Romantische Politik

Der Frühromantiker Karl Wilhelm Friedrich Schlegel verband in seinen Schriften Philosophie, Literatur und Geschichte. Dass er in jüngeren Jahren eine Phase der »Germanomanie« durchmachte, in der er durchaus als Vorläufer heutiger »Verteidiger des Abendlandes« gelten kann, zeigt Anton Tantner auf.

In den Jahren nach 1800 ist Friedrich Schlegels Situation leicht desolat zu nennen: Die Zeit der Frühromantik in Jena ist vorbei, der Literat irrt auf Arbeitssuche quer durch Europa, hält sich mal in Paris, mal in Köln auf. Schließlich richtet er seine Sehnsüchte auf Wien, die Metropole jenes Österreich, das sich die RomantikerInnen als katholische Großmacht, als Feudalstaat mit intakten, von der Revolution unerschütterten sozialen Beziehungen imaginieren. Schlegel plant, in das Zentrum jenes einzige[n] Staat[es] in der Welt zu ziehen, dem er sich mit voller Neigung anschließen kann. Jede Stelle würde er in Österreich annehmen, schreibt er seinem Bruder August Wilhelm, wenn es nur ausführbar und möglich wäre. 1808 wird Schlegel seinen Traum verwirklichen; was für ein Pech für den frisch zum Katholizismus Konvertierten, dass die habsburgischen Literaten und Beamten nur zu oft spätaufklärerisch-josephinisch gesinnt sind und für das konterrevolutionäre Wunschbild der nun nach Wien strömenden RomantikerInnen keine Sympathien hegen: Spätestens ab 1808 tobt in Wien ein im Medium der Zeitschriften ausgefochtener Kulturkampf zwischen Romantikern wie Friedrich Schlegel und Adam Müller auf der einen und Spätaufklärern wie Joseph Schreyvogel auf der anderen Seite.
Schlegel selbst führt in diesen Jahren Notizbücher, in die er seine Gedanken zu Politik und Geschichte niederschreibt; Wunschträume sind es, die auch als Umkehrungen napoleonischer Politik betrachtet werden können. In seinen Überlegungen präsentiert sich der Romantiker weniger als ein behutsam die feudalen Zustände konservierender Widersacher Napoleons, denn als sein großer Übertreiber; er möchte dessen begonnene Neuordnung europäischer Verhältnisse in geradezu grotesker Weise übertreffen und auf den Kopf stellen. Ein Charakteristikum von Schlegels Überlegungen ist dabei ein übersteigerter Deutschnationalismus, der durch seinen mystischen Katholizismus nicht, wie später, als er die Zeitschrift »Concordia« herausgibt, gezähmt oder gebrochen, sondern, im Gegenteil, noch verschärft wird.
Schlegels großer Feind heißt – nicht unerwartet – Frankreich: Frankreich ist grundböse, ihm eignet das böse Prinzip zu; es ist der Erbfeind nicht nur von Deutschland, sondern auch von Europa. Während für Schlegel 1813 die Deutschen als das neue Volk Gottes gelten, sind die Franzosen für ihn das antichristliche Volk schlechthin; seit der Gefangenschaft der Päbste zu Avignon hörte Frankreich auf ein katholischer Staat zu seyn; seit dem Bündniß mit den Türken (unter Franz I.) war er kein christlicher mehr, seit Ludwig XIV. trat Frankreich für Schlegel aus dem Europäischen Interesse heraus, und mit der Revolution wurden selbst die Schranken der Menschheit durchbrochen. Diese Stufenfolge umgekehrt gelesen ergibt die Klimax: Menschheit, Europa, Christentum, Katholizismus. Bereits sechs Jahre zuvor sieht Schlegel für dieses Land keine andre Rettung, als nach dem Abschneiden der nicht dazugehörenden Provinzen das Ganze dem Papst zu geben (1805): Ehe es nicht getheilt wird, ist keine Ruhe in Europa.
