Die Versorgerin als Buch

»Die Versorgerin als Buch« ist ein Zeitungs-, Buch-, Medien-, Archiv- und Kunstobjekt, das letztes Jahr anlässlich 40 Jahre STWST produziert wurde: Über die Versorgerin als »nur ein Buch« und die Ausstellung dazu in der Stadtwerkstatt ab Ende Mai 2020 schreibt Tanja Brandmayr.

Wie STWST-BesucherInnen und Versorgerin-LeserInnen nicht entgangen sein wird, hat die Stadtwerkstatt das Jahr 2019 anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens unter die Devise einer intensivierten Archivrecherche gestellt. Und sie setzt auch in den Folgejahren die Archivarbeit fort – mit dem Bekenntnis zu »Stay Unfinished«, dem ausgerufenen Jahresclaim des Jahres 2019, und damit mit Mut zur programmatischen und nicht zuletzt künstlerisch intendierten Unabgeschlossenheit.

Hinsichtlich der seit den frühen 90er-Jahren von der Stadtwerkstatt herausgegebenen Zeitung Versorgerin – ja genau, der Zeitung, die Sie in Händen halten – wurde bereits seit längerer Zeit der Plan entwickelt, alle bis Ende 2019 erschienenen und noch vorhandenen Nummern mit jeweils einem Exemplar zu einem Buch binden zu lassen.

Die »Versorgerin als Buch« liegt nun vor. Sie war im Vorlauf und in all den analogen und digitalen Auffindungs- und Verarbeitungsprozessen der letzten Jahre bereits längerfristige Recherchearbeit, hat zum Durchsehen früherer, seit den 1990ern vorhandenen Ausgaben geführt, zum Lesen von Texten, zum Wiederauffinden von Ästhetiken und zum Reflektieren über Kunst, Kultur, Medien und Transformation – zwischen anderer Zeit und unglaublicher Aktualität.

Als Medium befindet sich die Versorgerin in permanenter Entwicklung. Sie berichtete als »Zeitung der Stadtwerkstatt« seit jeher nicht nur über Projekte, Entwicklungen und Medien des Hauses, sondern ist Teil einer größeren Medien-, Kunst-, Kultur- und Zeitgeschichte. Sie ist Stadtgeschichte und Wirkungskreis darüber hinaus, erschließt in diversen Nummern und Extranummern das nähere und fernere Stadtwerkstatt-Umfeld. Ab Mitte der 1990er-Jahre markiert die Versorgerin die Themen der in Entstehung begriffenen und immer noch im Haus Stadtwerkstatt arbeitenden Vereine servus.at und Radio Fro – etwa um das Jahr 2000 auch mit einigen Extranummern des »Verstärkers«.
Besonders in den letzten zehn Jahren erweiterte sich die Versorgerin und ihre reguläre Blattlinie der »Beiträge zur Transformation von Politik und Gesellschaft« um den Fokus einer kritischen Theorie der Gesellschaft. Die seit Jahren umfangreicher und zunehmend eigenständiger gewordene Zeitung vergrößerte sich ab 2015 zudem um ein ganzes Kooperationszeitungprojekt – »Die Referentin«.

Und nun wurde ein aus Zeitungen bestehendes Buchobjekt hergestellt, in einem Haus, das von Beginn an über Kunst, Musik und Subkultur mannigfaltige und reichhaltige ästhetische wie gesellschaftliche Reflexion bis Sprengkraft entwickelte. In einem Haus, das außerdem seit den 1980er-Jahren frühe Medienkunstgeschichte geschrieben hat. Das Buch ist groß, umfassend und wurde in einer limitierten Auflage von nur vier Stück hergestellt – ein Exemplar davon wurde gebunden, drei weitere verbleiben in Schraubzwingen, bis auf Weiteres ungebunden. Was die Zahl betrifft: Das hier im Subtitel anklingende »Nur ein Buch« vergreift sich nicht im Ton und trieft in pseudolyrischer Bedeutsamkeit, sondern bezieht sich tatsächlich auf die Stückzahl. Was das Medium betrifft: Trotz großen Umfangs und thematischer Progressivität handelt es sich hierbei um ein Bekenntnis zu einem gewissen kunstalchemistischen Transformationsprozess, zu einem funkelnden Qualitäts- und Quantitätszauber, und vor allem um ein unbestechliches Bekenntnis zu den medialen Basics, zu Robustheit, zu inhaltlicher Kostbarkeit und offenem Prozess.

