Der Islam als Natureigenschaft

Warum wir Linke über den Islam nicht reden können.

Bis in die 1990er Jahre behauptete der Diskurs der Rassisten in Österreich und in Deutschland, die Türken würden »uns« deshalb Probleme bereiten - weil sie eben Türken seien. Seit dem Erstarken des politischen Islam, vor allem seit den Anschlägen von Nine-Eleven behauptet der neue rassistische Diskurs, die Türken (die Araber, die Nord-afrikaner...) würden »uns« Probleme bereiten - weil sie Moslems seien.
Seither gilt der Islam als eine, mit Marx zu sprechen, den Türken (Arabern, Nordafrikanern...) »an und für sich selbst zukommende Eigenschaft«[1]. Die Kategorie »Islam« funktioniert hier als Fetisch im Marxschen Verständnis: eine gesellschaftlich (sprich durch das Sich-Bekennen gläubiger Moslems oder durch die Fremdzuschreibung an die Adresse tatsächlicher oder vermeintlicher Moslems) hergestellte Verknüpfung zwischen einzelnen Subjekten und dem Islam erscheint als eine naturgegebene. Der Zusammenhang zwischen dem Islam und den Türken (Arabern, Iranern...) wird als ein unauflöslicher, quasi-genetischer aufgefasst.
Diese volle Identifizierung von Individuen und ganzen Gesellschaften mit der Kategorie »Islam« ist unabdingbare Voraussetzung des neuen Rassismus. Voraussetzung für die Kritik dieses Rassismus wäre daher die Kritik dieser Voraussetzung.

Der sich selbst als »antirassistisch« missverstehende Diskurs vieler Linker und Liberaler kann diese Kritik aber schon deshalb nicht leisten, weil er mit den Hetzern von FPÖ, AfD und Co. die Grundvoraussetzung ihres Diskurses teilt - eben jene Ideologie der »vollen Identität« (Isolde Charim)[2] zwischen Individuen aus bestimmten Gesellschaften und Ländern und »ihrem« Islam, was sich deutlich an Kampfbegriffen wie »Islamophobie« ablesen lässt:

Wer nicht müde wird, »Islamophobie« oder »Islamfeindschaft« als rassistisch zu bezeichnen (oder den neuen Rassismus als »antimuslimisch« zu etikettieren), erklärt den Islam, ohne es zu bemerken, zu einer »rassischen«, quasi genetischen Eigenschaft von Arabern, Türken oder Iranern – eine ihrerseits zutiefst rassistische Position[3]. Und reproduziert, statt sie zu bekämpfen, die rassistische, rechte Ideologie der »vollen Identität« zwischen bestimmten Individuen und der Kategorie Islam. Denn rassistisch ist selbstverständlich nicht die Angst vor einer – oder die Ablehnung einer – Glaubenslehre. Rassistisch ist einzig die fixe und falsche Verknüpfung von Herkunft und Religion.

Für viele »Antirassisten« des linken und liberalen Spektrums hat, genauso wie für Rassisten von FPÖ, AfD und Co., die Beziehung vermeintlicher oder tatsächlicher Moslems zum »Islam« einen buchstäblich existentiellen Charakter. Menschen, die aus Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehrheit stammen oder einen entsprechenden »Migrationshintergrund« haben, kommt aus dieser Perspektive außerhalb der Sphäre des Islams kein Existenzrecht zu. Aus dieser Sicht ist die oder der vermeintliche oder tatsächliche Muslima oder Moslem durch und durch Moslem, scheint mit dem »Islam« nicht bloß identifiziert – sondern identisch zu sein.

Was hier, in der Regel unbemerkt, auf der symbolischen Ebene des Diskurses passiert, hat im Umgang vieler islamischer Gesellschaften mit dem Phänomen der Apostasie, des Abfalls vom Islam, eine unheimliche reale Entsprechung: In Saudi-Arabien, Sudan, Jemen, Iran, Katar, Pakistan, Afghanistan, Somalia und Mauretanien kann der Abfall vom Islam mit dem Tode bestraft werden.

