Vergessensarbeit

Von Ebensee bis Steyr: Über aktuelle Blüten der österreichischen Gedenkpolitik, sprich über die »positive Nachnutzung« von Orten des NS-Terrors schreibt Paul Schuberth.

Im Kulturbereich gilt es als Ausweis von Kreativität, ehemalige Handwerks- und Arbeitsstätten zu Orten der Kunst zu befördern: aus der alten Schmiede wird ein Kammermusiksaal, aus der alten Schuhmanufaktur ein Jazzclub, aus der alten Gerberei ein Literaturcafé. Der Geist der ausgestorbenen Traditionsberufe vermittelt dem Publikum Authentizität und motiviert die Künstler, deren Handwerk noch ums Überleben kämpft. Welche Wirkung der Geist der Vernichtung durch Arbeit auf die künftigen Patienten im geplanten Ebenseer Heilstollen in Oberösterreich haben wird, soll sich demnächst zeigen. Acht Grad und 100 % Luftfeuchtigkeit seien jedenfalls ideal für Personen mit Atemwegserkrankungen, so jener pensionierte Unternehmer aus Ebensee, der den Stollen vor kurzem mit der klaren Absicht der Wiederbelebung erworben hat – und damit dem belasteten Ort ein Happy End zu schenken droht. Ab November 1943 waren KZ-Häftlinge in den Ort Ebensee verlegt worden, um ein riesiges Stollensystem in die Berge rund um den idyllischen Traunsee zu treiben; diese unterirdischen Anlagen wurden nach der Fertigstellung zur Produktion von Bauteilen für Panzer genutzt. Die Tausenden dabei getöteten Häftlinge sind allerdings, so wird man in Zukunft bei Gedenkfeiern behaupten können, nicht ganz umsonst gestorben: sie ließen ihr Leben für die Atemwege unserer Kurgäste. Eine ideelle Rehabilitierung, die mehr wiegt als jede materielle Entschädigung. Der Bürgermeister der Gemeinde, der Kritikern rät, die »Nazi-Keule« endlich fallenzulassen, hat nichts gegen eine »positive Nachnutzung« des Stollens. Womöglich auch, um einer negativen Nachnutzung in Form einer Gedenkstätte zuvorzukommen.

