»Der is net da Teufel, der is katholisch«1

Notizen zu Ruth Beckermanns Waldheims Walzer.

Als Kurt Waldheim am 8. Juni 1986 im zweiten Wahlgang mit 53,9 Prozent der Stimmen zum österreichischen Bundespräsidenten gewählt wird, markiert dieser Sieg den Höhepunkt einer Jahrzehnte dauernden, politischen Karriere, die ihren Anfang nicht erst in der 2. Republik nahm. 1986 wird Waldheims Wahlkampf – aus der Sicht des Protagonisten und seiner Partei, der ÖVP – empfindlich durch den Umstand gestört, dass sich mehrere Instanzen intensiv mit seiner Vergangenheit beschäftigen und Beweismaterial zutage tragen, das bis in die Zeit des 2. Weltkrieges zurückreicht. Dementsprechend sieht sich Waldheim mit Fragen zu seiner Biographie konfrontiert und nicht alle Menschen klatschen Beifall, wenn er auf einer seiner Wahlkampfveranstaltungen zu Blasmusik und Heimatlaune die Arme ausbreitet, um seine Schäfchen zu umschließen. Waldheims Hände, die er mit ausladender Geste ausstreckt, als wolle er die Welt zu sich rufen – eine gestisch behauptete Offenheit, die trügerisch ist. Für diese Hände interessiert sich auch die Filmemacherin Ruth Beckermann. Sie befindet sich 1986 unter den Protestierenden und begleitet den Wahlkampf stückweise mit der Kamera. In Waldheims Walzer zeichnet sie den Aufstieg des ÖVP-Kandidaten und den Umgang der Öffentlichkeit und der Medien mit seinem Karrierismus nach. Beckermann bedient sich hierfür ausschließlich jenes Materials, das sie in den Archiven des ORF, der BBC und in den USA, Israel und Frankreich sowie im Internet aufspüren konnte und greift auf ihre eigenen Aufnahmen zurück. In der Montage (von Dieter Pichler) kommentieren Bilder und Aussagen einander. Beckermann kompiliert ihre Materialselektion zu einer dichten Bestandsaufnahme nicht nur über die Person Kurt Waldheim, sondern auch über Österreichs unzureichenden und verklärenden Umgang mit seiner NS-Vergangenheit, der lange den Mythos des ersten Opfers hegt und pflegt. Ein weiterer Aspekt von Beckermanns Aufarbeitung ist mediengeschichtlich motiviert. In einem Interview mit Karin Schiefer sagt die Regisseurin über den Prozess der Multiperspektivierung: »Für mich lag einer der Lustmomente an Waldheims Walzer darin, die Ereignisse in einen internationalen Kontext zu stellen und mir anzuschauen, wie unterschiedliche Medien die Affäre beleuchtet haben.«[1] Diese Kontextualisierung nimmt Beckermann in einer spannenden Dreifachrolle vor, die eine Reflexion der eigenen, ästhetischen Vorgangsweise voraussetzt. An einer Stelle im Film stellt sich Beckermann als Voice-over rückblickend die Frage, ob sie dokumentieren oder protestieren soll. So fungiert die Filmemacherin in Waldheims Walzer nicht nur als Regisseurin, sondern auch als Chronistin und als sich gegen Waldheim stellende Zeitzeugin. Letztere Position teilt sie mit vielen, denen brüllende Horden von Unterstützer_innen gegenüberstehen.

