Herr Kickl, seine Ahnen und seine Schüler

Eine Groll-Geschichte

In den letzten Tagen des Februar 2018 unternahmen Herr Groll und der Dozent einen Studienausgang an die Korneuburger Donau. Die Sonne spiegelte sich im ruhigen Wasser des Stroms, es war klirrend kalt. Mit dem Versprechen, ihn auf eine pannonische Fischsuppe im Restaurant Tuttendörfl einzuladen, war es dem Dozenten gelungen, Groll aus seiner warmen Wohnung ans eisige Ufer des Stroms zu locken. Unglücklicherweise hatte der Dozent übersehen, daß das Restaurant erst in einer Stunde öffnen würde. Es blieb den beiden nichts anderes übrig, als sich durch Bewegung warm zu halten. So eilten sie auf dem asphaltierten Treppelweg vor der Au am Ufer entlang. Weit und breit war kein Schiff zu sehen.
Er habe am Vortag den freiheitlichen Innenminister Kickl in einem längeren Fernsehinterview gesehen, sagte der Dozent. Die Inhalte des langjährigen Geschäftsführers der FPÖ seien ihm zur Genüge bekannt, erstmals aber habe er verstanden, was ihn an dem Politiker immer schon irritierte. »Es ist sein Blick! Beobachten Sie einmal Kickls Blick, wenn er seine Law & Order – Politik entwickelt. Es ist der Blick eines Kindes, das bei der Verteilung von Faschingskrapfen zu kurz gekommen ist. Mit weit aufgerissenen, ungläubigen Augen stellt der Politiker sich den Fragen und man weiß nicht …«
»Ob seine Augen nicht über die Worte entsetzt sind, die aus seinem Mund tropfen«, unterbrach Groll. »Von den Asylanten, die man in Lagern konzentrieren soll bis zu den rassistischen Plakatsprüchen vom ‚Abendland in Christenhand‘, ‚Daham statt Islam‘ und ‚Pummerin statt Muezzin‘ deckt er eine große Bandbreite von verbalen Provokationen im NS-Jargon ab. Oder seine Warnung vor einem EU-Beitritt Israels, der aber nie zur Debatte stand und von Kickl nur getätigt wurde, um antisemitische Reflexe zu befeuern. Ich erinnere mich auch, daß er den damaligen Präsidenten der Kultusgemeinde Ariel Muzicant mit einem besonders blöden Spruch bedachte. Als Jörg Haider dies in einem grölenden Bierzelt vor mehreren Hundertschaften oberösterreichischer Nazis vortrug, versagte ihm für kurze Zeit ob der Ungeheuerlichkeit die Stimme.«
»Wie kann jemand mit dem Namen Ariel soviel Dreck am Stecken haben, ich erinnere mich als ob es gestern gewesen wäre«, erwiderte der Dozent. »Von diesem Spruch ist es nicht weit zu den Liedtexten in den Burschenschaften, die den millionenfachen Judenmord fortsetzen wollen.« Der Dozent verlangsamte seinen Schritt, weil er sah, wie Groll mit seinem Rollstuhl Joseph gegen die Querneigung des Weges ankämpfte und daher weite Strecken mit einer Hand fahren mußte.
»Immerhin. Muzicant revanchierte sich später in einem Interview in der »Presse am Sonntag«: Wenn er Kickl höre, erinnere ihn die Hetze und die Sprache an Joseph Goebbels«, stieß Groll mühsam hervor.
»Und dem untadeligen Präsidenten des Verfassungsgerichtshofs, Ludwig Adamovich, unterstellte er, kein echter Österreicher zu sein. Bei dem slawischen Namen müsse man sich fragen, wie der Mann an ein Visum gekommen sei«, fuhr der Dozent fort. »Copyright Kickl.«
»Dabei ist der Mann durchaus erfolgreich. Beim Aufbau und Betreiben einer Haßgesellschaft können er – und Sebastian Kurz – wohl die größten Anteile für sich verbuchen«, stieß Groll hervor.
