Spart euch das bitte!

Eine Nörgelglosse von MacBesser

Während in der Fachwelt (bzw. in den angelagerten Social-Media-Gifthalden, in welche die akademischen Disputationen letztlich emanieren) noch darüber gestritten wird, ob Religionen ein Auslaufmodell sind, oder im Gegenteil deren Renaissance bevorsteht, hält es ein Teil der Linken mit Pascals Wette (»in dubio pro deo«) und wird pfäffisch.
T-Shirts mit dem Aufdruck »not my government« mögen (aufgrund der Rolle des electoral college) bei den Protesten gegen Trump – a.k.a. »Fuckface Von Clownstick« (Jon Stewart) – in den USA noch einen gewissen Sinn ergeben. Empirisch ist die Aussage falsch (sorry to break it to you, but this IS your government now, so deal with it). Warum das Ganze nicht normativ wenden (»this should not be my government«)? Weil es letztlich weniger darum geht, die Unvertretbarkeit der einzelnen Person in moralischen Fragen zum Ausdruck zu bringen, als dem christlichen Ideal der Reinheit zu entsprechen, das nur durch göttliche Gnade erreicht werden kann (Luther beendete seine Wormser Rede auch nicht mit den ikonischen Worten »Hier stehe ich. Ich kann nicht anders«, sondern mit einem »Gott helfe mir. Amen«). Der Glaube versetzt nicht nur Berge, sondern spricht mit dem (bei Morgenstern satirisch gemeinten) »nicht sein kann, was nicht sein darf« auch den Bannfluch über falsche Götter (und falsche Regierungen).
Selbst bei Kant war das Gewissen nicht als das »sanfte Ruhekissen« gedacht, zu dem es Volkes Maul gemacht hat, sondern Austragungsort mitunter recht konflikthafter, einsamer und unpopulärer Entscheidungen. Das ist einer Linken, die ein »Hic Rhodos, hic salta« nur durch jene ironischen Brechungen goutieren kann, auf die sie durch Kulturindustrie und Seminarbetrieb getrimmt ist, nicht verständlich.
Im politischen Handgemenge arbeitet Selbstrelativierung der Selbstabschaffung zu und das entstehende Gefühl der Ohmacht führt dann zu Ersatzhandlungen (Hashtagkam-pagnen), die nicht einmal den Versuch machen, dem Spektakel etwas entgegenzusetzen, sondern es modisch aufpimpen.
Wenn schon Opposition, dann bitte nicht mit dieser weinerlichen Bestimmtheit, die bei Kleinkinder eine gewisse Funktion in der Persönlichkeitsbildung hat (»du bist nicht mehr meine Mama«), bei Erwachsenen aber peinlich ist. Der popkulturelle Fundus hielte doch durchaus Preziosen bereit, die zwar auch pathetisch sind, aber weniger die eigene Unmündigkeit zelebrieren: »Die letzte Schlacht gewinnen wir« (Ton Steine Scherben), »Flagge verbrennen (Regierung ertränken)« (FSK). Warum das Rad neu erfinden, wenn es sowieso im Schlamm stecken bleibt?
Konsequent wäre natürlich, die Slogans an einen Punkt zu treiben, an dem ironische und ernsthafte Aussagen ununterscheidbar werden. Als Startpunkt würde sich anbieten: »Das ist nicht mein 12-Stundentag« – eine spätere Steigerung auf »Das ist nicht mein Faschismus« ist nicht ausgeschlossen.

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