt jubelt über den Zufluss an Kapital, Frischfleisch für das Pyramidenspiel und den Glanz der Kunst, den man sich umhängen kann, früher nannte man das Gentrifizierung.

Aber von Anfang an: Was sind eigentlich NFTs?

Ein Euro oder ein Bitcoin ist ein Euro oder ein Bitcoin und kann so gehandelt werden, es ist egal, mit welchem Euro oder Bitcoin bezahlt wird. Geld hat kein Mascherl. Es ist austauschbar (»fungible«). Ein »Non-Fungible« Token - im Gegensatz dazu - ist ein Unikat, einzigartig und nicht austauschbar. Die ersten NFTs waren Cryptopunks (2017) - eine Serie verpixelter Köpfe mit Punkfrisuren im Stile der Achtziger. Die Welle richtig losgetreten haben Katzen: CryptoKitties, veröffentlicht Ende 2017, hat schnell Millionen umgesetzt und mitgeholfen, den Standard ERC-721 auf der Blockchain Ethereum zu definieren.

Die Mehrheit aktueller NFTs basiert heute auf Ethereum, nach Bitcoin aktuell die zweitgrößte Kryptowährung, und die erste Blockchain, die das Programmieren und Ausführen kleiner Programme - sogenannter Smart Contracts - möglich machte. ERC-721 definierte einheitliche Schnittstellen und Kernmethoden für Non-Fungible Tokens. Damit wurde der weitläufige Handel und Transfer ermöglicht. Das führte zum Entstehen zahlreicher Handelsplattformen.

Ein NFT wird also durch ein kleines Programm definiert und ein Token besteht im Wesentlichen aus einer ID-Nummer und einigen wenigen Metadaten, wie einem Hash oder einem Verweis auf eine Internet-URL, wo die echten Metadaten für das gehandelte Werk zu finden sind. Diese können wiederum mit einem Link auf das Bild verweisen, oder was auch immer das Werk ist, das mit dem NFT gehandelt werden soll. Für Archivierung ist ein NFT nicht zuständig. Es bleibt den Nutzern bzw. Plattformen überlassen, die Werke auch dauerhaft zu speichern. Sollte die Plattform pleitegehen und verschwinden, gehen damit auch alle Bilder von deren Servern verloren.

Ebenso wenig kümmert sich ein NFT um Lizenz- oder Nutzungsbe-dingungen. Ohne weitere Verträge besitzt man also erst mal gar nichts außer einer digitalen Wertkarte mit einer Nummer. Für einen NFT ist irrelevant, ob das Werk überhaupt existiert oder verkauft oder genutzt werden darf. Fakes und Hacks sind aktuell nicht unüblich. Die ganze Aufregung dreht sich also um eine Art (unausgereifter) Buchhaltungs-software.

NFTs sind aber endlich auch eine erste, richtige und medienwirksame Real-Anwendung der Blockchain - abseits von der Spekulation mit virtuellen Coins - oder sollte es sich hier etwa auch nur um Spekulation handeln? Inzwischen wird ja alles denk- und undenkbare als NFT gehandelt: Kunst, Baseball-Sammel-Cards, frei- oder unfreiwillige Sex Tapes, Tweets - Im Grunde kann alles, oder auch nichts, als NFT publiziert werden. Der Markt ist im ersten Quartal 2021 praktisch über Nacht explodiert.

Die Selbstermächtigung der Künstler durch NFT erweist sich hingegen schnell als Mythos. Kaum ein Künstler schreibt den Programmcode für seinen NFT selbst. Angeboten wird fast ausschließlich auf einschlägigen Plattformen, die Smart Contract und klassischen Vertrag - also die Regeln - bestimmen und am Gewinn beteiligt sind. Der alte Gate-keeper Galerist wird also lediglich durch einen neuen Gatekeeper Krypto-Plattform ersetzt.

Die nach Marktwert größte NFT-Plattform ist übrigens Nifty Gateway und gehört den Winkelvoss-Brüdern, das sind jene Harvard-Studenten und olympischen Ruderer, die Mark Zuckerberg verklagt haben, weil er ihre Ideen für Facebook geklaut haben soll. Von den kolportierten 65 Millionen an Vergleichssumme haben sie einige in Bitcoins investiert, sind über Umwege also doch noch reich und zu Krypto-Evangelisten geworden. Schöne kleine Harvard-Welt.

