Der Todestrieb im Racket

Warum die Kritik der postnazistischen Gesellschaft auf Freuds Spekulation über einen natürlichen Todestrieb nicht verzichten kann.

Spiegel: Bisher, so formulierte einmal Ihr Freund Habermas, hat sich Ihre Dialektik an den »schwärzesten Stellen« der Resignation, dem »destruktiven Sog des Todestriebes«, überlassen.

Adorno: Ich würde eher sagen, daß der krampfhafte Hang zum Positiven aus dem Todestrieb kommt.

Es handelt sich fast um einen spielerischen Versuch, wenn Freud in Jenseits des Lustprinzips das Gegeneinander von Eros und Todestrieb veranschaulicht und »die in der Psychoanalyse gewonnene Libidotheorie auf das Verhältnis der Zellen zu einander« überträgt: Keimzellen opfern sich für den Organismus wie die Soldaten für den deutschen oder österreichischen Kaiser, damit der »sterbliche Gott«, wie Hobbes den Staat nannte, nicht seinem Todestrieb anheimfiele. So seien es die in jeder Zelle tätigen Lebens- oder Sexualtriebe, »welche die anderen Zellen zum Objekt nehmen, deren Todestriebe, das ist die von diesen angeregten Prozesse, teilweise neutralisieren und sie so am Leben erhalten, während andere Zellen dasselbe für sie besorgen und noch andere in der Ausübung dieser libidinösen Funktion sich selbst aufopfern. Die Keimzellen selbst würden sich absolut ‚narzißtisch‘ benehmen, wie wir es in der Neurosenlehre zu bezeichnen gewohnt sind, wenn ein ganzes Individuum seine Libido im Ich behält und nichts von ihr für Objektbesetzungen verausgabt.« Und nicht zufällig verwendet Freud in diesem Zitat bereits dieselben Formulierungen, die er wenig später in Massenpsychologie und Ich-Analyse für die Führerfigur gebraucht.

Von einer Projektion des Gesellschaftlichen auf ein rein organisches Geschehen kann insofern gesprochen werden, als Freud hier die Begriffe der Psychoanalyse jenseits des Subjekt-Objekt-Verhältnisses angewandt hat. Vielleicht könnte man sagen, er vermag die Disjunktion zwischen Libido und Todestrieb nur durchzuführen, indem er umgekehrt die zwischen Subjekt und Objekt zunächst aufhebt, also die Entgegensetzung, die aller psychoanalytischen Erkenntnis zugrunde liegt und worin deren erstaunliche Nähe zur philosophischen Tradition zu sehen ist. Dadurch aber erkennt er, dass auch der Eros, der die libidinösen Bindungen ausmacht, nicht als Substanz den verschiedenen psychischen Spaltungen vorausgesetzt werden kann; dass nicht erst im Verhältnis des Bewusstseins zum Unbewussten, des Ichs zum Es, des Selbsterhaltungstriebs bzw. der Ichtriebe zum sexuellen Trieb bzw. zum Objekttrieb von jeweils Gesondertem auszugehen wäre. Dafür muss Freud aber nun von zwei Urtrieben – Eros und Thanatos – sprechen; und er bleibt trotz aller ernsthaften Kritik aus den Reihen der Psychoanalyse hartnäckig bei seiner einmal ausgesprochenen spekulativen »Annahme« dieser »beiden von Uranfang an miteinander ringenden Triebe«. Das klingt ein wenig nach einer psychologischen Variante der Engelschen Naturdialektik, doch Freud hält letztlich doch an der Reflexion auf Subjekt und Objekt der Erkenntnis fest. Nur durch sie kann auch das gedankliche Mittel, die »Urtriebe« zu erkennen, in Frage gestellt werden, und es bleibt durchaus offen, warum es die Notwendigkeit gibt, in Widersprüchen zu denken oder anders ausgedrückt: im Bewusstsein des Nicht-Identischen.  