Die österreichische Vergessensarbeit treibt dieser Tage skurrile Blüten. Eine kleine Auswahl: In der Salzburger Gemeinde Goldegg tobt ein jahrelanger Streit um die Errichtung eines Denkmals für Wehrmachtsdeserteure, die in der (mittlerweile eingezogenen) Ortschronik als »Landplage« bezeichnet werden; im kleinen niederösterreichischen Ort Bischofstetten soll eine Gedenktafel für den einzigen Holocaust-Überlebenden der Gemeinde, Walter Fantl, der nun 97-jährig verstorben ist, errichtet werden – doch der Bürgermeister der Gemeinde zeigt sich wenig enthusiastisch: »Ich stehe dem neutral gegenüber – weder positiv noch negativ. Im Krieg sind viele Menschen gestorben und man macht nicht für jeden eine Tafel, aber es ist durchaus legitim.« Diese »klare« Haltung der eigenen Geschichte gegenüber spiegelt sich auch im Umgang mit den Überresten des KZ Loibl Nord wider. Dieses Lager in den Karawanken wurde ab März 1943 zu beiden Seiten des Österreich und Slowenien verbindenden Loiblpasses errichtet. Die knapp 2000 Häftlinge der beiden Lager mussten einen Verbindungstunnel durch die Berge graben, bis die Überlebenden schließlich 1945 durch einen Partisanenangriff befreit wurden. Etwa 40 Häftlinge waren zuvor im KZ Loibl ermordet worden. Neben den verheerenden Arbeitsbedingungen zeichnete dafür vor allem der Lagerarzt Sigbert Ramsauer verantwortlich, der kranke Häftlinge mittels Benzininjektion zu töten pflegte. Ramsauers Karriere, die ihn von Dachau bis nach Neuengamme geführt hatte, sollte nach dem Krieg mit dem Chefarztposten im Klagenfurter Landeskrankenhaus gekrönt werden. Während nach dem Krieg auf der jugoslawischen Seite des Passes rasch eine Gedenkstätte errichtet wurde, stand man in Österreich dem verlassenen Konzentrationslager weder positiv noch negativ gegenüber, und überließ es, in aller Neutralität, der Natur. Als 1964 der Tunnel für den Zivilverkehr eröffnet wurde, veranlasste die Kärntner Landesregierung die Errichtung einer Gedenktafel am Tunneleingang. Um die Radikalität dieses Schrittes abzumildern, erließ sie gleichzeitig ein Aufenthaltsverbot für den gefährlichen Platz vor der Tafel. Vom nördlichen Lager war bald nichts mehr zu sehen, ein dichter Nadelwald verdeckte die wenigen erhaltenen Überreste. Erst die Gründung des Mauthausen Komitees Kärnten/Koroška im Jahre 1995 leitete eine vorsichtige erinnerungspolitische Wende ein. Nach jahrelangem Einsatz konnte der Vorsitzende des Komitees Peter Gstettner, Erziehungswissenschafter aus Innsbruck, die Rodung des Areals durchsetzen. In den folgenden Jahren schließlich führten Archäologen der Universität Wien Grabungen auf dem Gelände durch. In mühevoller Kleinarbeit legten sie Überreste des Lagers frei, so auch die Fundamente der Küchenbaracke. Damit war der Bogen überspannt: Prompt entschied die »Bundesanstalt Mauthausen Memorial«, die Fundamente mit einem Betonsarkophag zu verhüllen; ein Vorgang, den man bisher nur vom Kernkraftwerk Tschernobyl gekannt hatte. Dort erfüllt die Betonummantelung den Zweck, die Bevölkerung vor der gefährlichen Strahlung zu schützen. Wer oder was muss aber vor den gefährlichen Fundamenten der Küchenbaracke des KZ Loibl Nord geschützt werden? Es verhält sich umgekehrt. Die offizielle Argumentation lautet, dass der Betonmantel zum Schutz der Überreste notwendig sei. Das Mauthausen Komitee Kärnten/Koroška hingegen ortet eine Behübschung des Lagergeländes im Namen des Denkmalschutzes. Peter Gstettner fand bei der Gedenkfeier dieses Jahres klare Worte: »Dort, wo einst das Blut der Häftlinge den Boden tränkte, dort, wo einst im Geröll, Staub und Morast der Großbaustelle des Loibl-Tunnels kein Grashalm wachsen durfte, dort sät man jetzt eine Wiese aus und lässt Gras über die Sache wachsen! […] Gleichzeitig wurde die übriggebliebene originäre Bausubstanz durch eine Betonummantelung bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. […] Soll also das behübscht, begradigt und zubetoniert werden, was schon im Begriffe war, unsere Bewusstseins-schwelle zu überschreiten?« Die Fundamente der Baracke zuerst freizulegen, um sie danach wieder einzugraben, ist ein für dieses Land typischer Kompromiss zwischen Erinnern und Vergessen, mit dem die Täter und deren geistige Nachfahren leben können; eine Kompromissbereitschaft, die zu zeigen den nachtragenden Opfern nicht mehr möglich ist.