Was diese Anekdote auch illustriert: Die Proponenten und Klienten der NFT-Welt sind Kryptogewinner, Early-Adopters, die ihre Gewinne irgendwie reinvestieren (müssen). Also im Wesentlichen: jung, männlich, (meist) weiß, reich und technologiegläubig. Sich durch Kunst weißwaschen zu wollen und den feinsinnigen, wohlhabenden Geist raushängen zu lassen, ist nichts Neues. Nebenbei sorgen der Glamour der Kunst und die Rekordverkäufe für Schlagzeilen, man muss ja neues Kapital für das Ponzi-Schema anziehen. Auch wer Werke als NFT verkaufen will, muss erst mal in Kryptowährung investieren und Gebühren für Prägung (minting) und Transaktionen bezahlen, völlig unabhängig von einem tatsächlichen Verkauf. Wie bei vielem gilt hier: »the house always wins« und: Was für Beeple oder Damien Hirst gut ist, ist nicht unbedingt gut für die andern 99% der Künstler.

Die Namen mancher Plattformen wie SuperRare und Rarible sind genauso illustrativ wie Programm: Um was es hier geht, ist künstliche Verknappung von unlimitiert kopierbaren digitalen Werken. Einzigartigkeit als Privateigentum wird im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit wieder etabliert, automatisiert und der Marktlogik von Plattformkapitalismus unterworfen. Ob das eine gute Idee ist?

Inzwischen auch weitgehend bekannt ist der enorme Energieverbrauch von Kryptowährungen, um genauer zu sein, jener, die auf dem proof-of-work Algoritmus zur Konsensfindung beruhen. Das gilt natürlich auch für Kryptokunst als NFTs, die auf diesen Blockchains beruhen. Der gesamte Energieverbrauch von Ethereum beträgt zurzeit laut dem Engergy Consumption Index von Digiconomist 57.[4] TWh und entspricht damit in etwa dem Energieverbrauch von Usbekistan (der Bitcoin steht übrigens aktuell bei 135 TWh, etwa so viel wie Schweden). Eine einzelne Transaktion auf Ethereum hat einen CO2-Abdruck von 136.882 Kreditkartentrans-aktionen oder 10.293 Stunden Youtube-Videos schauen.[5] Das Auflegen einer Edition von Krypto-Kunstwerken kann also leicht mal den jährlichen Energieverbrauch des Künstlers in seinem Studio übertreffen – auch, ohne je verkauft zu werden. Ja, man kann das durch das Verwenden von anderen Blockchain-Technologien, die auf proof-of-stake basieren, mitigieren, wenn dies das einzige Problem wäre - Ethereum verspricht diese Migration übrigens schon fast so lange, wie es existiert.

Zusammengefasst kann ein NFT eigentlich nichts, was man nicht mit einfachen digitalen Signaturen oder Echtheitszertifikaten - und viel weniger Aufwand - nicht auch, oder sogar besser machen könnte. Selbst die Beteiligungen des Künstlers an den Erlösen von (potentiellen) Wiederverkäufen ist nicht neu. In einigen Ländern wie auch Österreich ist das geltendes Gesetz.

Mit dem Kauf eines NFT ersteht man ... einen NFT!

NFTs können in ein klassisches Vertragswerk eingebunden sein – ob das jetzt Click-Wrap-Lizenzen sind oder ein Papierstapel im Safe. Herkunft, Transaktionen und Besitz können durch den NFT nachverfolgbar gemacht werden. Aber NFTs können keine der Versprechungen, die gemacht werden, tatsächlich einlösen: Sie können weder die Echtheit, noch die Einzigartigkeit eines Werkes garantieren. Braucht es aber für das Prestige von Besitz heute überhaupt noch Realeigentum?

Der Rekord-Verkauf von Beeple dürfte letztlich wie alles ein großer PR-Stunt sein: für das Auktionshaus Christies, für Beeple und für den Käufer, einen indischen Kryptoinvestor aus Singapur, der auch einen Krypto-Art-Fund namens Metapurse betreibt. Metapurse sammelt und investiert in NFTs (unter anderem von Beeple), und verkauft wiederum Anteile als Tokens - Beeple selbst hält übrigens 2% der Anteile. Win, Win, Win also.[6] Die Versteigerung von Everyday erfolgte übrigens altmodisch off-chain.[7] Und Beeple – so hört man – wechselte den Gewinn möglichst schnell in »echte« Dollar.