Marcuse und der Eros

So kann auch als sein stärkstes Argument für die Einführung des Todestriebs gelten, welche Gefahr es ganz allgemein für die Vernunft bedeutet, nicht von vornherein von einer Entgegensetzung auszugehen – das haben ihm inzwischen die Konsequenzen der monistischen Libidotheorie von C. G. Jung vorgeführt. Gerade in diesem Punkt will Freud darum seine Einführung des Todestriebs nicht unbedingt als einen Bruch mit der früheren Auffassung verstanden wissen: »Unsere Auffassung war von Anfang an eine dualistische und sie ist es heute schärfer denn zuvor, seitdem wir die Gegensätze nicht mehr Ich- und Sexualtriebe, sondern Lebens- und Todestriebe benennen«. So sehr es fürs erste auch naheliegend schien, »Libido mit Triebenergie überhaupt zusammenzufallen lassen, wie C. G. Jung schon früher gewollt hatte«, es prägte sich in Freuds Denken schließlich die Gewissheit aus, »daß die Triebe nicht alle von gleicher Art sein können«. Es müsse »außer dem Trieb, die lebende Substanz zu erhalten und zu immer größeren Einheiten zusammenzufassen, einen anderen, ihm gegensätzlichen geben, der diese Einheiten aufzulösen und in den uranfänglichen, anorganischen Zustand zurückzuführen strebe. Also außer dem Eros einen Todestrieb; aus dem Zusammen- und Gegeneinanderwirken dieser beiden ließen sich die Phänomene des Lebens erklären.«

Von Seiten der Kritischen Theorie hat später Herbert Marcuse ganz unabhängig von Jung den Versuch unternommen, diesen Dualismus wieder aufzulösen. Darin zeigen sich nicht zufällig die Untiefen bestimmter Vorstellungen von einer versöhnten Gesellschaft, soweit durch sie eine Substanz dem Subjekt-Objekt-Gegensatz als immer schon vorausgesetzt gedacht werden soll. Marcuse rekurriert zunächst auf die Freudsche Definition jedes Triebs als »ein dem belebten Organischen innewohnender Drang zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes«, macht aber daraus eine Einheit, die er dem Dualismus zugrunde legt: Der Todestrieb sei »nicht um seiner selbst willen de­struktiv, sondern um der Behebung von Spannung willen. Der Ab­stieg zum Tode ist eine unbewußte Flucht vor Schmerz und Mangel.«

Dabei möchte Marcuse insbesondere an Familie und Ödipuskonflikt darlegen, dass der Eros die eigentliche Substanz sei – ähnlich wie im Marxismus die Arbeit. Wie ihm der »aggressive Impuls gegen den Vater (und seinen sozialen Nachfolger)« als »ein Abkömmling des Todestriebes« gilt, so der Vater als Arbeiter des Eros: »Indem er das Kind von der Mutter ‚trennt‘, unterbindet er auch den Todestrieb … Damit leistet er die Arbeit des Eros«. Der strenge Vater erzwinge dadurch »die erste ‚gemeinsame‘ (soziale) Beziehung: seine Verbote schaffen die Identifizierung unter den Söhnen, führen zur zielgehemmten Liebe (Zuneigung), zur Exogamie, zur Sublimierung.« Den Dualismus bei Freud ernst genommen verhält es sich jedoch keineswegs so, dass die Trennung von der Mutter, die tatsächlich entscheidend ist, aus einer Substanz des Eros emaniert, die der Vater verkörpere, sowenig wie der Todestrieb als solcher unterbunden und nicht bloß bestimmten seiner Erscheinungsformen der Boden entzogen werden könnte. Die getrennte Existenz der Triebe anzunehmen lässt demgegenüber die Voraussetzungen von Versöhnung erst hervortreten, und mit ihr wird das Überflüssigwerden von Verboten begründbar.

