Gefährdeter Humanismus

Nigerias Islamisten entdecken im Atheismus eine neue Gefahr, gegen die sie mit aller Gewalt vorgehen. Felix Riedel beschreibt das am Fall des derzeit inhaftierten Humanisten Mubarak Bala.

Seit dem 28. April dieses Jahres ist Mubarak Bala, der Präsident der humanistischen Union Nigerias, in Haft. Er wurde wegen Blasphemie angezeigt, verhaftet und nach Kano verlegt – eine Islamistenhochburg, in der die Scharia-Gerichte in Kraft sind. Seitdem wurde ihm jeder Kontakt und ein offizieller Prozess versagt. Der Polizeichef von Kano, Habu Sani, weigert sich, einen Gerichtsbeschluss umzusetzen und ihm ein Gespräch mit seinen Anwälten zu gewähren. Am 8. August richtete seine Frau daher einen Appell an das Parlament: Sie will einen Beweis, dass Bala noch am Leben ist.[1] Es ist nicht undenkbar, dass Bala in Haft gefoltert wurde, Übergriffe durch Mithäftlinge erlitt oder in einer der notorisch überfüllten Sammelzellen an den Folgen der Haftbedingungen verstarb. Sein Unterstützernetzwerk hält es dennoch für wahrscheinlicher, dass die Isolationshaft ihn und andere Atheisten von freier Meinungsäußerung abschrecken soll. Dieses Exempel ist den Behörden offenbar wichtiger als die daraus hervorgehende Erosion des Rechtsstaates und der Reputationsverlust.

Mubarak Bala war bereits im Jahr 2014 zum Politikum geworden, nachdem ihn seine Familie in die Psychiatrie einwies, weil er sich vom Islam losgesagt hatte. Der behandelnde Arzt sah in seiner Weigerung, an Adam und Eva zu glauben, eine Erscheinung von Wahn und verabreichte ihm gegen seinen Willen Medikamente. Eine internationale Kampagne für seine Freilassung begann und während eines Streiks von Klinikpersonal konnte Bala entkommen. Die Humanistische Union in Nigeria hat seitdem intensive Organisationsarbeit geleistet und an Zulauf gewonnen. Bala nutzt primär Facebook, um mit scharfzüngiger Satire Korruption, Bigotterie und Fanatismus aufs Korn zu nehmen.
Angeklagt wurde er im April, weil er den Propheten Muhammad einen Terroristen genannt und, für Gläubige ebenso kränkend, mit dem christlichen Prediger T.B. Joshua verglichen hat, der wegen seines Reichtums und seiner Quacksalbereien seit langem stellvertretend für die Auswüchse von Religion in Nigeria steht:
»Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Propheten TB Joshua of Lagos und dem Propheten Muhammad aus Saudi Arabien, unser eigener aus Nigeria ist sogar besser, weil er kein Terrorist war.«[2]
Im Strafgesetzbuch des Bundesstaates Kano heißt es: »Wer eine Religion öffentlich beleidigt oder Verachtung dahingehend anstachelt, dass dies zu einem Bruch des Friedens führen kann, wird mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft.«
Das entspricht im Wortlaut dem deutschen »Blasphemiegesetz« §166 StgB, das jedoch drei Jahre Haft androht:
(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

1969 von CDU/CSU und SPD beschlossen, versuchte die CDU/CSU seitdem mehrfach, den Paragraphen noch zu verschärfen. Der Fall in Kano zeigt nur die Konsequenz einer solchen international etablierten Definition von Blasphemie: Schutz genießt die Religion, die in der Lage ist, den öffentlichen Frieden auch zu stören. Das ist in Deutschland vor allem die organisierte katholische Kirche und in geringerem Ausmaß der organisierte Islam, in Nordnigeria sind es hingegen die unorganisierten, islamistischen Mobs. Mehr als die vergleichsweise streng geregelten Schariagerichte sind es diese Lynchkommandos, die Atheisten und Andersgläubige in Nordnigeria fürchten. Erst im Jahr 2000 im Bundesstaat Zamfara etabliert, verbreitete sich die Scharia rasant in 12 anderen Bundesstaaten. Dabei blieb sie immer der Bundesjustiz unterworfen: So konnten Safiya Hussaini und Amina Lawal Kurami im Jahr 2002 ihre Todesstrafe durch Steinigung in einen Freispruch umwandeln. Ein großer Faktor dabei war die internationale Sensibilisierung gegen Steinigungen unter anderem in Iran und Afghanistan. Schariagerichte treffen vor allem muslimische Homosexuelle und »Ehebrecherinnen«, sie dürfen aber keine Ex-Muslime oder Nichtmuslime verurteilen – diese können weltliche Rechtsprechung einfordern. Leo Igwe erklärt daraus den Schritt zur rechtswidrigen Haft ohne Anklage: Der Mob ruft nach dem Tod Balas – er kann aber nicht vor einem Scharia-Gericht zum Tod verurteilt werden, sondern nur vor einem säkularen Gericht zu maximal zwei Jahren Haft. Die Isolationshaft ist ein Mittel, den Mob zu befriedigen. Für Bala bedeutet das psychische Folter: er muss täglich befürchten, durch eine unsachgerechte Freilassung einem Mob vorgeworfen zu werden.

