Das finstere Herz des Musikbusiness

Berthold Seliger hat im November in der STWST sein neues Buch »Vom Imperiengeschäft. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören« vorgestellt. Bianca Ludewig hat es gelesen und stellt unter anderem fest, dass das Geschäft mit der Authentizität eines zwischen Phrase, Profit und Silicon Valley geworden ist.

»Das Konzert- und Festivalgeschäft, wie wir es einmal kannten, existiert nicht mehr.«
Berthold Seliger, Vom Imperiengeschäft.

Berthold Seliger, der über drei Jahrzehnte Erfahrungen als Konzertagent und Tourneeveranstalter hat, beschreibt in seinem Buch »Vom Imperiengeschäft« nicht weniger als die Neustrukturierung der Musikmärkte. Folgerichtig kontextualisiert er diese Veränderungen innerhalb größerer urbaner und sonstiger Transformationsprozesse wie Festivalisierung, Gentrifizierung, Kommerzialisierung und Monopolisierung. Ein Überblick: Das erste Kapitel umreißt den Komplex dessen, was Seliger als »Imperiengeschäfte« bezeichnet, Kapitel Zwei gibt einen historischen Rückblick auf die ersten Festivals in den 1960er-Jahren bis zu US-amerikanischen Festivals der Gegenwart wie Coachella oder Burning Man. Das dritte Kapitel thematisiert Immobiliengeschäfte, Kulturorte und den öffentlichen Raum. Im Zentrum des vierten Kapitels, das im Vergleich zu den weiteren lediglich den Umfang eines Unterkapitels hat, stellt er die ökonomische Situation von Musiker*innen und Kulturarbeiter*innen ins Zentrum. Den Abschluss bildet ein kurzer Epilog, der sich bemüht, die Leser*innen, trotz des zuvor Dargelegten, mit Hoffnung zu entlassen. Interessant sind insgesamt die Zahlen und Namen, die Seliger liefert, und mit denen man sich sonst eher weniger beschäftigt. Auch diese sollen hier im Mittelpunkt stehen.

Neoliberale Player und neue Marktstrategien durch Ticketing

Zunächst benennt Seliger die großen Player des internationalen Festival- und Eventgeschäfts. In Deutschland und Europa sind das etwa CTS Eventim, sowie in den USA die weltweit agierenden Konzerne Anschutz Entertainment Group (AEG), weiters Live Nation und Ticketmaster Entertainment, wobei letztere seit 2010 zu Live Nation Entertainment fusionierten. Live Nation ist der größte Konzertveranstalter der Welt. Die Ticketingfirmen kaufen verstärkt seit den 2000ern Konzertfirmen, Festivals, Kartenportale, Agenturen und Veranstalter – und erzeugen so Wachstum durch Übernahmen. Insgesamt haben sich Ticketing-Konzerne mit der Zeit zu Live-Entertainment-Konzernen entwickelt, die das internationale Konzertgeschäft übernommen haben.
Zuerst zum Ticketing: Ticketing ist kein Veranstaltungsgeschäft, sondern ein Online-Kartenvorverkaufsgeschäft, um das sich offensichtlich zahlreiche Möglichkeiten zur Preisgestaltung auftun. Die Ticketunternehmen tragen dabei keinerlei Risiko, da es sich um ein reines Provisionsgeschäft handelt, bei dem der Veranstalter das Risiko trägt. Zum Umfang und zum Wachstum der Branche: 2005 waren das etwa 3,5 Millionen Tickets und 2018 über 50 Millionen Online-Tickets. Im Gegensatz zu früheren, sozusagen analogen Karten-Vorverkaufsstellen fallen Kosten für Miete, Ausstattung und Personal hier größtenteils weg. Von einer Vorverkaufsgebühr von 10% entstünden lediglich 1 bis 2 Euro Buchungsgebühr und der Rest kann als Gewinn einbehalten werden. Oft werden zusätzliche Gebühren erhoben, beispielsweise: Obwohl man das Ticket selbst ausdruckt und also die Arbeit selber macht, kostet das bei CTS Eventim zusätzliche 2,50 Euro. Dies wurde 2018 gerichtlich verboten, jedoch bloß die Höhe, nicht eine Gebühr an sich. Oder es werden die Vorverkaufsgebühren höher angesetzt. So kann es leicht passieren, dass man für ein 80-Euro-Ticket schlussendlich 130 Euro bezahlt, so geschehen bei der AC/DC-Tour 2015, wo mehr als 25 % Vorverkaufsgebühren erhoben wurden, Zahlungsgebühr für Kreditkarte oder Lastschrift war 8,72 Euro und Premiumversand 19,90 Euro, Standardversand gab es nicht. Die Verbraucherzentrale mahnte die Bezahlgebühren an, nicht aber den überhöhten Premiumversand und die Vorverkaufsgebühren. Durch eine derartige Praxis erhöhte sich der Umsatz der Branche laut einer Studie, die Seliger zitiert, von 2013 bis 2017 um 39 %.

