Untergrabungen am Rande

Über die bürgerliche Ideologie beim Raubbau an den natürlichen Ressourcen.

»Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauerhaften Quellen dieser Fruchtbarkeit. Je mehr ein Land, wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika z.B., von der großen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerstörungsprozeß. Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.«
(Karl Marx: MEW 23. 529f)

Diese Passage von Marx wie auch seine Debatten der Holzdiebstahlgesetze zeugen von einem ökologischen Bewusstsein, das aus der akuten Entwaldung Mitteleuropas bis zum 19. Jahrhundert erwuchs. Das Kapital wollte stets schneller wachsen als der Wald. Raubbau an den natürlichen Ressourcen bedeutet für den Akkumulationsprozess: keine Investition in Landkauf, Förster, Fischzüchter oder Wildhüter. Ein Wald im Zentrum der Produktion, wo am Boden unterschiedliche, in Bürokratie geronnene Interessen zerren, wird stets weniger Profit abwerfen als einer in der Peripherie, den ein Regime verramscht. Darüber hinaus kann Natur, anders als der Arbeiter, keinen Widerspruch leisten. Die Krisen der Natur sind stets nur durch den Menschen hindurch spürbar, als mittelbare Verletzung seiner Interessen. Natur als ein für sich Seiendes hat der Animismus in Projektionen von Naturgeistern aufgerichtet, die Aufklärung zerstört diese in anthropozentrischen Setzungen: Natur ist durch und für den Menschen. Der Mensch verteidigt Natur gegen den Raubbau, und der Appell an das Eigeninteresse der betroffenen Klassen – etwa der Verlust von trinkbarem Wasser – bleibt vom Egoismus ebenso durchwirkt wie der ästhetische Appell, eine Tierart um ihrer subjektiv empfundenen Schönheit willen zu erhalten. Gerade der bürgerliche Egoismus spürt diesen Egoismus: es gehe den Naturschützern skandalöserweise um sich selbst und nicht, wie dem Bourgeois, um den allgemeinen Fortschritt der Menschheit.

Der Schutz der Natur aus Eigennutz gerät in das Räderwerk der politischen Ökonomie: Der Eigennutz der individuellen Kapitalisten lässt sich allenfalls dort einschränken, wo die Einschränkung auch seine Konkurrenz betrifft – es drängt das Kapital aber in die Ritzen und Grauzonen solcher Einschränkungen, und damit in die Peripherie. So verlagern sich Probleme wie der Raubbau an Fischen, Holz und Bodenschätzen strukturell in schwächere Staaten. Der ideelle Gesamtkapitalist, als der der Nationalstaat auftritt, schreitet als Instanz des Naturschutzes nur dort ein, wo der Produktionsprozess gefährdet ist. Die natürliche Kurzsichtigkeit der kapitalistischen Produktionsweise und die verzögerte Wirkung von Schäden an Ökosystemen verhindert langfristige, transgenerationale Rechnungen. Ob das Öl in fünfzig oder hundert Jahren rapide zur Neige geht, interessiert lediglich eine künftige Generation, die als Betrogene den Raubbau den dann Verstorbenen vorwerfen kann. Von einem futuristischen Markt lässt sich aber nichts in Echtzeit produzieren und der Kapitalismus funktioniert nun einmal in Echtzeit – was seine dauernde Strategie zur Verlagerung von Lohnforderungen in die Zukunft erklärt. In einer globalisierten Ökonomie sind die Profiteure der Ausbeutung ohnehin nicht mit den Konsequenzen der Zerstörung konfrontiert. In Konkurrenz mit anderen Staaten werden Nationalstaaten nicht auf eigene Rechnung globale Krisen einschränken.  Ein ideeller Gesamtkapitalist oder Weltsouverän, der sich demokratisch legitimieren müsste, existiert nicht. Die freiwillige Übereinkunft der Staaten etablierte den CO2-Zertifikatenhandel, ein nutzloses Instrument, während gleichzeitig eine der größten CO2-Quellen entstand, die Brandrodung von Torf- und Regenwäldern für »nachhaltiges« Palmöl, das wiederum den Interessen der Industriestaaten zu Gute kam.  

Zusätzlich verfügen gerade die Nutznießer der Industrialisierung in Europa und den USA über sehr gutmütige Ökosysteme, die sich selbst von massiver Entwaldung und Übernutzung erholen konnten, während in den südlichen Ländern die Witterungseinflüsse irreversible Laterisation, Erosion und Auswaschung von Tonmineralen produzieren. Die Regeneration von montanen oder tropischen Humusböden braucht tausende Jahre. Der Süden hat daher zwangsläufig durch ökologische Krisen mehr ökonomischen und ökologischen Schaden erlitten als der Norden, während sein ökonomischer Hebel sich auf einen des moralischen Appells reduziert. Die Rohstoffe müssen die abhängigen Staaten verkaufen wie das letzte Hemd, ob sie wollen oder nicht. Man sitzt eben nicht im gleichen Boot und die globale Bourgeoisie weiß das. Dieses Bewusstsein fördert Ersatzhandlungen, die wiederum doppelt egoistisch motiviert sind. Ökotourismus soll den Entwicklungsländern die Bewahrung von letzten Regenwäldern schmackhaft machen, die für Kakao, Kaffee und Palmöl dezimiert wurden. Das Paradoxon des Ökotourismus ist: Der Erhalt von Naturschönheit bedarf des unzuverlässigen ästhetischen Empfindens einer Klasse, die auf Kosten von Natur in die entlegensten Winkel der Welt so regelmäßig und zahlreich fliegen kann, dass dort genug Geld bei Einheimischen ankommt, damit diese vom Verzehr von Affenfleisch oder dem Einschlag von Edelhölzern absehen können, während sie den Touristen Kaffee und Rindfleisch servieren. Ökotourismus ist für Entwicklungsländer nichts als ein globales »Trickle-Down«, das an Stellen durchaus funktioniert, aber auf Ungleichheit zwingend angewiesen ist.  

