Heidegger und der »Welt-Imperialismus«

Warum ein Antisemit nicht unbedingt Rassist ist.

Lange bevor die Schwarzen Hefte publiziert wurden, konnte Georges-Arthur Goldschmidt an Heideggers Sprache erkennen, dass hier die Vernichtung des jüdischen Volks »artikuliert und vorbereitet« werde – »natürlich nicht«, indem der Philosoph sie »anpreist oder propagiert, sondern weil sein ganzes Denken seit Sein und Zeit dazu hinführt«.[1] Die mittlerweile veröffentlichten Überlegungen jener Schwarzen Hefte geben nun vollends das Unwesen von Heideggers Antisemitismus zu erkennen: Die Frage nach der Rolle des »Weltjudentums« sei, so heißt es hier, »keine rassische, sondern die metaphysische Frage nach der Art von Menschentümlichkeit, die schlechthin ungebunden die Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein als weltgeschichtliche ‚Aufgabe‘ übernehmen kann«.[2] Heidegger war eben kein Rassist, jedenfalls nicht im üblichen Sinn, und dadurch konnte er die pathische Projektion des Antisemitismus in reinster Gestalt ausprägen – reiner als Rosenberg oder Hitler, bei deren Auffassungen noch der quasi naturwissenschaftlich argumentierende Biologismus der Rassenlehren des 19. Jahrhunderts hineinwirkte. Gegen ihn gerade polemisiert Heidegger: »Alles Rassedenken« sei »neuzeitlich« und bewege sich in der »Bahn der Auffassung des Menschen als Subjektum«. Die Rasse wäre zwar durchaus eine notwendige Bedingung des »geschichtlichen Daseins«, der »Geworfenheit«, im »Rassedenken« werde sie jedoch zu einzigen und hinreichenden verfälscht, »zum Unbedingten aufgesteigert«. Er führt das – als wäre er bereits ein Poststrukturalist – auf die Leib-Seele-Geist-Anthopologie zurück: Im »Rassedenken« werde »der Subjektivismus der Neuzeit durch Einbeziehung der Leiblichkeit in das Subjektum … vollendet«.

Und eben dafür macht Heidegger schließlich die Juden selbst verantwortlich: »Die Juden ‚leben‘ bei ihrer betont rechnerischen Begabung am längsten schon nach dem Rasseprinzip«, weshalb sie sich auch am heftigsten gegen dessen »uneingeschränkte Anwendung zur Wehr setzen«. Heidegger braucht das Argument, das eine Begabung als angeboren unterstellt, aber er setzt das Verb »leben« unter Anführungszeichen, um zu signalisieren, dass sie gar nicht leben, sondern nur rechnen, und durch eben diese »Machenschaft« betrieben sie die »vollständige Entrassung der Völker«. So konstruiert Heidegger die »Gegenrasse«, von der bereits Rosenberg sprach. Sie ist sein »Entwurf«, mit dem er über die »Geworfenheit« der Rasse hinausgehen möchte.

Was Heidegger als metaphysische Frage formulierte und seinsgeschichtlich beantwortete, ist also die Weltverschwörung: »die eigentümliche Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum«.[3] Deren »Menschentümlichkeit« verkörpert im vollendeten Wahn des Existentialontologen die abstrakte Seite des Kapitalverhältnisses, das im Weltmarkt total geworden ist; »Rechenhaftigkeit« und »Weltlosigkeit« des Judentums sind die ontologischen Hirngespinste für den von persönlicher Abhängigkeit losgelösten Rechtsstaat und der »verrückten« Formen
des Finanzkapitals.

Genau in dieser Hinsicht erweist sich Heideggers Antisemitismus als der zukunftsweisende, wie nicht zuletzt die Debatte um die Publikation der Schwarzen Hefte zeigen konnte. Für das Heidegger-Feuilleton ist – ganz wie für die antirassistische Ideologie der Linken – die Gleichsetzung von Rassismus und Antisemitismus zum zentralen Dogma geworden: Antisemitismus ist hier überhaupt nur als ein Rassismus wie jeder andere definiert; da Heideggers Denken aber vom Rassismus sich abstieß, seine Vorstellungen von Volk und Gemeinschaft vielmehr seinsgeschichtlich begründete, könne er auch kein Antisemit gewesen sein – oder wie Peter Trawny argumentiert: er habe vielmehr einen »seinsgeschichtlichen Antisemitismus« entworfen und es führten eben nicht alle Wege des Antisemitismus nach Auschwitz. Heidegger war nach solchem Verständnis sowenig ein Vertreter des Vernichtungsantisemitismus, wie es heute der ist, der Israel kritisiert und behauptet: man wolle ja nicht die Juden verfolgen, sondern nur die Souveränität ihres Staates, ihres »künstlichen Gebildes«, in dem sich nunmehr ihre alles verschlingende »Rechenhaftigkeit« und »Weltlosigkeit«, die »Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein« niederschlägt.

