Ich weiß, wo dein Beisl lebt

Das Projekt »Die Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum« ist ein über mehrere Monate angelegtes zirkulierendes Recherche- und Kunstprojekt in den Öffentlichkeitsbereichen des Hauses. Zum anlaufenden Projekt sprechen Jörg Parnreiter und Tanja Brandmayr.

Die Stadtwerkstatt hat zu Beginn des Jahres 2017 an einer Projektausschreibung der Stadt Linz zum Thema »Öffentlichkeit und Verdrängung« teilgenommen und in der Einreichung argumentiert, in den Öffentlichkeitsbereichen des Hauses Stadtwerkstatt zunehmend Verdrängungen aufgefangen werden, die anderswo in der Stadt passieren. Dass das Projekt positiv juriert worden ist, haben wir über einen rechten Boulevardkanal erfahren, wo im üblichem Jargon versucht worden ist, Haus und Projekt zu diskreditieren. Wie auch andere Gewinnerprojekte. Wir sehen dieses Faktum als Teil der ausgerufenen Recherche. Die Frage dazu: Machen Freiräume Angst? Was wird hier medial performt?

Ich sehe Freiräume in allen Spielarten als eine Grundlage unserer Gesellschaft und auf keinen Fall als etwas das Angst machen sollte. Die Berichterstattung im Wochenblick über unser Projekt strotzt vor Halbwahrheiten und verdeckten Anschuldigungen, trotzdem macht mir das keine Angst – auch der größte Blödsinn darf im »Freiraum« Pressefreiheit verbreitet werden. Alle Freiräume brauchen zum Funktionieren Regeln – informelle im Sinne von anerkannten Verhaltensweisen, Normen&Werten oder formelle im Sinne von Gesetzen. Im Gegensatz zur Pressefreiheit, die ein sehr formeller, dafür aber starker Freiraum ist, ist die Stadtwerkstatt und das Cafe Strom ein Freiraum, der über informelle Regeln und Verhaltensweisen funktioniert. Und das ist dann auch schon eine Hauptfrage des Projektes »Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum« – welche informellen Regeln machen das gemeinsame Fortgehen und Feiern bei uns möglich, und wie werden sie kommuniziert.

Die Projekteinreichung ist Ende 2016/Anfang 2017 an einem im Haus merklich spürbaren Peek von Problemlagen initiiert worden, die im Vorjahr auch an vielen Orten in der Stadt spürbar waren. Wir erinnern uns. Aber der Background hinter akuten Situationen: Ohnehin sind wir alle konfrontiert mit einer Verschärfung der Lebensbedingungen, zunehmenden sozialen Unterschieden, einem konservativen Schub, Kommerzialisierung. Und dann, als Alternative dazu – ein Ort der Autonomie und des Freiraumes. Kannst du vielleicht ein paar Worte zu der speziellen Situation der öffentlichen/halböffentlichen Räume in der Stadtwerkstatt sagen. Oder zur speziellen Sphäre des Hauses, deren, wir haben sie zwischendurch so genannt, frei schwebende Regeln ebenso von den Gästen des Hauses getragen werden. Oder auch zu einem kommerziellen Gastbetrieb, der dennoch auch nichtkommerziell agiert. Kurzum: Was ist das Selbstverständnis des Hauses?