Vermischung der Triebe im Racketindividuum

Bei Freud folgt aus der allgemeinsten Definition des Triebs keine Substantialisierung, sondern die Feststellung, dass es im Vergleich zum Eros viel schwieriger sei, »die Tätigkeit dieses angenommenen Todestriebs aufzuzeigen. Die Äußerungen des Eros waren auffällig und geräusch­voll genug; man konnte annehmen, daß der Todestrieb stumm im Inneren des Lebewesens an dessen Auflösung arbeite, aber das war natürlich kein Nachweis. Weiter führte die Idee, daß sich ein Anteil des Triebes gegen die Außenwelt wende und dann als Trieb zur Aggression und Destruktion zum Vorschein komme. … Umgekehrt würde die Ein­schränkung dieser Aggression nach außen die ohnehin immer vor sich gehende Selbstzerstörung steigern müssen. Gleichzeitig konnte man aus diesem Beispiel erraten, daß die beiden Trieb­arten selten – vielleicht niemals – voneinander isoliert auf­treten, sondern sich in verschiedenen, sehr wechselnden Mengungsverhältnissen miteinander legieren…« Genau in diesem Zusammenhang kommt Freud dann auf Sadismus und Masochismus zu sprechen: »Im längst als Partialtrieb der Se­xualität bekannten Sadismus hätte man eine derartige besonders starke Legierung des Liebesstrebens mit dem Destruktionstrieb vor sich, wie in seinem Widerpart, im Masochismus, eine Ver­bindung der nach innen gerichteten Destruktion mit der Se­xualität, durch welche die sonst unwahrnehmbare Strebung eben auffällig und fühlbar wird.«

So ergibt sich in einem weit eklatanterem Ausmaß als noch beim Eros, dass aus dem Todestrieb unmittelbar nichts abgeleitet werden kann – auch nicht die Massenpsychologie (in der Schrift über sie kommt der Todestrieb, von einer Fußnote abgesehen, nicht vor; stattdessen ist nebenher von »destruktiven Instinkten« als »Überbleibsel aus der Urzeit« die Rede). Freud konnte im Gegenteil darlegen, dass etwa scheitern muss, wer auch nur den Sadismus umstandslos aus dem Todestrieb deduzieren möchte, sosehr gerade dieser als Repräsentant desselben anzusehen sei und zusammen mit dem Masochismus am deutlichsten auf ihn verweise. Die sadistische Komponente des sexuellen Verhaltens aber aus dem Todestrieb zu erklären, heißt vielmehr untersuchen, worin sie von diesem Trieb gerade abweicht; heißt verstehen, dass er im Sadismus »durch den Einfluß der narzißtischen Libido vom Ich abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein kommt«, und sich nicht gegen das Individuum selbst richtet und es zerstört; doch auch der Masochismus braucht ein Objekt, im günstigsten Fall eben einen Sadisten, um die von ihm erwünschte sexuelle Befriedigung zu erhalten. Nur im selbstzerstörerischen Verhalten bestimmter traumatischer Neurosen oder der Kriegsneurosen, deren Untersuchung Freud den Anstoß gab zu seinen Spekulationen über den Todestrieb, oder im unmittelbaren Vorfeld des Suizids kommt es wohl zur vollständigen Entmischung und es dürfte der Todestrieb unmittelbar hervortreten. Umso gefährlicher erscheint seine Vermischung mit der narzisstischen Libido im politischen Kontext, insbesondere wenn sie gleichsam systematisch und organisiert erfolgt. Das Racket kann nun als die wirksamste Form begriffen werden, eine solche Legierung im Individuum hervorzubringen: Mit diesem Begriff, der ursprünglich für kriminelle Machenschaften, aber auch für Wohltätigkeitsunternehmungen stand, bezeichnete Max Horkheimer autoritäre Struktur und personale Abhängigkeit innerhalb von Gruppen und Massen insbesondere im politischen Zusammenhang: Das Racket bietet Schutz und fordert zugleich bedingungslose Loyalität: »Die völlige Brechung der Persönlichkeit wird verlangt, absolut bündige Garantien der künftigen Zuverlässigkeit.«