Während in Großbritannien Live Nation mehr als 25 % aller Festivals mit mehr als 5000 Zuschauern kontrolliert, dominieren die CTS Eventim-Firmen in Deutschland zwei Drittel der großen Festivals. Zwar ist der Konzertmarkt schon weitgehend abgeschöpft, aber der Ticketingmarkt unter den neuen Gegebenheiten noch nicht: 2017 erwirtschaftete CTS 25,5 Millionen Gewinn mit Events und 178,6 Millionen Gewinn mit Ticket-Verkauf. Neue Gewinn-Potenziale ergeben sich aber vor allem durch die Verknüpfung von beidem – also der Verknüpfung von Event und Ticketing. Denn als Marktführer kann man neue Ticketing-Modelle entwerfen, wie beispielsweise das Dynamic Pricing, das bereits von Hotels und Fluglinien bekannt ist. Live Nation und Ticketmaster erwarten durch die Einführung des Dynamic Pricing Gewinn-Zuwächse in Höhe von 500 Millionen Dollar. Weitere Strategien sind das High Pricing und das Slow Ticketing, durch das besonders hohe Verkaufspreise erzielt und durch das so genannte Secondary Platforms ausgeschaltet werden können (wie der digitale Ticket-Schwarzmarkt). So geschehen bei der Jay-Z- und Beyoncé-Tour 2018, wo Ticketpreise bis zu 889 Euro (VIP Package) zuzüglich Gebühren verlangt wurden. Wer nicht zur oberen Mittelschicht gehört und in den letzten Jahren Konzertbesuche von großen Namen anvisierte oder durchführte oder sich auch nur über Preise erkundigt hat, weiß ohnehin, was Seliger konkret formuliert, nämlich, dass der Konzertmarkt längst segregiert ist, und er »richtet sich vornehmlich an Besserverdienende und Reiche, in den USA wie in Europa.« Dies verdeutlicht Seliger auch an einem Vergleich eines Rolling Stones-Konzertbesuchs Anfang der 1980er Jahre und 2018 – Konzerte, die er selber besucht hatte. 1982 kosteten die Karten 38 D-Mark plus 2 DM Vorverkaufsgebühr Einheitspreis, 2018 kosteten die billigsten Tickets 98 Euro und die teuersten 799 Euro plus Gebühren. In Deutschland war die CTS-Eventim-Tochter FKP Scorpio zuständig. So sei die Gleichheit der Fans mittlerweile aufgehoben, die auch elementarer Teil des Konzerterlebnisses gewesen sei: Während Seliger 1982 noch vor der Bühne stehen konnte, können das heute nur noch jene, die dafür auch viel Geld bezahlen. Seliger verweist wiederholt auch auf die großen Einkommensunterschiede, auf die steigenden Mieten und darauf, dass Haushalte, die mehr als ein Drittel für Miete ausgeben, unter existenziellen Druck geraten. Dass die Menschen, die dies zunehmend betrifft, sich keine Konzerttickets für 100 Euro leisten können, zumindest nicht sehr oft, liegt auf der Hand.