Der Bestand der kompilierten Nummern ist nun zu diesem Zeitpunkt fast, aber nicht vollständig komplett. Hinsichtlich der einzelnen Ausgaben im Buch geht es bewusst um unkommentierte Vollständigkeit – um damit die reichhaltigen Schichten zu zeigen, aus denen verschiedene Entwicklungs-linien immer wieder neu extrapoliert werden können. Ganz generell geht es auch heute noch in der Stadtwerkstatt um ein Bekenntnis zu Prozessen, die ihre eigene Materialität und Medialität ausstellen, und speziell mit diesem Buchobjekt auch um einen paradox scheinenden Rückgriff auf ein Medium, das mit Bild, Text, Schrift und Papier quasi zu den Quastenflossern der Mediengeschichte gehört.

Das alles stellt weitestgehend abgesteckte Referenzrahmen her, öffnet verschiedene Linien, Szenarien und Historizitäten an einem erkämpften Ort, an dem ästhetische Form, künstlerische Produktion und inhaltliche Kritik zugleich flexibel und zielgerichtet bleiben konnten und können. Mit der Stadtwerkstatt-Zeitung Versorgerin, sprich, mit dieser Schichtarbeit einer »Versorgerin als Buch«, und mit der Blattlinie »Beiträge zur Transformation von Politik und Kultur«, scheint jedenfalls diese Kompilation selbst wieder transformiert worden zu sein – indem die Versorgerin als Zeitungs- und Printmedium an diesem Punkt der Geschichte und im größeren Kunstkontext der Stadtwerkstatt selbst wieder zum Medium und offenem Kunstprojekt ausgerufen wurde. Als unteres Layer in diesem Projektsetting weisen die Buchobjekte in jedem Fall offen in die Vergangenheit wie in eine Zukunft: Das bereits gebundene Exemplar markiert den derzeitigen Stand. Die drei weiteren vorbereiteten, aber noch ungebundenen Exemplare warten in Schraubzwingen gepresst auf Anwachsen, Bindung und Relevanz zu einem späteren Zeitpunkt. Denn reguläres und weiterproduziertes Medium für sich bleibt die Versorgerin ohnedies.

Nach der Phase des Wiederaufspürens alter Print- und Digitalausgaben, nach der Umsetzung des Buchprojektes Versorgerin, wird nun in Folge das Buchobjekt, die Versorgerinnen selbst bzw. das eine oder andere darüber hinaus in den Jahren 2020ff eine neue Präsentationsform, oder auch eine künstlerische Weiterprozessierung erfahren. Die erste Präsentation wird im Mai eine Ausstellung des besagten Unikats und eine Versorgerin-Coveraus-stellung im Foyer der STWST werden. Herzliche Einladung, stay tuned.

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Die Versorgerin als Buch und 124 Covers.
Ab Mai 2020 im STWST Foyer, 1. Stock.

Das  Buchobjekt, bzw das Exponat, versammelt bis zur Nummer 124 die Versorgerinnen im aktuellen Format. Weiters inkludiert sind die früheren Ausgabenformate der 1990er Jahre, die bis 2004 noch unter dem Namen »Versorger« erschienen sind. Auf den ersten Seiten dieses Buchobjektes finden sich als Bildindex außerdem sehr viele der 124 Covers der Versorgerin seit den 1990er Jahren – und damit auch ein Überblicks-Bildindex des Vorhandenen und Verschollenen mit Stand Jänner 2020.

Die Versorgerin als Buch: Ein Zeitungs-, Buch-, Medien-, Archiv- und Kunstprojekt von 2019 anlässlich 40 Jahre STWST
Auflage: 4 Stück – vorläufig 1 gebundenes Exemplar, 3 weitere Exemplare in Schraubzwingen
Projektidee, Umsetzung: STWST New Art Contexts, Versorgerin – namentlich:  Franz Xaver, Tanja Brandmayr, Jakob Breitwieser, Claus Harringer.
In Memoriam Kurt Holzinger, der die Versorgerin maßgeblich vorangetrieben hat.
Versorgerin: versorgerin.stwst.at, newcontext.stwst.at/discursive-media/versorgerin
Digitales Archiv: versorgerin.stwst.at, archive.stwst.at (ältere Nummern)

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