Eine österreichische Karriere

Bereits Jahrzehnte vor seiner Tätigkeit als österreichischer Außenminister in der Bundesregierung Klaus und UN-Generalsekretär bahnt sich Waldheims ambitioniertes Geltungsbewusstsein ab 1938 seinen Weg.[2] Dieser führt über die SA-Reiterstandarte und Mitgliedschaften im NS-Studentenbund und in der SA, der Teilnahme am Russlandfeldzug und Einsätzen als Ordonnanzoffizier am Balkan und in Griechenland[3] zu einem Studium der Rechtswissenschaften, das Waldheim 1944 abschließt. Am 9. Mai 1945 wird er aus der Wehrmacht entlassen, 1946 entnazifiziert.[4]
Waldheims Nachkriegskarriere verläuft wie eine aalglatte Kurve nach oben: Bereits 1947 wird er Sekretär des ÖVP-Außenministers Karl Gruber, von 1948 bis 1971 ist er Botschafter in Paris, Toronto und New York. Schon 1971 tritt Waldheim zur Wahl des österreichischen Bundespräsidenten an, unterliegt aber dem SPÖ-Kandidaten Franz Jonas. Im selben Jahr schließlich der vorläufige Höhepunkt seiner politischen Laufbahn: Waldheim wird – mit der Unterstützung von Bruno Kreisky – zum UN-Generalsekretär gewählt. In einem der Archivausschnitte, die Beckermann in ihrem Film zeigt, wird Waldheim als solcher portraitiert. Zu eleganter Jazzmusik ist er beim Frühstück mit seiner Frau Elisabeth zu sehen und spricht im Voice-over davon, dass er »die letzte Instanz« in der politischen Entscheidungsfindung sei und formuliert so eine Omnipotenzphantasie, die charakteristisch für die stetige Befeuerung seiner Ambitionen zu sein scheint. Bis 1982 bleibt Waldheim »letzte Instanz« und bekleidet nach seiner Tätigkeit bei der UNO eine Professur für Internationale Beziehungen an der Georgetown University in Washington, D. C.

Als Waldheim 1986 in den Intensivwahlkampf zur österreichischen Präsidentschaft tritt, wird von mehreren Seiten seine NS-Vergangenheit aufgedeckt. Neuralgisch in diesem Zusammenhang ist die Arbeit des profil-Redakteurs Hubertus Czernin, der am 3. März 1986 in einem Artikel über Waldheim auch dessen Wehrstammkarte veröffentlicht[5], die belegt, dass Waldheim eingetragenes SA-Mitglied gewesen ist. Nur wenig später erläutert der World Jewish Congress (WJC) gemeinsam mit dem Historiker Robert Herzstein anhand von Dokumenten Waldheims Involvierung in die kriegsstrategische Arbeit während des 2. Weltkrieges.[6] Und wie reagieren Waldheim und die ÖVP?

»Ehrlose Gesellen«

Im Zusammenhang mit den zutage geförderten Fakten über Waldheims Leben zeigt Ruth Beckermann immer wieder die Reaktionen des Präsidentschaftskandidaten und anderer Vertreter seiner Partei vor den TV-Kameras. Empörung und Beleidigtsein werden als Charakterharnische angelegt, Unschuldstuerei und eine Verdrehung der Fakten – und dies betrifft insbesondere Waldheim selbst – kultiviert. Wenn das von ihm vorgenommene Unterschreiben von Totenlisten thematisiert wird, heißt es aus Waldheims Mund, das sei »eine ganz normale, anständige Tätigkeit« gewesen. Angesprochen auf seine Mitgliedschaft bei der SA sagt er, er sei von der Verwandtschaft eingetragen worden. Auch behauptet Waldheim, er sei nie am Balkan im Einsatz gewesen. Ein Foto, auf dem er 1943 uniformiert in Podgorica zu sehen ist, beweist das Gegenteil. Und dieses ständige Relativieren, das durch Aussagen wie »auch Österreicher haben gelitten« vorangetrieben wird, steht an der Tagesordnung.

Und so ist Waldheims Walzer ein klug gewählter Titel, weil er all die Drehungen und Windungen anspricht, die Waldheim von Mal zu Mal in Interviews – angesprochen auf seine Vergangenheit – drechselt. Die offizielle Biographie, die von der Entlassung aus der Wehrmacht und – so macht es den Anschein – mehr oder weniger lückenlos darauf erfolgter Promotion in den Rechtswissenschaften spricht, möchte Waldheim um jeden Preis erhalten wissen, allein es will nicht gelingen. Zu verdanken ist dies dem bereits erwähnten Artikel von Czernin und der Recherchearbeit des WJC, der sich 1986 mit Anwürfen von Seiten der ÖVP konfrontiert sieht. So spricht der damalige ÖVP-Generalsekretär Michael Graff von den »ehrlosen Gesellen des Jüdischen Weltkongresses« und Alois Mock steht seinem Parteikollegen mit einem beherzten »Jetzt erst recht!« zur Seite. In einem Ausschnitt, den Ruth Beckermann gefilmt hat, bellt ein Zivilist in der Öffentlichkeit antisemitisch in die Menschenmenge.