Im Konzertgeschäft generieren 5 % der Performer*innen 85 % des Umsatzes. Die restlichen 95 % der Musiker*innen müssen sich mit den verbleibenden 15 % begnügen, daher werden Konzerte zu Verlustgeschäften, auch wenn die Musiker*innen nur für Unterbringung und Fahrkosten auftreten. Seliger zitiert den bekannten Veranstalter Karsten Jahnke, der erklärt, dass es bei örtlichen Konzertveranstaltungen nicht mehr darum ginge, ob man Verlust mache, sondern wieviel.

Und eine Anekdote vom anderen Rand: Es verwundert nicht, dass CTS Eventim auf Kartellgesetze pfeift, dass der Konzern dafür aber auch noch belohnt wird, schockiert dann doch. So bekam CTS Eventim im Zusammenschluss mit einem österreichischen Mautsystem-Anbieter den Zuschlag für einen Milliardenauftrag der deutschen Bundesregierung.
Es ging um Bundesverkehrsminister Scheuers Prestigeprojekt Pkw-Maut auf deutschen Autobahnen. Der EuGH hat das Vorhaben im Juni 2019 als diskriminierend gekippt. Für den Fall des Nicht-Zustandekommens der Maut wurden mit Kapsch-Trafficcom & CTS-Eventim vertraglich allerdings Schutzbestimmungen vereinbart, sodass sie Entschädigungen bekommen, falls die Maut nicht zustande kommt. Es handelte sich um 300 Millionen.

Degradiert zur Datenschleuder

Laut Seliger sei das Bedürfnis, das eigene Leben mittels Konsumgüter zu kuratieren, der Fluch unserer Tage. Denn die Kulturindustrie arbeitet Hand in Hand mit der Technologiebranche und der Bewusstseinsindustrie, diese provozieren das Erstellen immer intimerer Daten und Informationen. »Big Data« ist ein wesentlicher Teil des Imperiengeschäfts. In Deutschland zählt CTS Eventim neben Amazon und Otto zu den größten E-Commerce-Unternehmen. Und die Ticketingunternehmen sind emsige Sammler von Kunden- und Käuferdaten. Dank digitaler Benutzerfreundlichkeit kann man sich nun zwar den Gang zur Vorverkaufsstelle sparen, aber hinterlässt Informationen, die Profitpotenziale erzeugen und »strecken«. Denn über Apps und Tracker entstehen Nutzerprofile, die an Werbefirmen verkauft werden. So heißt es im CTS Eventim-Geschäftsbericht, dass das Ticketing unter Anwendung modernster Datenverarbeitung und Übertragungs-techniken ablaufe – »aus diesen Daten entwickeln wir Geschäft. Dies gelingt uns immer besser«. Die hauseigene »Datenbasis« sei besonders wertvoll, heißt es 2019 in einem Brief an die Aktionäre.

Seliger zitiert Constanze Kurz vom Chaos Computer Club, die erklärt, dass nahezu alle Firmen, die im Internet aktiv sind, Menschprofile erstellen, bei denen es um zielgerichtete Ansprache und die Manipulation von Nutzer*innen gehe. Daher gibt es auch immer mehr Veranstaltungen, Orte und Festivals, bei denen Near-Field-Communication-Chips über Armbändchen Cashless Payments ermöglichen. Dies bietet eigentlich keine Vorteile für die Konsument*innen, aber die Chips senden permanent Daten an die Festivalveranstalter, die sich wieder mit anderen Informationen verbinden und verkaufen lassen. »Die Fans wandern als Datenschleudern über das Festival«, so Seliger. Da alle bereitwillig im Namen der Nutzerfreundlichkeit ihre Daten hergeben, bestehe kein Druck für die Unternehmen, »im Überwachungskapitalismus« nach Erlaubnis zu fragen. Der Mensch werde zur Informations- und Datenquelle degradiert. Laut Seliger weiß niemand so genau, was die Ticketing-Firmen und Großkonzerne auf ihren Großrechnern so treiben. So seien die eigentlichen Kunden nicht die Ticketkäufer, sondern die Datenkäufer. Eine Wahl habe man faktisch nicht, da ein Nichtzustimmen die Nutzung der Serviceseiten unmöglich mache. Seliger fordert daher Datenschutzgesetze und eine umfassende Besteuerung der Profite, die solcherart durch Daten erwirtschaftet wurden.