Ob es auch in Deutschland möglich wäre, auf einem KZ-Gelände »Betonfundamente wie für einen Bungalow« (Peter Gstettner) anstelle der originalen Überreste zu errichten? Die Gedenkkulturen Deutschlands und Österreichs unterscheiden sich schließlich seit jeher. Während dort für das Vergessen gilt, dass offizielles Erinnern nur dessen höchste Form ist (Eike Geisel), liegen hier die Karten offen am Stammtisch. Während dort »all dieses bereits kleinlaut und formell gewordene Schuldgetue […] bloß die Funktion [hat], sich zum rechten Patriotismus wieder das gute Gewissen zu machen« (Max Horkheimer), ist das Gewissen hier von Anfang an rein gewesen; kein Wunder, es wurde nie benützt. Judenreinheit und Reinheit des Gewissens sind hier kein Widerspruch, und in dem Maße, in dem auch die letzten Spuren an die Opfer der NS-Herrschaft vernichtet werden, gewinnt es an Glanz hinzu. Dass dafür nicht immer kreative Lösungen wie in den genannten Beispielen notwendig sind, beweist der Umgang mit den Resten des Konzentrationslagers Steyr-Münichholz. Der Anblick der pittoresken Altstadt dieser oberösterreichischen Kleinstadt, mit dem idyllischen Zusammenfluss der beiden Flüsse Enns und Steyr, lässt nicht vermuten – und viele Steyrer vermuten es bis heute nicht –, dass sich hier eines der mörderischsten Außenlager von Mauthausen befand. Nachdem schon im Frühjahr 1941 KZ-Häftlinge aus Mauthausen zu Arbeiten für die Steyr-Werke eingesetzt worden waren – es war dies das erste KZ-Arbeitskommando für die Rüstungsindustrie auf österreichischem Gebiet –, mussten ein Jahr später spanische Häftlinge im neu gegründeten Stadtteil Münichholz ein Barackenlager errichten. Der Generaldirektor der Steyr-Werke, Georg Meindl, hatte sich persönlich bei hochrangigen NS-Funktionären dafür eingesetzt. Die Gefangenen wurden in den Steyr-Werken beim Bau von Fabrikanlagen und in der Produktion eingesetzt, aber auch zum Bunker-, Stollen- und Straßenbau beordert. Nach dem Krieg interessierte sich, wenige Kommunisten ausgenommen, kein Steyrer für das ehemalige Lager, auch nicht für die Befreiungsfeier der Franzosen, an der oft 500 Personen teilnahmen. Das Credo der Bevölkerung lautete: »Steyr hat mit einem KZ nichts zu tun, das KZ ist in Mauthausen«, wie es der Vorsitzende des Mauthausen Komitees Steyr, der Theologe Karl Ramsmaier, im Interview mit der Versorgerin formuliert. Als 1947 mit Friedrich Uprimny einer der wenigen überlebenden Steyrer Juden mit seiner Familie zurückkehrte, musste er mühsam um sein eigenes Haus kämpfen. Eine Änderung der Grundhaltung in Steyr konnte er nicht mehr erleben. Noch im Jahr 1993 lehnten es die Verantwortlichen der Stadt ab, eine vom Mauthausen Komitee initiierte Einladung an die Steyrer Juden und Jüdinnen zu einem Besuch in ihre ehemalige Heimatstadt offiziell auszusprechen. Im gleichen Jahr kam es auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers zu einer Szenerie, die einer TV-Krimiserie entnommen scheint. Dem neuen Besitzer des Geländes war zu Ohren gekommen, dass die einzige noch erhaltene Baracke des Lagers unter Denkmalschutz gestellt werden sollte. »Für den Besitzer war klar, dass er den Grund zu schlechteren Konditionen verkaufen könnte, wenn die Baracke unter Denkmalschutz stünde«, schildert Karl Ramsmaier. »Also ließ er die Baracke in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abreißen, […]. Wir waren schon zuvor von dieser Absicht in Kenntnis gesetzt worden und hatten das Magistrat informiert. Die darauf angeordnete Bewachung der Baracke seitens der Polizei war so unzureichend, dass der Abriss trotzdem durchgeführt werden konnte.« Aber: die Betonfundamente der Baracke überstanden den Abriss. Das Denkmalamt unternahm allerdings keinerlei Anstrengungen, zumindest diese Reste unter Denkmalschutz zu stellen. Die logische Konsequenz dessen: im August dieses Jahres wurden nun auch die letzten Zeugnisse des Konzentrationslagers Steyr-Münichholz vernichtet. Sie mussten einer geplanten Autowaschanlage weichen. Das Mauthausen Komitee Steyr erfuhr davon aus der Zeitung. Die Stadt, die die Genehmigung für den Abriss erteilte, fand es nicht der Mühe wert, das Komitee in Kenntnis zu setzen. Das Fenster zur Erinnerung ist geschlossen, doch die Türe zur »Nachnutzung« weit geöffnet: Wo früher der Volkskörper gereinigt wurde, sind es heute bloß Autos. Auch die ehemalige Synagoge, die als einzige in Oberösterreich das NS-Regime überdauerte, ist vor dieser Art der »positiven Nachnutzung« nicht sicher. Nach einer Raiffeisen-Filiale befindet sich dort nun ein Friseurgeschäft. »Wenn unsere Generation einmal gestorben ist, dann wird man wahrscheinlich alles niederreißen, was an die Nazi-Verbrechen erinnert«, sagte Simon Wiesenthal 1993 anlässlich des Abrisses der letzten Baracke des KZ Steyr-Münichholz. Aktuell scheint es, als ob jenes Werk der Nazis, das mit der sogenannten »Aktion 1005« begann – die Beseitigung der Spuren des Verbrechens –, auf die eine oder andere Weise seine Fortsetzung erführe.