Das auf den bürgerlichen Egoismus verpflichtete öffentliche Bewusstsein ist in nationalökonomischen und technokratischen Ideologien gefangen. Aller Voraussicht nach wird die Menschheit – zwei Grad Klimaveränderung hin oder her – Schlüsselrohstoffe in diesem Jahrhundert weitgehend vernutzt haben, ohne eine gerechte und freie Gesellschaft entstehen haben zu lassen. Die entstandenen Waren sind meist kurzlebiger Natur: Elektronik, Betonbauten, Kitsch. Am Ende der Vernutzung der Rohstoffe stehen – aller historischen Erfahrung nach – Hunger, Armut, Sklaverei, Krieg und letztlich Genozid. Die Ahnung davon begünstigt Apokalyptik als letzten Appell an den bürgerlichen Egoismus. Gegen solchen religiös anmutenden Alarmismus setzt dieser Fortschrittsideologie: Die nächste Produktivitätssteigerung, sogar unendliche Energiequellen oder gentechnologisch Wunder seien schon unterwegs, als würde Umverteilung je vor technologischen Hürden stehen. Wird es bürgerlicher Ideologie doch mulmig, stimmt sie selbst in Apokalyptik ein: lieber die Welt untergehen sehen, als etwas an der Produktionsweise und den Besitzverhältnissen zu ändern.1

Ihr Fortschrittsversprechen beruft sich auf die Erfolge der »grünen Revolution«. Ertragreiche Weizensorten wurden mit Halbzwergsorten gekreuzt, um stabile Halme für große Ähren zu erhalten. Ernten wurden mit solchen neuen Sorten, Düngern und Spritzmitteln verdoppelt, Hunger regional eingedämmt. Dieses Wachstum ist jedoch logistisch beschränkt, und hier nähert sich bürgerliche Ideologie dem Maoismus an: Auch dieser versprach, in wenigen Jahren die Weizenproduktion des Westens einzuholen mit neuartigen Züchtungen und Lyssenkos »Techniken«, ein gefälschtes Foto zeigte Kinder, die auf einem dichten Ährenteppich saßen. Zugleich ließen Mao Tse-Tung und seine Junta Dezimillionen verhungern. Bürgerliche Ideologie verspricht ebenso utopistische Produktionssteigerungen, die jedoch in gegenwärtigen Marktbedingungen keine Abnehmer mehr fänden, die sich den Erwerb leisten könnten. Das Problem ist nicht mehr, 9,8 Milliarden Menschen im Jahr 2050 und 11,2 im Jahr 2100 zu versorgen, sondern die gerechte Verteilung der Lebensmittel, die sich auf absehbare Zeit weiterhin in den Kühltruhen und Süßwarenregalen des Westens materialisieren.2 Die Dezimierung der Meereslebewesen wird sich hier zuletzt negativ bemerkbar machen. »Luxus für Alle« war objektiv stets eine unrealistische Forderung, Spiegelbild sowohl bürgerlichen Fortschrittversprechens, wie auch des Maoismus. Auf globaler Ebene wird zwar relative Nahrungssicherheit für Grundnahrungsmittel herrschen können, die Mangelwirtschaft in den Bereichen Wohnen und Infrastruktur werden aber bleiben oder sich verschärfen mit der Urbanisierung, die im Trikont Slums, Abhängigkeit und Vermarktung der Arbeitskraft zu jedem Preis bedeutet. Niemals werden alle Menschen den westlichen Lebensstandard, den aktuellen Verbrauch an Holzfasern und Primärenergie erreichen können.

Währenddessen potenzieren sich die Wechselwirkungen zerstörter Natur. Unter schmelzenden Gletschern liegt dunkles Geröll, das sich stärker erwärmt. Schmelzende Tundren entlassen Methan. In wärmeren Gewässern breiten sich Moskitos aus. Die explodierenden Städte werden aus Sand gebaut, der Küsten und Flüssen abgegraben wird. Was Holz angeht, schlittern tropische Staaten wie Ghana ungebremst aus dem Exportstatus in den Importstatus, während Holzkohle für die Massen nach wie vor Primärenergieträger bleibt. Bevölkerungsraten werden von radikalem Christentum und Islamismus künstlich erhöht. Gerade deshalb riskiert die Konzentration auf abstrakte Größen wie Klima oder neuerdings die Insektenmasse, die zahllosen lokalen, regionalen, spezifischen Probleme von Ökosystemen in schlechte Allgemeinheit aufgehen zu lassen, von der stets die globale Bourgeoisie profitiert. Geschützt wird das Klima der westlichen Staaten, die Produktionsverhältnisse bis zum Untergang verteidigen werden. Nachdem die Revolution ausblieb und eher unwahrscheinlicher wird, setzt die globalisierte ökologische Krise dem Akkumulationsprozess und mit ihm weiten Teilen der Menschheit einen Endpunkt, der bestenfalls in autoritärer Mangelwirtschaft besteht.

 

[1] Teile dieses Textes beziehen sich auf Hans Magnus Enzensbergers 1972 verfassten Text: »Zur Kritik der politischen Ökologie« in Kursbuch 33.
[2] United Nations 2017: »World Population Prospects«. 2. https://esa.un.org/unpd/wpp/Publications/Files/WPP2017_KeyFindings.pdf

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(Bild: Otto Saxinger)

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