Festivalisierung als Anlage- und Beteiligungsgeschäft

Zu den aktuellen Entwicklungen am Festivalmarkt gehört auch, dass Brands nicht mehr nur als Sponsor auf Events in Erscheinung treten, sondern gleich selber das Festival veranstalten. Und so weiter die Konkurrenz am Markt verschärfen. Österreichs bekanntester Großakteur im Eventbereich, Red Bull, ist hier selbstredend auch Thema. Seliger stellt fest: »Alle, alle kommen und wollen dabei sein, wenn der Red-Bull-Konzern ruft. Man nimmt gerne die Kohle und tut so, als ob es um ‚Musikförderung‘ gehe«. Stichwort Musikförderung: Auch progressive staatliche Einrichtungen, die diesen Trends entgegenwirken sollten, wie das Berliner Musikboard begnügen sich nicht damit, zu fördern, sondern richten selber ein Festival als Prestigeveranstaltung aus, wie es inzwischen viele Städte tun. Dies sei eigentlich unnötig und kostspielig und schafft dort zusätzliche Konkurrenz, wo gefährdete Strukturen erhalten werden sollten. Unter diesen Vorzeichen degeneriert man zum »Staatspop«. Dabei sollte Popkultur für Seliger eher ein widerspenstiges Rhizom sein. Stattdessen findet Seliger auch hier vor allem eins: »neoliberales Gequatsche«. Dass auch der Staat mittlerweile Festivals organisiert, kann getrost als Zeichen einer weiter voranschreitenden Festivalisierung gedeutet werden. Aber um auf Big Business zurückzukommen: Der Musiksektor liegt bei Investoren im Trend. Auf der Suche nach profitablen Anlagegeschäften für Reiche sind Festivals und Konzertfirmen in den Blick der Investoren geraten. Private Equity heißt das Zauberwort im sogenannten Anlagenmanagement der Beteiligungsbranche. Private Equity-Unternehmen und Investmentfonds locken die Inhaber und Manager kleiner und mittelgroßer Events mit verführerischen Investmentgeldern für Beteiligungen. So gehören inzwischen Aktienanteile und Mehrheiten bekannter Festivals wie Sziget, Sonar, Lollapalooza, Melt oder Splash Private Equity-Gesellschaften. Die Aktionäre sind Unternehmen, die Risikoanlagen und Hedgefonds anbieten. Beispielsweise die Goodlive AG, die Beteiligungen an »Live Events im Erlebnisbereich« verkauft. Dabei bündeln sie laut Homepage Konzeption, Marketing, Sponsoring, Services sowie Produktion und verschaffen Marken zu einem »starken Auftritt« – indem sie sich »direkt in die Herzen der Konsumenten spielen«. Profit und Phrase scheinen zusammengehören, wie Seliger in Referenz auf Karl Kraus feststellt.

Musik, Entertainment und Freizeit gehören nach wie vor zu boomenden Branchen für Investoren, ebenso wie demographischer Wandel, Luxus oder Outsourcing wesentliche Themen bleiben. Seliger hebt in mehreren Kapiteln hervor, dass das Konzertgeschäft zudem noch immer männlich geprägt ist, sei es auf Künstlerseite oder bei den Führungspositionen. Und die Kohle ist vor allem bei einem Mann zuhause: Der CEO von Live Nation, Michael Rapino, hat ein Jahreseinkommen von über 70 Millionen Dollar, weiß Seliger. Er hat auch recherchiert, wer die Aktionäre von Live Nation sind und wer mit wem Geschäfte macht, man liest ein Who-Is-Who der Superreichen und Großkonzerne, die weitere Geschäfte betreiben, von denen man lieber nichts wüsste.