Was würde es aber bedeuten, diese weit verbreitete Ideologie der »vollen Identität« zu brechen – jene falsche Verknüpfung zwischen dem Islam und Individuen aus Ländern mit islamischer Bevölkerungsmehrheit aufzulösen?
Es würde zum einen dem trivialen Umstand Rechnung tragen, dass Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehrheit selbstverständlich nicht nur aus bekennenden Moslems bestehen, sondern auch aus Christen, Juden, Atheisten, Agnostikern etc., und dass dies natürlich auch für aus diesen Ländern stammenden Migranten gilt. Jenen vermeintlichen (aus der Sicht der FPÖ und Pegida-Rassisten) »optischen Moslems«, denen häufig die selben Ressentiments entgegengebracht werden, wie ihren moslemischen Landsleuten.
Entscheidender ist aber, dass ein großer Teil der in Deutschland lebenden Migranten oder von Menschen mit »Migrationshintergrund«, die aus Ländern mit islamischer Bevölkerungsmehrheit (und auch tatsächlich aus moslemischen Familien) stammen, in Umfragen angibt, nicht Moslem zu sein. Zum Beispiel 50 Prozent der aus dem Iran, 63 Prozent der aus Südosteuropa oder 36 Prozent der aus dem Nahen Osten stammenden Befragten.

»Hinzu kommt«, so die Sozialwissenschaftlerin Riem Spielhaus, »ein auf den ersten Blick überraschendes Ergebnis, das ... bis heute kaum wahrgenommen und diskutiert wurde: Ein signifikanter Anteil der Befragten, die sich laut Studie durchaus zum Islam bekannten [Hervorhebung von mir], charakterisierte sich außerdem als ,nicht gläubig‘ oder ,eher nicht gläubig‘ ... anders gesagt, spielt der Glaube für sie keine große Rolle in ihrem Leben.«

Und:

»Menschen aus moslemischen Ländern werden ... immer wieder mit der Frage nach der religiösen Zugehörigkeit konfrontiert und unabhängig von ihrer eigenen religiösen Praxis oder Selbstdefinition zum Moslem erklärt oder nehmen diese Zuschreibung an, ohne dass dies notwendigerweise ihre Lebensrealität widerspiegelt.«[4]

Zuschreibungen solcher Art haben mitunter fatale Folgen. Im Juli 2016 berichtete ZEIT ONLINE über den iranischen Asylwerber Reza Hashemi (Name geändert). Bei dessen erstem Interview im deutschen Bad Berleburg weigerte sich der Dolmetscher zu übersetzen, dass er Atheist sei. »Er sagte mir: ‚Du bist Iraner, also bist du Schiit‘.«[5]

Die Brechung dieser Ideologie der vollen Identität wäre aber nicht nur für atheistische Asylwerber aus Ländern mit islamischer Bevölkerungsmehrheit von Bedeutung, sondern auch und gerade im Blick auf jene Menschen, die sich tatsächlich »voll« mit dem Islam identifizieren. Denen die volle Identifizierung mit dem Islam also nicht bloß von außen zugeschrieben wird.
Genau hier, wo Menschen sich mit ihrer eigenen Unterwerfung identifizieren, ihre eigene Unterdrückung begehren und aus der Identifikation mit ihrer Unterwerfung Selbstachtung beziehen, sollte linke emanzipatorische Religionskritik ansetzen. Denn: Herrschaft kann sich ohne Identifizierungsprozesse dieser Art weder etablieren noch reproduzieren.

Voraussetzung einer solchen Kritik wäre aber die Erkenntnis
- dass weder »Kulturen« noch Religionen unauflöslich mit bestimmten Ländern, Gesellschaften oder Individuen verknüpft sind,

- dass Menschen ihre Religion auch ändern, dass Religionen, wie im Lauf der Geschichte immer wieder der Fall, schlicht aussterben können,

- vor allem, dass Individuen nicht auf »ihre« Kultur oder ihre (vermeintliche oder tatsächliche) Religion reduzierbar sind.

Linke, welche die Ideologie der »vollen Identität«, ohne es zu bemerken, mit den Rechten teilen – eine Ideologie, die zwischen dem Islam und einzelnen Individuen keinen Unterschied macht – und denen folglich die Inschutznahme einer Glaubenslehre »antirassistisch« erscheint, haben jeden Anspruch auf Religionskritik aufgegeben.

Weil aber »Kritik an der Religion die Voraussetzung aller Kritik«[6] ist, wie Marx anmerkt, und daher die Voraussetzung jeder Emanzipation, ist gesellschaftliche Emanzipation ohne die Emanzipation der Gesellschaft von Religion nicht zu haben. Die Preisgabe des Anspruchs auf Religionskritik bedeutet somit nichts anderes als die Preisgabe des Anspruchs auf gesellschaftliche Emanzipation – anders gesagt: den Tod des linken Projekts.

