»Wolfgang Pohrt hat mich ein Leben lang begleitet«

Die Edition Tiamat feiert im nächsten Jahr ihr 40-jähriges Bestehen, mit der Herausgabe einer Werkausgabe Wolfgang Pohrts in elf Bänden wurde kürzlich begonnen – der Verleger Klaus Bittermann im Gespräch mit Jakob Hayner.

Klaus Bittermann, die Edition Tiamat gibt es seit 1979. Wie kam es zur Verlagsgründung?

In den turbulenten siebziger Jahren habe ich immer wieder Flugschriften, Zeitungen und sonstige Papiere geschrieben und publiziert, zuallererst eine Schülerzeitung, die mir viele Schwierigkeiten einbrachte. Es ergab sich dann, dass sich Leute aus Hamburg, Hannover, Berlin und Nürnberg, wo ich damals wohnte, vernetzt hatten, wie man heute sagt. Wir haben dann auf einem Treffen unter anderem einen Verlag geplant. Die ersten kleinen gehefteten Broschurdrucke, die dabei entstanden sind, waren anarchistische Klassiker wie Johann Most und dünne rätetheoretische Schriften. Das erste größere Vorhaben war ein Reprint der ersten sieben Nummern der Schwarzen Protokolle, die damals eine Kritik der Parteienideologie geleistet hat und Artikel über Surrealismus veröffentlichte. So fing es an. Allerdings war der Zusammenhang von Leuten nicht von Dauer, so dass ich dann allein mit dem Verlag war. Ich führte den Verlag zunächst in Nürnberg weiter, wo ich ihn 1979 auch anmeldete. Ich gab zunächst kleinere surrealistische Schriften heraus von René Crevel, Le Grand Jeu, Benjamin Péret, später auch von André Breton und ein großartiges Pamphlet von Louis Aragon. 1981 bin ich mit dem Verlag nach Berlin-Kreuzberg gezogen, eines der ersten Bücher, das in den neuen Räumen entstand, war eine Sammlung der Schriften von Jacques Rigaut, ein Vergessener der Pariser Dadaistenbewegung. Das war auch eines der ersten Bücher, das etwas professioneller hergestellt wurde.

1983 lernte ich dann Wolfgang Pohrt kennen. Ich hatte Texte von Pohrt gelesen, von denen ich sehr begeistert war. Pohrt war publizistisch unglaublich rege, er schrieb für konkret, die Frankfurter Rundschau, den Spiegel, das Stadtmagazin Zitty, die Zeit, das verfolgte ich mit großen Interesse, auch die zwei Bände, die er bei Rotbuch veröffentlicht hatte. Pohrt hatte nicht nur einen radikalen politischen Ansatz, sondern er formulierte auch beneidenswert gut. Er verarbeitete auch viele andere Einflüsse, er orientierte sich nicht nur an Politik, sondern er war auch an Literatur interessiert. Seine Balzac-Studie ist eines meiner Lieblingsbücher von ihm. Pohrt war deshalb wichtig, weil er alle politischen Ideen, die damals aufkamen und sich anschickten, zum Mainstream zu werden, einer Kritik unterworfen hat. Und die Kritik war immer ziemlich vernichtend, sehr präzise und auch wirklich lustig. Das hat mich an ihm fasziniert. Ich wartete dann auf den dritten Band bei Rotbuch und als der nicht kam, fasste ich mir ein Herz und schrieb ihm, ob er bei mir etwas veröffentlichen würde. Er sagte sofort zu. Das war reiner Zufall, weil er sich kurz zuvor mit Rotbuch zerstritten hatte. Als ich Pohrt dann in Hannover besuchte, ergab sich noch viel mehr, denn ich lernte über Pohrt Eike Geisel, Henryk Broder und Christian Schultz-Gerstein kennen, die dann ebenfalls Autoren des Verlags wurden. 1984 erschienen gleich drei Bücher von Pohrt und das zeigt, wie ungeheuer produktiv er in dieser Zeit war. Seitdem ist Wolfgang Pohrt der Autor gewesen, der mich ein Leben lang begleitet hat.

Ab 1983 sind alle Schriften von Wolfgang Pohrt bei Tiamat erschienen?

