Alltagsreligion und Distinktionsbedürfnis

Mathias Beschorner über die Ideologie der Postwachstumsökonomie, die den Schriften von Silvio Gesell und Thomas Malthus gegenüber denen von Karl Marx den Vorzug gibt.

Die Postwachstumsökonomie beansprucht die Lösung für die ökologische Krise und den Klimawandel zu sein, fußt auf dem Bericht des Club of Rome, bedient sich aber auch bei Anarchisten wie Silvio Gesell und Ökonomen wie Thomas Malthus, deren Werke[1] als erste (Post-)Wachstumskritiken zu betrachten sind. Viele ihrer Ansätze werden in der Schülerbewegung um Fridays For Future und im Diskurs um den Klimawandel diskutiert und durchaus als ‚radikal‘ begriffen. Inhaltlich verstehen sich die Aktivisten zumeist als recht heterogen, obwohl es einen gemeinsamen Nenner gibt: die Verurteilung von ökonomischem Wachstum, modernen Produktivkräften, Naturzerstörung und Konsumüberfluss.

Mit zumeist implizitem Bezug zur malthusianischen Bevölkerungsfalle, anhand derer natürliche Wachstums- und Bevölkerungsschranken angenommen werden, wird folgendes Szenario gezeichnet: die natürlichen Ressourcen der Erde sind verbraucht, Umwelt und Natur sind zerstört, der Mensch hat sich in der Moderne vollends von seiner (vermeintlichen) ersten Natur entfremdet und der Planet sei von der Übervölkerung durch Konsum-Zombies bedroht. Zugleich werden Entfremdungserscheinungen, Reizüberflutung, Stress und Überforderung sowie steigende Raten an Depressionen diagnostiziert.        
Gegen derlei tatsächliche gesellschaftliche Probleme und Zumutungen der zweiten Natur entwickeln Ökonomen wie Niko Paech Ansätze, in denen das Schrumpfen moderner Produktivkräfte in den Fokus gerückt wird. Damit droht ein Rückfall hinter eine Analyse kapitalistischer Vergesellschaftung; bedient vor allem aber ein Distinktionsbedürfnis gegenüber den arbeitenden Klassen. Bücher wie die von Paech werden innerhalb der Szene als Taschenbuch-Guide gefeiert, um die antizipierte Apokalypse aufzuhalten und dem Wunsch nach Erlösung in einem Unmittelbarkeitsfetisch zu frönen. Vor allem ein Unmittelbarkeitsfetisch, der für (anarchistische) Linke historisch schon immer attraktiv erschien, zieht die Postwachstumsbewegten an. Die Aktivisten haben keinen adäquaten Begriff von Zivilisation und den damit verbundenen dialektischen Verwertungsprozessen des Kapitals und können nicht (mehr) trennen zwischen einer Kritik des »automatischen Subjekts« (Karl Marx) und der Zivilisation selbst. In den Augen Paechs sollte es z.B. kaum transkontinentale Mobilität und Welthandel geben; die Menschen sollten sich gefälligst auf ihren eigenen Schollen und in Kleingärten bewegen und so versorgen. Paech liefert jedoch nicht nur direkte Handlungsanweisungen im Sinne eines Lebensratgebers, sondern setzt auf nationale Lösungen im Sinne einer »Ökonomie der Sesshaftigkeit«. Deshalb ist es kein Zufall, dass Akteure der Neuen Rechten wie Björn Höcke[2] oder Publizisten wie Ken Jebsen seine Theorien affirmativ aufnehmen. Hierbei verbinden sich scheinbar politische Gegner zu Querfront-Gruppen, was paradigmatisch am verschwörungstheoretischen Magazin Compact zu erkennen ist. Zugleich legte Niko Paech in Jebsens YouTube-Kanal KenFM seine Theorie ausführlich dar.                                
Eine Hauptgemeinsamkeit derartiger Querfrontbildungen besteht in einem regressiven antikapitalistischen Antisemitismus und damit in der Suche nach Subjekten, die für ökonomische und ökologische Probleme verantwortlich gemacht werden können. In der Tradition des Anarchisten Silvio Gesell soll hierbei mithilfe von Lokalwährungen bzw. eines Schwundgeldes die Logik des Zinses abgeschafft werden, da dadurch die Anonymität der Produzenten und Konsumenten ausgehebelt würde. Zudem wird die Herrschaft des Kapitals entgegen Marx nicht als »Herrschaft der Sachzwänge« begriffen, sondern im Sinne von herrschenden Akteuren, die intentional Ideologien verwenden, um Menschen zu unterdrücken. Wenn Paech davon spricht, dass das »gegenwärtige Verschuldungssyndrom […] ein Gradmesser für Gier«[3] sei, lässt er sich zu einer Personifizierung gesellschaftlicher Verhältnisse hinreißen und mit dieser Zuschreibung ist es nur noch ein kurzer Gedankengang zur antisemitischen »Ticket-Mentalität« im Sinne Horkheimers und Adornos und der Bezeichnung von Managern als ‚Heuschrecken‘.

