Abwehr und Deckerinnerung

Felix Riedel zum Problem der Theologie des islamischen Antisemitismus.

Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) publizierte im März 2019 eine Broschüre zum »Antisemitismus im Islamismus«. Die Alltäglichkeit des Antisemitismus wird zunächst im Einvernehmen mit einer Studie der Anti-Defamation-League anerkannt: in vielen islamischen Regionen stimmen demnach um 90% der Menschen antisemitischen Ressentiments zu. Im Anschluss daran folgt das BfV jedoch einer stark verbrämten Darstellung der Inhalte des Korans:

»Im Islam wird über die Versuche Muhammads berichtet, drei jüdische Stämme zu seiner Glaubensauffassung zu bekehren. Als diese Bemühungen scheiterten, kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die mit der militärischen Niederlage der Stämme endeten. Diese Ereignisse bilden den Hintergrund für die im Koran zu findenden judenkritischen Stellen. […] Diese Koranstellen, die bis in die Gegenwart hinein immer wieder aus ihrem historischen Zusammenhang gelöst und wortwörtlich verstanden wurden und werden, bilden im Islam die Grundlage für eine Judenfeindschaft, die »einen integralen Bestandteil des religiösen Selbstverständnisses« darstellt. Nichtsdestotrotz konnten Juden über viele Jahrhunderte hinweg ein – insbesondere im Vergleich zum christlich geprägten Mitteleuropa – sicheres Leben in islamischen Ländern führen. Antisemitische Ausschreitungen oder Pogrome ereigneten sich vergleichsweise selten.«[1]

Dieses stereotype Narrativ entspricht durchweg der zeitgenössischen akademischen Deckerinnerung, die theologische Wurzeln des Antisemitismus im Islam zunächst leugnet, dann rationalisiert und die daraus folgende Gewaltgeschichte als »goldenes Zeitalter« der Juden in der islamischen Welt relativiert.

Eine realitätsgerechte Analyse lieferte Hamed Abdel-Samad in einem Interview, das aus unerfindlichen Gründen nicht in den Dokumentarfilm »Auserwählt und ausgegrenzt: der Hass auf Juden in Europa« aufgenommen wurde und erst am 30. April 2019 auf »audiatur-online« erschien.[2] Der »Mann Mohammed« (als historisch-narratives Konstrukt des Korans verstanden) bewundert zunächst den Judaismus, stößt aber wegen seines anmaßenden Anspruchs auf die Prophetenwürde auf Ablehnung. Aus dieser narzisstischen Kränkung heraus und von militärisch-ökonomischen Bereicherungsabsichten getrieben, entscheidet er sich zur Ausplünderung und Vertreibung jüdischer Stämme der Banū Qainuqa, Banū n-Nadir und schließlich zur Vernichtung der wohlhabenden Banū Quraiza. Abdel-Samad erwägt, dass Mohammed auch die jüdische Lebensethik mit ihrem Verbot der Tötung hinderlich für seine gewaltsamen Expansionsbestrebungen war. Er betont zu Recht, dass Mohammed einen Verrat durch Juden erst nach den Massakern behauptete, um die Gewalt vor seinen Anhängern zu legitimieren. Ganz ähnlich finanzierten die Kreuzritter später ihren Zug auf Jerusalem mit Pogromen an Juden, denen Verrat an Christus vorgeworfen wurde.

Dieser »sekundäre Antisemitismus« nach der antisemitischen Tat kann aus marxistischer Perspektive nur als ideologische Reaktion auf die ursprüngliche Akkumulation des Islam verstanden werden: Wie die europäischen Bourgeois steht der Islam unter Rechtfertigungsdruck: Um die blutigen Quellen des Erfolges zu erklären, beschuldigt er die Opfer und deutet das eigene Verbrechen als gerechte Strafe. Umso fataler wirkt das, weil für den Islam die Vernichtung jüdischer Stämme ein Gottesbeweis ist. Wenn die Schwäche der Juden Gott beweist, so muss ihre Stärke Gotteslästerung sein. Die Wiederherstellung der Grandiosität Mohammeds und damit Gottes erfordert die Vernichtung des Selbstbewusstseins von Juden mit allen Mitteln. Und das selbst dort, wo es negativ hergestellt wird: im Kollektiv der Überlebenden des Holocaust. Die Popularität der Holocaustleugnung oder -verherrlichung ebenso wie die zwanghafte Behauptung, aus Juden seien in Gaza Nazis geworden, gehen aus diesem theologisch begründeten Bedürfnis nach Kränkung der Juden hervor.

