Warum der Islam kritisiert werden muss

Stephan Grigat über Djihadisten, Kulturrelativisten und Abschiebefanatiker

Als moderner und vernunftbegabter Mensch würde man die Religion nur zu gerne links oder rechts liegen lassen und sich auf den Austausch der besten Propheten-, Jesus- und Messiaswitze beschränken. Doch die letzten Jahre haben gezeigt, dass das, was heute unter Religion firmiert, zu ernst ist, als dass man es mit den Mitteln der Humorkritik erledigen könnte – auch wenn einige religiöse Dogmen und Vorstellungen tatsächlich erst einmal als schlechter Witz erscheinen. Man denke nur an die Behauptung, Jihadisten, die sich auf israelischen Gemüsemärkten in die Luft sprengen, würden im Paradies mit ein paar Dutzend Jungfrauen belohnt. Leider geht es beim jihadistischen Suicide Bombing nicht um eine gedankliche Schrulle, sondern um eine blutige gesellschaftliche Praxis. Die Reaktionen auf den so genannten Karikaturenstreit und vor allem der Mordanschlag auf den dänischen Zeichner Kurt Westergaard verdeutlichen eines: Witze insbesondere über die islamische Religion verharmlosen das Problem eher als es zu erhellen. Lustig machen könnte man sich darüber, wenn es nur das Privatunvergnügen lustfeindlicher Obskuranten wäre, sich irgendwelchen unsinnigen Ernährungs-, Abbildungs- und Sexualvorschriften hinzugeben.
Wenn ein paar harmlose Karikaturen einen mittleren Aufstand am halben Globus auslösen können, wenn Gruppierungen wie die Hamas Wahlen gewinnen, wenn ein esoterischer Spinner mit Vorlieben für feudalistische Herrschaftsstrukturen wie der Dalai Lama als Vorbild ganzer Generationen über alle politischen Grenzen hinweg fungiert, wenn die katholische Homophobie in Polen und die russisch-orthodoxe in Moskau wieder als militanter Mob in Erscheinung tritt, wenn also das schon tausendfach Totgesagte sich heute als ausgesprochen lebendig erweist – im Falle des jihadistischen Islam als dermaßen lebendig, dass es für Ungläubige eine tödliche Bedrohung darstellt –, dann müsste man noch einmal zum Anfang zurück und sich Grundlagen der Religionskritik vergegenwärtigen. Gleichzeitig kann man aber nicht bei solch einer allgemeinen Religionskritik stehen bleiben. Es ginge darum, deutlich zu machen,
inwiefern Religionen unterschiedlich weit entfernt sind vom Gedanken materialistischer Aufklärung und Kritik; dass manch religiöse Strömung eine Vermittlung des Glaubens mit der Vernunft anstrebt, während andere die Ratio für reines Teufelszeug halten; dass es Formen von Religiosität wie etwa den jüdischen Messianismus gibt, die vor allem die Sehnsucht nach dem ganz anderen bewahren, die also auch den Gedanken an eine befreite Gesellschaft in wie auch immer deformierter Form aufrechterhalten, anstatt die gewaltsame Vermittlung im falschen Bestehenden durchzusetzen. Kurz: Man müsste die Unterschiede zwischen den Religionen thematisieren.
Es geht heute darum, die bürgerlichen Freiheiten von Leuten wie Ayaan Hirsi Ali zu verteidigen, die den Propheten einen perversen Tyrannen nennt, von Hip-Hopern, die Jesus als Bastard titulieren, und von israelischen Poplinken, die verkünden, dass der Messias nicht kommen wird. Die Frage, warum die beiden Letztgenannten ähnlich wie Manfred Deix mit Kritik, Empörung und schlimmstenfalls mit aberwitzigen strafrechtlichen Konsequenzen leben müssen, Ayaan Hirsi Ali aber mit Morddrohungen und Kurt Westergaard mit Mordversuchen konfrontiert sind, lässt sich nur erklären, wenn in Zukunft versucht wird, die entscheidenden Unterschiede zwischen den Religionen und ihrer jeweiligen Funktion in den heutigen Gesellschaften zu thematisieren, anstatt in einen abstrakten Wald- und Wiesenatheismus zu verfallen, dem alles eins ist.
Vor diesem Hintergrund geht es um eine materialistische Kritik am Islam, keineswegs nur des »Islamismus«. Nicht nur militante radikalislamische Strömungen, sondern auch große Teile des orthodox-konservativen Mainstreams im Islam sind von Antisemitismus, Homophobie und Misogynie geprägt. Eine global orientierte Kritik der dominanten Strömungen des Islam wird konstatieren müssen, dass sich heute gerade unter dem Banner Allahs die Kräfte der Gegenaufklärung und die Todfeinde der Freiheit sammeln.
Man vergegenwärtige sich nur, dass auch einflussreiche Vordenker, die als Kämpfer gegen den islamistischen Djihadismus gelten, durchaus üble Antisemiten sein können. Der dieses Jahr verstorbene Mohammed Sayyid Tantawi beispielsweise galt als einer der renommiertesten Gelehrten des sunnitischen Islam und war Großscheich der Al-Azhar-Universität von Kairo, die weit über die Grenzen Ägyptens Einfluss hat. Mit seiner in mehreren Auflagen publizierten Dissertation hat Tantawi, der als Kritiker des Djihadismus gilt, einen antisemitischen Klassiker geschrieben mit Kapiteln wie »Das jüdische Unheilstiften auf Erden«, wo man erfährt, dass das Verzehren nichtjüdischen Blutes ein religiöser Ritus bei den Juden sei. Tantawi zitiert zustimmend »Mein Kampf« und beruft sich auf den antisemitischen Klassiker »Die Protokolle der Waisen von Zion«.