Gleichzeitig führen die salafistisch geprägten Islamisten einen Kulturkrieg gegen die Sufi-Orden Westafrikas. Der Sänger Yahaya Aminu-Sharif hat einen Propheten der Tijaniyyah für wichtiger erklärt als Mohammed. Da er Muslim ist, verurteilte ihn ein Scharia-Gericht zum Tod durch Hängen. Ob das Urteil vollstreckt wird, ist fraglich – die meisten Todesurteile werden später revidiert. Der Mob aber hat schon gewonnen: Aminu-Sharifs Haus wurde geplündert und zerstört.
Die kontinuierliche Straflosigkeit solcher Mobs ist ein Zeichen dafür, dass Nigeria nicht von einem politischen Willen, sondern von Öl und Militär zusammengehalten wird. Jedes Massaker im Norden treibt die islamisch dominierten Landesteile weiter vom christlichen Süden weg. Einen offenen Sezessionskrieg verhindert vor allem die düstere Vergangenheit des Biafra-Konfliktes: Pogromen durch islamische Hausa und Fulani fielen im Norden 30,000 nichtislamische Igbo zum Opfer, durch die Hungerblockade in Biafra starben mehr als eine Million Menschen. Zwischen Sezessionskrieg und Boko Haram sucht die nigerianische Öffentlichkeit um des lieben Friedens willen ein prekäres Arrangement mit Korruption, Konservativismus und Gewalt durch Lynchmobs und macht dabei sehr weitgehende Konzessionen. Diese nährten jedoch nur die islamische Dominanzkultur.
Die wachsenden verbalen Attacken gegen Atheisten durch islamische Prediger zeigen, dass sie diese als echte Bedrohung und Störung des bestehenden Arrangements wahrnimmt. Die christliche Missionstätigkeit um die Jahrtausendwende gefährdete die Hegemonie der Muslime – es kam zu Pogromen, ethnoreligiösen Säuberungen und Jihadismus. Die islamische Elite, aber auch die Masse spürt, wie wenig der Islam vor allem Frauen und Jugendlichen zu bieten hat. Aus dieser Nervosität heraus erwächst das Bedürfnis nach Homogenität, nach Abwesenheit von besseren Alternativen. Nachdem die Christen mit Pogromen auf ihren Platz verwiesen wurden, richtet sich die Abwehr stärker gegen Atheisten. Dabei spielt die reale Marginalität der humanistischen Bewegung in Nigeria weniger eine Rolle als die Qualität und damit Gefährlichkeit ihres Angebots: Die Mehrheit der Bevölkerung sind Jugendliche und die erhalten mehr Zugang zu Bildung, sie orientieren sich an Stars und globalen Einflüssen. Das macht sie zu einem unsicheren Element, das sehr rasch kippen kann. Daher wurde nun selbst ein 13-jähriger Junge von einem Scharia-Gericht wegen ungebührlicher Bemerkungen über Gott zu zehn Jahren Haft und Strafarbeit verurteilt. In dieser ideologischen Schwäche eines nur durch Gewalt zusammengehaltenen Islams besteht auch die Hoffnung der Humanisten in Nigeria: Gelingt es ihnen, zu überleben und einen Fuß auf den Boden zu bekommen, werden sie sehr rasch wachsen können. Anders als der Humanismus in Mitteleuropa, der stark zerstritten ist und nur mehr einen marginalen Faktor für relativ ungesteuert ablaufende Prozesse wie die Erosion der Gläubigkeit darstellt, ist der Humanismus in Nigeria (und im gesamten subsaharischen Afrika) einfacher und direkter. Er ist hier einziger Anwalt von LBGTI-Rechten und Redefreiheit. Der europäische Humanismus hat als Hauptgegner das Recht gegen sich (Blasphemie und Religionsunterricht), der nigerianische den Mob, die Eliten, die Geheimbünde, die Kirchen, die gesamte Gesellschaft. Von entscheidender Bedeutung für das Gelingen des humanistischen Projekts ist die internationale Solidarität. Proteste wie im Fall Ken Saro-Wiwas gibt es nicht mehr. Afropessimismus, eine allgemeine Konfliktmüdigkeit und Eskapismus in die Innerlichkeit prägen den westlichen Blick auf Probleme außerhalb Europas.
Der entscheidende Kampf um die Köpfe der nigerianischen Jugend wird dem freien Markt der Religionen überlassen, wer davor flieht, wird bereits in der Sahara aufgehalten. Das macht es umso wichtiger, dass Atheist*innen in Nigeria alle Mittel erhalten, die sie für ihre Arbeit brauchen.
 

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Mubarak Bala (Mitte) und Leo Igwe (rechts) in der Diskussion auf einer Konferenz in Abuja, 2019 (Bild: Leo Igwe)

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