Interview mit Karl Ramsmaier vom Mauthausen Komitee Steyr

Das Interview hat ebenfalls Paul Schuberth für die Versorgerin geführt.

Versorgerin: Sie sind seit 29 Jahren Obmann des Mauthausen Komitee Steyr. Was hat Sie damals dazu bewegt, aktiv zu werden?

Karl Ramsmaier: Ich habe als Theologiestudent meine Diplomarbeit über Dietrich Bonhoeffer geschrieben, einen evangelischen Theologen, der im Widerstand gearbeitet hat - im Bereich der bekennenden Kirche, die das Naziregime abgelehnt und bekämpft hat. Ich bin dadurch natürlich in Berührung mit dieser Thematik gekommen. Bonhoeffer ist für mich bis heute ein großes Vorbild. 1988 habe ich mein Studium an der Theologischen Hochschule in Linz beendet, worauf ich als Pastoralassistent nach Steyr gekommen bin. In Steyr ist dann das Mauthausen Komitee gegründet worden. Ich muss dazusagen, dass ich schon vorher in der einzigen Gruppe war, die es in Linz gegeben hat – sozusagen als Delegierter der Katholischen Jugend dort. Schon bei den ganz frühen Anfängen war ich also dabei, um 1986, während meines Zivildienstes bei der Katholischen Jugend. Der Ursprung des Mauthausen Komitees Steyr war eine Vortragsreihe über „50 Jahre Anschluss“; infolgedessen wollte man da weitermachen, also ist das Komitee gegründet worden. Beim ersten Treffen ist niemand gekommen. Aber es gab dann ein zweites Treffen, die Friedenswerkstatt in Steyr war auch sehr engagiert, und so sind erste Schritte gesetzt worden. Aber zur Frage meiner persönlichen Motivation: anfangs haben wir uns eingehend mit der jüdischen Geschichte Steyrs beschäftigt. Zeugnis dieser Auseinandersetzung ist das Buch: „Vergessene Spuren“, erschienen erstmals 1993. Mir war dabei wichtig, ein kleines Widerstandszeichen zu setzen. Wenn die gesamte jüdische Geschichte von Steyr vergessen werden würde, niemand mehr wüsste, dass es einen jüdischen Friedhof gibt, niemand mehr wüsste, dass es eine jüdische Gemeinde gegeben hat, dann  wäre es ja den Nationalsozialisten gelungen, die jüdische Gemeinde sowohl physisch, als auch im Bewusstsein der Menschen auszulöschen.  Das zu verhindern, ist eine wesentliche Motivation. Diese Geschichte in Erinnerung zu rufen und zu erforschen, ist also ein Widerstandsakt.

Woher nehmen Sie den langen Atem?

