Camera obscura 4.0

Nach »Marx lesen im Informationszeitalter« von 2017 präsentiert Christian Fuchs aktuell mit »Rereading Marx in the Age of Digital Capitalism« eine weitere Relektüre, die den Fallstricken der undialektischen Analyse entkommt.

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts formulierte der Philosoph Ludwig Feuerbach erste Zweifel an einem dazumal populären Gemeinplatz für Prozesse wissenschaftlicher Erkenntnisgenerierung. Bis zum epochalen Bruch mit der vorherrschenden Strömung des transzendentalen Idealismus galt die Camera obscura als ideales Modell für eine szientistische Weltbeobachtung. Bei den Projektionen mithilfe dieses bereits im 13. Jahrhundert bei Sonnenbetrach-tungen eingesetzten Apparats erschien das Abbild eines auf einem materiellen Träger gebannten und von Licht durchfluteten Bildes seitenverkehrt auf der anderen Seite eines abgedunkelten Raumes. Spitzfindige Köpfe wollten darin die Externalisierung eines ansonsten bloß in der Vorstellung gegebenen Objekts und damit eine mit technischen Mitteln bewirkte Ausweitung des menschlichen Bewusstseins erkannt haben. Karl Marx hingegen wies mit der frühen Apparate-Analogie auch das dazugehörige Denkmodell zurück: an obskuren Bildern wie diesen musste etwas verrückt sein, musste sich ein verkehrtes Bild der Netzhaut aufgeprägt haben.

Wenn Karl Marx und Friedrich Engels in Die deutsche Ideologie von 1845 den Begriff der Ideologie im Zusammenhang mit dem Machterhalt der herrschenden Klasse ins Spiel bringen, dann tun sie dies auch in der Absicht, ein Verhältnis nicht auf Basis der Verkehrung, sondern der Widerspiegelung fassbar zu machen. Noch bevor in einschlägigen Debatten von Ideologie als »notwendig falschem Bewusstsein« – so etwa bei Terry Eagleton und Slavoj Žižek – oder einem nahezu omnipräsenten »Verblendungszusammenhang« die Rede sein sollte (lanciert von vielen Vertreter_innen der Kritischen Theorie), fragen die Begründer des wissenschaftlichen Marxismus nach den Zusammenhängen zwischen spätmetaphysischer Weltbetrachtung und bürgerlicher Gesellschaftsordnung in den Schriften von Ludwig Feuerbach, Max Stirner und Bruno Bauer. In Fortsetzung jener marxistisch orientierten Erkenntnistheorie, die die idealistische Illusion einer subjektfrei erkennbaren Realität zugunsten eines reflexiv gebrochenen Erkenntnisprozesses aufkündigt, nähert sich auch Christian Fuchs den gegenwärtigen Verhältnissen zwischen Menschen, Medien und Kapital an. Erst durch die Transubstantiation des ,An Sich‘ im Moment der kritischen Aneignung entsteht das eigentliche Objekt der Erkenntnis:
Medial vermittelte Welten sind für Fuchs nicht einfach Staffage, Beiwerk, Suprastruktur oder Überbauphänomen einer ökonomischen Basis, vielmehr verändern sie Gesellschaft im Moment ihres aneignenden Gebrauchs. Als Kinder des Kalten Krieges ebenso wie der kalifornischen Gegenkultur sorgen Laptops, iPhones, Facebook, Twitter, Instagram, Google, Spotify und Online Banking für weitgehende Veränderungen im Kapitalismus der Gegenwart – so etwa durch Verschiebung der Grenzen zwischen öffentlich und privat infolge von permanentem access, die damit einhergehende Verwischung von Arbeit und Freizeit und die zunehmende Kapitalisierung des Privaten mithilfe von Plattformen wie AirBnB. Fuchs stützt sich bei seinen Ausführungen auch auf das Konzept der »time-space-compression« von David Harvey, der die Schrumpfung des sozialen und geografischen Raumes als jüngsten Clou des Beschleunigungskapitalismus interpretiert.

In der Definionsbreite seines Untersuchungsgegenstands übt Fuchs sich nicht in falscher Bescheidenheit und folgt seinem Vorbild. Als Kommunikationstheoretiker des Kapitalismus war auch Karl Marx durch weit reichende Überlegungen zu den Technologien des 19. Jahrhunderts hervorgetreten, Fuchs zufolge lieferte dieser »a dialectical analysis of technology in capitalism, analysed the new media of his time (such as the telegraph), pointed out the importance of the means of communication in the organisation, acceleration and globalisation of capitalism, discussed the freedom of the press and its limits in a capitalist society, anticipated the emergence of an information economy and society in his analysis of the general intellect [...].« (S. 12) Folglich sind auch Fuchs’ Annäherungsformen an das, was heute digital society heißt, divers. In den ersten vier Kapiteln von »Rereading Marx in the Age of Digital Capitalism« behandelt er digitale Technologien vornehmlich als transformative Gebrauchsobjekte und fetischisierte Waren, wobei die Aspekte der Kontrolle, Überwachung und Enteignung – etwa im Hinblick auf die von User_innen (a)sozialer Medien produzierten und kapitalisierten Daten – im Vordergrund stehen.

