»Swinging Addis«

Till Schmidt über die erstaunlichen transkulturellen Sounds aus Äthiopien.

»This is another song by myself« – selbstbewusst kündigt Mulatu Astatke mit diesen Worten fast alle seine Stücke an. Und jedes Mal applaudiert das Publikum in vollster Vorfreude auf das, was viele bereits nach wenigen Tönen erkennen und bejubeln. Alle im Berliner Berghain scheinen sich der äußergewöhnlichen Bedeutung von Astakte bewusst zu sein, er selbst eingeschlossen. Doch nicht nur Astakte, der 75-jährige Vater des äthiopischen Jazz, tritt inzwischen regelmäßig in hiesigen Breitengraden auf. Auch Hailu Mergia, ein anderer »golden Oldie« des Ethio Jazz, genießt bei einem hippen westlichen Publikum Kultstatus.

Die musikalischen Anfänge der beiden liegen schon länger zurück. In den 1960ern und 70ern erlebte Äthiopien eine kurze Phase, in der zahlreiche MusikerInnen westliche Popmusik mit landestypischen Tonskalen, Rhythmen, Gesangstilistiken und teils auch Instrumenten verbanden. In der Hauptstadt Addis Abeba blühte das Nachtleben, und obwohl die Musikindustrie unter Kaiser Haile Selassie I. verstaatlicht war, konnte eine enorme Menge unabhängig produzierter Schallplatten auf den Markt gelangen. Rückblickend wird diese Zeit oftmals als »goldene Ära äthiopischer Popmusik« oder in Anlehnung an das Londoner Pendant als »Swinging Addis« bezeichnet. Astatke avancierte durch seine Tätigkeit als Arrangeur, Komponist und Musiker zu einer zentralen Figur innerhalb der Szene – und veränderte die gesamte äthiopische Musik.

Als der aus einer wohlhabenden Familie stammende Astatke 1969 nach langjährigen Studien-Aufenhalten in Großbritannien und den USA dauerhaft nach Addis zurückgekehrt war, hatte sich die Stadt stark gewandelt. Nach der Niederschlagung des von rebellischen Militärs angestrengten Staats-streichs 1960 ließ Kaiser Haile Selassie I. eine kulturelle Öffnung zu. Das urbane Nachtleben florierte. Mittendrin: Miniröcke, Motorroller und Musiker, die auf verblüffende Weise Elvis Presley oder James Brown ähnelten.
Haile Selassie I. war es auch, der auf entscheidende Weise zu den Anfängen der äthiopischen Popmusik beitrug. Bei einem Besuch in Jerusalem 1924 war er von europäischen Blechblasinstrumenten so stark begeistert, dass er kurzerhand eine Band von jungen Armeniern engagierte und sie zu seinen Hofmusikern machte. Die Leiter dieser Band, Kevork und sein Neffe Nersès Nalbandien, prägten die äthiopischen Militär- und Polizeiorchester stark. Aus diesen Bands sollten viele der späteren Popmusiker stammen, denn nur als Mitglied eines solchen Orchesters war es damals in Äthiopien möglich, andere als die einheimischen Instrumente zu lernen.

Für Astatke bot dieses alles eine perfekte Gelegenheit. Sehr schnell erhielt er Aufträge, unter anderem für das neu gegründete Label Amha Records, das zwar ohne offizielle Genehmigung, aber keineswegs ohne Wissen der staatlichen Autoritäten einen Großteil der damaligen Popproduktionen veröffentlichte. Astatke brachte schließlich das Vibraphon, die Hammond-Orgel und das Wah-Wah-Pedal mit nach Äthiopien und fügte für seine Latin-Rhythmen noch Congas und Bongos hinzu.
Astatkes hybrider Ethio-Jazz stieß jenseits der hedonistischen Szene in Addis nicht immer auf Enthusiasmus. Äthiopien war auch damals schon ein stark von Nationalismus geprägtes Land, das über Jahrhunderte eine bemerkenswerte kulturelle Isolation und Eigenständigkeit aufrecht erhalten hatte. Dazu gehörte auch die starke Bedeutung von Gesang in der tradtionellen äthiopischen Musik, die es Astatkes instrumentalem Ethio-Jazz mitunter erschwerte, an die Hörgewohnheiten von breiten Teilen der äthiopischen Bevölkerung anzuknüpfen.
Bei Hailu Mergia hingegen spielt der Gesang eine etwas größere Rolle. Ähnlich wie bei Astatke ist auch sein Sound transkulturell: äthiopisch und zugleich global, modern und funky. Mit »Lala Belu« hat der 72-jährige Keyborder und Akkordeonspieler, der seit jeher in verschiedenen Konstellationen musiziert, kürzlich sogar ein neues Album herausgebracht – die ersten neuen Stücke seit langem.

