Extrametrisch

Im Rahmen von »The Future Sound« tritt im April Katharina Ernst in der STWST auf. Georg Wilbertz hat sich das polyrhythmische Spiel der Schlagzeugerin angehört.

Der unumgängliche Rechercheblick auf Youtube ergibt ein ernüchterndes Resultat. Gibt man »Schlagzeugerin« oder »female drummer« in die Suchzeile ein, erscheinen zumeist junge Frauen, die unter erheblichem Körpereinsatz (mit oft entsprechend betonender Kleidung) Drumcover bekannter Songs zum Besten geben. Ob das millionenfache Interesse, das diesen Clips entgegengebracht wird, eher der musikalischen Qualität oder anderen Attributen geschuldet ist, mag dahingestellt sein. Zumindest ist es ein unmittelbares Indiz für den Umstand, dass es Schlagzeugerinnen bis heute einigermaßen schwer haben, mit einem traditionell männlich dominierten Instrument auch auf anderen musikalischen Feldern zu reüssieren und erfolgreich arbeiten zu können. Auch wenn sich die Situation langsam verbessert, bleibt eine Schlagzeugerin auf der Bühne eines Jazz- oder Improvisationsfestivals nach wie vor eine – oft genug irritiert bestaunte – Seltenheit.

Mit der inzwischen in Berlin lebenden, aus Wien stammenden Katharina Ernst begegnet uns eine dieser Ausnahmeerscheinungen. Und es verwundert nicht, dass Ernst, sich dieser Ausgangssituation bewusst ist. Bei aller musikalisch-künstlerischen Eigenständigkeit, die Ernst in den letzten Jahren entwickeln und verankern konnte, bleibt der Aspekt der genderneutralen Gleichberechtigung am Schlagzeug eine wichtige Motivation für ihr Tun. Ihr erklärtes Ideal ist es, wenn niemandem mehr auffallen würde, ob Frau oder Mann hinter den Trommeln sitzt.

Auch wenn das Schlagzeug das bevorzugte Instrument ihres künstlerischen Schaffens und Ausdrucks ist, versteht man ihren Umgang und ihre musikalische Herangehensweise nur vor dem Hintergrund einer bewussten Multidisziplinarität. Für diese definiert Ernst auf ihrer Homepage drei sympathisch-lakonische Kategorien (»klingt«, »zeigt« und »klingt & zeigt«). Klickt man sie an, wird deutlich, dass sich hinter jedem Unter-punkt unterschiedlichste künstlerische Aktivitäten und Projekte mit verschiedenen PartnerInnen verbergen.

Körper, Spiel und Klang

Katharina Ernst begann mit dem Schlagzeug im Alter von 9 Jahren. Ihrem Spiel liegt allerdings keine klassisch-akademische Ausbildung zu Grunde, sondern sie erlernte das Instrument durch private Initiative. Studiert hat sie Malerei und bis heute befasst sie sich intensiv mit Zeichnung, Malerei, Installation und Fragen künstlerischer Konzeption. Diesen vielschichtigen biographischen »Überlagerungen« entspricht die Komplexität ihres musikalischen Schaffens, das Grenzbereiche zu Performance, Text und Theater auslotet, berührt und überschreitet. So ist ihre Arbeit für die Bühne gekennzeichnet durch eine vitale, zuweilen fast aggressive Herangehens-weise. Beispielsweise im 2015 uraufgeführten Raststättenstück »Dosen-fleisch« von Ferdinand Schmalz. Katharina Ernst lieferte für die Handlung keinen Hintergrund-Soundtrack, sondern wurde mit ihrem Schlagzeug prominent auf der Bühne positioniert. Ihr Spiel wurde damit zum integralen Teil der Inszenierung, unterstrich oder konterkarierte das Geschehen, trieb die Personen an. Neben der teilweise massiven klanglichen Wirkung spielte dabei die körperliche Präsenz und Ausdruckskraft der Schlag-zeugerin eine wesentliche Rolle. Wie bei kaum einem anderen Instrument verbindet das Schlagzeug – auch für die Zuschauenden – die physische Performance mit dem akustischen Erleben. Nicht wenige SchlagzeugerInnen nutzen die dieser Verbindung innewohnende »Theatralik«, um ihre Wirkung auf das Publikum zu steigern.
Dass auch für Katharina Ernst die Verbindung von Körper, Instrument, Raum und Bewegung elementar ist, machen ihre performativen Arbeiten deutlich. Im 2012 erstmals realisierten »a : z« (ausdehnen / zusammenziehen) interagiert Ernst vermittels Bewegung und isolierten Schlagzeugteilen, die teilweise geworfen, gerollt oder über den Boden geschoben werden, mit dem Raum und seiner Atmosphäre. Körperliche Aktion und akustisches Geschehen werden auf diese Weise raumgreifend in ein unmittelbar wirksames, abstrakt-theatralisches Zusammenspiel gebracht.

Die in derartig performativen Kontexten spürbare expressive Qualität körperlichen Agierens macht einer ruhigeren, konzentrierten Haltung Platz, wenn Katharina Ernst als Solo-Schlagzeugerin am Set spielt. Womit wir wieder bei der Musik wären.