»Muzicants Vergleich ist so falsch nicht«, sagte der Dozent ein paar Schritte weiter. »Auch Goebbels war klein und zart, kein germanischer Recke. Und die Fußbehinderung, die er als Kind durch eine Rückenmarkentzündung hatte und die ihn zwang, einen klobigen orthopädischen Schuh zu tragen, konnte er zeitlebens nicht verwinden. Und die Spitznamen, die man ihm gab – »Schrumpfgermane« und »Humpelstilzchen« schmerzten ihn sehr. All die Jahre kämpfte Goebbels, der Anfang der zwanziger Jahre noch mit den Kommunisten sympathisiert hatte und sich ihnen nur wegen deren internationaler Orientierung nicht anschloß, gegen zwei Dinge: die Gehbehinderung und die soziale Herkunft aus einer prekären Familiensituation. Er haßte das Bürgertum aus ganzem Herzen, und so bald er unter dem Einfluß Hitlers und einschlägiger Schriften den Kapitalismus mit dem Judentum verquickt hatte, war er für die NSDAP der ideale Mann, seine demagogische Rhetorik war grausam und atemberaubend. Aber eine Differenz zu Hitler blieb bis zuletzt bestehen: dieser war ein rassischer Antisemit, Goebbels ein sozialer, antikapitalistischer. Ich überlasse es Ihnen, über etwaige Parallelen zu gegenwärtigen Lichtfiguren nachzudenken.« Er blieb stehen. Groll bremste den Rollstuhl unwillig ab. »Da fällt mir ein. Auch in den Spitzenrängen der NSDAP tummelten sich viele Studienabbrecher, mit Göring an der Spitze. Schon Antonio Gramsci wies daraufhin, daß bei den Mussolini-Leuten die Bildungsabbrecher zu den lautesten und aggressivsten Jungfaschisten zählten.«
»Wer soll bei der FPÖ Studienabbrecher sein«, fragte Groll.
»Gar nicht so wenige«, erwiderte der Dozent. »Ich beginne mit Strache, setze fort mit Kickl und Villimsky und dem Grazer Vizebürgermeister Eustacchio – alles Studienabbrecher. Wie Kanzler Kurz, Finanzminister Löger und Elisabeth Köstinger im übrigen. Kunasek und Hofer haben ein Studium erst gar nicht versucht.«
»Da haben sich ja ein paar Schicksalsgenossinnen und Genossen gefunden«, meinte Groll und setzte Joseph wieder in Bewegung. »Auch daraus mögen andere ihre Schlüsse ziehen. Ich jedenfalls bin ebenso stolz auf meine Halbbildung wie ich auf meine Kenntnis sämtlicher Donauschiffe stolz bin. In Floridsdorf, dem Heimatbezirk der kommenden Wiener Bürgermeisters, über eine solide Halbbildung zu verfügen, ist keine geringe Leistung. Unter den 165.000 Einwohnern des Bezirks befinden sich nur zehn Herrschaften mit Studienabschluß.«
»Das glauben Sie doch selbst nicht!« Der Dozent machte eine Geste der Entrüstung.
»Ich muß mich korrigieren«, fuhr Groll unbeirrt fort. »Neun. Nein! Acht! Der neunte, ein Absolvent der Universität für Bodenkultur, ist vor kurzem verstorben. Seine Vorliebe für rohen Fisch ist ihm zum Verhängnis geworden. Ein Fischbandwurm, den er von einer Studienreise nach Grusinien vulgo Georgien mitbrachte, hat ihn von innen aufgefressen, er ist unter leisem Wehklagen zugrundegegangen. Mister Giordano hat mich immer wieder ermahnt, selbst in New York, wo das Meer vor der Haustür liegt, rohen Fisch in Form von Sushi und Sashimi nur zu essen, wenn man beim Fang der Fische selber dabei war. Und selbst da bleibe noch ein Restrisiko. Die Italiener wüßten schon, warum sie ihre Fische braten. Glaubwürdigen historischen Reiseberichten zufolge könne nicht ausgeschlossen werden, daß das Römische Reich unter anderem durch die aus Grusinien eingeschleppte Unsitte des Rohfischessens zugrundegegangen sei. Wenn Sie wollen – ich kann Ihnen die Literatur nennen.« Groll beschleunigt den Rollstuhl, die Kälte saß ihm in den Knochen.
