Vergessenwollen und Geschichtsfälschung

Paul Schuberth hat mit der Autorin Hanna Sukare über ihren Roman »Schwedenreiter« und die Kontroverse, die ihn begleitet, gesprochen.

Im Jahr 2019 jährt sich zum 75. Mal der »Sturm auf Goldegg«. Am 2. Juli 1944 überfielen ein SS-Bataillon und 70 Gestapo-Männer die Pongauer Gemeinde Goldegg-Weng. Sie machten Jagd auf sieben Wehrmachts-deserteure und deren Unterstützerinnen. Mehr als fünfzig Menschen wurden verhaftet und gefoltert, 14 Personen wurden während und in der Folge des Überfalls ermordet, 21 Personen wurden in Konzentrationslager deportiert oder in ein Strafbataillon gezwungen.
Bis heute wird dieser Überfall in der Region unterschiedlich interpretiert – um es vorsichtig auszudrücken. Die 2008 erschienene Ortschronik der Gemeinde Goldegg bezeichnet die Deserteure als »Landplage« und liefert damit beinahe eine Rechtfertigung für den »Sturm auf Goldegg«.
Seit vielen Jahren bemüht sich der »Verein der Freunde des Deserteur-denkmals in Goldegg« um die Aufarbeitung dieses Salzburger Kapitels der NS-Geschichte.
Nun hat Hanna Sukare mit »Schwedenreiter« einen großartigen Roman veröffentlicht, der zwar in der fiktiven Gemeinde Stumpf spielt, aber ganz klar auf die Ereignisse in Goldegg Bezug nimmt. Das scheinen auch jene verstanden zu haben, die kurz nach dem ersten Fernsehbericht über den Roman das Deserteursdenkmal in Goldegg mit grüner Farbe beschmierten und dabei die Namen der Todesopfer des »Sturm auf Goldegg« feinsäuberlich unkenntlich machten.

Paul Schuberth: Sie verweisen in Ihrem Buch auf Franz Innerhofer, Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann. Steht der »Schweden-reiter«, den Sie einen Heimatroman nennen, in einer bestimmten Tradition?

Hanna Sukare: Innerhofers Schöne Tage und Bernhards Frost gehören zu den Büchern, in denen die Hauptfigur, Paul Schwedenreiter, »seine Gegend findet«, wie er sagt. Diese Texte lassen ihn verstehen, dass er nicht der einzige Außenseiter in diesem Land ist, sie lindern seine Einsamkeit und machen ihn zum Leser. Texte wie diese werden als »Anti-Heimatroman« bezeichnet. »Anti« erscheint mir überflüssig, die erwähnten Werke, und da wären weitere zu nennen, sind für mich Heimat-romane im besten Sinne des Wortes. Sie setzen sich intensiv mit den Widersprüchen, Bitternissen, Gemeinheiten und Lügen der Heimat auseinander, viele tragen zur Sichtung des österreichischen nationalsozialistischen Erbes bei. Ohne diese Romane würde die Heimat an ihren nationalistischen Selbstbeweihräucherern ersticken.
Von Anti-Heimatroman spricht man wohl, weil die Blut-und-Boden- sowie die Trivialliteratur den Heimatbegriff für sich vereinnahmt haben. Aus dieser Umklammerung ließe sich der Begriff befreien.
Heimat bezeichnet Haus und Hof ebenso wie das Land oder den Landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden Aufenthalt hat, selbst die ganze Erde kann Heimat sein. Das ist ein altes, seit dem 15. Jahrhundert nachweisbares Wort, in dem der Flüchtling ebenso geborgen ist wie die Person, deren Familie seit Generationen in einer Gegend lebt. Ich lasse mir die Heimat nicht wegnehmen von Leuten, die Rechtsextremismus oder Schund herstellen.
Paul Schwedenreiter bezweifelt das Bild, das sein Herkunftsort Stumpf von seiner NS-Geschichte zeichnet, er will die Fehlstellen dieses Bildes ergänzen. Schwedenreiter bündelt seine Aufmerksamkeit auf den geographisch kleinen Raum seiner Herkunft und eine kurze Zeitspanne. Diese Verengung wirkt wie ein Vergrößerungsglas, das ihm letztlich Einblicke in die Nachkriegsgeschichte des ganzen Landes ermöglicht.