Improvisation und Ordnung

Auch wenn darin eine Vereinfachung liegt, kann man das musikalische Schaffen von Katharina Ernst in zwei grundlegende Richtungen unterscheiden. Einen Pol bildet die freie Improvisation. Neben den Aspekten der Freiheit, der Spontanität und der Möglichkeit des Experiments ist es vor allem die Notwendigkeit zum intensiven musikalischen Dialog, die beim Improvisieren für die Musikerin bedeutend ist. Klanglich kennt die Improvisation keine Beschränkungen, wodurch sich nicht nur das instrumentale Spektrum erweitert. Zugleich entsteht im Idealfall eine musikalische Unmittelbarkeit, die nicht nur das Zusammenspiel der MusikerInnen beeinflusst, sondern sich direkt dem Publikum vermittelt. Es ist häufig ein Spiel der Dekonstruktion, der Irritation und des scheinbar Chaotischen. Den zweiten wesentlichen Pol bilden komponierte, durchstrukturierte Musikstücke für Schlagzeug solo.

2018 veröffentlicht Katharina Ernst mit »Extrametric« (Ventil Records, Wien) ihr erstes Soloalbum, das als Quintessenz einer langjährigen Beschäftigung mit klanglichen und rhythmischen Strukturen und Potentialen des Schlagzeugs betrachtet werden kann. Es fällt eine zunächst kaum bewusst wahrnehmbare, scheinbare Ambivalenz im Umgang mit dem musikalischen Material auf, die auch bei ihrer bildnerischen Arbeit beobachtet werden kann. In beiden Bereichen geht Katharina Ernst durchaus von einem »klassischen«, tradierten und wiedererkennbaren Fundament aus. In den Bildern sind es – teilweise – traditionelle künstlerische Techniken und Mittel. Auf »Extrametic« sind es bekannte klangliche und rhythmische Modi der Perkussion, die innerhalb des Erfahrungshorizonts der ZuhörerInnen liegen. Die archaische Klang- und Geräuschwelt des Schlagzeugs sowie die Bindung an unterschiedlich komplexe rhythmische Strukturen verweisen auf die vertraute Tradition des Instruments und seiner Ausdrucksmittel.

Rhythmus und analoger (quasi »natürlicher«) perkussiver Klang bilden das Grundgerüst der Musik. Das Set wird dabei um eine Vielzahl weiterer Schlaginstrumente erweitert, so dass eine große klangliche Variationsbreite möglich ist. Mittels Drumcomputer und elektronischer Verfremdung werden die analogen Klänge in andere klangliche Sphären überführt, die das reine Schlagzeugspiel unterstützen, konterkarieren und in seiner Wirkung intensivieren. Das Resultat ist eine komplexe, hoch verdichtete akustisch-musikalische Struktur.

Polyrhythmische Verschränkungen

Neben diesen Mitteln ist es vor allem das polyrhythmische Spiel von Katharina Ernst, das die Vielschichtigkeit und Komplexität ihrer Musik auf dem Soloalbum prägt. Die Polyrhythmik ermöglicht es unterschiedliche Patterns und Beats mit- und gegeneinander zu verschränken und zu überlagern. Verschiedene Tempi, Metren und dynamische Charakteristika verstärken den Eindruck eines komplexen, vielfach aufeinander bezogenen musikalischen Geschehens. Zugleich ist eine strukturelle, auf rhythmischen Grundelementen basierende Gleichförmigkeit dominierend, die die HörerInnen zu eigener Bewegung und Tanz verführen kann. Häufig kaum bewusst wahrnehmbare Variationen, Veränderungen und mikrostrukturelle Verschiebungen innerhalb des auskomponierten Ablaufs evozieren bei grundsätzlicher Gleichförmigkeit eine unterschwellige Spannung. Das Zusammenspiel aus definiertem, stabilen Rhythmus, Veränderung und elektroakustischer (»künstlicher«) Verfremdung erzeugt einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann.
Es ist sicher kein Zufall, dass viele dieser Elemente und Mittel an Tendenzen erinnern, die aus der Minimalmusic oder von seriellen Kompositionsmethoden bekannt sind.
Für Katharina Ernst ist es wichtig, dass die so entstehende musikalische Komplexität auch live als Solo-Performance realisiert werden kann. Dabei werden keine Playbacks eingesetzt, sondern sie überblickt und beherrscht in der Aufführungssituation das gesamte Geschehen, kann es beeinflussen, variieren und anpassen.

Trotz der fast manipulativen Dominanz von Rhythmus und Struktur bieten die Solo-Performances von Katharina Ernst in ihrer Vielschichtigkeit für die ZuhörerInnen die Möglichkeit der Wahl, der individuellen Konzentration und des persönlichen Filterns. Auf spannende Weise verbindet Ernst das »Dogma« der festen Struktur mit den Paradigmen von Wahl und Freiheit. In diesem Sinne eine schon fast »politische«, zumindest hoch aktuelle Musik.

www.katharinaernst.com

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Katharina Ernst im Rahmen von: The Future Sound #91, 17. April
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#125
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Katharina Ernst (Bild: Michael Breyer)

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