Das »Sichbreitmachen einer sonst leeren Rationalität und Rechenhaftigkeit«, für das »die Metaphysik des Abendlandes, zumal in ihrer neuzeitlichen Entfaltung, die Ansatzstelle bot«, zwinge zur »höchsten Entscheidung«, zu der »zwischen dem Vorrang des Seienden und der Gründung der Wahrheit des Seyns«. Diese Entscheidung fällt in Heideggers Denken dem Nationalsozialismus zu. Der Vorrang des Seienden ist die »unbedingte Subjektivität« als Macht, und bis die höchste Entscheidung reif geworden ist, gehorche alles dieser »losgebundenen Machenschaft des Seienden«, der »totale Krieg« zwinge die Politik, je realer sie bereits sei, umso unausweichlicher in die Form einer bloßen »Vollstreckerschaft der Forderungen und Bedrängnisse des seinsverlassenen Seienden«, das sich einzig nur durch Abrichtung und Einrichtung »auf unbedingte Planbarkeit rechenhaft die Vormacht der ständigen Übermachtung der reinen Machtentfaltung« sichert. Darin werden alle zu Knechten des Seins, »zu Sklaven der Geschichte des Seyns«. So wird kraft der Seinsverlassenheit des Seienden die »Seiendheit als Machenschaft unbedingt«, lässt daher auch keine Bedingung zu, durch die noch etwas eingeschränkt oder auf bestimmte Ziele angesetzt werden könnte. Was Heidegger als Inbegriff der deutschen Ideologie vollführt, was sein Denken zuinnerst antreibt, ist die Intention, den Nationalsozialismus zu bejahen zugleich und zu verneinen, darin entspricht seine Philosophie genau dem Denken des einfachsten Volksgenossen, der Juden tötet und töten lässt und zugleich über die Nazis nörgelt und vielleicht sogar über Hitler Witze macht. Dieses Kunststück gelingt Heidegger dadurch, dass er ständig vom Wagnis einer »Entscheidung zwischen der Vormacht des Seienden und der Herrschaft des Seyns« redet, die es aber, folgt man seinen Beteuerungen, gar nicht geben kann, da doch letztlich die Herrschaft des Seyns, wie verborgen und vergessen auch immer, ja gerade dadurch, die Vormacht des Seienden begründet. Das Sein dulde keine Beherrschung, es ist »unbezüglich – weil Er-eignung in den Abgrund«.