Dass überhaupt so viele MusikerInnen in den 1960er und 70er Jahren westliche mit äthiopischer Musik kombinierten, lag auch am Einfluss der US-Militärbasis im damals noch zu Äthiopien gehörenden Asmara. Dort gab es eigene TV- und Radiostationen, die Songs von Frank Sinatra, John Coltrane oder James Brown spielten, sowie Clubs und Bars, in denen viele US-amerikanische GIs als Musiker auftraten. Zudem brachten die mehreren tausend jungen Freiwilligen der US-amerikanischen Peace Corps ihre Schallplatten und Gitarren mit ins Land. Sie trugen durch ihr von der US-amerikanischen Popkultur beeinflusstes Aussehen sicherlich auch dazu bei, dass diese Modestile nun auch in Addis adaptiert wurden. Dazu kamen die von ÄthiopierInnen selbst aus dem Ausland mitgebrachten Schallplatten.

Als Gründer und Betreiber des ersten unabhängigen äthiopischen Labels Amha Records spielte Amha Eshèté eine zentrale Rolle in der Entwicklung der damaligen Szene. Zunächst importierte Eshèté aktuelle Musik aus dem Westen nach Addis. »Dort gab es nur drei Musikläden, die aber griechische oder armenische Besitzer hatten. Deshalb fühlten sich die Äthiopier etwas ausgeschlossen«, erzählte er dem Ethiopia Observer. Eshètés neu eröffneter Laden lief schnell so gut, dass er weitere Shops in Addis und in anderen Städten eröffnete: »Die Leute waren einfach hungrig auf die neuesten, heißen Acts – James Brown, Jim Reeves, Otis Redding, Wilson Picket und andere«.

Allmählich begann Eshèté damit, auch Musik aus Kenia, Sudan, Westafrika und Indien zu importieren. Und um nicht nur ausländische, sondern auch äthiopische Musik anbieten zu können, entschied sich Eshèté mit Mitte zwanzig, auch als Produzent tätig zu werden. Mit äthiopischen KünstlerInnen nahm er zwischen 1969 und 1975 insgesamt 103 Singles und 12 LPs auf und verhalf zahlreichen Talenten zu Bekanntheit. Später entstanden weitere wichtige Labels wie Philips Ethiopia und Kaifa Recordings.

»Swinging Addis« wurde durch das repressive sozialistische Mengistu-Regime zerstört. Wie andere ÄthiopierInnen auch wurden einige MusikerInnen und andere AkteurInnen der Szene inhaftiert, getötet oder mussten ins Ausland fliehen. Mulatu Astatke arrangierte sich mit dem Status Quo in Äthiopien, Hailu Mergia ging wie viele Andere in die USA. Das neue Regime in Äthiopien verhängte eine nächtliche Ausgangssperre und schloss Clubs, die Vinylproduktion wurde eingestellt.