Konfrontiert mit diesem Vorwurf und dieser Kritik, reagieren linke Vertreter der Ideologie der »vollen Identität« mit Formeln wie: »Religionskritik allein reicht nicht aus. Religiöser Fundamentalismus muss im Blick auf seine sozialen Entstehungsbedingungen analysiert werden und auf der Basis einer Kritik des Kapitalismus/der Macht/des Imperialismus... ».
Dass der Begriff »religiöser Fundamentalismus« genau hier ins Spiel kommt, ist kein Zufall, sondern typisch für das Diskussionsverhalten vieler Vertreter des linken Spektrums. In ihrer Reaktion auf den Vorwurf, sie seien nicht in der Lage, (kritisch) über Religion zu reden, reden sie nicht über Religion, sondern – über »Fundamentalismus«. Im Falle des Islam: statt über den Islam – über den »Islamismus«. Mehr dazu später.

Zunächst aber: Das Argument »Religionskritik ist zu wenig, entscheidend ist die Kritik des Kapitalismus/der Macht/des Imperialismus...«, verkennt, dass jegliche Macht (politische, wirtschaftliche, religiöse...), um sich etablieren und reproduzieren zu können, nicht nur unterdrücken darf. Wenn sie »stark« sein will, wie Foucault sagt[7], muss sie die Subjekte, die ihr unterworfen sind, dazu verführen, sich mit ihrer eigenen Unterwerfung zu identifizieren, ihre eigene Unterdrückung zu begehren – und: aus der Identifikation mit ihrer Unterwerfung Selbstachtung zu beziehen.
Und weil »Identifizierung mit der eigenen Unterdrückung, aus der frau/man Selbstachtung bezieht« (in der Sprache der Psychoanalyse: narzisstische Lust) ein anderer Name für den Glauben ist - bildet Religionskritik den Kern jeder Machtkritik.
Die Strategie, Religionskritik klein zu reden, indem man sie von der Kritik der Macht oder des Kapitalismus künstlich trennt, um daraufhin zu behaupten: »Religionskritik alleine ist zu wenig. Entscheidend ist Macht- und Kapitalismuskritik« beraubt Machtkritik und Kapitalismuskritik ihrer Substanz. Und erinnert an die alte, in linken Debatten immer wieder reproduzierte Rede vom »Hauptwiderspruch« (der Klassengesellschaft) und vom »Nebenwiderspruch« (der Frauenunterdrückung).

Am 8. März 1979, wenige Wochen nach dem Sieg der islamischen Revolution, demonstrierten zehntausende iranische Frauen mit Parolen wie »Freiheit ist weder westlich noch östlich – sondern universell« gegen die drohende Einführung des Kopftuchzwangs. Um sie mundtot zu machen, wurde ihnen die iranische Version der Formel vom Haupt- und vom Nebenwiderspruch entgegengeknallt: Sie mögen bitte ihren kleinlichen Kampf gegen religiöse Bevormundung bleiben lassen, um das große »antiimperialistische Bündnis« mit den islamischen Machthabern, von dem viele iranische Linke phantasierten, ja nicht zu gefährden.
Gut möglich, dass in den Debatten jener Tage auch von Religionskritik die Rede war. Wäre dem so, wäre das Argument »Religionskritik allein« (in jenen Tagen: Kritik an der religiösen Unterdrückung von Frauen) sei zweitrangig, weil »zu wenig«, wichtig sei »Machtkritik« (in jenen Tagen: Kritik am »Imperialismus«), den linken Verbündeten der islamischen Machthaber sicher sehr brauchbar erschienen.
Ähnlich »brauchbar«, wie es den vielen anderen – untereinander durchaus unterschiedlichen - Vertretern des linken Spektrums erscheinen müßte, die sich mit der islamischen Revolution solidarisch zeigten.
Oder heute in der Islamischen Republik Iran einen strategischen Verbündeten sehen:

- Jenen »Antiimperialisten« etwa, die, wann immer von Menschenrechts-verletzungen im Iran die Rede ist, diese verharmlosen, relativieren oder verteidigen (»In Saudi-Arabien, Guantanamo, Abu Ghraib ... ist es/war es viel schlimmer!«). Und den Iran, in dem, genauso wie in Saudi-Arabien, ein brutaler, mafiös durchwachsener Kapitalismus herrscht, nicht selten als »antikapitalistische Insel« im kapitalistischen Weltsystem halluzinieren.