Ihr Buch ist eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion, aus einer Art historischem Roman und Liebes-geschichte. Haben Sie schnell die adäquate Form für dieses heikle Thema gefunden?

Das Finden der Form gehört für mich zum langwierigsten und interessantesten Teil der Arbeit. Die Liebesgeschichte brauchte ich wohl als Gewicht gegen die Dokumentation der Karriere dieses SS-Mannes.

Ihre Hauptfigur lassen Sie die Geschichte eines Waffen-SS-Obersturmführers, der sich als der Retter der ganzen Gemeinde aufspielt, erforschen. Wie gestaltete sich Ihre eigene Recherche für das Buch?

Ausgangspunkt und Motivation für das Buch waren Gespräche mit Nachfahren der Goldegger Deserteure.
Dann galt mein Interesse den Geschichten über die Nazizeit in der Ortschronik Goldegg. Diese Geschichten tun so, als überlieferten sie historisch gesicherte Tatsachen. Doch so ist es nicht, zu schwerwiegend sind die Fehler und Ungenauigkeiten. Insbesondere die Behauptungen des SS-Adjutanten des Salzburger Gauleiters Scheel, die in der Chronik eine besondere Rolle spielen, mussten überprüft werden. In österreichischen Archiven und im Bundesarchiv Berlin fand ich Dokumente, die eine Bewertung dieser Behauptungen ermöglichten.
Die Biographien und historischen Dokumente betreffend die Goldegger Deserteure und deren Unterstützerinnen, die der Verein der Freunde des Deserteurdenkmals in Goldegg erschlossen hat, waren eine weitere wichtige Quelle.

In Ihrem Roman heißt es: »Vielleicht ... hält die Erinnerungsverweigerung die Erinnerung an die Deserteure länger am Leben, als es ein Gedenkstein könnte.« Das erinnert mich an Eike Geisels Annahme, Erinnerung in Deutschland sei die höchste Form des Vergessens. Gibt es eine richtige Form des Erinnerns?

Erinnern ist eine Tätigkeit, die nicht die eine richtige Form hat. Österreich besitzt eine stark ausgeprägte aristokratische Erinnerungskultur – Kaisergruft, Schatzkammer, Kunsthistorisches Museum etc. –, die klerikale Erinnerungskultur lässt sich an den Feiertagen ablesen, und die militärische zeigt sich beispielsweise an den Soldatendenkmälern und Kameradschaftsbünden in den meisten österreichischen Gemeinden.
Weniger ausgeprägt und erst Jahre nach dem Krieg entstanden, ist die Erinnerung an den Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime und an Personen, die Opfer dieses Regimes wurden. Von dieser jüngsten Erinnerungskultur wird öfters gefordert, damit müsse nun endlich einmal Schluss sein. Leute, die solches fordern, regen jedoch nicht an, die Kaisergruft zu schließen, auf ein Kriegerdenkmal zu verzichten oder auf den Stefanitag. Zwischen den verschiedenen Erinnerungskulturen in Österreich besteht eine Schieflage zugunsten der aristokratischen, klerikalen und militärischen.
Einzelne Politiker oder Organisationen versuchen, die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus für ihre eigenen Zwecke zu vereinnahmen. Für mich ist das jedoch kein Grund, jede Erinnerung an diese Opfer als Form des Vergessens zu diskreditieren. Allein schon deshalb nicht, weil es oft die Nachfahren der Opfer sind, die Gedenktage und Erinnerungsorte gestalten. Besonders die Orte sind wichtig, denn die meisten NS-Opfer haben keine Gräber. Individuelle Grabstellen mit den Namen der Opfer ließen die Nazis ja nicht zu. Noch viele Generationen werden sich damit beschäftigen, adäquate Formen des Erinnerns an die Verbrechen des Nationalsozialismus und an dessen Opfer zu finden und aufrechtzuerhalten. Imre Kertész schreibt, dass es »vielleicht ... Jahrhunderte dauern wird, bis sich die Menschheit dessen bewusst wird, dass Auschwitz das größte Trauma der Menschen in Europa ist. ... Auschwitz und Sibirien sind vergangen und haben das menschliche Bewusstsein kaum berührt, ethisch gesehen hat sich nichts geändert.«[1]

An einer Stelle lassen Sie Ihre Hauptfigur, Paul Schwedenreiter, sagen: »Ich bin in meiner Zeit auf der Hut, wenn einer nichts kann, als sich Neu nennen.« Nicht nur ich verstehe das als Seitenhieb auf die aktuelle österreichische Politik. Wie ist es, angesichts des rechtsextremen Einflusses, um die Zukunft der Erinnerung bestellt? Wird man sich gar bald an Neues erinnern müssen?