Der lange Atem kommt daher, dass es immer Unterstützer gegeben hat, auch wenn man sich manchmal mit Gegnern auseinandersetzen musste. Es hat uns auch Kraft gegeben, dass es immer wieder Kontakte zu Überlebenden gab. Zu sehen, wie wichtig den Überlebenden das Erinnern und Nichtvergessen ist, hat uns immer bestärkt in unserem Engagement; und auch, dass doch immer wieder etwas gelungen ist: eine Gedenktafel zu errichten, eine Gedenkfeier am jüdischen Friedhof zu etablieren, die es jetzt seit dreißig Jahren gibt. Dass einiges gelungen ist, und dass es UnterstützerInnen gibt, ist entscheidend. Alleine kann man natürlich nicht durchhalten.

Mit welchen Hürden, ob politischer, ob gesellschaftlicher Natur, hatte und hat das Komitee zu kämpfen?

Geschichtlich betrachtet hatten wir große Gegner. Es hat ursprünglich große Spannungen zur Stadt Steyr gegeben, weil man Angst hatte, dass Wähler verloren gehen, wenn man sich in diesem Bereich zu sehr engagiert. Am Anfang sind wir auch nicht wirklich ernst genommen worden. Als man von Seiten der Politik aber verstanden hat, dass die Projekte, die wir initiiert haben, alle „Hand und Fuß“ haben, ist die Gegnerschaft immer weniger geworden. Sie ist aber, zweitens, auch deswegen immer kleiner geworden, da wir uns den Ruf erworben haben, nicht aufzugeben. Man wusste, eine Ablehnung, ein Widerstand, führen nicht dazu, dass wir aufgeben. Vor allem gegen den „Stollen der Erinnerung“ gab es seitens der FPÖ viel Widerstand – mit den Argumenten, Steyr hätte schon genug Gedenkstätten, und in der heutigen Zeit würde das niemanden mehr interessieren. Dieses Argument lässt sich  nicht mehr vorbringen, denn wir haben im ‚Stollen der Erinnerung’ schon fast 21.000 Besucher und fast 1.000 Führungen. Angesichts der Zahlen kann man nicht sagen: es interessiert niemanden. Der ‚Stollen der Erinnerung’ hat auch schon drei Auszeichnungen bekommen, zuletzt den German Design Award. Gegner  gibt es derzeit kaum.

Sämtliche Ihrer Vorschläge und Ideen wurden anfangs  nicht mit Begeisterung aufgenommen, sondern mit Unverständnis und Ablehnung. Vieles konnte erst nach zähen Diskussionen und Streit umgesetzt werden, wie etwa die Benennung einer Straße nach Friedrich Uprimny (1921–1992), dem letzten Steyrer Juden, oder eine Einladung der überlebenden Steyrer Juden und Jüdinnen in ihre alte Heimatstadt. Wie ist diese Abwehrhaltung zu erklären?

Ein Grund war die Absicht, dass man die Stadt Steyr als unbelastet darstellen wollte. So war oft zu hören: „Steyr hat mit einem KZ nichts zu tun, das KZ ist in Mauthausen.“ Das Wissen oder die Tatsache eines Nebenlagers von Mauthausen in Steyr wurde ignoriert, weil man die Stadt nicht mit Negativpunkten der Geschichte belasten wollte. Uns ist am Anfang vorgeworfen worden: „Ihr wollt ja nur die Stadt und die Steyr Werke schlecht machen, weil ihr da von einem KZ redet, von Zwangsarbeitern usw.“ Diese Argumentation begegnete uns am Anfang immer wieder. Natürlich war auch vom „Schlussstrich“ die Rede – es solle von dieser Zeit nicht mehr gesprochen werden. Ebenso war es für viele unbequem, dass für uns Erinnern immer mit der Gegenwart und der Zukunft zu tun hat. Wir gehören immer zu denen, die aktuellen Antisemitismus öffentlich kritisieren und gegen Rechtsextremismus und Neonazismus aufstehen. In der ersten Zeit haben wir zum Beispiel gefordert, dass es aufgrund rechtsextremer Gruppen in Steyr ‚Streetwork’ in der Stadt geben solle, im Rahmen derer man sich dieser Leute im Speziellen annehme. Die Antwort darauf war: „Straßenarbeiter gibt es im Wirtschaftshof, die brauchen wir in Steyr nicht.“ Man wollte also nicht, dass wir die Verbindung zur Gegenwart herstellen und auf diese Punkte in der Gesellschaft hinweisen. Wir wurden andererseits auch einmal das „antifaschistische Gewissen der Stadt“ genannt. Daran stimmt, dass wir diese Dinge immer aufmerksam verfolgen und die notwendigen Kritikpunkte einbringen – oder auch oft bei der Stadt veranlassen, dass man z.B. Hakenkreuzbeschmierungen entfernt. Wir haben erfolgreich initiiert, dass eine Straße, die nach einem Nationalsozialisten benannt war, umbenannt wurde. Das, was bei den Gedenkfeiern, bei den Befreiungsfeiern gesagt wird, hat immer auch einen aktuellen Bezug.