Mit solcher »Er-eignung in den Abgrund« hat sich Heidegger die doppelte Perspektive verschafft, die Realität des Nationalsozialismus wie ein Herr, der über den Dingen des Seienden steht, scharf zu kritisieren und sie zugleich, als Knecht des Seins, bedingungslos zu bejahen. Weil er in seinem Seinsbegriff das Subjekt-Objekt-Verhältnis zerstört hat, kann er die reale Zerstörung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses in einer Gesellschaft, die auf die Vernichtung zusteuert, die falschen Illusionen, die damit einhergehen und doch noch immer vom Subjekt sprechen, am deutlichsten demaskieren, deutlicher noch als Carl Schmitt oder Ernst Jünger. Die Freude darüber beschwingt ihn förmlich, wenn er seine Schwarzen Hefte wie besessen vollschmiert. Er schwärmt davon, dass jetzt die Verschreibung an die Macht keine Grenzen mehr kenne, deliriert von der »unbedingten Machsamkeit« und der »machinalen Oekonomie« und der »riesenhaften Machtmaschine«, worin sich im totalen Krieg die Macht enthülle in ihrer »unbedingten Ermächtigung als die reine, ihrer selbst nicht mächtige und sich niemals kennende Seinsvergessenheit des Seienden. Diese Seinsverlassenheit aber ist nur die leere Stelle in der Geschichte des Seins, der Augenblick, in dem das nichtige, wahrheitslose Nichts als das Alles und das Höchste erscheint. Dieser seynsgeschichtliche Vorgang der unbedingten Ermächtigung der Machsamkeit zum Sein des seinsverlassenen Seienden wird vergeblich durch die törichten Entrüstungen der Moralprediger und Christen aufzuhalten versucht; denn Moral und Christentum selbst, nicht erst ihre sehr nachhängenden Anhänger, sind in diesen Vorgang schon eingeschmolzen.« Die »Verzwingung in die Besinnungslosigkeit« werde eben »nicht gemacht von einzelnen Machthabern und Händlern, sondern diese selbst sind kraft ihres Wesens die zuerst Verzwungenen, denen keine Freiheit bleibt. Daher sind auch alle ‚moralischen‘ ‚Diffamierungen‘ ein kindisches … Gebahren und demzufolge selbst nur als ein ‚Kriegsmittel‘ brauchbar.« Daraus folgt auch eine Absage an einen bloß moralischen Antisemitismus. Mit den einzelnen Machthabern und Händlern, also dem Weltjudentum als »planetarischem Verbrechertum«, dem es, in Erfüllung seines Auftrags aufs Neue gelinge, wie Hitler sich ausdrückte, die Völker in einen Weltkrieg zu stürzen, wäre darum ihrem eigenen Wesen gemäß zu verfahren und nicht nach irgendwelchen moralischen Gesichtspunkten. Das aber gilt zuletzt aber für die gesamte Menschheit. Heidegger genießt es, »daß für den Menschen jetzt auf der Erde überhaupt kein Ausweg mehr bleibt, d. h. die Selbstgewißheit des Subjektums hat sich jetzt unbedingt in ihrem eigensten Unwesen gefangen und eingeschlossen, die Rück-beziehung im Sinne der absoluten Reflexion ist endgültig geworden.« Es bleibt allein ein Weg, den der Philosoph als »Welt-Imperialismus« anpreist, in ihm vollziehe sich die »höchste Vollendung« der Subjektivität wie der Technik: »Deren letzter Akt wird sein, daß sich die Erde selbst in die Luft sprengt und das jetzige Menschentum verschwindet. Was kein Unglück ist, sondern die erste Reinigung des Seins von seiner tiefsten Verunstaltung durch die Vormacht des Seienden.« Diese Bemerkung stammt wohl aus dem Jahr 1941. Die Notiz hingegen, worin Heidegger schreibt, dass durch eine planetarisch eingerichtete und fortgesetzt gesteigerte Furcht vor Kriegen, Verlusten, Machteinbußen und wirtschaftlichen Niederlagen (durch die Furcht vor dem Seienden) »die Angst um das Seyn niedergehalten und umgefälscht« werde, muss vor dem 1. September 1939 geschrieben worden sein: Sie bringt Heideggers Angst zum Ausdruck, dass der Vernichtungskrieg doch noch ausbleiben könnte: Das ist die einzige Verzweiflung, zu der dieser Philosoph fähig ist: »Warum aber versagt das Seyn an dieser äußersten Grenze …? Warum läßt es das Seiende von einer Ausflucht in die andere rasen? Ist dies die Verweigerung des Untergangs gegenüber dem Menschen und damit die tiefste Erniedrigung des Menschen in die Befriedigung seiner gröbsten Bedürfnisse?«

So erklärt sich, warum Heidegger wollte, dass die Schwarzen Hefte am Ende seiner Gesamtausgabe erscheinen: Sie waren als Krönung gedacht und als Weisheit letzter Schluss. Er spricht darin emphatisch bejahend aus, was es in letzter Konsequenz bedeutet, in der Befriedigung der »gröbsten Bedürfnisse« eine »Erniedrigung« zu sehen: Reinigung des Seins als bedingungslose Vernichtung. Dem genau entgegengesetzt könnte wahre kommunistische Kritik nur heißen: »Befreiung des Geistes vom Primat der materiellen Bedürfnisse im Stand ihrer Erfüllung« (Adorno).

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Im aktuellen Heft der Zeitschrift sans phrase erscheint in diesen Tagen ein neuer, bisher nur auf Französisch publizierter Artikel von Georges-Arthur Goldschmidt über Heideggers Schwarze Hefte, sowie ein Essay von Markus Bitterolf zum selben Thema.

[1] Georges-Arthur Goldschmidt: Ein Leben, ein Werk im Zeichen des Nationalsozialismus. In: Die Heidegger Kontroverse. Hrsg. v. Jürg Altwegg. Frankfurt am Main 1988. S. 113; wiederabgedruckt in: sans phrase 6/2015.
[2] Dieses und alle folgenden Zitate aus Martin Heidegger: Überlegungen XII-XV (Schwarze Hefte 1939-1941). Gesamtausgabe. Bd. 96. Hrsg. v. Peter Trawny. Frankfurt am Main 2014, sowie Ders.: Überlegungen II-VI. (Schwarze Hefte 1939-1941). Gesamtausgabe. Bd. 94. Hrsg. v. Peter Trawny. Frankfurt am Main 2014.
[3] Martin Heidegger: Geschichte des Seyns; zit. n. Peter Trawny: Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Frankfurt am Main 2015, S. 53. Dieser Satz ist bei der Publikation des Textes im Rahmen der Gesamtausgabe (Bd. 69, 1998) einfach gestrichen worden.