Eissler und der Gruppennarzissmus

Kurt R. Eissler hat auf den Widerspruch aufmerksam gemacht, dass bei Freud einerseits und paradox genug die Selbsterhaltungstriebe »vorbehaltlos als Abkömmlinge des Todestriebes dargestellt« werden, in Jenseits des Lustprinzips heißt es demgemäß: »Es sind Partialtriebe, dazu bestimmt, den eigenen Todesweg des Organismus zu sichern …; auch diese Lebenswächter sind ursprünglich Trabanten des Todes gewesen«; andererseits betonte Freud ein paar Seiten weiter, dass »die Selbsterhaltungstriebe libidinöser Natur« seien. Eissler löst den scheinbaren Widerspruch auf, indem er den Akzent darauf legt, dass es eben stets um »den eigenen Todesweg des Organismus« gehe. Von diesem Ziel aus erscheinen die Selbsterhaltungstriebe als seine Trabanten: sie müssen sich gleichsam gegen den fremden Tod zur Wehr setzen, gegen den, der von außen aufgedrungen wird, um den eigenen zu verteidigen. Eine solche Deutung ist nicht so weit entfernt von dem, was Adorno einmal das Maß der Erfahrung nannte: »das aus sich heraus zu Ende gelebte Leben«, »alt und lebenssatt zu sterben«. Nur beim Selbstmörder verlassen jene Trabanten den Todestrieb oder werden gleichsam weggestoßen: Man kann das Leben unter Umständen auch einfach satt haben.

In diesem Zusammenhang beschreibt nun aber Eissler die besondere Gefährlichkeit des »Gruppennarzißmus« und hält fest, das »Problem des Menschen« sei »nicht in dessen Aggressionstrieb zu sehen, vielmehr in der »Tatsache, daß seine Aggression nicht von Selbsterhaltung gesteuert wird, sondern von Narzißmus und Ambivalenz«. Als Lösung weiß der Analytiker nur anzugeben, dass die Individuen im Subjekt-Objekt-Verhältnis die genitale Phase erreichen, in der es das Ziel sei, »das Objekt zu bewahren und von ihm geliebt zu werden«. In dieser »nur allzu selten erreichten genitalen Phase, die Abraham postambivalent nennt, treffen die Lust des Subjekts und die Lust des Objekts zusammen. Das Subjekt stellt sich selbst in den Dienst des Wohlergehens des Objekts, und die Aggression ist auf jenes Minimum reduziert, das notwendig ist, um das Liebesobjekt sexuell in Besitz zu nehmen.« Eissler steht auch hier unmittelbar in der Tradition Freuds: Werde der Destruktionstrieb »gemäßigt und gebändigt, gleichsam zielgehemmt«, könne er, »auf die Objekte gerichtet, dem Ich die Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse und die Herrschaft über die Natur verschaffen.« Vom Narzissmus aber gesteuert führt die Triebmischung zu libidinöser Verarmung und absoluter Vorherrschaft aggressiver Triebenergie. Eine solche Legierung findet sich eben im Sadismus: Es ist, »als werde die libidinöse Komponente der Beziehung zur Außenwelt oder zu einem bestimmten Objekt aus dieser Beziehung herausgenommen und zur Besetzung des Ich oder Selbst hinzugefügt mit dem Ergebnis, daß die Aggression die einzige Manifestation bleibt, die klinisch beobachtet werden kann«.

