Sexualität ohne Revolution

Inwiefern die Jugendbücher zur Sexualaufklärung, die Günter Amendt in den siebziger Jahren veröffentlichte, ihrer Zeit voraus waren, erklärt Magnus Klaue.

Als der Frankfurter März-Verlag 1970 das von dem Sozialwissenschaftler Günter Amendt gemeinsam mit dem Comic-Zeichner Alfred von Meysenbug verfasste Buch »Sexfront« herausbrachte, das Sexualaufklärung für Jugendliche unabhängig von den moralischen und politischen Anschauungen der Erziehungsministerien und der christlichen Kirchen leisten sollte, forderten zahlreiche Institutionen und Einzelpersonen umgehend, den Band auf den Index zu setzen. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften wies den Antrag auf Indizierung zurück und berief sich dabei unter anderem auf den hohen sexualhygienischen Informationsgehalt, der das Buch gerade im Unterschied zu den damals noch verbreiteten christlich motivierten Versuchen, die Jugend aufzuklären, auszeichne. In ähnlichem Sinn, wenn auch polemischer, urteilte 1971 der Pädagoge Friedrich Koch über das Buch, dass sein »ethischer Ansatz« weiter reiche »als manch eine individualistisch-elitäre Konzeption klerikaler Provenienz«: »Schließlich ist es schwer vorstellbar, dass ein Leser nach dieser Lektüre in Zwangsgrübeleien und Selbstmordneigungen verfällt, was nach der Indoktrination durch kirchlich orientierte Autoren nicht immer ausreichend gewährleistet scheint.« Damit hob Koch hervor, was an »Sexfront« neben dem Verzicht auf Moralismus und Monogamie-Propaganda wirklich neu war: Es war nicht im klemmigen und oberlehrerhaften Tonfall der bisherigen Sexualaufklärung gehalten, sondern von einem optimistischen, lebensbejahenden und unverschämten Ton getragen, der dem Plädoyer für Neugier und gegen selbstauferlegte Angst, das Amendt formulierte, die angemessene Form gab.

Für den März-Verlag, dessen Leiter Jörg Schröder sich trotz der Befürchtung, dadurch Verluste zu machen, entschieden hatte, den Band zum sehr günstigen Preis von fünf Mark auf den Markt zu bringen, erwies sich »Sexfront« als unerwartet großer Erfolg. Bis 1973 wurden 150 000 Exemplare des Buches verkauft. Nach der Übernahme durch Zweitausendundeins 1978 und seit 1982 unter der Lizenz von Rowohlt wiederholte sich der Erfolg; heute ist das Buch einer der wenigen sexualaufklärerischen Longseller. Damit markiert es auf dem Gebiet der Sexualpolitik die Überführung von Denk- und Lebensweisen der Alternativkultur der Achtundsechziger in die kultur- und gesellschaftspolitisch modernisierte Bundesrepublik. Amendt, der als Student Mitglied des SDS und später der DKP war und sich in den siebziger Jahren neben seiner Mitarbeit für das Hamburger Institut für Sexualforschung mit dem Drogenkonsum Jugendlicher und mit der Rezeption der amerikanischen durch die bundesdeutsche Populärkultur befasste, war für solchen Transfer zwischen einstiger Gegenkultur und künftigem Mainstream absichtslos prädestiniert. Auch von Meysenbug, der als Illustrator fungierte, war von der Achtundsechziger-Bewegung in die bundesdeutsche Rock- und Pop-Art-Szene gekommen. Der wesentlich ältere Schröder wiederum hatte in den Sechzigern als Leiter des Darmstädter Melzer-Verlags neben Autoren der US-amerikanischen Beat-Literatur auch Victor Klemperers »LTI« herausgebracht, bevor er im 1969 gegründeten März-Verlag ein pädagogisches Programm etablierte, in dem neben zeitgenössischen Texten zur antiautoritären Erziehung auch zuvor schwer erhältliche historische Schriften wie die von Siegfried Bernfeld und Otto Rühle erschienen.