Es gab eine Ausnahme, seine Studie über das Massenbewusstsein in der BRD, die im konkret Literaturverlag erschienen ist, alle anderen Bücher habe ich verlegt. Ab 1983 schickte er mir alle möglichen Manuskripte, Briefe, Rundfunkbeiträge, Vorträge. Ich habe das alles abgeheftet. Am Ende hatte ich vier Leitz-Ordner voll mit seinen Papieren. Für die jetzt erscheinende Werkausgabe ist das sehr gut. Aber ich habe bei weitem nicht alles von ihm, weshalb ich noch recherchiere, ob sich noch weitere Texte auftreiben lassen. Zum Beispiel aus Pohrts Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Lüneburg. Zu dieser Zeit sind verschiedene Texte entstanden, unter anderen die Schubladentexte aus dem ersten Rotbuch-Band. Auch in diesen Unipapieren gibt es Arbeiten, die ich toll finde, Texte aus Seminaren von Pohrt. Anfang der neunziger Jahre hatte Pohrt einmal eine Art Werkverzeichnis erstellt und mir geschickt, eine Auflistung von Texten mit Jahreszahl versehen, die entstanden sind, aber zum Teil nicht veröffentlicht wurden. Er hatte kurzfristig die Idee, daraus ein Buch zu machen, ließ das aber schnell wieder fallen, denn es hätte wohl an die 600 Seiten umfasst. Pohrt schickte aber nicht die Texte, sondern nur dieses Inhaltsverzeichnis. So weiß ich immerhin, dass es noch unveröffentlichte Texte gibt, wobei manche Texte möglicherweise dann unter anderem Titel erschienen sein könnten. Das aufzuklären, ist Gegenstand meiner Recherche.

Wie entstand die Idee zu einer Wolfgang-Pohrt-Werkausgabe?

Wolfgang Pohrt hatte vor ein paar Jahren einen kleinen Schlaganfall, von dem er sich nie wirklich erholt hat. Er hat sich dann zunehmend zurückgezogen. Seitdem, das war 2014, hatte ich diese Idee. Als ich mit ihm darüber sprach, hat er mir zwar grünes Licht gegeben, aber er hatte verständlicherweise andere Probleme, als an dieser Ausgabe mitzuarbeiten. Wir standen ja über viele Jahre und Jahrzehnte in unregelmäßigen Kontakt. Er wohnt in Stuttgart, ich in Berlin, deswegen trafen wir uns nicht so oft, wenn wir aber gerade ein Buch machten, telefonierten wir manchmal täglich. Ich fing also an, die Sachen, die ich in den Ordnern gesammelt hatte, zu sortieren. Pohrt ist die Person, die mich theoretisch am meisten geprägt hat. Ich habe mich, auch als Verleger, mit seinen Schriften intensiv auseinandergesetzt. Ein sicheres Indiz für die Qualität eines Textes besteht darin, ob man Texte auch nach dem ersten flüchtigen Leseeindruck, der täuschen kann, gut findet. Das war bei Pohrt immer so. Deshalb wollte ich diese Werkausgabe machen, auch weil ich Pohrt einfach viel verdanke. Außerdem: Wie jeder Mensch mal einen Baum gepflanzt haben sollte, sollte jeder Verleger auch mal eine Werkausgabe gemacht haben. (lacht)

Die Schauspielerin Sophie Rois, eine bekennende passionierte Pohrt-Leserin, sagte einmal sinngemäß, dass Pohrts Formulierungen so sehr zum Denken anregten, dass selbst, wenn er einmal in einem Urteil irren sollte, man dadurch klüger sei als bei Leuten, die solche Irrtümer vermeiden.

Durch Wolfgang Pohrt ist mir noch einmal sehr deutlich ins Bewusstsein getreten, dass alle Aussagen, die man über gesellschaftliche Zustände trifft, einen zeitlichen Kern haben. In dem Band »FAQ« hat Pohrt das reflektiert. Das, was er in »Das Jahr danach« über Rassismus und Antisemitismus geschrieben hatte, erschien nach über zehn Jahren, die vergangen waren, in einem anderen Licht. In Zeiten des von Gerhard Schröder ins Leben gerufenen »Aufstands der Anständigen« werden »Antisemiten und Rassisten bekämpft, weil man sie benötigt«, wie Pohrt schrieb. »Sie werden gebraucht, weil sie so was wie der Dreck sind, an welchem der Saubermann zeigen kann, dass er einer ist … Sie werden gebraucht, weil die Ächtung von Antisemitismus und Rassismus das moralische Korsett einer Clique sind, die sich sonst alles erlauben will, jede Abgreiferei, aber wie jeder Verein für ihren Bestand Verbote und Tabus benötigt.« Ein brillanter Gedanke, dem man die Plausibilität einfach nicht absprechen kann. Pohrt wollte da einfach nicht mit den Wölfen heulen, wie er es nannte. Er wollte nicht mit dem Mainstream übereinstimmen, weil daran ja auch immer etwas nicht stimmt. Pohrt machte sich in diesem Zusammenhang auch einmal über konkret lustig, als er meinte, die wären einmal auf einen Zug aufgesprungen, von dem sie dann nicht mehr heruntergekommen sind. Das ist das Problem, wenn man einmal eine Idee hat, die man dann zeitlebens zu Tode reitet. Das war Pohrt immer zuwider.