Dabei erscheint es nun aber entscheidend für die politische Dimension solcher Aggressionen im Gruppennarzissmus, dass bei diesem »Herausnehmen« auch der unmittelbar sexuelle Charakter verlorengeht und damit auch der sexuelle Charakter des Sadismus. Es ist nämlich die massenpsychologische Identifikation, wodurch der Todestrieb jenseits der sexuellen Aktivität und dennoch in einer Art sadistischen Gestalt auftritt. Zwar wäre davon auszugehen, dass er innerhalb des Rackets durch den Einfluss der narzisstischen Libido nicht oder nur in geringem Maß vom Ich abgedrängt werden kann, da diese Libido zugleich in der Stellung der Massenindividuen zur Führerfigur gebunden ist und deshalb vor jenem unmittelbar zerstörerischen und selbstzerstörerischen Verhalten bewahrt. Aber desto effektiver und fataler tritt er dafür in den Beziehungen zu jenen Objekten hervor, die außerhalb des Rackets projiziert werden, wobei dieses ‚außerhalb‘ nicht selten im Inneren des Rackets ausgemacht wird: als jemand, der hier keine »absolut bündigen Garantien der künftigen Zuverlässigkeit« bietet. Der Todestrieb äußert sich dabei eben nicht entmischt und rein, sondern in Form eines kollektiven, desexualisierten Sadismus oder Masochismus: Tötungs- und Todesbereitschaft im politischen Sinn, also im Sinn des Freund-Feind-Denkens. Desexualisiert eben dadurch, dass die Racketindividuen sich in ihrem Ich miteinander identifizieren, indem sie an die Stelle ihres Ichideals die Führerfigur gesetzt haben, worin auch schon die meiste libidinöse Energie aufgebraucht wird; kollektiv darin, dass aus den jeweiligen Objekten, auf die das Massenindividuum zwangsläufig immer wieder stößt, obwohl es sie doch durch jene Identifikationsmechanismen eliminiert und durch den Führer ersetzt zu haben glaubt, ein dem Racket gemeinsames Objekt phantasiert werden muss, in letzter Konsequenz nicht einfach ein Feind, sondern ein »totaler Feind« (Carl Schmitt), einer, der unter allen Umständen zu vernichten sei; so wie umgekehrt ein Arrangement zwischen den Rackets im Jenseits der Vermittlungsformen überhaupt nur erfolgen kann, wenn die Eliminierung dieses kollektiven und kollektiv phantasierten Objekts zu ihrem gemeinsamen Ziel wird.

Otto Mühl und die Vergangenheitsbewältigung

Es gibt allerdings Sektenstrukturen, wo ursprünglich desexualisierte Bindungen nachträglich sexualisiert werden. Der Aktionist Otto Mühl, der sich einst freiwillig zur Offiziersausbildung in der Wehrmacht gemeldet hatte, arrangierte in seiner postnazistischen AAO-Kommune, wer sich wem durch Beischlaf unterwerfen musste und wer wen missbrauchen durfte. Das Arrangement erfolgte bei der sogenannten »Selbstdarstellung« vor versammelter Gruppe, die im Übrigen wie eine vollständig repressive Vorwegnahme von DSDS im kleineren Kreis erscheint, zumal sie auch filmisch festgehalten wurde. Dabei wurden auch Kinder, die noch nicht zur sexuellen Verfügung standen, darauf vorbereitet, sich zu produzieren. Eine Sequenz dieses Videomaterials (die in den Dokumentarfilm Meine keine Familie [sic!] von 2012 Eingang fand) zeigt dabei, wie ein Junge, der sich weigerte, nach der Pfeife Mühls zu tanzen und auf Befehl glücklich zu lächeln, nicht nur sofort als Bedrohung des ganzen Kommune-Rackets wahrgenommen wurde, sondern die Vergangenheit wachrief, als hätte Mühl selbst plötzlich Angst, dass die jüdischen Naziopfer in der Gestalt dieses kleinen Jungen wiederkehren könnten: So versetzt er ihm einige Knuffe, schüttet eine Flasche Wasser auf seinen Kopf aus und macht ihn vor der johlenden Gruppe so lange lächerlich, bis das Kind in Tränen ausbricht, und verkündet schließlich: »Dieses Negative kann man nicht wachsen lassen.«

