Einfriedungen, Ausbrüche, Arbeitskraft: 9 is One and 10 is None

Veronika Eberhart dokumentiert in ihrem Künstler_innenbuch ihre Auseinandersetzung mit Silvia Federicis Thesen zu Körper, Hexen und akkumulierendem Kapitalismus.

Die feministische Philosophin und (Reproduktions-)Arbeitsaktivistin Silvia Federici räumt in ihrer zuerst 2004 erschienenen Monographie Caliban and the Witch mit zwei im historischen und populären Diskurs um die europäische Hexenverfolgung der frühen Neuzeit weit verbreiteten Thesen auf: zum einen mit der Idee von frühem Kapitalismus als sozial fortschrittlicher und notwendiger Entwicklung im Zuge einer aufgeklärten bürgerlichen Emanzipation vom Feudalismus, und zum anderen mit der Vorstellung eines »Hexenwahns«, der deutlich in einer Zeit vor dem aufgeklärten Kapitalismus zu verorten wäre, und dessen Wurzeln primär in Konflikten um spirituelle Definitionsmacht zu suchen seien. So beschreibt sie zum einen die kapitalistische Innovationen des 16. und 17. Jahrhunderts – wie etwa die Trennung von bezahlter Erwerbs- und unbezahlter Reproduktionsarbeit, die Disziplinierung arbeitender Körper durch standardisierte Zeiterfassungssysteme und die fortschreitende Privatisierung der Commons – als Produkte von Repression, nämlich als gewaltsame Antwort auf emanzipatorisches Aufbegehren, in dem sich arbeitende Schichten gegen feudale Strukturen zu organisieren versuchten. Zum anderen argumentiert sie dafür, Hexen als politische Subjekte und ihre Verfolgung als Schauplatz ökonomischer Konflikte (bzw besonders auch des ökonomischen ‚Fortschritts’) zu sehen: sie beschreibt als Hexen hingerichtete Frauen als soziale Akteurinnen, die frühkapitalistische Einpflanzungen störten – sei es als marodierende, transitorische, mittellose Greisinnen, die die sich transformierende Gesellschaft daran erinnerten, dass die neuen Verhältnisse ältere Formen von Care oft ersatzlos zerstört hatten, sei es als Saboteurinnen der Einfriedung von bis dato gemeinschaftlich genutztem Land, die von Landbesitzenden ausgehobene Gräben des Nachts einfach wieder zuschütteten (und die so wiedererlangten Gründe der Überlieferung nach bisweilen auch unter Singen und Biertrinken feierten). In einem beide Argumente verbindenen Schritt macht Federici auf die bisher in der historischen Literatur vernachlässigten Verbindunglinien zwischen der Hexenverfolgung in Europa und der Dämonisierung von indigenen Frauen der sogenannten »Neuen Welt« als ein wesentliches Werkzeug europäischer Täter_innen kolonialer Verbrechen aufmerksam.