Distinktion und Klassenkampf von oben   

Vom strukturell vorherrschenden Antisemitismus abgesehen, predigt Paech in seinen Vorträgen ein Ideal vom »menschlichen Maß«, das durch Konsumverzicht und Subsistenzwirtschaft gegen die ökologische Krise gewendet werden solle. Paechs Entwurf ist damit von den Prämissen der Subsistenz und der Suffizienz geprägt.[4] Subsistenz meint, dass die Menschen zurück zu einer lokalen und kleinteiligen Form von Wirtschaft gehen sollten. Suffizienz meint hingegen einen ethischen und moralischen Verzicht von bestimmten Waren, was als Befreiung von Konsumzwang und Reizüberflutung postmoderner Vergesellschaftung angepriesen wird und an den Impetus der Nachhaltigkeit geknüpft ist. Im Zeitalter überbordender Smartphonenutzung und geplanter Obsoleszenz, trifft das zweifelsfrei etwas Wahres. Was jemand wie Paech hierbei außer Acht lässt, ist jedoch, dass eine derartige Umstellung des Konsums nur Menschen möglich ist, die im Klassenverbund weit oben stehen und sich diese Nachhaltigkeit leisten können.           
Ganz gleich, ob der Verzicht auf billiges Fleisch oder eine vegane Ernährung für das eigene Wohl förderlicher wäre – und das ist es zweifelsfrei: Eine derartig moralisch und zugleich autoritär vorgetragene Absage an massenproduzierte Güter bedient in der Klassengesellschaft lediglich soziale Distinktionsprozesse. Solch eine Umstrukturierung des Konsumverhaltens im System des Kapitalismus ist vor allem Wohlstands- und Mittelschichtseliten vorbehalten, die ihre Reproduktion auf einem weitaus höheren Niveau als der gemeine Proletarier gewährleisten können. Die tägliche Erfahrung der arbeitenden Klassen ist damit eine ganz andere als die, die Postwachstumsbewegte vor Augen haben: das Proletariat lebt nicht im Überfluss und ist strukturell bedingt dazu genötigt, Mist zu konsumieren.    

Von daher bleibt es Paech auch schuldig zu erklären, warum und inwiefern Prekarisierte am Überfluss ‚leiden‘. Folgerichtig sind ihm die arbeitenden Klassen in seinem Zentralwerk keine Erwähnung wert. Der von den Postwachstumsbewegten angestrebte asketische Dünkel erlaubt einen Distinktionsgewinn gegenüber dem Proletariat, so wie die Kontrolle, Optimierung und Überwachung des eigenen (kleinbürgerlichen) Habitus, was in einer von Kälte durchzogenen Gesellschaft Halt zu geben vermag. Hierbei werden schnell Individuen oder selbst Galionsfiguren der Klimabewegung wie Greta Thunberg auf ihr Konsum- und Flugverhalten hin abgeklopft, so als hätte es tatsächlich eine ökologische Relevanz, wie viel Greta denn nun fliegt, was sie isst oder wie sie sich kleidet. Ein ethisch korrekter Konsum im hier und jetzt und unter kapitalistischer Vergesellschaftung ist ohnehin nicht möglich. Ganz im Sinn des Neoliberalismus erscheint es den Subjekten hierbei zuträglicher, die eigenen Lebensgewohnheiten zu hinterfragen, statt ökologische und gesellschaftliche Probleme als hausgemachte der zweiten Natur zu begreifen.