Ich würde sagen, dass es vier Phasen des Schaffens von Pohrt gibt.  Die erste Zeit an der Universität, als »Die Theorie des Gebrauchswerts« erschienen ist, einschließlich der Seminarpapiere, aber auch erste Flugschriften. Pohrt hatte zum Beispiel Ende der siebziger Jahre, kurz bevor die taz gegründet wurde, einen Aufruf für die Gründung einer neuen Zeitung geschrieben. Er dachte an illegale Strukturen: Wenn man das schreibt, was man schreiben wolle, müsse man den Redaktionssitz möglicherweise nach Zürich verlegen, er befürchtete Repressalien. Der zweite Abschnitt ist das freie Berufsleben als Kultur- und Ideologiekritiker in den achtziger Jahren. Das hat er bis 1989 gemacht, in der Zeit sind zahlreiche großartige Essays entstanden, die in vier Büchern erschienen sind. Aber die Ideologiekritik war natürlich auch eine obsolete Angelegenheit: »Die Leute sagen mir, was sie denken und ich sage ihnen, warum das falsch ist. Allerdings tritt man in der BRD in eine Phase ein, in der es kein falsches Bewusstsein, sondern die Absenz jeden Bewusstseins überhaupt gibt, und das macht den Job eines Ideologiekritikers natürlich schwierig«, wie er einmal sagte. Kulturkritik war für ihn passé, als die Republikaner in den Berliner Senat einzogen. An diesem Punkt hatte er keine Lust mehr, den Kulturbetrieb weiterhin mit lustigen, kleinen Artikeln zu bereichern. In der dritten Phase arbeitete er als Soziologe, von der Studie zum Massenbewusstsein in der BRD bis »Brothers in Crime« 1996. Pohrt war dann reichlich desillusioniert, auch nach dem konkret-Kongress, in den er noch Hoffnungen gesetzt hatte. Der Tod seiner Frau hat ihn ebenfalls sehr mitgenommen. 2003 ist Pohrt dann wieder öffentlich in Erscheinung getreten, er war nach Berlin eingeladen worden, zu einer Veranstaltung im Tempodrom mit Henryk Broder, organisiert von Antideutschen. Ich war sehr verwundert, dass er zugesagt hatte. Er war ja eine Art Säulenheiliger der Antideutschen, die er bei dieser Gelegenheit erstmal kräftig vor den Kopf stieß, er hatte offenbar das Gefühl, vereinnahmt zu werden, und das wollte er nicht. Das machte er aber bei Vorträgen grundsätzlich so. Die letzte Phase begann dann mit »FAQ«, in dem der Tempodrom-Auftritt dokumentiert ist, bis zu »Kapitalismus forever« und »Das allerletzte Gefecht«, verbunden mit Auftritten in Berlin in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und der Schankwirtschaft Laidak. Sein letzter öffentlicher Auftritt fand in Wien statt. Bei dieser Gelegenheit ist der Text »Schöne neue Welt« entstanden, der neu im zehnten Band der Werkausgabe enthalten ist. Der letzte Text von ihm ist eine autobiographische Skizze, auch erstmals in der Werkausgabe veröffentlicht. Da beschreibt er, wie die zufällige Lektüre von Horkheimers und Adornos »Dialektik der Aufklärung« ihn vor einem Studienabbruch bewahrt hat.

Das Design der Pohrt-Werkausgabe, dunkles Blau mit hellblauen Elementen, erinnert ja an eine andere berühmte Werkausgabe, ebenfalls blaue Bände. Wie kam es dazu?

Das war eher eine spontane Idee. Die vorigen Vorschläge überzeugten mich nicht. Ich überlegte, woran man sich anlehnen könnte. Dann war das Marx-Jahr – und Wolfgang Pohrt ist am selben Tag geboren wie Marx! Der eine wurde 200 Jahre, der andere 73 Jahre. Neben Adorno und Hannah Arendt ist Marx der Autor, der besonders prägend für ihn gewesen ist.

 

Die Werkausgabe von Wolfgang Pohrt in elf Bänden erscheint in der Edition Tiamat. Über den Verlag kann man die Ausgabe subskribieren.
https://edition-tiamat.de

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Verleger Klaus Bittermann (Bild: Edition Tiamat)

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