Ein weiterer islamischer Vorkämpfer gegen den Islamismus ist Dato Seri Mahathir, bis 2003 der Premier Malysias. Nach dem 11. September ließ er gut 70 Islamisten verhaften und Hunderte von Koranschulen schließen. Mit dem radikalen Antisemitismus von Al-Quida dürfte er aber einiges anfangen können. 2003 eröffnete er die bis dahin größte Tagung der Organisation der Islamischen Konferenz, dem wichtigsten Zusammenschluss der islamisch dominierten Staaten, und führte aus: »Die Juden beherrschen heute mittels ihrer Strohmänner diese Welt. Sie lassen andere für sich kämpfen und sterben. (...) Die Juden erfanden und förderten erfolgreich Sozialismus, Kommunismus, Menschenrechte und Demokratie. ... Mit diesen Rechten haben sie nun die Kontrolle über die mächtigsten Länder gewonnen.« Von Mahatir kennt man so etwas: 1984 verbot er den New York Philharmonics die Einreise, weil sie Blochs »jüdische Rhapsodie« auf dem Programm hatten. 1994 verbot er »Schindlers Liste«. 1997 erklärte er die Juden zu den Verantwortlichen für die Finanzkrise in Asien.
Ein einsamer Spinner, werden vielleicht einige sagen. Aber Mahathirs Rede wurde 2003 in der islamischen Welt begeistert aufgenommen. Von keinem einzigen Deligierten von den 57 vertretenen islamischen Staaten ist ein Protest überliefert. Im Gegenteil: Die Mehrheit der mehreren tausend Zuhörer dankten ihm mit standing ovations. Der jeminitische und der ägyptische Außenminister sowie der afghanische Präsident verteidigten Mahathir nachdrücklich gegen Antisemitismusvorwürfe aus dem Westen.
Wenn man in aller Kürze festhalten möchte, was die ideologischen Charakteristika des politischen Islams sind, die ihn offenbar auch für einige Linke attraktiv erscheinen lassen, kann konstatiert werden: Er ist basisdemokratisch im Sinne der Verunmittelbarung von Herrschaft. Er ist wohlfahrtsstaatlich im Sinne einer Almosenökonomie, egalitär im Sinne der repressiven Gleichheit einer Volks- oder Religionsgemeinschaft, antikapitalistisch im Sinne eines Aufstands gegen die abstrakten und unpersönlichen Seiten des modernen warenproduzierenden Systems. Und er ist antiimperialistisch im Sinne einer auf die authentische Volkskultur setzende, gegen Verwestlichung gerichtete Regression. All das kulminiert gewissermaßen im Antisemitismus, der nicht einfach ein Vorurteil gegenüber Juden meint, sondern eine umfassende Weltanschauung darstellt.
Große Teile der Linken halten die Kritik am Islam per se für rassistisch, während einige Konservative sie zur Wiederbelegung jenes christlichen Glaubens verwenden wollen, der philosophisch bereits seit 200 Jahren erledigt ist. Die etablierte Linke überlässt die Kritik des Islam den Fremdenhassern von rechts, anstatt eine an Emanzipation, Aufklärung und Humanismus orientierte Kritik an der islamischen Menschenzurichtung zu formulieren. Es geht heute um eine universalistische Islamkritik, die sich zugleich gegen die rechten Fremdenfeinde wendet. Es ist ja kein Zufall, dass Parteien wie die FPÖ, aber auch aus einer gänzlich anderen ideologischen Tradition kommende Politiker wie Geert Wilders in den Niederlanden, auf jedes irgendwie mit dem Islam in Zusammenhang stehende oder gebrachte Problem nur mit einem grauenhaften Abschiebefanatismus reagieren können. Denn bei »denen da unten«, wie es im Jargon solcher Leute heißt, haben zumindest viele Freiheitliche gar kein Problem mit dem Islam. Im Orient halten sie ihn ausgehend von ihrem ethnopluralistischen Weltbild vielmehr für die angestammte Lebensweise, die – und hier treffen sie sich mit den linken Kulturrelativisten – nicht kritisiert werden sollte. Dementsprechend unterhalten gar nicht wenige Politiker aus dem rechtsradikalen Milieu hervorragende Beziehungen zur Islamischen Republik im Iran und zahlreiche Neonazis bewundern einen Radikalislamisten wie Ahmadinejad als neuen Helden eines globalen antiwestlichen Kampfes.
Einer kosmopolitischen Islamkritik hingegen ist es egal, ob eine Frau in Linz oder im Libanon unter das Kopftuch gezwängt wird, ob Islamisten in Reutte oder in Ramallah gegen Homosexuelle hetzen und ob eine Synagoge in Köln oder in Kairo angegriffen wird. Man kann gar nicht oft genug an jene Parole erinnern, unter der 1979 zehntausende Frauen im Iran gegen die Einführung der Zwangsverschleierung demonstriert haben: »Emanzipation ist nicht westlich oder östlich, sondern universal.«

Stephan Grigat ist Lehrbeauftrager für Politikwissenschaft an der Uni Wien, Autor von »Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus« (ça ira 2007) und Mitherausgeber von »Iran im Weltsystem. Bündnisse des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung« (Studienverlag 2010).

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