Auch für andere Staaten hat Schlegel Pläne: Holland, Brabant, eventuell auch Dänemark sollen englisch, Spanien muss mit Portugal vereinigt werden, das eigentliche Deutschland soll genauso wie der Norden Italiens ganz an Oesterreich kommen, Neapel abhängig von Spanien werden, so wie eine gänzliche Vereinigung zwischen Spanien und Frankreich wäre eine zwischen Italien und Deutschland zweckmäßig, wobei er die Italiener durchaus wieder streng zur Religion zurückgeführt wissen will. Die Schlechtheit und Entartung der Letzteren meinte Schlegel historisch erklären zu können: Die große Zahl der Sklaven habe die Raçe verderbt.
Da die Deutschen gebohrne Bürger und Künstler seien, wären die Städte in Pohlen, Ungarn, ja auch Italien und Frankreich pp. durchaus zu germanisieren, denn zu Bauern taugen auch andre Nationen. Überhaupt wären Deutsche Kolonien immer südlicher nach Griechenland hin ... das wünschenwertheste; ein österreichisches Recht an Bosnien meint Schlegel durch die Grafen von Cilli im 14. Jahrhundert historisch belegen zu können. Die ältere österreichische Geschichte hat überhaupt viel Romantisches.
Das Vermächtnis des Regenten Joseph II. behagt Schlegel keineswegs; dessen Regierungszeit gilt ihm als jene Epoche, in der am meisten das schlechte Princip deutlich hervortrat und beinah herrschend wurde; was dieses böse Princip sei, führt er näher aus: Anstelle der einst lebendigen und religiösen (…) Verwaltung der Geschäfte herrsche nun die neue mechanische, tabellarisch statistische vor. In Joseph II diese Tendenz recht mächtig. – Joseph II hat doch wahrscheinlich sehr viel Anteil an der französischen Revolution – er wollte auch Frankreich nach seiner Weise illuminatisiren aber die Lichter zündeten. Schlegels private Schlussfolgerung ist eindeutig: Joseph II. zählt für ihn, gemeinsam mit Gustav Adolf, Peter dem Großen, Ludwig XIV. und Friedrich II., ganz zu schweigen von Napoleon, zu den großen Verbrechern der neuen Zeit.
Der Kontrast zur in Wien damals vorherrschenden Position kann größer nicht sein: In der Rezensionszeitschrift »Annalen der Literatur und Kunst« wird im Rahmen der Besprechung einer Biographie Josephs II. derselbe »unter die Schutzgötter Oesterreichs« eingereiht; das Denkmal für Joseph II. wird unter freudiger Anteilnahme der hiesigen Intellektuellen im Herbst des Jahrs 1807 enthüllt, knapp bevor die Brüder Schlegel Wien aufsuchen.
Als das größte Übel der jetzigen Staaten betrachtet Schlegel die Staatsbeamten, als Gegenmittel sollen die Stände dienen: Beamte sollen aus ihren Reihen rekrutiert werden. Wie sich die Bevölkerung nach Süßmilchs göttlicher Ordnung vermehrt so auch die Zahl der Staatsbeamten. Letztere Aussage kann – mit Mühe – auch ironisch gelesen werden: Johann Peter Süßmilch hatte Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Suche nach statistischen Regelmäßigkeiten das Wirken Gottes beweisen wollen; auch das Ansteigen der Zahl der von Schlegel so despektierlich betrachteten Staatsbeamten ließe sich demnach als Gottesbeweis behaupten. Kein Raum bleibt jedoch für Selbstironie: Die eigene, bereits seit 1809 währende, durchaus prekäre Anstellung als österreichischer Staatsbeamter, über dessen prächtige Uniform sich bereits der »Eipeldauer« mokiert hatte, erwähnt Schlegel in seinen Notizen nicht. Der um 1800 feststellbare, oft erfolgreiche Drang klassischer wie romantischer Literaten und Intellektueller zur Subjektwerdung per Verbeamtung wird von ihm nicht verspottet. Nicht gänzlich abhandengekommen aber ist Schlegel die Reflexionsfähigkeit: Wahre Politik in seinem Sinne könne nur esoterisch sein; eine Politik, die in dem Grade wie die meinige, katholisch und christlich ist, kann nicht öffentlich gelehrt werden.
Es ist wohl in Rechnung zu stellen, dass das Medium des Notizbuches die politische Fantasie des Romantikers beflügelt; die darin betriebene Ästhetisierung der Politik ist jedenfalls unvereinbar mit den Vorstellungen des Gros der anderen Intellektuellen und – nicht durchwegs deutschnational orientierten – Politiker in Wien.
