WINDLINES (deutsch)

Der Kunst- und Kontextresearch Quasikunst zeigt heuer 4 verblasene Koordinaten von Kunst-Agens bis Körper-Movens.

Quasikunst ist systemisch-performative Recherche seit längeren Jahren, sie ruft je nach Projekt Koordinaten aus, erhöht und performt Widersprüche. Quasikunst widmete sich 2015 mit „I like Trees and Human Rights“ den Bäumen: Zusammenhänge befragten Kontexte, und bildeten Kollektive mit Bäumen sowie lebenden und toten Menschen. Das „Nebelballett“ setzte 2016 den Akteur mit dem Netzwerk gleich: Eine menschliche Figur wurde auf Nebel projiziert, als Projektion inmitten von Auflösung. Innerhalb dieser gleichsetzenden Nivellierung wurde ein kontrapunktisch gesetzter „dialectic turn“ einer menschlichen Behauptung ausgerufen, als Weigerung des Menschen zu verschwinden. 2017 inszenierte „Iceberg/The Entity“ einen 2-Tonnen-Eisblock in der dunkel ausgeleuchteten Werkstatt der STWST und damit ein Bedeutungstheater der unvereinbaren Widersprüche. Das Projekt ging von den Zusammenhängen und Widersprüchen aus, die hinsichtlich Natur und Technologie mit dem Material Eis einhergehen und zeigte einen 48-Stunden-Meltdown, dem das Publikum beiwohnen konnte. In textlicher Reflexion und mit einem systemischen Ansatz wurde eine Definition von negativer Entropie, nämlich die „Erhöhung von Komplexität“ in eine „Erhöhung von Widerspruch“ gewendet.

Dem künstlerisch-theoretischen Aufbau von Quasikunst folgend wird diesen beinahe immateriellen „Materialien“ Untergrund, Nebel und Eis heuer, 2018, der Wind folgen. Der Fokus liegt auf Luft, Transparenz, Ungreifbarkeit und der Vergrößerung von Distanz. Luft und Wind sind Atmen und Denken, körperlich und abstrakt zugleich, stehen gleichermaßen für Geist und unsichtbare Massen – unverbunden und weitläufig. In „Windlines“ wird Luft durchs Haus der Stadtwerkstatt geblasen, als verbundener Luftzug der freien, bzw befreiten Wahrnehmung, in einer zunehmend durch starre Netzwerke definierten Welt. Fragen nach einer anderen Art der Organisation von Denken und Fühlen werden gestellt, und wir meinen: Lieber verblasen als vernetzen. „Movement A“ ist eine Referenz auf Walter Benjamins Engel der Geschichte. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er auf die Katastrophe, während er angesichts dessen rückwärts in die Zukunft geblasen wird. Nach dem ersten Sturm der Geschichte wandert jetzt eine rückwärtsgehende Figur über den Platz – auf ewig und in geometrischen Mustern; eine auf Video gebannte Impression, als momenthafte Erinnerungsspur im strukturierten Vergessen. Bei „48 Hours of Drifting“ weht eine beinahe transparente Flagge im Wind – für ein Land der großen inneren wie äußeren Entfernungen, für ein driftendes Land ohne Territorium, für ein Land of Unconsciousness, für unbestimmte Verhältnisse unter dem Netzwerk … die Projektkoordinate „Disappering (50.000)“ hingegen will gar nicht gezeigt werden. Wir arbeiten sie deshalb nicht aus.

Mit diesen vier Koordinaten und speziell heuer mit dem Medium Wind bedeutet Quasikunst umso mehr: Nicht ins Bergwerk zu gehen um Natur aus dem Berg herauszuschlagen um daraus Kultur zu machen. Quasikunst spielt mit dem Wind besonders heuer mit einer Strategie der Unversehrtheit und einer Re-Naturierung von künstlich geschaffenen Gegensätzen, im Sinne einer Erhöhung des Widerspruches und der Vergrößerung von Distanz, mit der Freiheit und der Unordnung der Luftmoleküle, mit einer paradoxen Sicht der Dinge auf Vergangenheit und Zukunft. Wir wollen jedenfalls nicht jedes Atom miteinander sauber verbunden wissend – beobachtet und seiner Freiheit entledigt. Eine längere Reflexion über diese Projekte folgt in einer der kommenden Versorgerinnen. Einige Aspekte werden im nebenstehenden Gespräch bereits angesprochen.

Quasikunst von Tanja Brandmayr. quasikunst.stwst.at, stwst48x4.stwst.at

 

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2015/16/17: Subsoil, Nebel, Eis (Bildcollage: Tanja Brandmayr)

Wind, 2018

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Versorgerin 2011

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