Kommen wir zu den aktuellen Geschehnissen rund um die Überreste des Konzentrationslagers in Steyr. Diese haben eine Vorgeschichte bis in die neunziger Jahre, als die letzte Baracke illegaler Weise abgerissen wurde. Wie konnte das damals passieren?

Wir hatten vor, in dieser letzten Küchenbaracke des Nebenlagers Steyr-Münichholz eine Zeitgeschichtewerkstätte einzurichten. Die Baracke war im Privatbesitz. Es bestand aber die Absicht, diese Baracke unter Denkmalschutz zu stellen, was den Besitzer auf den Plan gerufen hat. Für den Besitzer war klar, dass er den Grund zu schlechteren Konditionen verkaufen könnte, wenn die Baracke unter Denkmalschutz stünde. Also ließ er die Baracke in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abreißen, da ist einfach der Bagger gekommen. Wir waren schon zuvor von dieser Absicht in Kenntnis gesetzt worden und hatten das Magistrat informiert. Die darauf angeordnete Bewachung der Baracke seitens der Polizei war so unzureichend, dass der Abriss trotzdem durchgeführt werde konnte. Der Besitzer wurde zu einer Verwaltungsstrafe verurteilt, was ein Bagatellbetrag war im Vergleich zu dem, was er beim Verkauf des Grundes als Gewinn lukrieren konnte. Damit war es nicht mehr möglich, dort eine Zeitgeschichtewerkstätte zu errichten. Die Fundamente der Baracke sind aber stehen geblieben – ein Autohändler, an den der Grund vom neuen Besitzer verpachtet wurde, hatte zwar seine Container draufgestellt, aber der Keller war nach wie vor vorhanden. Jetzt sind wir durch Zufall draufgekommen, dass nun die Fundamente abgerissen wurden, und dort jetzt eine Autowaschanlage oder Ähnliches aufgebaut werden soll. Wir wurden damit vor vollendete Tatsachen gestellt, da wir auch seitens der Stadt nicht informiert wurden. Die Stadt hat das in einem Verfahren abgewickelt, weil es eine Gewerbeberechtigung o.Ä. für diese Sache braucht. Von Seiten der Stadt hieß es: „Es gibt ja keinen Denkmalschutz.“ Ich hätte mir von der Rechtsabteilung der Stadt einen sensibleren Umgang gewünscht; dass man also die Zukunft eines historisch bedeutsamen Gebäudekellers nicht nur formaljuristisch abhandelt. Unsere Aufgabe war es dann, die Öffentlichkeit zu informieren, dass damit eine große historische Chance vertan wurde. Es hatte von uns die Überlegungen gegeben, dort einen Gedenkort zu schaffen. Das hatte sich aber immer schwierig gestaltet, weil der Platz in Privatbesitz war und wir vielleicht auch zu lange gewartet haben, das direkt anzugehen.

Wie gelangte die Baracke in Privatbesitz?