Eine Geschichte, ad Immobilien: Die oben bereits erwähnte Anschutz Entertainment Group (AEG) ist weltgrößter Besitzer von Spielstätten, Sportteams und Events, aber nach Live Nation auch zweitgrößter Konzertveranstalter und Betreiber von über 40 Festivals. Für viele Berliner*innen ein persönlicher Stein des Anstoßes. In einem Bürgerentscheid wurde gegen die Bebauungspläne rund um die East Side Gallery (Projekt Mediaspree) gestimmt. Durchgesetzt wurden sie dennoch, nur in einer wenig abgemilderten Form. Die AEG hat dort die Mercedes Benz Arena gebaut und sogar erhebliche Sonderprivilegien bekommen, so den Abriss der denkmalgeschützten Mauer gegenüber der Arena. Sie kreiert gerade einen ganzen dystopischen Stadtteil rund um ihre Mehrzweckhalle. Details zur Immobilienbranche hinter der Entertainment Group: Die Facilities Branch von AEG hat kürzlich mit einem der größten Immobilienverwaltungskonzerne SMG fusioniert und dadurch eine marktbeherrschende Stellung eingenommen. Diverse Sonderrechte ermöglichten Anschutz die Gestaltung eines privaten und überwachten Raums zum Nachteil der eigentlichen Bewohner*innen.

Für Seliger existiert das Konzert- und Festivalgeschäft, wie wir es einmal kannten, nicht mehr. Dass die Festivalbranche für Investoren boomt, während man sonst allerorts in der Kultur- und Festivalbranche mit prekären Lebens- und Arbeitssituationen konfrontiert ist, scheint verwirrend, hängt aber zusammen. Die Konzerne sind selbst nicht kreativ, sie betreiben lediglich die Vermarktung und Wertschöpfung. Vielfalt spielt hier nur zum Zweck der Imagepflege und Datenanalyse eine Rolle. Durch die Fusionen vergrößert sich der Einflussbereich der Konzerne – und um auf das Ticketing zurückzukommen, von dem eingangs die Rede war: Live Nation stand wiederholt in Verdacht, Spielstätten und Veranstalter unter Druck gesetzt zu haben – dahingehend, dass sie ihre Tickets via Ticketmaster verkaufen müssen. Je mehr Veranstalter sich an das System binden, umso mehr bedenkliche Abhängigkeiten entstehen durch Netzwerkeffekte. Daher müssten laut Seliger die Konzert- und Ticketingkonzerne zerschlagen werden – sie müssten vertikal und horizontal entflochten werden.

Festivaltrends der Gegenwart und Zukunft

Im Anschluss versucht Seliger die Festival-Modelle der Zukunft zu skizzieren – ob diese Zukunft positiv oder negativ zu bewerten ist, sei der Leser*innenschaft überlassen. Diese Zukunft sieht Seliger jedenfalls in kalifornischen Festivals wie Coachella oder dem Burning Man in Nevada. Hier sind die Fans die Stars, die sich selber feiern, als Teil eines übergeordneten, größeren Ganzen. Dazu gehört der vermittelte Eindruck, die Besucher*innen könnten das Festival mitgestalten: »Let’s go create a festival and a culture that is safe, inclusive and fun for all«, tönt das Coachella Festival, das seit 1999 im kalifornischen Coachella Valley stattfindet. Charakteristisch ist, dass die Gäste Hippieklamotten tragen und dass Brands mittels Celebrities und Influencer*innen eine tragende Präsenz am Festival haben. Diese veranstalten kleinere Events und Festivals im Festival, verteilen Proben, finanzieren im Vorfeld das Styling der Influencer*innen, die es auf Youtube und Instagram verbreiten. »Marketing regiert das Festival«, meint Seliger. Und das, obwohl das Lineup anspruchsvoll ist und nicht nur auf große Namen setzt, und obendrein nach Gendermaßstäben und Genres divers aufgestellt ist. Im Bereich Comfort und Essen ist Coachella ein Trendsetter, und Top-Restaurants werden nun auch andernorts für die Verpflegung engagiert. Die Zielgruppe von Coachella sind wohlhabende Menschen aus der Mittel- und Oberschicht, die Wert auf eine ausgewählte Selektion von Musik, Essen und Kunst legen. Hierüber finde ein Distinktionsprozess im Sinne Bourdieus statt, der auf eine Steigerung kulturellen Kapitals abzielt. Background hinsichtlich der erwähnten Konzerne: Nach finanziellen Schwierigkeiten in der Anfangsphase wurde Coachella 2001 an die AEG verkauft und verhalf dem bis dahin noch ungewöhnlichen Festivalbooking langfristig zum Erfolg. Background hinsichtlich ideologischer Ausrichtung: Philip Anschutz, der Chef der AEG, der Trumps Wahlkampf förderte, ist ähnlich wie der Red Bull-Chef Dietrich Mateschitz für das Fördern von konservativen Initiativen bekannt, die gegen Abtreibung, Homosexuelle oder Ausländer mobilmachen. Wie solche Gegensätze zusammengehen, liegt für Seliger in der Silicon-Valley-Ideologie begründet, einer Art Hippie-Kapitalismus, der in den USA für neue Festivalstandards gesorgt hat – die wiederum auch europäische Festivals zunehmend beeinflussen.