Materialistische Kritik statt Idealismus und Individualisierung gesellschaftlicher Probleme

Denn Paech wartet zugleich idealistisch mit der These auf, dass ein grundsätzlicher Wertewandel angestrebt werden muss, der nur durch ein anderes Bewusstsein der Individuen zu erreichen sei. Damit zeigt sich, dass diese Theorien lediglich zur kapitalistischen Krisenverwaltung geeignet sind, wusste doch schon Marx, dass »das Bestehende anders zu interpretieren, […] [sei, was heißt,] es vermittelst einer anderen Interpretation anzuerkennen«[5]. Paechs Idealismus steht damit pars pro toto für das in der Postwachstumsszene notwendig falsche Bewusstsein (Karl Marx), womit die Parole »[s]o regional wie möglich, so global wie nötig«[6], im besten Fall zur Plattitüde verkommt.                
Derartige Ansätze liefern zwar wohlfeile, aber höchst ideologische Antworten auf ökologische Probleme, die zugleich im Sinne eines ‚Wir müssen den Gürtel nun enger schnallen‘ Sujets konservativer Kulturkritik und neoliberalen Selbstoptimierungszwang transportieren. Damit werden sich ökologische Probleme nicht lösen lassen, denn das Kapital und die mit ihm verbundene Produktionsweise schert sich nicht um Natur und ihm ist schon gar nicht anhand individualistischer und wohlfeiler Konsumkritik beizukommen. Neben einigen Erscheinungen an der Oberfläche der zweiten Natur (steigende Depressionsraten, Überforderung und Reizüberflutung der Subjekte), bleibt der einzige Verdienst der Postwachstumsdiskussion eine versuchte Erkenntnis von Naturzerstörung. Wer dies nicht dem Kapitalverhältnis und dem ihm inhärenten Fetischismus anlasten möchte, sondern durch eine akute Krisenbewältigungsstrategie oder ein Zurück-zur-Natur bewerkstelligen möchte, sollte sich nicht das abgedroschene Label des Emanzipatorischen aufkleben.       

Die apersonale Herrschaft des Kapitals zerstörte den stagnativen Charakter vorindustrieller Produktion und damit die direkte Herrschaft von Menschen über Menschen in Form des feudalistischen Patriarchats. Die moderne Produktionsform des Kapitals entfesselte damit ungeahnte Produktivkräfte, die mit Massenproduktion und medizinischem Fortschritt, aber auch mit der Dialektik von Armut und Reichtum einhergehen. Das Ziel einer materialistischen Kritik sollte jedoch nicht sein, hinter diese Entwicklung zurückzufallen, sondern sich im Sinne Hegels mittels immanenter Kritik der »Lebensform« (Rahel Jaeggi) des Kapitalismus zu entledigen.                   
Deshalb muss sich eine materialistische Perspektive ökologischer Probleme annehmen und nach Antworten suchen, wie eine postkapitalistische Vergesellschaftung sich der Produktivkräfte (Automation/Massenproduktion) bedienen könnte.[7] Materialistische Kritik, die sich ökologischer Probleme annähme, wäre nicht durch einen »geschlossenen Theorieentwurf« (Niko Paech) vorzubilden, denn es braucht kritische Gesellschaftsanalyse, die sich der zur Totalität geronnenen zweiten Natur bewusst ist und die kapitalistische Vergesellschaftung in den Fokus rückt, nicht aber in eine Art zweite Vormoderne zurück will. Ökologische Themen stellen zweifelsfrei einen blinden Fleck innerhalb linker Diskurse dar, der von der Postwachstumsideologie aufgezeigt worden ist. Für sie gilt jedoch das Diktum Theodor W. Adornos: »[…] das Falsche, einmal bestimmt erkannt und präzisiert, [ist] bereits Index des Richtigen, Besseren«.[8]
 

[1] Siehe Gesell, Silvio (1916): Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld (1916) bzw. Malthus, Thomas (1798): The Principle of Population.
[2] Ich folge dem Soziologen Andreas Kemper in seiner Einschätzung, dass sich hinter dem Pseudonym »Landolf Ladig« Björn Höcke verbirgt. Siehe hierzu https://andreaskemper.org/2016/01/09/landolf-ladig-ns-verherrlicher/
[3] Siehe Paech, Befreiung vom Überfluss, S. 18.
[4] Vgl. ebd., S.114.
[5] Siehe MEW 3, S.20.
[6] Siehe Paech, Befreiung vom Überfluss, S.118.
[7] Vgl., Beschorner, Mathias: Roboterkommunismus – nur eine Utopie? In: Versorgerin 123.
[8] Siehe Adorno, Theodor W.: GS, Bd. 10-2, S. 793.

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Auf dem Weg in die Subsistenz? Kleingartenanlage in Schwabing. (Bild: Dan Mihai Pitea (CC BY-SA 4.0))

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