- Oder John Rose, dem Nahostexperten der Socialist Worker Party, der 2009, am Höhepunkt der Massenproteste im Iran, seine volle Unterstützung für die islamische Revolution von 1979 bekundete.

- Auch der brillante linke Theoretiker Slavoj Zizek, an sich ein scharfsichtiger innerer Kritiker der Linken, scheint eine Schwäche für den sogenannten politischen Islam zu haben. So schreibt er in seinem Buch »Auf verlorenem Posten«, er sei »versucht, zu behaupten«, dass der Islam »seine wahre Größe [...] aus seiner potentiellen politischen Anwendbarkeit«[8] beziehe.

- Oder: Der verstorbene venezolanische Präsident Hugo Chávez, der dem Iran 2006 seinen »bedingungslosen Beistand« im Kampf gegen den Imperialismus zusicherte, und bis zu seinem Tod herzliche Beziehungen zu Irans Ex-Präsident Ahmadinejad pflegte.

Die Liste ließe sich fortsetzen.

Jene Machtkritik, die in Formeln wie »Religionskritik ist zu wenig - was wir brauchen, ist Machtkritik« in Stellung gebracht wird, erweist sich übrigens bei genauerer Betrachtung noch aus einem anderen Grund buchstäblich als gegenstandslos: Lösen sich doch die Individuen, denen Machtkritik zugutekommen soll, in der vollen Identität mit »ihrer« Muslimness (noch ein Begriff aus der Diskurskiste der Ideologie der »vollen Identität«) gänzlich auf. Vergehen, frei nach Rilke, vor dem »stärkeren Dasein« des Islam. Werden als – von »ihrer« Kultur unterschiedene – Subjekte aus dem Diskurs eliminiert.
An dieser Stelle mögen linke Vertreter der Ideologie der »vollen Identität« einwenden (und diesem Einwand bin ich tatsächlich häufig begegnet), dass Begriffe wie »Muslimness« oder »Islamophobie« ganz so wörtlich und ganz so buchstäblich nicht gemeint seien. Dass »Islamophobie« oder »Muslimness« Begriffe seien, die man bei Bedarf einfach durch »brauchbarere« ersetzen könne.
Für die, die so reden, sind Begriffe bloße Instrumente des Diskurses. Je nach »Brauchbarkeit« konstruier-, einsetz- und austauschbar. Dass unser Denken und Handeln von so etwas wie Ideologie gesteuert wird, dass Ideologie – als sich selbst undurchsichtiges, falsches Bewusstsein - in Begriffen transportiert wird. Und dass dies, frei nach Marx, »hinter unserem Rücken« geschieht – das alles übersehen jene linken Vertreter der Ideologie der »vollen Identität« dank ihrer instrumentellen Sicht auf Sprache und auf ihre Begriffe. Sie übersehen es, um dann in ihren Diskursen eben dieses »Hinter-dem-Rücken«, also die Tatsache, dass sie gar nicht Herrinnen und Herren ihres eigenen Redens sind, in didaktischer Anschaulichkeit vorzuführen.

Dort etwa, wo linke Vertreter der Ideologie der »vollen Identität« zugeben, dass es am Islam durchaus Kritikwürdiges gäbe, dass »Islamkritik« daher auf jeden Fall möglich sein müsse. Da sie aber zwischen vermeintlichen oder tatsächlichen Muslimen auf der einen und dem Islam auf der anderen Seite genauso wenig zu unterscheiden wissen, wie zwischen dem Islam als herrschende und repressive Ideologie in islamisch geprägten Gesellschaften und jenen »bei uns« lebenden, »von dort« stammenden Objekten rassistischen Ressentiments – wird ihnen »der Islam selbst«, wie gezeigt, zum Schutzobjekt.
Sie müssen es daher, ihrer Bekundung »Kritik am Islam muss möglich sein« zum Trotz mit akribischer Sorgfalt – aber ohne es selbst zu bemerken –vermeiden, auch nur Berührungspunkte zwischen dem Islam und Problemen islamisch geprägter Gesellschaften gelten zu lassen. Der heute im linken und im liberalen Spektrum dominierende Diskurs übersetzt den hochkomplexen Zusammenhang zwischen dem sogenannten politischen und dem traditionellen Islam in die simple Dichotomie:

»Islam = (an sich) gut« versus »Islamismus = böse«.