Unter Voraussetzung von steuerlichen Erleichterungen und einer durch Monopolbildung zugespitzten Marktdominanz ist es IT-Konzernen wie Apple, Cisco, Microsoft und Google gelungen, mehr als 90 Prozent ihrer Vermögen zu steuerlich günstigen Konditionen in Offshore-Paradiesen anzulegen. Die angebliche »4. Industrielle Revolution«, von der im deutschsprachigen Raum erstmals um 2011 die Rede war, hat sich als solche jedoch nie ereignet, wie Fuchs im fünften Kapitel seines Buches nachweist. Stattdessen handele es sich dabei um eine ideologische Anrufung in der Tradition jener Deutschen Ideologie, für die die falschen Bilder einer Camera obscura einst erkenntnisgenerierend wirkten. Unter Rekurs auf nationale und internationale Wirtschaftsstatistiken der letzten zwanzig Jahre zeigt Fuchs, dass das Wachstum im ITC-Sektor – Information, Technology und Communication – geringer ist, als oft angenommen: Laut OECD-Längsschnittstudie des Zeitraumes 1991-2016 ist seit 2014 in Deutschland in diesem Sektor eine leichte Stagnation der allgemeinen Profitrate auf 30% zu verzeichnen und auch die Wertschöpfung ist keineswegs extensiv. Während der Landwirtschaftssektor in besagtem Zeitraum die größten Zuwächse ebenso wie die größten Verluste aufweist, ist es der Bereich der Serviceleistungen, der punkto Wertschöpfung international die meisten Zuwächse hat: deutschlandweit waren 2016 – dem bislang letzten, in der OECD-Statistik erfassten Jahr – die größten Gewinne im FIRE-Sektor (Finance, Insurance und Real Estate) zu verbuchen.

Marx war kein Maschinenstürmer – und Christian Fuchs ist es ebenso wenig. Anstatt in den Lobgesang der Luddit_innen des 19. Jahrhunderts einzustimmen, die ihre Fertigkeiten durch Frühformen der Automati-sierung bedroht sahen, richtet der Autor seine Aufmerksamkeit etwa auf die Produktionsverhältnisse der Foxconn-Arbeiter_innen, die unter sklavenähnlichen Bedingungen Handys zusammenbauen. Die dominante Ideologie, die diese auf diese Weise erzeugten Waren fetischisiert, will von der sozialen Abwärtsmo-bilität chinesischer Wanderarbeiter_innen nichts wissen, die vom ,Wunderwerk’ der vollautomatisierten Roboter in der Ersten Welt zuallererst betroffen sein werden. Steve Jobs merkte dazu nur lakonisch an, dass Foxconn eben kein Sweatshop sei. Während die Apologent_innen der Industrie 4.0. vom Intelligent-Werden der Objektwelt sprechen, macht der verstärkte Maschineneinsatz sich vor allem durch die internationale Einsparung von Lohnkosten bezahlt. Im Kampf um die Kapitalakkumulation hat ,Genosse Roboter’ sich als treuer Diener erwiesen: in Konkurrenz zu ihm steht eine menschliche Reservearmee, der nun dieselbe Arbeitsleistung in derselben Zeit abverlangt werden kann wie den Automaten. Die tote Arbeit der Maschinen triumphiert über die der Lebendigen – wäre da nicht das Problem des tendenziellen Falls der Profitrate, das infolge von verstärkten Investitionen in capital fixe auftritt. Der seitens der Vertreter_innen der deutschen Industrie lancierte Jagon entpuppt sich vor dem Hintergrund dieses Problems als von ökonomischen Interessen getriebenes Manöver: Qua Automatisierung sollen die hohen Profite aus dem ICT-Sektor sukzessive in den Produktions- und Fertigungssektor übertragen werden, langfristig ist von einem Zusammenwachsen beider Branchen auszugehen.

An Stellen wie diesen erweist Fuchs sich nicht nur als kluger marxistischer Empiriker, der das Handwerk des Jonglierens mit Zahlen perfekt beherrscht, sondern auch als Durchblicker in aufklärerischer Tradition, der selbst dort das Wesen der Ideologie erkennt, wo dieses – so die Wirkungsweise der jeweils dominanten Ideologie einer Gesellschaft – sich unsichtbar zu machen droht. Von ihrem eigentlichen Ziel – nämlich der Reduktion gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit – weit entfernt, weitet die von Marx in seinen Maschinen Fragmenten analysierte Maschine des Kapitalismus das Regime der Surplus-Arbeit kontinuierlich aus, ohne uns dabei freie Zeit zu schenken. Mal als Verkörperung des allgemeinen gesellschaftlichen Wissens – des General Intellect – besungen und mal als verlängerter Arm des kapitalistischen Exploitationsregimes verdammt, weist auch Fuchs auf nahezu jeder Seite seines Buches auf die Ambivalenzen digitaler Technologien hin – und entmystifiziert damit einmal mehr den Fetischcharakter von Ware, Maschine und Medium im konstanten Krisenmanagement des digitalen Kapitalismus. Im letzten Kapitel seines Buches, in dem der Autor das jüngste Werk von Toni Negri und Michael Hardt überfliegt, darf das auch von linker Seite oft gelobte, metaphysische Substrat der Maschine jedoch ein wenig zu ungestört weiterwirken. Auch der General Intellect kann eine Camera obscura sein – der zu kurz gekommenen Kritik an diesem nachhegelianischen Phantom wird der Autor demnächst sicherlich anderswo nachjagen.
 

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Christian Fuchs
Rereading Marx in the Age of Digital Capitalism
Pluto Press, 2019, 131 Seiten

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Illustration der Funktionsweise einer Camera Obscura (vermutlich 18. Jhdt)

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