Federicis Werk scheint während der letzten Jahre auf vermehrtes Interesse zu stoßen, was sich auch in der Kommissionierung eines Textes für die 100 Notes – 100 Thoughts der documenta 13 und in der Wiederauflage von Caliban and the Witch bei Autonomedia (2014) bzw. in deutscher Übersetzung bei Mandelbaum (2012) manifestiert. Die in der Steiermark geborene und in Wien lebende Künstlerin Veronika Eberhard legt in ihrer Arbeit 9 is One and 10 is None eine Annäherung an Federicis Thesen vor, die die historische Lektüre mit einer eigenen Spurensuche nach dem Widerständischen im feministisch-kapitalismuskritisch gewendeten Hexenbild verbindet, und in der sie dessen Potential für den Einsatz in einer nicht näher bestimmbaren Zukunft auszuloten versucht. Eberharts Vorgehensweise ist dabei materiell-performativ. Ihre Installation besteht aus vier Komponenten, die Federicis Text in multisensorischen Assemblagen zu antworten scheint, und die deren Überlegungen zu Hexen, Körpern und Kapitalismus in Gebiete übertragen, die starke Verbindungen zu Eberharts eigener Erfahrungsge-schichte auftun: ein – wie die Gesamtinstallation – 9 is One and 10 is None betitelter Film zeigt Tänzer_innen in enganliegenden, schimmernden Kostümen, die sich durch Schauplätze des Aufwachsens der Künstlerin im österreichisch-slowenischen Grenzland, besonders durch die sich nicht mehr in Betrieb befindende Holzwerkstatt der Familie Eberhart, bewegen; eine Reproduktion der Zeichnung Neujahrsgruß mit drei Hexen (Hans Baldung Grien 1514) lässt jene kritisch-aneignenden Zugänge zur Kunstgeschichte erahnen, die Eberharts Doppelqualifikation als Kunstproduzierende und Sozialwissenschaftlerin (ihr Diplom aus Soziologie und Gender Studies wurde 2010 mit dem Johanna-Dohnal-Preis ausgezeichnet) zu spiegeln scheinen; eine aus drei unterschiedlich großen, farbigen, pulverbeschichteten Dreiecken aus Metall bestehende Skulptur, in der Eberhart auf sehr haptisch-analytischer Weise die Komposition der drei Hexen im Grien-Druck erneut darlegt, spricht von der Rückeroberung von oft als exploitativ rezipierten historischen Darstellung weiblicher Akteur_innen über den körperlichen Einsatz von schwerem (Schweiß-)Gerät durch die Künstlerin; und ein Block aus Leimresten, den Eberhart aus der elterlichen Betriebswerkstatt in ihre Installation überführt, erinnert daran, dass Zeit und das in ihr Verstrichene in Erfahrungsräumen zwar sedimentieren kann, aber nicht notwenigerweise verschwinden muss, und dass vermeintlich historisch überwundene Konflikte und Potentiale – wie die von Federici beschriebenen Kämpfe um Commons und den (monetären) Wert von untschiedlichen Arten von Arbeit – lange nachwirken können. »Es ging mir [...] darum, zeitliche Wahrnehmung aufzuheben, diese Trennung von Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit durch möglichst viele Faktoren [...] miteinander in Kommunikation treten zu lassen [...]«, beschreibt Eberhart ihren nicht-linearen Zugang zu einer spekulativen Geschichte von Besitz und vergeschlechtlichter Arbeit, die sie in 9 is One... zum Thema macht. »Ich nehme sehr viele Gedanken einer Beschreibung der frühen Neuzeit von Silvia Federici auf, in der sie Widerstände gegen den akkumulierenden Kapitalismus ausführt. Wie sie zum Beispiel die Verdrängung von weiblichen Handwerkerinnen aus spezialisierten Fachgilden in häusliche Reproduktionsarbeit beschreibt, hat gerade auch hinsichtlich der Werkstatt, in der ich gedreht habe und in der immer nur Männer angestellt waren, politisches Potenzial – alleine im Aufzeigen des Umstands, dass das nicht immer so war« (Eberhart 2017, 49).

Einen firmen Bezug zu politischen diy-Kontexten der Gegenwart erfährt 9 is One... jedenfalls über die im Film auftretenden Performer_innen. Eberhart, die popinteressierten Rezipient_innen ohnehin auch als Musikerin ein Begriff sein dürfte – sie ist als Schlagzeugerin, Bassistin und Sängerin in Kombos wie plaided oder Lime Crush zugange und produziert solo unter dem Namen Tirana unter anderem Soundtracks für Spielfilme – lässt hier einen beeindruckenden Cast an lokalen Protagonist_innen auftreten: Patrick Weber alias Crazy Bitch in a Cave und Infinite Pal; Fettkakao-Fixture und Girlsrockcamp-Coach Magdalena Gasser (Just Friends and Lovers, Lonesome Hot Dudes, Goldsoundz); Danaja Grešak, die für das jährlich in Ljubljana stattfindende queere_feministische Rdeče-zore-Festival mitverantwortlich ist, und Tänzerin und Punkrockerin Elizabeth Ward, die mit der von ihr mit ins Leben gerufenen Antifascist Ballet School regelmäßig zur einer körperzentriert-solidarischen Neuverhandlung von alltagsweltlichen Heterotopien wie Einkauszentren und Neo-Donnerstagsdemos einlädt, und die ihrerseits 2016 in ihrem Technostück everything is everything stark auf Federici Bezug nahm. Die Verankerung dieser im Film unschwer als sie selbst erkennbaren Akteur_innen in den oft prekarisierten, ständig zwischen Selbstermächtigung und Selbstausbeutung pendelnden Arbeitsverhältnissen des zeitgenössischen Musik- und Kulturbetrieb verleiht den Hexenfiguren, die Eberhart sie darstellen lässt, eine äußerst aktuelle Dringlichkeit.

Eberharts Buch 9 is One and 10 is None ist im Oktober 2017 im Verlag für moderne Kunst erschienen.

Literatur

Veronika Eberhart (2017): 9 is One and 10 is None. Wien: Verlag für Moderne Kunst.

Weitere Quellen:

Silvia Federici (2012): Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Übersetzt von Max Henninger, hg. von Martin Birkner. Wien: Mandelbaum Verlag.

Silvia Federici (2012): Hexenjagd, Vergangenheit und Gegenwart und die Angst vor der Macht der Frauen. In: documenta (13) (Hg.), 100 Notizen – 100 Gedanken, Nr. 096. Ostfildern: Hatje Cantz.

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Filmstill aus »9 is 1 and 10 is none« (Bild: Veronika Eberhart)

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