Von Karin Schiefer darauf angesprochen, ob die Affäre Waldheim »symptomatisch« sei für ein politisches Klima, das sich auch heute wieder in Österreich ausbreitet, sagt Ruth Beckermann, die Affäre Waldheim ist die »Kehrseite der Phänomene Hofer/Strache, weil es damals darum ging, die österreichische Opferlüge aufzubrechen«[7], und sie führt weiter aus: »Was Hofer und Strache heute tun, ist das Gegenteil: Sie benutzen Elemente aus der Ideologie des Nationalsozialismus, um die Zukunft zu gestalten. Um das zu verdecken, üben sie scheinheiliges Gedenken[8]. Das ist das Schlimme an der Entwicklung.«[9]

Der derzeit amtierende, österreichische Bundespräsident mag aus anderem Holz geschnitzt sein. Angesichts aktueller Entwicklungen wie dem von der Regierung beschlossenen Austritt aus dem EU-Migrationspakt und eines jüngst hochgeladenen und mittlerweile wieder vom Netz genommenen Videoclips der FPÖ, in dem Migranten rassistisch gezeichnet und als Sozialbetrüger diffamiert werden, ist Ruth Beckermanns Diagnose leider unumwunden zuzustimmen.
Wer sind hier also die »ehrlosen Gesellen«.
 

[1] Ein Satz, geschrien von einer Waldheim-Befürworterin während des Wahlkampfs, zu sehen ins Ruth Beckermanns Waldheims Walzer.
[2] »Ruth Beckermann zu Waldheims Walzer« Gespräch zwischen Karin Schiefer und Ruth Beckermann, Dezember 2017 http://www.waldheimswalzer.at/de/content/interview/, aufgerufen am 29. September 2018.
[3] Es ist festzuhalten, dass im Internet zugängliche Biographien von Kurt Waldheim vor allem in ihren Auslassungen sehr stark divergieren.
[4] vgl. https://www.munzinger.de/search/portrait/Kurt+Waldheim/0/10931.html, aufgerufen am 11. November 2018.
[5] vgl. https://austria-forum.org/af/AustriaWiki/Kurt_Waldheim, aufgerufen am 11. November 2018.
[6] Eine Chronologie, die den Weg zur Veröffentlichung dieses Artikels nachzeichnet, ist hier nachzulesen: Lackner, Herbert: »Medien: Die Geschichte einer Recherche«, erschienen im Nachrichtenmagazin profil am 18. März 2006 https://www.profil.at/home/medien-die-geschichte-recherche-135755, aufgerufen am 11. November 2018.
[7] vgl. Hornblower, Margot: »Waldheim Nazi Charges Intensify« in der Washington Post vom 26. März 1986 https://www.washingtonpost.com/archive/politics/1986/03/26/waldheim-nazi-charges-intensify/afb30bb1-b894-4918-ab81-1b405edf0192/
?noredirect=on&utm_term=.a2242e8050e6
, aufgerufen am 14. November 2018.
[8] vgl. Fußnote 1
[9] Ein Beispiel hierfür ist meines Erachtens das Denkmal für die Trümmerfrauen, das im September dieses Jahres auf einem gestifteten Privatgrundgrünstreifen bei der Mölker Bastei von der FPÖ enthüllt wurde. Sowohl die Stadt Wien als auch namhafte Historikerinnen haben sich von diesem Denkmal distanziert; vgl. https://derstandard.at/2000088377977/Historikerinnen-gegen-ein-Denkmal-fuer-die-Truemmerfrauen, aufgerufen am 14. November 2018.
[10] vgl. Fußnote 1

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Bild: Ruth Beckermann Filmproduktion

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