Zur psychologischen Prädisposition des Korans, die den Antisemitismus über Jahrhunderte stabil hält, gehören zwei weitere zentrale Elemente:

Das erste ist der weitgehende Verzicht auf theologische Argumente. Mohammed streitet nicht wie Jesus mit den Juden auf Grundlage sich widersprechender religiöser Texte, sondern er »empfängt« seine apokalyptischen Verse und versucht, sich theologische Legitimation mit der Anbindung seiner eigenen Ideen an bestehende, jüdische Theologie zu schaffen.[3] Die Kritik der Juden an Mohammed beinhaltet die Erklärung seines Verhaltens als Geistbesessenheit, »die Satane« seien auf ihn »herabgekommen«.[4] Und tatsächlich entspricht Mohammeds Geschichte als Geistmedium der Ethnologie der Geistbesessenheit, es handelte sich um eine naheliegende Assoziation, gegen die sich Mohammed im Koran mehrfach verzweifelt verteidigt. Umso wichtiger ist für ihn, wie für viele in Kriege involvierte Geistmedien, der militärische Erfolg, der seinen »Geist« in Realität übersetzt. Seine Missionierungsstrategie ist deiktisch: Mohammed zeigt auf Natur und Gott ist bewiesen. Wie sonst solle es Sonnenaufgänge, Brot und Nahrung, Kinder und Naturkatastrophen geben, wenn nicht durch Gott? Er zeigt auf die neue Macht der Muslime und also existiert Gott. Die Identifikation des »Mann Mohammed« mit dem islamischen Gott, das unmittelbare Übergehen des Willens eines einzigen Menschen in die göttliche Gesetzgebung, macht aus den Feinden Mohammeds die Feinde Gottes. Dieses Bild von ewigen, latent gefährlichen Gottesfeinden haftet den Juden auch nach ihrer Unterwerfung an.

Das zweite hat dem Augenschein nach nichts mit den Juden zu tun und begünstigt doch den Antisemitismus. Vor diesen Erfolgen bediente er sich einer simplen manichäischen Strategie: Gott belohnt die Gläubigen und bestraft die Ungläubigen mit der Hölle. Jeder Zweifel, jeder Unglaube wird mit Höllenstrafen bedroht (S. »Theologie der Hölle«, Versorgerin 109). Und wiederum ist die Parallele erstaunlich: wie beim Christentum wird Zweifel an der Grandiosität auf die Juden projiziert und deren Erniedrigung durch die Gläubigen zum Gottesbeweis. Im Koran treten Juden daher als ewige Verirrte und Verblendete auf. Bereits die eschatologische Hadithe Al-Gharqad, überliefert von Abu Hureira, bindet daher die Vorstellung vom jüngsten Gericht früh an den Krieg gegen Juden. »Die Stunde wird nicht schlagen, bis die Muslime die Juden bekämpfen und töten, sodass die Juden sich hinter Steinen und Bäume verstecken. Die Steine oder Bäume sagen jedoch: O, Muslim! O, Diener Gottes, ein Jude versteckt sich hinter mir. Komm und töte ihn! Nur al-Gharqad nicht; denn er ist ein Baum der Juden.«