Es lohnt sich hier, Jackson Pallmer zu zitieren, er ist Co-Autor des ursprünglich als Parodie kreierten DodgeCoin, der - angefeuert durch Elon Musk - inzwischen in die Top-Ten der Kryptowährungen aufgestiegen ist. Er hat kürzlich in einer Serie von Tweets[8] die Beweggründe für seinen Ausstieg aus der Kryptowelt kundgetan:

»Nach jahrelangem Studium glaube ich, dass Kryptowährung eine von Natur aus rechte, hyperkapitalistische Technologie ist, die in erster Linie entwickelt wurde, um den Reichtum ihrer Befürworter durch eine Kombination aus Steuervermeidung, verminderter regulatorischer Aufsicht und künstlich erzwungener Knappheit zu steigern.

Die Kryptowährungsbranche nutzt ein Netzwerk aus dubiosen Geschäftsverbindungen, gekauften Influencern und Pay-for-Play-Medien, um ein kultähnliches »Schnell reich werden«-Schema aufrechtzuerhalten, das entworfen wurde, um neues Geld von finanziell Verzweifelten und Naiven abzuziehen.

Trotz der Behauptungen der »Dezentralisierung« wird die Kryptowährungsbranche von einem mächtigen Kartell wohlhabender Persönlichkeiten kontrolliert, das im Laufe der Zeit die gleichen Institutionen wie das bestehende zentralisierte Finanzsystem entwickelt hat, die sie angeblich ersetzen wollten.

Kryptowährung ist, als würde man die schlimmsten Teile des heutigen kapitalistischen Systems (z. B. Korruption, Betrug, Ungleichheit) nehmen und Software verwenden, um den Einsatz von Interventionen, die als Schutz oder Sicherheitsnetz für den Durchschnittsbürger dienen (z. B. Prüfungen, Regulierung, Besteuerung) technisch einzuschränken.«

Was kann also passieren, wenn wir Plattformkapitalismus, Blockchain und die Absurdität des Kunstmarkts miteinander verbinden? Ich frage für einen Freund.

 

[1] Proof of Art, Eine kurze Geschichte der NFTs, von den Anfängen der Digitalen Kunst bis zum Metaverse. Ausstellungsdauer: 11. Juni – 15. September 2021, https://www.ooelkg.at/de/ausstellungen/detail/proof-of-art-eine-kurze-geschickte-der-nfts-von-den-anfaengen-der-digitalen-kunst-bis-zum-metaverse.html
[2] BBC: Banksy art burned, destroyed and sold as token in ‚money-making stunt‘ https://www.bbc.com/news/technology-56335948
[3] Damien Hirst Has Created 10,000 Artworks That Can Be NFTs, If You Want. https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-07-14/damien-hirst-the-currency-artworks-10-000-pieces-for-2-000-each
[4] Damien Hirst’s ‘Currency’ NFT drop more than 6x oversubscribed, https://cointelegraph.com/news/damien-hirst-s-currency-nft-drop-more-than-6x-oversubscribed
[5] Etherum Engergy Consumption Index, https://digiconomist.net/ethereum-energy-consumption, Bitcoin Energy Consumption Index, https://digiconomist.net/bitcoin-energy-consumption
[6] Amy Castor: Metakovan, the mystery Beeple art buyer, and his NFT-DeFi scheme, https://amycastor.com/2021/03/14/metakovan-the-mystery-beeple-art-buyer-and-his-nft-defi-scheme/
[7] Artnet: Why Crypto Purists Say Beeple‘s Mega-Millions NFT Isn‘t Actually an NFT at All, https://news.artnet.com/market/beeple-everydays-controversy-nft-or-not-1952124
[8] @ummjackon, übersetzt vom Autor in Kooperation mit Google, https://twitter.com/ummjackson/status/1415353985406406658

 

ŦɏŁᵻⱣⱥ wird im Rahmen von STWST48x7 präsentiert.

Michael Aschauer ist Künstler und lebt zurzeit zwischen Linz, Wien und Paris. Er hat 2019 selbst mit NFTs und smart contracts experimentiert. Mit ŦɏŁᵻⱣⱥ (Tylipa) hat er einen satirischen Token erschaffen, der – als einer der wenigen – nicht nur Metadaten beinhaltet, sondern auch das Werk selbst auf der Blockchain generiert. Er empfiehlt, Werke klassisch zu erwerben.

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