Europas verschwiegene Schande

Eine Groll-Geschichte von Erwin Riess.

Der Dozent und Herr Groll saßen auf dem Hauptplatz in Steyr in einem Café im Freien. Die beiden hatten zuvor das BMW-Motorenwerk besichtigt, eines der modernsten seiner Art weltweit, und waren ob der blitzenden Technik und der Freundlichkeit des Werkspersonals beeindruckt. Und doch, so schien es Herrn Groll, erweckte der Dozent den Eindruck, als würde eine Last schwer auf seinen Schultern liegen. Er wollte seinen Freund darauf ansprechen, doch der kam ihm zuvor und fragte Groll, ob er schon vom Caritas-Kinderheim Gleink gehört habe, es liege nur einen Steinwurf von der Fabrik entfernt und habe zu den berüchtigsten Einrichtungen dieser Art in Österreich gezählt.
Groll schüttelte den Kopf.
Vor kurzem sei eine umfangreiche Studie erschienen [1], fuhr der Dozent fort, sie liste in erschütternden Details die Grausamkeiten gegen Buben auf, die in diesem Heim bis zu dessen Schließung im Jahr 2009 den Alltag bestimmten.
»In Gleink, so stellen die Forscherinnen und Forscher fest, bestand das nationalsozialistische Menschenbild weiter fort. Kinder mit psychischen oder Entwicklungsproblemen oder ganz einfach nur Waisen wurden als asozial, rassisch minderwertig und für den Volkskörper schädlich eingestuft und demgemäß behandelt. Die Palette der Mißhandlungen reichte von systematischem sexuellem Mißbrauch, exzessiver Prügelgewalt bis zu verbalen Demütigungen. Die Schilderungen jener, die es fertigbrachten, über ihre Erfahrungen zu berichten, sind Nachrichten aus der christlichen Hölle auf Erden. Die Kinder durften die Caritas-Strafanstalt – denn um eine solche handelte es sich dem sozialen Charakter nach – nicht verlassen, jahrein, jahraus erlebten die Zöglinge, die besser Sträflinge genannt werden sollten, die schändlichste Behandlung. Über all dem Elend waltete eine erdrückende Lieblosigkeit, geeignet ein verletzliches und einsames Gemüt vollends zum Erlöschen zu bringen.«
»Die Schwarze Pädagogik ist nie verschwunden, sie erlebt jetzt, da autoritäre und nationalistische Strömungen eine Renaissance feiern, eine neuerliche Blüte«, erwiderte Groll.
»Sie sprechen von Osteuropa«, sagte der Dozent.
»Nicht nur. Wie wohl ich zugebe, daß der zivilisatorische Rückfall in den ehemaligen Staaten des Warschauer Pakts besonders groß ist. Besonders die Lage behinderter Menschen hat sich dort dramatisch verschlechtert. Ich habe dazu in den letzten Wochen Ermittlungen angestellt. Dabei stützte ich mich nicht nur auf allgemein zugängliche Dokumente wie die Länderberichte, die im Rahmen der 2008 in Kraft getretenen UN-Behindertenrechtskonvention erstellt werden und diverse Studien und Vor-Ort-Darstellungen von Expertinnen und Experten der Europäischen Union, sondern auch auf internationale Medienberichte. Sehr ergiebig waren die Erzählungen behinderter Menschen, die in Internetforen miteinander kommunizieren. Schließlich bin ich über jahrzehntelange Freundschaften mit etlichen Aktivisten der Independent-Living-Szene behinderter Menschen in den angesprochenen Staaten in Kontakt. Sie bestätigten und ergänzten viele der zu Tage gekommenen haarsträubenden Diskriminierungen seitens der ost- und ostmitteleuropäischen Regierungen.« Während er sprach, hatte Herr Groll ein einfaches orangefarbenes Notizbuch des Formats A 6 aus dem Rollstuhlnetz hervorgeholt und aufgeschlagen.
Nun legte der Dozent ein A 5 Notizbuch auf den Tisch, es war schwarz, in silberfarbenen Lettern prangte der Name des englischen Herstellers auf dem Buchrücken. Der Dozent schlug eine neue Seite auf und strich sie mit dem Handrücken glatt.
»Das Ergebnis Ihrer Ermittlungen ist also …«
Immer wieder einen Blick in seine Aufzeichnungen werfend, erzählte Herr Groll:
»Anfang der 2000er Jahre berichtete der Fernsehsender Al Jazeera in der Dokumentation ,Europe’s Hidden Shame‘ über Behindertenheime in Rumänien, jenes in Cighid wurde als stellvertretend für viele andere bezeichnet. Kinder mit unterschiedlichsten Behinderungen wurden unter grauenhaften Bedingungen verwahrt. Der sogenannte Isolator war ein Verschlag mit vernagelten Fenstern, in dem siebzehn Kleinkinder hausten. In der Dunkelheit des Raumes mussten die Journalisten am Geruch erkennen, ob es sich um Brei, Kot oder Erbrochenes handelt. Schaufelweise habe man damals Exkremente aus dem Haus getragen.«
Der Dozent schrieb in sein Buch. Groll fuhr fort: »Im Jahr 2007 trat Rumänien der EU bei. Als Beitrittsbedingung wurde unter anderem eine nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation behinderter Kinder verlangt. Im Jahr 2019 tauchten erneut Beweise für den Missbrauch von behinderten Menschen in Rumänien auf. Der Fernsehsender Al Jazeera schickte ein Team aus drei englischen Spezialisten und Journalisten. Sie produzierten die Dokumentation »Europe’s Recurring Shame und wiesen nach, daß sich nur insofern etwas geändert hatte, als die Heimfassaden modernisiert, die Zustände im Inneren aber unverändert waren – angekettete Kinder in Verschlägen. Diese waren nun aus Plexiglas. Und die Förderungen der EU aus dem Titel »Inklusion« flossen munter weiter.«