So weit wie als Wehrmachtsleutnant bei der Ardennenoffensive wollte Mühl als Führer der AAO-Kommune offenbar nicht mehr gehen. Anders als im Sadismus und Masochismus des sexuellen Verhaltens, die immer nur als die Eigenschaften eines Einzelnen begriffen werden müssen, auch wenn es sich wie bei de Sades Phantasien um ein ganzes Ensemble von Sadisten und Masochisten handeln mag, verselbständigt sich jedoch im Racket und im Verhältnis der Rackets zueinander tendenziell die Projektion eines absoluten Feinds auch noch gegenüber der Selbsterhaltung. Von dieser Projektion hängt schließlich die Einheit als solche ab, von der die libidinös Gebundenen und in ihrem Ich Identifizierten nicht mehr lassen wollen. Damit die Individuen an die Stelle ihres Ichideals aber vollständig die Führerfigur setzen und in ihrem Ich sich wirklich restlos identifizieren können, muss das Objekt schließlich als etwas phantasiert werden, das auch um den Preis des eigenen Lebens zu verfolgen und zu vernichten ist.

So glaubt man fast, Eissler hätte schon die Rackets der djihadistischen Selbstmordattentäter vor Augen gehabt, als er schrieb, dass bei der Legierung mit dem Narzissmus gerade die Befriedigung des Todestriebs als Sieg über den Tod erlebt wird. »Das triumphierende Erleben der gleichzeitigen Erfüllung von Haß, Narzißmus und Ambivalenz ist an Intensität wahrscheinlich durch keine andere Erfahrung zu übertreffen. Das Selbst, verspürt in diesem Augenblick ein grenzenloses Gefühl der Allmacht; für eine beträchtliche Weile ist es sogar in der Lage, die zermürbende Erfahrung der verrinnenden Zeit, die stets an den Tod erinnert, zu ignorieren.« Dabei dachte er konkret wohl an den »totalen Krieg« derer, die ihn aus Wien vertrieben und seinen Bruder ermordet hatten.

Solche »Erfüllung« musste post festum jeden Versuch der »Vergangenheitsbewältigung« in Frage stellen. Da in der nationalsozialistischen Phase, wie Adorno erkannte, »die kollektiven Machtphantasien« derer sich erfüllten, »die als Einzelne ohnmächtig waren und nur als eine solche Kollektivmacht überhaupt als etwas sich dünkten«, werde keine »noch so einleuchtende Analyse ... die Realität dieser Erfüllung hinterher aus der Welt schaffen und die Triebenergien, die in sie investiert sind«. Die Tatsache, dass Juden doch überlebt hatten, wurde – ausgesprochen oder unausgesprochen – zum Anlass, die massenpsychologische Identifizierung in anderen, gezwungenermaßen demokratischen Strukturen zu erneuern. Das sogenannte Gruppenexperiment, das vom Institut für Sozialforschung in den 1950er Jahren gemacht wurde, dokumentierte – ähnlich wie es sich dann an Mühl in seiner Kommune zeigte – diese persistierende innere Abhängigkeit, sich selbst, die eigene Vergangenheit wie die Zukunft, nur in Bezug auf das Hassobjekt denken zu können. Wie es um diese Vergangenheitsbewältigung heute steht, demonstrieren einerseits etwa die Burschenschaftler, die nun in größerer Zahl denn je im österreichischen Parlament sitzen und in ihren Rackets weiterhin die NS-Massenmörder ehren, während ihr Führer Yad VaShem besucht, wo der Opfer der Massenmorde gedacht wird; andererseits die Linken, deren Einheit sich nur noch herzustellen scheint, soweit sie den Judenhass unter Muslimen verharmlosen und über die Bedrohung Israels durch die Islamische Racket-Republik Iran schweigen.

Der Autor dankt Zora Bachmann für den nachdrücklichen Hinweis auf den Film Meine keine Familie und die erwähnte Sequenz darin.

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