Die Amtsträger oder Mitglieder einer der beiden österreichischen Regierungsparteien begehen so häufig und regelmäßig rechtsextreme Provokationen, jede als Einzelfall bezeichnet, dass ich nicht in der Lage bin, mich an alle zu erinnern. Zum Glück hält zum Beispiel Der Standard die Erinnerung an das neue Alte wach, indem er seit Amtsantritt dieser Rechtsaußen-Koalition die rechtsextremen Provokationen dokumentiert und laufend aktualisiert.

Sie nennen die Täter beim Namen, nicht aber den Ort des Geschehens. Die Handlung lassen Sie im fiktiven Ort Stumpf spielen. Weshalb?

Ich versuche zu verstehen, was Österreich aus seinem nationalsozialistischen Erbe macht. Stumpf ist ein Beispiel. Ein Porträt von Goldegg interessierte mich nicht, gleichwohl spielt mein Text vor dem Hintergrund der dortigen historischen Ereignisse. Schwedenreiter sucht nicht die Konfrontation mit Stumpf, sondern will seinen Vorfahren, die widerständig waren und deshalb von den Nationalsozialisten terrorisiert wurden, den gebührenden Platz in der Erinnerung des Ortes geben.
Die Recherchen zeigten, nicht nur Stumpf, sondern das ganze Land ist mit dem Vergessenwollen seiner Nazigeschichte infiziert. Die meisten nationalsozialistischen Täter wurden nicht bestraft, sondern schnell in die Nachkriegsgesellschaft integriert, während Österreich den Opfern des Nationalsozialismus Unterstützung und Wiedergutmachung so lange wie möglich versagte.

Die Gemeinde Goldegg lässt nun ihre Chronik, in der die Deserteure als »Landplage« verunglimpft werden, überarbeiten. Dieser »Erfolg« hängt offensichtlich mit der Veröffentlichung Ihres Romans zusammen. Wie lange hätte dieser Schritt ohne Sie auf sich warten lassen?

Keine Ahnung. Die Gemeinde Goldegg streitet ab, die Neufassung ihrer Chronik hätte etwas mit meinem Buch zu tun. Mir ist das gleichgültig. Außerdem hat die langjährige Arbeit des Vereins der Freunde des Deserteursdenkmal Goldegg sicherlich mehr zur Aufarbeitung dieser Geschichte beigetragen als mein Buch. Ich freue mich, dass die Gemeinde ihre rufschädigende Chronik aus dem Verkehr gezogen hat, was und wer auch immer die Gemeinde dazu bewogen haben mag, und mich freut vor allem, dass der zeitgeschichtliche Teil der Chronik überarbeitet wird. Nur die FPÖ hat gegen diesen Gemeinderatsbeschluss gestimmt. Ich muss also zur Kenntnis nehmen, dass Amtsträger einer österreichischen Regierungspartei gegen den Vollzug geltender Bundesgesetze votieren – alle österreichischen Deserteure der Wehrmacht sind ja seit 2009 durch ein Bundesgesetz rehabilitiert – und für die Aufrechterhaltung von Geschichtsfälschung durch einen Obersturmführer der Waffen-SS.
Ein Rätsel bleibt für mich, warum noch immer kein Gemeindevertreter ein Wort der Entschuldigung gegenüber den Nachfahren der Goldegger Opfer der NS-Justiz findet, denen 2009 die Republik in einem Bundes-gesetz ausdrücklich die Achtung ausgesprochen hat. Immerhin hat die Gemeindechronik ein Jahrzehnt lang den Ruf der Opfer geschädigt, für manche der Nachfahren ist das eine fortdauernde Kränkung. Goldegg-Weng kann ja stolz auf seine widerständigen Bürgerinnen und Bürger sein, sie haben einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass Österreich den Staatsvertrag bekam und wir in einem freien Land leben.

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Hanna Sukare, Schwederreiter. Ein Heimatroman.
Otto-Müller-Verlag, Salzburg 2018, 172 Seiten, 20,00 Euro
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[1] Imre Kertész: Galeerentagebuch, 1993

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Hanna Sukare (Bild: Milan Böhm)

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