Der Dozent reagierte, indem er einen Zeitungsausriß aus seiner Lambswooljacke hervorzog.
»Die Polizeigewerkschaft spricht sich gegen die Installierung einer berittenen Polizei in Wien aus. In anderen Ländern erfordern derartige Einheiten einen enormen und nicht zu rechtfertigenden finanziellen Aufwand.« Die wackeren Gewerkschafter schließen mit dem Satz: »Das Einsatzgebiet von berittenen Einheiten ist eher touristisch als exekutivdienstlich zu bezeichnen.«
»Exekutivdienstlich – was für ein schillerndes Wort. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich es in meinen Wortschatz eingemeinde?«
Der Dozent schaute Groll verständnislos an. Kurz darauf drehten die beiden um und eilten auf dem Weg, den sie gekommen waren, zurück. Das Restaurant müsse demnächst öffnen, sagte der Dozent. Er freue sich schon auf die wärmende Suppe. Um die Zeit zu vertreiben zitierte der Dozent aus einem Text. »Es gibt in Klagenfurt einen Faschingsverein namens die ‚Stadtrichter‘. Dreißig Herren ziehen über die EU, Wien, Homosexuelle und Sozialschmarotzer her. Frauen werden in dem Verein, dem die Elite des Klagenfurter Bürgertums angehört, nicht geduldet. Im diesjährigen Fasching wurde über Flüchtlinge hergezogen – Asylanten, die im Geld schwimmen und von der Caritas mit Handys beschenkt werden, dunkelhäutige Kinder, die von Lehrern bevorzugt werden und so fort. Vor achtzig Jahren wurde in ähnlicher Weise über Juden hergezogen. Und wie in früheren Zeiten erhob niemand seine Stimme dagegen.
»Wo ist der Text erschienen?« fragte Groll keuchend.
»Es war der ehemalige Bachmann-Preisträger und Klagenfurter Stadtschreiber des Jahres 2010, Karsten Krampitz, ein Schriftsteller aus Berlin, der die rassistischen Witze in der deutschen Wochenzeitung »Der Freitag« publik machte. Erst über Krampitz und Berlin drang die Kunde zu Kurier, Falter und Caritas. Vor den Mächtigen buckeln und auf die Schwachen hintreten. Das ist das Motto der rassistischen Herrenrunde namens »Stadtrichter«, die offensichtlich bei Herrn Kickl in die Schule gegangen sind.
»Tote können sich nicht wehren. Flüchtlinge auch nicht«, erwiderte Groll mit Mühe.
»Bei der Landtagswahl geht es wohl nur darum, ob der Rassismus der Klagenfurter Elite nur im Fasching die braune Seele entleeren kann oder ob die feinen Herren dies auch im Landtag, in den Kärntner Zeitungen und Bierzelten tun können.«
Unter Aufbietung der letzten Kräfte langten sie beim Donauwirt an. Das Tor war noch immer geschlossen, auf einem Zettel stand zu lesen: »Infolge Stromausfalls muß das Restaurant heute geschlossen sein. Besuchen Sie uns ein andermal.«
»Was machen wir jetzt?« sagte der Dozent kleinlaut. Herr Groll holte aus dem Rollstuhlnetz ein Büchlein hervor und blätterte mit klammen Fingern darin. Der Dozent hockte sich eben seinen Freund auf die Fersen und ließ sich die Broschüre geben, es war der Heurigenkalender von Bisamberg.
 

Zurück zur Ausgabe: 
#117
6

& Drupal

Versorgerin 2011

rss