Seligers zweites prominentes Beispiel für einen neuen Festivaltrend, der vollkommen auf Selbstinszenierung setze, wenngleich mit anderen Mitteln, ist das Burning Man-Festival. Nach Anfängen an einem Strand bei San Francisco entsteht bekanntermaßen seit 1990 in der Wüste von Nevada jährlich eine eigene Stadt für einen Festivalzeitraum von acht Tagen. Am sechsten Tag wird eine riesige Holz-Statue abgebrannt, woher das Festival seinen Namen hat. Burning Man duldet keine Zuschauer, sondern setzt auf kreative Eigeninitiative und will ein Festival für Träumer*innen und Macher*innen sein. Auf dem Festivalgelände beruht alles auf einer Ökonomie des Schenkens, nur Kaffee und Eiswürfel kann man kaufen. Die Tickets sind begehrt und werden verlost. Aber schon länger hört man Geschichten, dass Personen mit viel Geld und aus der ganzen Welt die ursprünglichen Regeln außer Kraft setzen. Das Gebot »No Spectators«, welches dafür sorgen soll, dass alle an der Infrastruktur mitarbeiten, gilt nicht für Personen mit ausreichenden finanziellen Mitteln, denn diese beschäftigen dafür Personal. So entstünden in abgeschotteten Arealen für Privilegierte zugängliche Camps. Auch, und davon abgesehen, sei Burning Man ein Festival für »Weiße«, denn gerade mal 1% der Besucher*Innen seien People of Color.

Seliger meint, dass es kein Zufall wäre, dass Burning Man ein Pflichttermin für die schwerreichen Silicon Valley-Unternehmer*innen der Hightech-Branche sei. So sei das Burning Man für die Akteur*innen des digitalen Kapitalismus eine Mischung aus »Kindergeburtstag, Familienaufstellung und Erweckungsgottesdienst« – und ein Netzwerktreffen. Und so kann das Bekenntnis, ein »Burner« zu sein, sogar ein entscheidendes Kriterium für eine erfolgreiche Bewerbung in Silicon Valley werden. Hier werde eine neoliberale Freiheit vorgelebt, denn »radical self-expression« ist einer der Grundätze des Burning Man, was für Seliger das Gegenteil einer egalitären Gesellschaft vermittelt. Das Führungspersonal der großen Konzerne lobt Festivals wie Burning Man als »freie Experimentierzone«, jenseits von gesellschaftlichen Verpflichtungen und Kontrolle. Und die Ergebnisse dieser Experimente können dann gleich von kapitalstarken Firmen für den Markt umgesetzt werden.