Noch im – ich glaube – August 1945 wurden die Baracken abgebrannt, möglicherweise im Auftrag der Amerikaner. Man argumentierte damals mit der Hygiene. Die Gründe sind dann, wie normale Gründe, einfach verkauft worden. Dort haben sich dann Gewerbebetriebe angesiedelt. Damals hat es ja überhaupt kein Interesse gegeben, irgendetwas in Erinnerung zu behalten. Die Angehörigen der ehemaligen KZ-Häftlinge haben 1953 dort in der Nähe ein Denkmal errichtet, das jetzige KZ-Denkmal, aber es hat von der Steyrer Bevölkerung mit Ausnahme der Kommunisten praktisch kein Interesse gegeben an den Befreiungsfeiern der Franzosen, von denen oft 500 gekommen sind. Es hat außer den Kommunisten niemand aus Steyr daran teilgenommen, weder von den anderen Parteien, noch von den Kirchen, noch von der Bevölkerung.

Von Seiten der Rechtsabteilung der Stadt hieß es: „Wir konnten nichts anderes machen.“ Das klingt danach, als ob sie den Abriss sehr gerne verhindert hätten, aber keine Schritte dagegen unternehmen wollten.

Auch das Bundesdenkmalamt trägt eine Mitschuld, denn vor dem Abriss der Baracke ist ja überlegt worden, sie unter Denkmalschutz zu stellen. Das Bundesdenkmalamt hätte aber auch die Möglichkeit gehabt, die Reste, den Keller, unter Denkmalschutz zu stellen, hat es aber nicht getan. Manchmal denke ich mir, dass wir mehr darauf drängen hätten sollen. Aber auch die Rechtsabteilung des Magistrates hätte beim Bundesdenkmalamt nachfragen, oder zumindest das Mauthausen Komitee zuvor informieren können. Man hätte eine Lösung im Sinne eines vernünftigen Gedenkens finden können. Eine Autowaschanlage kann ich überall hinstellen. Damit ist das letzte historische Relikt des KZ Steyr-Münichholz beseitigt worden. Wir können das nicht mehr rückgängig machen. Es gibt von uns aber noch die Überlegung, dass man diesen Ort mit einer Informationstafel kennzeichnet, damit Fußgänger und Touristen diesen Ort finden können und auch in einer kurzen Beschreibung lesen können, was da war. Es gibt auch die Idee, am Gehsteig die Ausmaße des Lagers mit einer gelben Linie zu kennzeichnen, sodass man, wenn man dort geht, weiß, wo sich das genau befand. Das internationale Mauthausen Komitee will in ganz Europa eine „Via Memoria Mauthausen“ installieren, bei der es auch den Themenpunkt „Verschwundene Orte“ geben soll. Das Konzentrationslager Steyr-Münichholz wäre demnach ein solcher „verschwundener Ort“; wo also etwas war, aber jetzt nicht mehr sichtbar ist.

In Ebensee soll ein von KZ-Häftlingen erbauter Stollen zu einem Heilstollen umfunktioniert werden; im KZ Loibl Nord werden Überreste einer Baracke mit einem Betonsarkophag ummantelt; in Steyr ist vom ehemaligen Konzentrationslager nun nichts mehr übrig. Es scheint, als ob jenes Werk der Nazis, das mit der sogenannten „Aktion 1005“ begann – die Beseitigung der Spuren des Verbrechens –, seine Fortsetzung erführe.