Die Gefahr, einem Zusammenhang zwischen dem Islam und einer, wie immer gearteten, Problematik zu begegnen, löst bei Vertretern dieses Diskurses Unbehagen aus. Wie gut, dass es den brauchbaren Begriff »Islamismus« gibt. Man füge dem Begriff »Islam« die fünf magischen Buchstaben »ismus« hinzu – schon ist das Unbehagen beseitigt.
Das Unbehagen, aber nicht das Problem. Dieses wird im Gegenteil größer. Etwa dann, wenn wir uns den – mehr als absurden – Konsequenzen stellen, die sich aus der Etikettierung patriarchaler Strukturen in islamisch geprägten Gesellschaften als »islamistisch«, und nicht etwa als islamisch, ergeben. Eine Zuschreibung, der man in linken »feministischen« Debatten immer wieder begegnet. Wären nämlich patriarchale Strukturen in jenen Gesellschaften tatsächlich »islamistisch« inspiriert, und nicht etwa islamisch, dann hätte erst das moderne Phänomen des »Islamismus« islamisch geprägten Gesellschaften patriarchale Strukturen beschert. Vom »Islamismus« kann aber erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts, frühestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Rede sein. Vor dem 20. Jahrhundert hätte es in islamisch geprägten Gesellschaften demnach weder patriarchale Strukturen gegeben noch patriarchale Gewalt. Der Islam wäre, anders gesagt, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eine feministische Glaubenslehre mit einer feministischen Glaubenspraxis gewesen.

In der Islamischen Republik Iran sind bekanntlich »Islamisten« an der Macht. Dem iranischen Rechtssystem liegt seit dem Sieg der »islamistisch inspirierten« islamischen Revolution von 1979 die Scharia zugrunde. Die Scharia, auf die das iranische Recht gründet, ist nun aber, da eine »islamistische« Scharia nicht existiert, keine »islamistische« - sondern die traditionelle islamische. Auf der Grundlage eben dieser islamischen - nicht islamistischen - Scharia werden nach offiziellen Angaben der Islamischen Republik Iran jährlich zehntausende Mädchen zwischen zehn und vierzehn Jahren (und immer wieder auch Mädchen unter neun Jahren) verheiratet. Auch zahllose andere gesetzlich festgeschriebene Menschrechtsverletzungen (Todesstrafen für Apostaten und Homosexuelle, Steinigung von »Ehebrecherinnen« etc.) haben ihre Grundlage in der islamischen Scharia.

Dieses allzu Sichtbare zu sehen – daran hindert die linken und liberalen Vertreter der Ideologie der »vollen Identität« ein Unsichtbares: Dass sie nicht durchschauen, dass ihr eigenes falsches Bewusstsein zwischen einem Glaubenssystem und den Menschen, die sich (vermeintlich oder tatsächlich) zu diesem bekennen, keinen Unterschied macht. So muss ihnen jede Verurteilung dieses Glaubenssystems als »rassistische« Verunglimpfung jener Menschen erscheinen. Den offensichtlichen Zusammenhang zwischen Menschenrechtsverletzungen – etwa im Iran – und der islamischen Scharia können sie weder gelten lassen noch denken. Menschenrechtsverletzungen in islamisch geprägten Gesellschaften sind für sie stets »islamistische«.

Dass viele Vertreter des linken und liberalen Spektrums, allen Lippenbekenntnissen (»Islamkritik muss möglich sein«) zum Trotz, sichtlich davor zurückschrecken, zwischen dem Islam und konkreten Problemen islamisch geprägter Gesellschaften auch nur Berührungspunkte gelten zu lassen – Problematisches schreiben sie, wie gezeigt, ausnahmslos dem »Islamismus« zu –, offenbart ihr tiefes Unvermögen, dem Islam gegenüber eine auch nur annähernd kritische Haltung einzunehmen. Wer aber die Realität auf so durchschaubare Weise abschafft, schafft zuallererst seine eigene Glaubwürdigkeit ab. Und spielt den Rassisten von FPÖ, AfD und Co. in die Hände, statt sie zu bekämpfen.

Angesichts dieser Selbstdemontage vieler Linker in Sachen Religionskritik können in der Auseinandersetzung mit rechten Hetzern auch ihre richtigen Argumente ihre Wirkung verfehlen. Etwa jenes, dass soziale Deklassierung zu religiöser Radikalisierung beitragen kann. Den Rassisten fällt es dann leicht, diese richtigen Hinweise auf die soziale Mitbedingtheit vermeintlicher oder tatsächlicher religiöser Phänomene als Relativierung problematischer Aspekte des Islam zu diffamieren.