Downsizing statt Depression

Immer wieder macht Seliger in kursiv gesetzten Abschnitten Handlungsvorschläge, welche Maßnahmen politisch ergriffen werden müssten, um die Situation zum Wohle aller – das sind die Fans und Konsument*innen, aber auch die kleinen und mittelgroßen Bühnen, Agenturen und Veranstalter*innen – zu verändern. Schnelles Handeln sei geboten: »Denn mit jedem Tag, am dem wir der Konzentration im Konzertgeschäft weiter tatenlos zusehen, wird die Macht der Monopolisten größer«. Leider stehen Seligers Handlungsideen oftmals im Widerspruch zu den von ihm zusammengetragenen Fakten, was die vorhandenen Abhängigkeiten im Feld betrifft. Und was genau zu tun ist, bleibt trotzdem sehr vage auf individueller Ebene und lässt einen eher hilflos zurück. Ein Bewusstseinswandel, dass es statt dem Besuch von Stadionkonzerten vielmehr zum guten Ton gehört, auf kleinere unabhängige Events zu gehen, wäre ein Anfang. Auf der Hand liegt natürlich, einfach keine Tickets mehr bei CTS Eventim oder Ticketmaster zu kaufen, also Events dieser Firmen zu boykottieren. Das wäre in Österreich dann auch Ö-Ticket, das zu CTS Eventim gehört. In Österreich gibt es im Übrigen nur noch eine größere, unabhängige Ticketplattform, nämlich NTRY Ticketing. Als Veranstalter*in kann man bei NTRY Tickets für seinen eigenen Event erstellen – und direkt auf der eigenen Webseite verkaufen. Solche Initiativen sollte man unterstützen, damit es sie auch weiterhin gibt. Lokal tut sich allerdings dann doch auch noch etwas, denn in Oberösterreich gibt es seit einiger Zeit die neue Plattform Kupf-Ticket, oder Häuser wie die Stadtwerkstatt, die ihren Online-Ticketverkauf selbst in die Hand genommen haben. So ist jetzt genau die richtige Zeit und Weihnachten eine Gelegenheit, um »smarte Tickets« unabhängiger Veranstalter zu verschenken.

Durch die Hedgefonds, Beteiligungen, Subunternehmen, Kooperationen und ganz allgemein durch beschönigende Darstellungen und Verschleierungen ist es aber schwierig geworden, Zugehörigkeiten zu durchschauen. Übernahmen geschehen laut Seliger schneller, als man sie verfolgen könnte. Um besser im Bilde zu sein, hat Seliger auch Aktien einiger Unternehmen erstanden – so bekomme man Einsicht in Zahlen und Geschäftsentwicklungen. Vielleicht wäre hier ein weiterer Ansatzpunkt? Auch müsste man sich eben besser organisieren, meint Seliger. So wie in England, wo die Vereinigung der Musiker*innen so viele Mitglieder habe, dass sie auch Druck auf die Politik ausüben können. Das fehle in Deutschland oder Österreich. So bleibt am Ende der eher verzweifelte Aufruf: »Bildet Banden!«. Der Ton von Buch und Präsentationstour erinnert an eine Mobilisierungskampagne. Aber wer macht hier den mühsamen Anfang?

Seligers »Imperiengeschäft« hat insgesamt einige Längen, Redundanzen, wortwörtliche Wiederholungen und Tippfehler, aber es zeigt dadurch auch, dass solche Bücher ebenso unter prekären Bedingungen produziert werden. Seligers literarische oder kulturwissenschaftlich-historischen Exkurse hätte ich nicht gebraucht.[1] Es reicht vollkommen, dass er über das Musik- und Festivalbusiness schreibt, wie jemand, der eben hier sozialisiert wurde und seine Expertise durch praktische Erfahrungen erworben hat. Im Epilog will Seliger deutlich machen, dass Musik und Kultur Grundbedürfnisse des Menschen sind und von daher auch ein Grundrecht. Und Seligers Buch kann als Anregung verstanden werden, um Kultur und Musik in Richtung Commons weiterzudenken.

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Berthold Seliger: Vom Imperiengeschäft. Konzerte – Festivals – Soziales. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören. Edition TIAMAT, 2019. Berlin, 343 Seiten, 20 Euro.
 

[1] Anmerkung der Redaktion: Mindestens zwei Personen der Redaktion, bzw. des Hauses STWST, die das Buch auch gelesen haben, brauchen Seligers literarische und kulturwissenschaftlich-historischen Exkurse unbedingt.

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Das war mal. (Bild: Creative Commons)

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