Auch wenn Schlegel diese Auffassungen nicht öffentlich äußert, so verwundert nicht, dass er zeitgenössisch zu den Vertretern der »Germanomanie« gezählt wird. Diesen Begriff verwendet der jüdische, von Peter Hacks wiederentdeckte Schriftsteller Saul Ascher in seiner gleichnamigen Schrift von 1815: »Germanomanie« versteht Ascher als Reaktion auf den Siegeszug von Napoleon; gekennzeichnet durch den Wunsch, den konfessionellen Gegensatz in den deutschen Ländern zu überwinden, seien in der Germanomanie »Christentum und Deutschheit« bald verschmolzen. Um den Fanatismus zu schüren, seien die Germanomanen auf die Propagierung des Antisemitismus verfallen und in der Folge von der fixen Idee besessen, »alles Fremdartige von Deutschlands Boden entfernt zu sehen«. Lob des Feudalismus, ein mystischer Katholizismus sowie die Bevorzugung altdeutscher Literatur gegenüber den Epen der klassischen Antike machen nach Ascher weitere Kennzeichen der Germanomanie aus; zu deren Vertretern zählt er nicht nur Jahn und Arndt, sondern auch die Vertreter der romantischen Schule, explizit Tieck, Schelling, Zacharias Werner, Friedrich Schlegel und Adam Müller.
Die beiden letzteren aber werden nach dem Wiener Kongress von Metternich ins deutsche Ausland – Schlegel nach Frankfurt, Müller nach Leipzig – geschickt, um von dort aus – so die Worte Metternichs – an der »Bearbeitung der öffentlichen Meinung in Deutschland« im Sinne österreichischer Politik zu arbeiten. Diese ist jedoch schon aus Gründen der staatlichen Selbsterhaltung den Zielen der Germanomanen entgegengerichtet. Die Schriftsteller, die zur Germanomanie beitrugen, werden somit zu den offiziellen Gegnern eben dieser Germanomanie, Schlegel revidiert seine deutschnationalen Ansichten sogar öffentlich, als er in seinem in der »Concordia« publizierten Aufsatz »Signatur des Zeitalters« antinationale Akzente setzt und Kritik am vermeintlich patriotische[n] Nationalhaß äußert. Gänzlich distanzieren will er sich von seiner »Germanomaniephase« nicht, doch beklagt er, dass nun alles sogleich zur Partei und vom Ultrageiste ergriffen werde.
Adam Müller wiederum verfasst von Leipzig aus Berichte über die in Deutschland herrschende Lage, die Metternich in seiner Haltung gegen den Deutschnationalismus bestärken müssen. Müller informiert den Staatskanzler nicht nur über die wilde Hetze gegen Saul Aschers »Germanomanie«-Schrift, sondern auch über die Vorkommnisse beim Wartburgfest, über die Verwicklung deutschnationaler Studenten und Universitätsprofessoren in den Mord an Kotzebue sowie die antijüdische Pogromstimmung in Preußen.
Die Karlsbader Beschlüsse[1], bestimmt kein Produkt romantischer Politik, haben auch zur Aufgabe, der grassierenden Germanomanie Grenzen zu setzen; es zählt zu den Widersprüchen und zur unromantischen, unbeabsichtigten Ironie, die Leben und Wirken nicht nur der Wiener Romantiker bestimmen, dass sie als ehemalige Germanomanen in der Spätphase ihres Lebens zumindest indirekt an der Bekämpfung eben dieser Germanomanie mitzuwirken haben.

Kursivierte Zitate von Friedrich Schlegel, der besseren Lesbarkeit halber wurden Abkürzungen aufgelöst.
 

[1] 1819 beschloss der Deutsche Bund in Frankfurt Maßnahmen wie Pressezensur und             Überwachung von Universitäten (besonders der Burschenschaften). Diese »Karlsbader         Beschlüsse« waren Ausdruck herrschender Revolutionsangst aber auch Reaktion auf die         antijüdischen »Hep-Hep-Unruhen«.

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