Gerade der Hass, der »Sexfront« seitens konservativer Kreise, besonders der Kirchen und der christlichen Parteien, entgegenschlug, erscheint rückblickend als Index dafür, dass das Buch genau auf der Höhe der Zeit war. An drei Tendenzen, die den Band durchziehen, lässt sich das zeigen: an der Überzeugung, dass Sexualaufklärung durch die Vereidigung junger Menschen auf die Ehe als privates Lebensziel torpediert werde und deshalb auf moralische Belehrung verzichten muss; an der Hinwendung zu Jugendlichen als spezielle Zielgruppe, denen eigenständige, an der Erwachsenenwelt nicht zu messende Bedürfnisse zugetraut wurden; sowie schließlich an der selbst pragmatisch, nämlich sexualaufklärerisch begründeten Entsachlichung der Diktion, die sich mit Elementen der Jugendsprache anreicherte und durch eine andere Form von Illustration (durch Comics statt durch anatomische Bilder) begleitet wurde. Subjektivierung und Entkonventionalisierung der Sexualerziehung, die sich an diesen Tendenzen zeigen, bezeichnen den noch immer fortschrittlichen Impuls von »Sexfront« ebenso wie dessen Grenzen.

Die Abwendung von der monogamen Ehe als dem Endzweck von Sexualerziehung führte dazu, dass »Sexfront« sich erstmals ausführlich mit all dem beschäftige, was in den Achtzigern dann zum Standard des Sexualkundeunterrichts wurde: die Vielzahl der Verhütungsmethoden; Petting, Masturbation, Vor- und Nachspiel; die Verwendung von Sexspielzeug und sonstigen Hilfsmitteln – all das wurde nicht mehr verschämt bestenfalls als Nebenschauplatz des auf Fortpflanzung zielenden Sexualakts, sondern als Plädoyer für dessen Eigenständigkeit thematisiert. Überhaupt trat mit der Abwendung von der Ehe als sexueller Reproduktionsgemeinschaft Sexualität als Zweck in sich selbst statt nur als Mittel ins Zentrum der Sexualaufklärung. Als wichtigster Zeitraum dieser Erfahrung erhielt die Jugend als Entwicklungsphase eine neue Bedeutung. Appellierten die vorigen Sexualkundebücher an die Jugend als eine Zeit der Unreife, die durch Sexualhygiene inklusive moralischer Belehrung überwunden werden sollte, wurde in »Sexfront« die Unreife als spezifische Erfahrungsqualität entdeckt. An die Stelle der sexualhygienischen Information und Belehrung trat das Experiment als neue Form sexueller Erfahrung. Die Information (über Biologie, Anatomie, die somatischen Grundlagen von Lust etc.) wurde dadurch nicht zurückgedrängt, sondern erhielt einen neuen Platz, den sie später selbst in populärkulturellen Formaten wie die schon früher gegründete »Bravo«, die trotz ihres größeren Konventionalismus in vieler Hinsicht in der Tradition von Amendts Buch stehen, weiterhin behielten.

Während sexualkundliche Erziehungsbücher bis zum Erscheinen von »Sexfront« und auch lange darüber hinaus zumeist den Charakter von erklärenden Anleitungen für den darauf folgenden Akt hatten, waren Information und Empirie in »Sexfront« unmittelbar gebunden an das sexuelle Experiment, das ihnen nicht folgte, sondern in dem sie selbst bestanden. Die medialen Formen, die Amendt und Meysenbug dafür wählten, waren die Bildererzählung und der Comic, die ebenfalls durch »Bravo« später zum massenkulturellen Format wurden. Während im sexualkundlichen Handbuch ein sachlicher, affektiv unbeteiligter Text anatomische Abbildungen sekundierte, wurden die biologischen und anatomischen Informationen in »Sexfront« in affektiv hochgradig lebendige Tableaus eingelassen. Damit war nicht einfach nur eine Subjektivierung, sondern auch eine neue Objektivität verbunden: Die Comics des Buches machten Schluss mit der weltfremden Annahme, Sexualität lasse sich unabhängig von den Formen, in denen sie erfahren wird, gleichsam naturwissenschaftlich fixieren und neutralisieren. Vielmehr gehörte es zum Prinzip von »Sexfront«, die subjektive Erfahrung – inbegriffen tabuisierte Gefühle wie Ekel, angstbesetzte Ambivalenz, glückliche Ohnmacht – selbst als objektive Konstitutionsform von Sexualität zu begreifen.