Der Dozent lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloß die Augen.
»Wer nun glaubt, daß die Horrorzustände eine rumänische Spezialität sind, dem entgegnen Expertinnen und Experten diverser NGOs – unter ihnen viele selbst betroffene Menschen –, daß die Verhältnisse in ganz Osteuropa ähnlich seien.
Ein Bursch in einem Bett mit hohen Gitterstäben aus Eisen; ein anderer Bub in einer selbst gemachten Zwangsjacke; eine 20-Jährige in einem winzigen Gitterbett; ein Teenager mit abgemagerten Beinen; Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit offenen, unbehandelten Wunden im Gesicht und an den Extremitäten: Die Beschreibung des Behindertenheims Topház in Göd bei Budapest. Zehntausende Kinder und Erwachsene in anderen ungarischen Heimen für Behinderte werden weiterhin weggesperrt, um sie den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen.
Nach wie vor werden intellektuell beeinträchtigte Menschen nicht in kleineren Einheiten oder Projekten des betreuten Wohnens untergebracht, sondern von der Gesellschaft abgesondert. Der Menschenrechtskommissar des Europarats empfahl, keine EU-Gelder mehr für die Renovierung der Anstalten aufzuwenden. Die Konsequenzen für Ungarn? Die EU-Förderungen für Inklusion wurden erhöht – Ungarn errichtet derzeit mehrere Dutzend Heime fernab von Städten und Dörfern in Sümpfen, Industriebrachen, Überschwemmungsgebieten oder neben Müllverbrennungen. Sehr oft entstehen die neuen Heime auch neben den alten Kästen auf deren Gelände. Das Gegenteil von den von der UN-Behindertenkonvention 2008 geforderten betreuten Wohngemeinschaften und Einzelwohnungen in den Städten. Behinderte Menschen genießen in diesen Einrichtungen keinerlei Unabhängigkeit, was Wohnen, Essen, Freizeit, Arbeit und die anderen Sphären des Lebens anlangt. Die Verwendung riesiger Summen öffentlichen EU-Geldes für die Verstetigung von Aussonderung und Mißbrauch wird in den Berichten immer wieder angeprangert. Was mit den behinderten Menschen in den entlegenen Ghettos geschieht, kann man sich unschwer ausmalen. Gleichzeitig wurde die Tätigkeit von NGOs, die auch nur einen Cent ausländisches Geld erhalten, in Ungarn verboten. Anklagende Berichte wird es in dem Land, das keine regierungsunabhängigen Medien mehr kennt, nicht mehr geben.
In Russland leben mindestens zwölf Millionen Menschen mit Behinderung, man begegnet ihnen selten auf der Straße, erzählt Marina Borissenkowa, eine Aktivistin aus dem Gebiet Pskow. Wohnungen sind nicht angepasst, es ist vielen nicht möglich, sie zu verlassen. Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen leben überwiegend in geschlossenen Einrichtungen. Inklusive Kindergärten und Schulen sind seltene Ausnahmen.
Im Mai 2016 untersuchte der Petitionsausschuss des Europäischen Parlaments die Slowakei und kam zum Ergebnis, daß die von der UN-Konvention geforderte Auflösung von Großheimen und die »Entlassung« behinderter Menschen in eine (von Assistenz unterstützte) Selbstbestimmung und Unabhängigkeit nicht befolgt wird.
Die Wissenschaftlerin Marina Doichinova aus Bulgarien hält in einem Report der EU-Agency for Fundamental Rights fest, daß von einem selbstbestimmten Leben in Bulgarien keine Rede sein kann. Heimstrukturen verfestigen sich, bauliche Barrieren werden nicht abgebaut, auch sonst werden die Grundsätze einer modernen Behindertenpolitik nicht annähernd befolgt. Für Tschechien, Kroatien, Serbien, Moldawien, die Ukraine und die anderen ehemaligen jugoslawischen Teilstaaten sowie für die baltischen und zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken trifft dasselbe zu. Die Monitoring-Berichte fallen durchgängig katastrophal aus.
Die behinderten Menschen Osteuropas, deren Zahl mit drei Dutzend Millionen nicht zu gering geschätzt ist, sind die Parias Europas, Opfer von eugenischer Politik. Was nach dem sozialen Tod mit behinderten Menschen in dieser Welt geschieht, wissen wir aus der Geschichte.«
Der Dozent steckte seinen Notizblock weg. Seine Augen starrten ins Leere.
 

[1] Angela Wegscheider, Michael John, Marion Wisinger. »Verantwortung und Aufarbeitung«. Die Studie erforscht die Vergangenheit von Caritas-Heimen in Oberösterreich. Das Kapitel Gleink zählt 190 Seiten – für jedermann einsehbar auf www.caritas-linz.at.

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Das Kloster Gleink, in dem sich das Caritas-Kinderheim befand. (Bild: Thomas Bodory)

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