Das Haus Kirchengasse 4 will ein offener Raum sein, Platz und Möglichkeit für Neues bieten. Technisches, künstlerisches, kulturelles wie gesellschaftliches Labor sein, wir suchen Lösungen abseits ausgetretener Pfade. Ganz konkret im sozialen Aspekt bedeutet das zum Beispiel, dass wir uns ganz bewusst gegen eine Türsteher/Security Politik in der Stadtwerkstatt entschieden haben. Die frei schwebenden Regeln im Haus, die Solidarität und der achtsame Umgang zwischen unseren Gästen machen die Sphäre der Stadtwerkstatt aus, eine übergeordnete Instanz in Form von Türsteherinnen würde diese Stimmung stören. Wir haben uns entschieden, andere Mittel zu wählen, neben dem Projekt »Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum« konnten wir z.b. schon zuvor für unser Cafe Strom-Team einen jungen Syrer gewinnen – der uns hilft, sprachliche und kulturelle Hürden leichter zu überwinden. Integrieren, konfrontieren, in offenen Austausch gehen und Lösungen abseits von strenger Doorpolicy suchen, das ist der Weg, den wir gewählt haben.
Im Haus selbst gibt es unterschiedliche Zonen, die sich in ihrer Zugänglich-keit unterscheiden – von halböffentlichen und leicht zugänglichen Zonen wie das Cafe Strom, den Lichthof oder den Veranstaltungssaal, bis zu halbprivat und nicht so leicht zugänglichen (Werkstatt, Büro, Radio-Studio). In den leichter zugänglichen Räumlichkeiten kann ich eine stärkere Kristallisation von Problemlagen beobachten, dazu bin ich auf die Beobachtungen im Zuge der performativen Recherche zum Projekt »Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum« gespannt.

Problemlagen und Verdrängungseffekte, die das Cafe Strom auffangen muss: Diese waren sozusagen Auslöser für diese Aktivität jetzt. Auf der anderen Seite geht es um ein Bewusstmachen dessen, was bereits ja bestens funktioniert. Gerade weil Strom und STWST einen solchen Run erleben, soll das nun weiter positiv gepusht werden. Also auch kein Problem im Problem?

Wenn dann eine Lösung im Problem … Das Haus ist ein System in ständiger Bewegung und im ständigen Austausch nach außen, diese Dynamik erfordert von uns ein selbstbewusstes, gestalterisches und lösungsorientiertes Agieren. Mit diesem Selbstverständnis versuchen wir Problemzonen zu erkennen, um damit das System Kirchengasse 4 weiterzuentwickeln.

Respekt, Offenheit, Toleranz sollten zur Grundausstattung einer Gesellschaft gehören, sind aber auch gerne benutzte Floskeln. Wir haben in diesem Projektvorhaben deshalb auch öfter vom etwas härteren Begriff »Territorium« gesprochen, auch im Sinne der vom Projekt-Call ausgeschriebenen »Verdrängung«. Dann haben wir von der Stadtwerkstatt als »Territorium der offenen Gesellschaft« gesprochen. Ein guter Widerspruch?

Ein Territorium kennzeichnet sich ja unter anderem dadurch, dass es örtlich beschränkt ist – das sollte die offenen Gesellschaft nicht sein – dadurch ergibt sich ein gewisser Widerspruch. Wie du schon richtig gesagt hast sind diverse zivilisatorische Errungenschaften, in unserer Gesellschaft aber nicht so tief verankert wie sie sein sollten, deshalb machen wir die Stadtwerkstatt zu unserem Territorium, und hier sind Themen wie Respekt, Vielfalt und Toleranz nicht verhandelbar – somit ist die Kirchengasse 4 ein Territorium der offenen Gesellschaft.

Wir werden nun mit den Kompetenzen, die es ohnehin in den unterschiedlichen Bereichen des Hauses schon gibt, dieses Thema zu einem zirkulierenden Rechercheprojekt machen. Bzw wird das Projekt auch durch externe Personen erweitert, mit zum Beispiel künstlerischem Background. Diese Menschen werden zuerst als Gäste das Cafe besuchen. Selbstredend wird es keinerlei Eingreifen oder Beobachten im herkömmlichen Sinne geben, das Projekt verweigert sozusagen die üblichen Methoden, ist angelegt auf einen Fokus der Performanz, der Teilnahme, der Selbsterkundung. Letzten Endes geht es wieder um Fragen der Selbstregulation. Weiters geht es um eine systemisch-performative Recherche einer Performanz eines Ortes an sich, unsere öffentlichen Räume haben so einen Zugang als eigene Sphäre schlichtweg drauf. Und eventuell, falls sich das als sinnvoll erweist, wird es auch um eine Erhöhung von Komplexität und Selbstausdruck gehen … Wir befinden uns schließlich hier in einer Fortgehzone, wo die Entgrenzung sozusagen am Programm steht – wenn alles gutgeht! Ich schreibe hier etwas verwaschener über das Perfomative, als wir es schon konkret in Planung haben – um keinen Spoiler zu fabrizieren. Es wird jedenfalls entwickelt, wir können live vor Ort und in Time erproben und überprüfen. Was ist für dich reizvoll?