Nach dem Ende des Mengistu-Regimes 1991 kehrten zwar einige exilierte AkteurInnen der Szene zurück. Insgesamt konnte das Niveau der früheren Musikszene jedoch nicht mehr erreicht werden. Aus diesem Grund blicken heute manche der damaligen ProtagonistInnen zum Teil sehr nostalgisch auf die Zeit des »Swinging Addis« zurück.
Eine gewisse Nostalgie scheinen auch die zahlreichen Wiederveröffentlich-ungen alter, rarer Aufnahmen aus Äthiopien zu bedienen. Vor allem durch die Serie »Éthiopiques« erleben die Sounds ein andauerndes Revival. Mittlerweile umfasst die Reihe des französischen Labels Buda Musique über 30 Titel. Neben Mulatu Astatke finden sich darin unter anderem die Sänger Mamhoud Ahmed, Alèmayèhu Eshèté, Tlahoun Gèssèssè, Girma Bèyènè sowie die »First Lady des Ethio-Pop«, Bizunesh Bekele. Ebenfalls vertreten ist der Saxofonist Gétatchèw Mèkurya, der bis vor seinem Tod im April 2016 mehrmals mit den niederländischen Punk-Jazzern von The Ex zusammenarbeitete und dessen sich an traditionellen Gesangsstilen äthiopischer Krieger orientierendes Saxofonspiel mitunter mit dem der stilprägenden Free-Jazzer Ornette Coleman oder Albert Ayler verglichen wird.

Hailu Mergias neues Album »Lala Belu« ist bei Awesome Tapes from Afrika erschienen. Im Vergleich zu den alten Aufnahmen klingt es besser produziert, vielleicht auch etwas glatter. Sowohl in den Kompositionen als auch in den Aufnahmen gewinnen Bass und Schlagzeug an Bedeutung, auf die immer leicht beschädigt klingende Midtempo-Drummachine von früher wird verzichtet. Zwar klingt »Lala Belu« weniger träumerisch und obskur als noch »Hailu Mergia & His Classical Instrument« (1985/2013), dem ersten Re-Release seines Werkes durch Awesome Tapes from Africa. Doch das Hypnotische an Mergias Sound bleibt. Vor allem live funktioniert das ausgezeichnet. Es ist faszinierend, wie Hailu Mergia und seine beiden Bandkollegen ihr wesentlich jüngeres Publikum in den Bann ziehen.

Auch in Interviews ist Mergia, der hauptberuflich als selbstständiger Taxiunternehmer in Washington DC arbeitet, die enorme Leidenschaft fürs Musizieren anzumerken: Angeblich hat er bei jeder Taxifahrt sein Keyboard im Kofferaraum mit dabei, um Pausen oder eine Kundschaftsflaute für spontane Sessions auf der Rückbank zu nutzen. Gefragt, warum er das Taxifahren nicht aufgebe, antwortet er trocken: »Irgendwie muss ich ja mein Leben finanzieren, und mein Taxigewerbe erlaubt mir, flexibel zu sein und auch mal ins Ausland auf Tour zu gehen.«

An seiner Wiederentdeckung verdient Mergia fair mit: Brian Shimkovitz, Gründer und Betreiber von Awesome Tapes from Africa, erzählt im Interview, , dass er Profit aus Plattenverkäufen zu fünfzig Prozent mit den gesignten Künstlern teilt. Dazu kommen noch die Einnahmen aus den in der Regel wesentlich lukrativeren Liveaufritten. Inzwischen beziehen sich auch jüngere Musiker auf die Sounds von »Swinging Addis« – sei es durch das Sampling der alten Klassiker im Hip-Hop oder mit den eigenen, neuen Bands innerhalb und außerhalb Äthiopiens.
Über die Tourneen oder Re-issues erfahren aber nicht nur die äthiopischen Sounds ihre verdiente Aufmerksamkeit. So umfassen die zahlreichen Wiederveröffentlichungen von Awesome Tapes from Africa etwa auch den ghanaischen Electro-Dance-Rapper Ata Kak, die somalische Dur-Dur Band oder die senegalesische Vocalperformerin Aby Ngana Diop. Andere auf Re-issues spezialisierten Labels wie Buda Musiquqe tragen ebenfalls dazu bei, die bemerkenswerte Kreativität und Innovationskraft afrikanischer Künstler Jahrzehnte später erneut zu honorieren. Deutlich wird, wie vielfältig die afrikanische Szene damals war und wie sehr die Acts mit modernen Mitteln lokale Eigenheiten mit Einflüssen aus aller Welt vermischten. Ein Albtraum für völkische Reinheitsfanatiker und für Rassisten, die Afrika als geschichts- und kulturlosen Kontinent imaginieren.

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»Lala Belu« – LP-Cover von Hailu Mergia

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