Die daran angeschlossene Gewaltgeschichte beinhaltet unter anderem: 1012 die Zerstörung aller Synagogen zwischen Syrien und Libyen durch al-Hakim, den dritten Kalifen der Fatimiden; die Pogrome von Fez 1035 und 1038 mit 6000 Toten und jene von 1465, bei denen die gesamte Gemeinde ausgelöscht wurde, die Pogrome in Granada 1066 und 1090 mit 4000 Toten; ständige tägliche Diskriminierung und Sondersteuern.[5] Die Angst vor den Juden wird deutlich im Verbot, Waffen zu tragen, das sowohl der christliche Codex Theodosianius von 438 beinhaltet, als auch der islamische »Pakt von Umar« – vermutlich aus der Feder des achten Kalifen Umar ibn ‘Abd al-‘Azīz (ca. 720). Die Gesetzgebung hatte fortan weitgehend Gültigkeit, weil sie die fragile Grandiosität der Muslime vor der Kränkung durch Juden bewahren sollte: Juden sollten wehrlos sein, ihre Synagogen sollten verfallen, Steuern sie arm machen, Mischehen sollen sie ethnisch isolieren, besondere Kleidung, der gelbe Fleck und das Reiten von Eseln sollte sie lächerlich machen.

Es ist vor allem diese Traditionalität des islamischen Antisemitismus, deren Übersetzung in wissenschaftliches Bewusstsein weiterhin an erheblichen Widerständen scheitert. Der zusätzliche Import des Antisemitismus ist hingegen umfassend akzeptiert und nachgewiesen: die Infektion mit europäischen Ritualmordlegenden und antisemitischen Schriften im 19. Jahrhundert, die Ankunft und der Siegeszug der »Protokolle der Weisen von Zion«, und die instrumentelle Förderung von Djihadismus und Antisemitismus durch die Alliierten wie auch durch Deutschland. Der durchschlagende Erfolg dieses zusätzlichen Imports und die Mühelosigkeit der Adaption von Ritualmordlegenden, Verschwörungstheorien und Vernichtungswünschen lässt sich nur durch eine theologische Prädisposition des Islam zum Antisemitismus erklären.

Leider nimmt selbst Bernard Lewis, der als einer der kritischen Historiker des Antisemitismus im Islam gelten kann, in seinem Standardwerk »Die Juden in der islamischen Welt« noch an, der Antisemitismus sei im Islam »nicht theologischer Natur« und falle daher geringer aus als im Christentum, es habe keine Ängste vor jüdischen Verschwörungen gegeben[6] und anstelle von Neid, Furcht und Hass hätte im Islam Verachtung für Juden geherrscht.[7] Mark R. Cohen ergänzt, dem Islam sei die eschatologische Enttäuschung des Christentums erspart geblieben, »sobald er Macht erlangt hatte«.[8] In diesem letzten Nebensatz liegt jedoch der zentrale Grund für den islamischen Antisemitismus: er wird stets dann tödlich, wenn der von Gott versprochene Machtanspruch durch die schlechte Realität oder schlimmer noch, durch die sichtbare Präsenz selbstbewusster Juden, Frauen, Homosexueller und Jesiden gekränkt wird.

[1] BfV: Antisemitismus im Islamismus. S. 16. https://www.verfassungsschutz.de/download/broschuere-2019-03-antisemitismus-im-islamismus.pdf.
[2] https://www.audiatur-online.ch/2019/04/30/hamed-abdel-samad-man-kann-nicht-die-kinder-mit-hass-vergiften/?fbclid=IwAR3qy3sKfySZAJK3qhp6idR6XyqutCo7mhTskTboE1lC3dsdjgLuWgLvLqo.
[3] Johan Bouman: Der Koran und die Juden. 30.
[4] Rudi Paret: Der Koran. Sure 26, 210.
[5] S. D. Gotein, Jews and Arabs. S. Cohen: Unter Kreuz und Halbmond.
[6] Bernard Lewis: »Treibt Sie ins Meer!« Die Geschichte des Antisemitismus. 144.
[7] Lewis: 146.
[8] Mark R. Cohen: Unter Kreuz und Halbmond. Die Juden im Mittelalter. S. 40.

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