Der besondere Reiz für mich ist die zusätzliche Perspektive, die wir als Stadtwerkstatt- und Cafe-Strom-Team bekommen. Wir haben damit die Möglichkeit, die Fortgehbereiche im Haus zu analysieren und Mechanismen und Wirkweisen zwischen den Akteuren sichtbar zu machen um dann in Folge auch besser agieren zu können und mehr Handlungsmöglichkeiten zu haben. Ich freue mich auf den Austausch zwischen Performanceteam und Haus-Belegschaft, die unterschiedlichen Beobachtungen aus den unterschiedlichen Rollen abgleichen zu können und daraus das Projekt und letzten Endes auch das Haus weiterzuentwickeln. In welche Richtung sich dieser Grenzgang zwischen Schauen und Agieren entwickeln wird, ist völlig offen, hier ist es uns wichtig den Akteurinnen ihren eigenen Handlungshorizont zu geben – die Bandbreite des möglichen ist eine große – das birgt natürlich auch eine gewisse Spannung. Keine der von uns befragten Expertinnen kennt eine vergleichbare Untersuchung oder ein vergleichbares Projekt. Wir bewegen uns an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und untersuchen eine Fortgehzone, in der es oft auch um Enthemmung und Entgrenzung geht – all diese Punkte machen das Projekt »Stadtwerkstatt als öffentlicher Raum« für mich zu etwas Besonderen.

Ich mochte im Zuge der Vorbereitungen folgende auftauchende Sprüche ganz gern: »Widerspruch erhöhen«, »Feminism is for everybody«, »Best Place to be« …zum Beispiel. Dann ist mir letztens untergekommen – wohl auch aus einer Sprachhürde heraus entstanden: »Ich weiß, wo dein Beisl lebt«. Jedenfalls, wir überlegen eine kleine Kampagne. Was wäre dein Spruch?

Be nice or leave.

Ein letztes, ganz anderes Thema, nicht so aufgeladen, aber doch auch mit gewissen Verdrängungsaspekten im öffentlichen Raum. Stichwort Plakatflächen und kaum mehr freie Plakatierflächen in der Stadt. Hier im Haus ist es üblich, solche freie Flächen zur Verfügung zu stellen, was nicht überall so ist. Was würdest du dir diesbezüglich wünschen?

Die verfügbaren öffentlichen Plakatierflächen wurden in Linz in den letzten Jahren fast vollständig privatisiert und somit kommerzialisiert. Was es vor allem kleineren Veranstaltungshäusern schwierig macht, ihr Programm mittels Plakat kund zu tun. Kulturförderungen werden massiv zurückgefahren – gleichzeitig braucht es zunehmend größere finanzielle Mittel um sichtbar zu bleiben und Publikum zu erreichen. Das kann ein gefährlicher Kreislauf werden, der zu einer Wahrnehmungs-Verdrängung von freien Kunst und Kultureinrichtungen führt. Für uns ist es selbstverständlich, Flächen für andere  Akteurinnen der Szene bereit zu stellen. Wenn schon die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum eingeschränkt wird, dann soll sie doch wenigsten in den Clubs/Konzertsälen/Bars dieser Stadt umso mehr gegeben sein. Wir wollen auch dazu ein Projekt entwickeln, es sollen Notwendigkeit und Bedarf an entkommerzialisierten Plakatflächen im öffentlichen und halböffentlichen Raum aufgezeigt werden – gleichzeitig wollen wir damit auch zu einer Sensibilisierung in der Szene beitragen und für mehr Solidarität unter den Akteurinnen kämpfen.

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