Das ist bedauerlich, weil die Erkenntnis, dass Moslems nicht immer als Moslems, also nicht immer »aus ihrem Glauben heraus« handeln, zu Ende gedacht, die Ideologie der vollen Identität (zwischen real existierenden Subjekten und Gesellschaften und dem Islam) brechen würde. Bevor das geschehen kann, müssten aber jene Linke und Liberale diese Ideologie, die ihre Positionen in der Islam-Debatte wesentlich bestimmt, überhaupt erst in den Blick bekommen. Sie müssten sich also »in Sachen Islam« selbst verstehen.

Im Islam-Diskurs des linken und liberalen Mainstreams gibt es also Unverstandenes. Diesem Unverstandenen sollten wir uns zu nähern – und zu verstehen versuchen, wie es z.B. dazu kommt, dass Liberale und Linke in Reaktion auf den Diskurs der Rassisten die Ablehnung eines Glaubensbekenntnisses als rassistisch auffassen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Erkenntnis ihrer blinden Flecken in Sachen »Islam« Linke und Liberale befähigen könnte, die neuen rassistischen Hetzer wirksam zu bekämpfen, statt ihnen immer wieder auf den Leim zu gehen.

 

[1] Karl Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Berlin 2009, S. 131
[2] Isolde Charim, Volle Identität gegen nicht-volle. In R. Just, G.R. Schor (Hrsg.), Vorboten der Barbarei, Hamburg 2011, S. 11-16
[3] An dieser Stelle bin ich häufig dem Einwand begegnet, dass sich die Rede von »Islamophobie« oder von »antimuslimischem Rassismus« auf den Diskurs der neuen Rassisten bezöge. Dass also das Wortteil »Islam« in »Islamophobie« und das Wortteil »muslimisch« in »antimuslimisch« nicht auf eine real existierende Gruppe, sondern auf die Rede der Rassisten verwiesen. Nehmen wir an, es wäre so. Dann wäre es dennoch falsch, beim Reden über den neuen rassistischen Diskurs stets bei den Identitätsvorgaben der Rassisten zu bleiben – statt ihre identitären Begriffe zu dekonstruieren. Hinzu kommt: Beim Begriff »Rasse« im traditionellen Rassismus handelt es sich natürlich um einen imaginären Begriff, um ein Hirngespinst in den Köpfen der Rassisten. So wie es sich im Diskurs des neuen kulturalistischen Rassismus bei Begriffen wie »Kultur«, »Islam«, »islamische Kultur« etc. um imaginäre Konstrukte handelt. Auch wenn wir nun annehmen, dass jene Linke und Liberale, die etwa den Begriff »antimuslimischer Rassismus« verwenden, an ein imaginäres kulturalistisches Konstrukt in den Köpfen der neuen Rassisten denken, sind wir hier mit dem gravierenden Problem konfrontiert, dass sich die Begriffe »muslimisch« und »Islam« im allgemeinen Sprachgebrauch stets auf die real existierende muslimische Glaubenslehre und Glaubenspraxis sowie auf die real existierende muslimische Glaubensgemeinschaft beziehen – und nicht auf ein imaginäres kulturalistisches Konstrukt. Weshalb Begriffe wie »antimuslimischer Rassismus« oder »Islamophobie« unweigerlich die falsche Vorstellung wachrufen, kritische oder ablehnende Positionen gegenüber der real existierenden muslimischen Glaubenslehre bzw. Glaubenspraxis (oder religiöser Hass gegen real existierende Muslime) in einem – wie immer gearteten – Zusammenhang mit »Rassismus« stehen könnten. Zum Unterschied zwischen Rassismus, religiösem Hass und Religionskritik siehe: Till Schmidt/Sama Maani, Falsche Begriffe wie »Islamophobie« reproduzieren den neuen Rassismus. In: Jungle World, Nr. 13/2018, 29.03.2018
[4] https://mediendienst-integration.de/fileadmin/Dateien/Muslime_Spielhaus_MDI.pdf
[5] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-07/atheisten-fluechtlinge-islam-religion
[6] Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: Karl Marx; Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, Berlin 1976, S. 378
[7] Michel Foucault, Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin, Berlin 1976, S. 109
[8] Slavoj Zizek, Auf verlorenem Posten, Frankfurt am Main 2008, S. 87 f.

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