1979 gab der kleine Darmstädter Weltkreis-Verlag mit »Das Sex-Buch« eine Publikation Amendts heraus, die als Nachreichung zu »Sexfront« verstanden werden konnte; 17 Jahre später ist es ebenfalls bei Rowohlt neuaufgelegt worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Amendt den jugendsoziologischen Schwerpunkt seiner Arbeit bereits lange von der Sexual- auf die Drogenpolitik verlegt. LSD war seit den Siebzigern im Nachklang der Hippie-Bewegung eine populäre Jugenddroge in den Vereinigten Staaten geworden, und die vermeintliche Gefährdung der Jugend durch Sucht hatte in den Achtzigern bis hinab in populäre Fernseh-Krimiserien wie »Ein Fall für Zwei« oder »SOKO 5113« in der Bundesrepublik die Angst vor den subversiven Wirkungen der sexuellen Revolution in puncto Massenwirksamkeit abgelöst. Dass sexualaufklärerische Formate, wie Amendt sie mit »Sexfront« etabliert hatte, seither auch im normalen Schulunterricht immer beliebter wurden und kaum noch politischen oder öffentlichen (manchmal nur noch klerikalen) Widerspruch hervorriefen, war vor allem ein Resultat der Veralltäglichung scheinbar anstößiger Sexualität, der mit ihrer Integration in die Alltagskultur auch ihre kulturrevolutionären Implikationen genommen wurde. Die Lektüre von »Sexfront« ist zwar im Detail, vor allem bei der expliziten und ausführlichen Darstellung der mit Sexualität verbundenen Ängste sowie als pervers geltender Phantasien, immer noch herausfordernd, ansonsten erscheint das kritische Pathos, mit dem Amendt und Meysenbug der damaligen Prüderie begegneten, heute aber eher putzig.

Ex negativo lässt sich der heutigen Harmlosigkeit von Amendts Büchern zur Sexualaufklärung ablesen, wie fern der gegenwärtigen Epoche – jedenfalls in den westlichen Staaten – die in den Sechzigern und Siebzigern noch verbreitete revolutionäre Hoffnung ist, die auf die Befreiung der Sexualität gesetzt wurde. Die Sphäre der Intimität, die in jener kurzen Zeit, die Gerd Koenen »das rote Jahrzehnt« nannte, von Anhängern wie Feinden der Sexualbefreiung für gesellschaftlich wichtiger erachtet wurde als die Erwerbsarbeit, die Universität, die Erziehung und selbst die Familie, ist heute im Gegenteil der Bereich, in dem die Menschen besonders widerspruchslos und besonders früh – meist schon in der Zeit der Jugend selbst – resignieren. Während noch das sinnloseste Gerödel in Schule, Betrieb, Akademie und zivilgesellschaftlicher Arbeit als eine Tätigkeit erscheint, die einen irgendwie weiterbringt, sind die Liebesbeziehung, die Affäre, erst recht der unverbindliche promiskuitive Kontakt jeglicher transzendierenden Hoffnung, jeglicher Phantasie und Emphase beraubt worden. Das dürfte auch einer der wichtigsten Gründe dafür sein, dass der Westen sich dem Islam, der sexualitäts- und lebensfeindlichsten Herrschaftsform der Gegenwart, so bereitwillig ergibt. Wer sich selbst nicht mehr erklären kann und mag, woher das trotz allen Zwangs und Elends immer noch intermittierend wiederkehrende Bedürfnis kommt, in Freiheit mit anderen Menschen intim zu sein, der vermag in denen, die eben dieses Bedürfnis am liebsten mit dem Tod bestrafen würden, auch nicht mehr den Hauptfeind zu sehen.

Zurück zur Ausgabe: 
#127
11

& Drupal

Versorgerin 2011

rss