Dass man dort einen Heilstollen errichten will, betrachte ich mit Skepsis. Ob man an einem Ort, wo Menschen zu Tode geschunden wurden, wo Menschen ausgebeutet wurden, wo sie das Leben verloren haben, gedemütigt wurden, gequält wurden, gefoltert wurden, durch Arbeit vernichtet wurden, einen Heilstollen errichten soll, nur weil es billiger kommt etc., das würde ich doch sehr massiv bezweifeln. Was den Loiblpass betrifft, ist das natürlich eine Geschmacklosigkeit der Sonderklasse. Dass man Teile der KZ-Baracken, die man mühsam archäologisch freigelegt hat, nun mit einem Betonsarkophag verhüllt hat… ich weiß schon, es wird gesagt, es solle dadurch geschützt und erhalten werden! Erstens gibt es ganz andere Möglichkeiten, die Überreste zu schützen, und zweitens ist es für die jungen Leute, die in diese Gedenkstätte kommen, ganz wichtig, dass Sie die Originalteile sehen. Man muss die originalen Überreste sehen, weil das im Bereich der Gedenkpädagogik dem Ganzen eine besondere Glaubwürdigkeit verleiht. Da handelt es sich um eine Unsensibilität, eine Geschmacklosigkeit, eine Missachtung der Geschichte der Opfer sondergleichen. Es kann nur die eine Forderung geben, diesen Betonsarkophag sofort wieder zu entfernen und den Originalzustand herzustellen, diesen zu erhalten und ihn zugänglich zu machen. Ich denke dabei vor allem an junge Menschen. Man muss das authentische Fundament sehen können, und nicht irgendwie geschönt oder verändert.
In Steyr ist unsere künftige Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es nicht aus dem Bewusstsein gerät. Wir müssen dafür sorgen, dass der Ort gekennzeichnet wird, an dem die Geschehnisse stattgefunden haben, wo das Lager war, wo die Menschen gequält wurden, die Menschen ermordet wurden, wo die Menschen zu Nummern gemacht wurden. Wie schnell wir das schaffen werden, wissen wir derzeit noch nicht.

Meine Frage war auch, ob diese Ereignisse und Entwicklungen einfach von einer Unbekümmertheit herrühren, oder ob subkutan immer noch die Idee mitschwingt, dass die Zeugnisse des Verbrechens eigentlich verschwinden müssten.

Es gibt die Leute, die die Spuren verwischen wollen, weil sie die Erinnerungskultur und die damit verbundene Kritik an heutigem Rechtsextremismus nicht wollen. Und es gibt zweitens auch die Leute, denen ein historisches und politisches Bewusstsein dafür fehlt, dass es auch in unserer Verantwortung den Opfern gegenüber liegt, diese Dinge im Bewusstsein der Menschen zu halten, sodass die Opfer nicht im Staub der Geschichte untergehen. Und dass auch die Orte, an denen sie gelitten haben, nicht unsichtbar und ungekennzeichnet erscheinen sollten. Das ist unsere historische und politische Verantwortung. Wir glauben, dass wir dadurch auch einen Beitrag zur Aufklärung über aktuelle rechtsextreme Tendenzen leisten. Weil durch Ausstellungen, Gedenken, Kennzeichnungen immer wieder gezeigt wird, wohin dieses rechtsextreme, neonazistische, rassistische Denken in der Geschichte geführt hat und wozu es in der Gegenwart auch führen kann. Diese Verantwortung werden wir nach bestmöglichen Kräften in der Gegenwart und in der Zukunft wahrzunehmen versuchen.

Nun eine Frage, die etwas von Steyr wegführt. Europa 2019: Wahlen werden mit Fremdenhass gewonnen; ein geplanter Anschlag auf eine Synagoge in Deutschland wird als „Alarmsignal“ begriffen, nicht als Super-GAU; die Diskriminierung und Abwehr von Flüchtlingen wird als oberstes politisches Gebot propagiert. Ist es für „Wehret den Anfängen“ zu spät?

Nein. Ich sage immer: „Wehret den Anfängen“ wird täglich aktueller und wichtiger. Es ist nicht zu spät, aber wir sind in einer Situation, wo dieses Gedankengut – ich nenne es nicht Rechtspopulismus – das wäre verharmlosend –, sondern Rechtsextremismus – bereits in die Verwaltung und in die Politik eingedrungen ist. Leute mit diesem Gedankengut sitzen an Schalthebeln der Verwaltung und der Macht. Aber es gibt, gerade auch in Steyr, Leute, die dagegen auftreten, die sich organisieren, die in der Öffentlichkeit Bewusstsein schaffen und die sich für eine humane Gesellschaft engagieren. Diese Gruppe darf auch nicht unterschätzt werden. Aber „es kommen härtere Tage, wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben“, wie es der Schriftsteller Ludwig Laher bei der Jubiläumsfeier „30 Jahre Mauthausen Komitee Steyr“ formuliert hat.

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